1. Einleitung
Das Rolandslied gilt als das älteste, französische Heldenepos und wurde um ca. 1100 von einem anonymen Autor verfasst. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts (die Datierung ist stark umstritten 1 ) wurde das Rolandslied durch den Pfaffen Konrad aus dem Französischen ins Lateinische und anschließend ins Deutsche übersetzt. Dieser nennt sich selbst im Epilog „ich haize der phaffe Chunrat“(V. 9079) 2 und man geht davon aus, dass es sich hierbei um einen Kleriker handelt. Genaueres ist uns zum Leben des Pfaffen Konrad nicht bekannt. 3
In der Heidelberger Handschrift (P) 4 ist das Rolandslied weitgehend vollständig auf 123 Pergamentblättern erhalten (nur ein Doppelblatt, auf dem sich ca. 150 Verse befunden haben fehlt). 39 Federzeichnungen, welche in den Text integriert sind, verschönern die Handschrift. 5
In der Forschungsliteratur gibt es vergleichsweise nur wenige Untersuchungen, die sich mit dem Verhältnis von Text und Bild im Rolandslied beschäftigen. Jedoch gerade die außerordentlich gut erhaltene Heidelberger Handschrift bietet Wissenschaftlern und Forschern vielseitige Möglichkeiten, darzulegen, wie der Illustrator und der Dichter auf unterschiedliche Weise das Rolandsthema wiedergeben. Ein wichtiger, interessanter Aspekt hierbei ist die Aussage der Zeichnungen in direktem Bezug zum dichterischen Text. 6 Ziel dieser Seminararbeit ist es, auf ausgewählte Zeichnungen näher einzugehen und diese auf den Kontext des Rolandsliedes zu beziehen.
1 Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Mhd. / Nhd. Hrsg. von Dieter Kartschoke. Stuttgart 1993. S. 790 -791. Sowie: Monika Lengelsen: Bild und Wort. Die Federzeichnungen und ihr Verhältnis zum Text in der Handschrift P des deutschen Rolandsliedes. Dortmund. 1972. S. 3.
2 Diese und alle anderen Zitate aus dem Rolandslied befinden sich in folgender Ausgabe: Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Mhd. / Nhd. Hrsg. von Dieter Kartschoke. Stuttgart 1993.
3 Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. S. 789 - 791.
4 Ausserdem sind noch folgende Fragmente überliefert: das Straßburger Bruchstück A, das Schweringer Bruchstück S, das Arnstadt - Sondershauser Bruchstück T, das Erfurter Bruchstück E, das Marburger Fragment M; das Kauselersche Fragment W ist verschollen.
5 Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. S. 616.
6 Monika Lengelsen: Bild und Wort. S. 1 - 2.
2
2. Ikonografie
2. 1. Mittelalterliche Federzeichnungen
Vor der Erfindung des Buchdruckes war die Herstellung von Codices langwierig und kostspielig. Mönche kopierten in den Klöstern hauptsächlich liturgische Werke, die zum Teil aufwendig verziert und geschmückt wurden: Kunstvolle Einbände, auffällig gearbeitete Initialen, Federzeichnungen, oder sogar Deckfarbenmalerei machten Codices zu einmaligen Kunstwerken. 7 Ab dem 12. Jahrhundert werden nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Themenkomplexe in volkssprachlichen Handschriften be-handelt. Auch die Tradition der Heiligenlegenden wurde durch die „Chansons de gestes“ 8 fortgesetzt, und von nun an nicht mehr in Latein, sondern in der Volkssprache verfasst, um einen breiteren Zuhörerkreis, außerhalb der Klöster zu erreichen. Hierzu zählt auch die französische Vorlage des Rolandsliedes. 9 Federzeichnungen wurden im Mittelalter in erster Linie zur Illustration von Handschriften verwendet, welche nicht in Gottesdiensten verwendet wurden, wohingegen Deckfarbenmalerei Bibeln und liturgischen Handschriften vorbehalten war. Zu den ersten, mit Federzeichnungen illustrierten Handschriften zählt das Rolandslied. 10 Die Illustrationen wurden in gleicher Weise wie der Text ausgeführt, nämlich mit brauner Tinte und scheinen auf den ersten Blick ohne Umrahmung direkt in den Text eingefügt worden zu sein. Betrachtet man die Federzeichnungen des Rolandslieds allerdings genauer, kann man feststellen, dass in der Heidelberger Handschrift P keine unausgegrenzten Textillustrationen vorliegen, da die Seitenfiguren in einem Großteil der Darstellungen durch eine senkrechte Linie abgeschnitten werden. Daraus schließt man, dass der Illustrator des Rolandsliedes Vorlagen für die Federzeichnun-
7 MonikaLengelsen: Bild und Wort. S. 16 - 17.
8 Karl Langosch u.a. Geschichte der Textüberlieferung der antiken und mittelalterlichen Literatur. Bd. 2. Zürich. 1964. S. 190.
9 Monika Lengelsen: Bild und Wort. S. 16 - 17.
10 Hella Voss. Studien zur illustrierten Millstädter Genesis. Münchener Texte und Untersuchungen zur Deutschen Literatur des Mittelalters. Bd.4. München. 1962. S. 86.
3
gen gehabt haben muss, welche gerahmt, bzw. mit Rändern ausgestattet waren. Diese hat der Illustrator in Handschrift P allerdings nicht ausgeführt. Aus dieser nur unvollständigen Ausführung der Illustrationen in Handschrift P kann man folgern, dass dieser Handschrift ein geringerer Wert zugeschrieben wurde als ihrer Vorlage, nach welcher die Bilder gearbeitet wurden und die heute nicht mehr vorliegt. 11
2. 2. Aufbau und Komposition der Handschrift
Der Aufbau und die Komposition der Handschrift P des Rolandsliedes sind wichtige Aspekte für die Untersuchung der Federzeichnungen, da sich aus der Schrift- und Mundart vermuten lässt, dass die Handschrift P zum Ende des 12. Jahrhunderts in Bayern angefertigt wurde. 12 Sie besteht aus 123 Pergamentblättern von unterschiedlicher Beschaffenheit (Qualität, Stärke und Färbung), welche zum Teil starke Beschädigungen aufweisen 13 und mit 39 Federzeichnungen verziert sind.
Der Fließtext bündelt sich in 331 unterschiedlich langen Abschnitten, wovon den Beginn eines jeden Abschnittes eine rote kleine Initiale ziert, welche meist mittig in der Textzeile platziert ist. Forscher vermuten, dass Text und Federzeichnungen von zwei unterschiedlichen Personen ausgefertigt wurden. 14 Diese Mutmaßung rührt aus der Beobachtung, dass die für den Text verwendete Tinte zu Tintenfraß am Pergament führte, wohingegen die bei den Illustrationen verwendete Tinte keinerlei Beschädigungen verursachte. 15 Die Forschung kommt hier zu dem Schluss, dass die Zeichnungen erst nach Fertigstellung des Textes ausgeführt wurden.
11 Monika Lengelsen: Bild und Wort. S. 16 - 17.
12 Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Hrsg. v. Carl Wesle. S. 38.
13 Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Einführung zum Faksimile des Codex Palatinus Germanicus 112 der Universitätsbibliothek Heidelberg von Wilfried Werner und Heinz Zirnbauer. Hrsg. v. Siegfried Joost und Walter Koschorrek. Bd. 1. Wiesbaden. 1970. S. 13.
14 Rita Lejeune und Jaques Stiennon. La legende de Roland dans l’arte du moyen âge. Brüssel. 1966. S. 135.
15 Wilfried Werner u. H. Z. S. 84.
4
Ginge man davon aus, dass Schreiber und Illustrator ein und dieselbe Person gewesen wären, wären vermutlich Bild und Wort gemeinsam Abschnitt für Abschnitt nach der Vorlage hergestellt worden. Zudem fällt auf, dass die Zeichnungen im Text in Zwischenräume eingefügt wurden, welche extra freigelassen wurden und sehr knapp bemessen waren. Viele Personen konnten nicht vollständig ausgeführt werden, sondern stoßen bereits in Kniehöhe an die folgende Textzeile. Hieraus folgern Forscher, dass der Textverfasser gegenüber dem Illustrator zuviel Raum beanspruchte als dieser eine bereits illustrierte Handschrift kopierte. Interessant ist hier die Annahme, dass die Vorlage der Handschrift P bereits Federzeichnungen aufwies, da das Fragment S an den gleichen Stellen Freiräume besitzt und von Handschrift A Kopien erhalten sind, welche Federzeichnungen beinhalten, die inhaltlich denen der Handschrift P entsprechen, allerdings gehen beide Handschriften nicht auf P zurück. 16 Leider kann man anhand der Federzeichnungen nicht rekonstruieren, ob es sich bei der Vorlage für die Heidelberger Handschrift P tatsächlich um den Archetypus X des Ro-landslieds gehandelt hat.
Die Federzeichnungen der Handschrift P verteilen sich eher unregelmäßig über den Text und differenzieren in ihrer Anordnung zum illustrierten Abschnitt: 11 der Federzeichnungen befinden sich im Anschluss an den Fließtext, welchen sie verbildlichen, 9 Zeichnungen stehen vor dem Bezugstext und 19 der Federzeichnungen sind in die zugehörigen Abschnitte eingegliedert. Hiermit ist für die Mehrzahl der Illustrationen ein direkter inhaltlicher Bezug zwischen Wort und Bild gegeben. Die Anordnung der Federzeichnungen, nämlich 7 unter dem Text und 16 über dem Text, bzw. unter den ersten paar Zeilen, die übrigen in den Text eingegliedert, wurde
16 Wilfried Werner u. H. Z. S. 38.
5
von Schreiber und Zeichner vermutlich aufgrund der günstigsten Platzausnutzung gewählt. 17
2.3. Bildanalyse
2.3.1. Abbildung Nr. 5
2.3.1.1. Dargestellter Inhalt
Die Illustration Nr. 5 befindet sich eingegliedert zwischen die Verse 882 und 883 am unteren Ende der Pergamentseite und misst 21 x 15 cm
19
. Sie ist das erste Kampfbild und deutet unmittelbar auf die bevorstehenden Kämpfe zwischen Christentum und Heidentum hin. In der linken Bildhälfte befinden sich acht Männer, die so eng beisammen stehen, dass man nur die Gesichter der vorderen drei ausmachen kann. Die übrigen Fünf halten sich im Hintergrund und von ihnen ist nur die obere Hälfte des Kopfes erkennbar. Bekleidet sind die Krieger mit schlichten Oberhemden und breiten Gürteln um die Hüften. Sie tragen allesamt Helme (teilweise mit Nasen-
17 MonikaLengelsen: Bild und Wort. S. 18 - 20.
18 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg112/0024
19 http://heidicon.ub.uni-
heidelberg.de/?easydb=qlbh4i4fo7hooe2qi1vim35221&pf_language=&grid=EZDB-BildSuche
6
Arbeit zitieren:
Lorena Allwein, 2008, Zur Ikonographie des Rolandslieds, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik: Zur Ikonographie des Rolandslieds ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik: neuer Titel erschienen: Zur Ikonographie des Rolandslieds
Lorena Allwein hat einen neuen Text hochgeladen
Lexikon der christlichen Ikonographie. Sonderausgabe
Bd. 1 - 4: Allgemeine Ikonogra...
Günter Bandmann, Wolfgang Braunfels, Johannes Kollwitz, Engelbert Kirschbaum
Handbuch der politischen Ikonographie. 2 Bände
Bd.1: Von Abdankung bis Huldig...
Martin Warnke, Uwe Fleckner, Hendrik Ziegler
Einführung in die Ikonographie
Wege zur Deutung von Bildinhal...
Frank Büttner, Andrea Gottdang
0 Kommentare