Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 2
II. Der Begriff der Identität
III. Besonderheiten der russischen Bevölkerungsstruktur
IV. Die Säulen der sowjetrussischen Identität 4
IV.1. Voraussetzungen 4
IV.2. Eine starke Führungsfigur als einigender Faktor 4
IV.3. Die sozialistische Ideologie als Normativ 7
IV.4. Weltmachtgeltung - Stolz als Bindeglied 8
IV.5. Das Russische als Nationalsprache
V. Gesellschaftliche Transformation und Identitätsverlust 9
V.1. Politische und ökonomische Krise zu Beginn des Transformationsprozesses 9
V.2. Identitätsverlust 10
VI. Die neue russische Identität " Kontinuität und Wandel 13
VI.1. Beginn eines neuen Selbstverständnisses
VI.1.1. Historische Rückbesinnung
VI.1.2. Die Renaissance der russisch3orthodoxen Kirche
VI.1.3. Außenpolitik als Quelle nationaler Geschlossenheit
VI.1.4. Wladimir Putin: ein neuer starker Mann an der Staatsspitze
VII. Zusammenfassung
I. Einleitung
Die Identität ist eine höchst interessantes Begriffskonstrukt des Menschen. Die Fragen „Wer bin ich?“, „Wo komme ich her?“ und „Welchen Werten fühle ich mich verpflichtet?“ stellen sich nicht nur Individuen, sondern ebenso Unternehmen, Bildungseinrichtungen oder Religionsgemeinschaften. Gar ganze Gesellschaften suchen nach einer Selbstverortung dieser Art.
Wenn sich eine größere Gruppe von Menschen auf eine gemeinsame Identität besinnen will, sucht sie nach Gemeinsamkeiten. Nach Parallelen in der Geschichte, der Sprache, dem Aussehen, in Bezug auf Wertvorstellungen und Attitüden oder auch nach gemeinsamen Zukunftsvisionen.
Einer Gesellschaft wie der russischen, auf die der Fokus in der vorliegenden Arbeit gerichtet ist, fällt eine solche Einigung schwerer als anderen europäischen Nationen. Die hochgradige Heterogenität, die auch nach dem Zerfall der Sowjetunion ein Hauptcharakteristikum des russischen Gesellschaftskörpers ist, engt den Raum der verfügbaren Gemeinsamkeiten ein.
Eine kollektive Identität ist das Grundgerüst für ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Ohne eine solche Basis kann keine Gesellschaft langfristig überleben. Die russische Nation existiert schon seit einigen Jahrhunderten, so dass zumindest bis zur sowjetischen Zeit eine solche Kollektividentität vorhanden gewesen sein muss.
Auf welche Faktoren sich diese „alte“ russische Identität stützte, welche Konsequenzen das Ende der Sowjetunion auf dieses Identitätsmodell hatte und welche Veränderungen bezüglich des gesellschaftlichen Selbstverständnisses mit der Transformation seit 1991 eingetreten sind, soll Gegen-stand der vorliegenden Arbeit sein.
Dafür wird zunächst definiert, um welches Verständnis von Identität es im Rahmen dieser Arbeit überhaupt geht. Von immenser Wichtigkeit wird außerdem die darauf folgende Betrachtung der russischen Gesellschaftsstruktur sein.
Im vierten Abschnitt sollen einige Aspekte der Ausgangslage jenes Transformationsprozesses beleuchtet werden, der das Land zu Beginn der Neunziger Jahre erschütterte. Welche Faktoren stützten die kollektive russische Identität während der Jahrzehnte der Sowjetherrschaft? Welche dieser einigenden Faktoren waren mit dem Ende des Systems als gesellschaftliche Bindeglieder nicht mehr verfügbar und welche überlebten den Systemwechsel?
Schlussendlich widmet sich die Arbeit der Frage, welche Spuren der gesellschaftliche Transformationsprozess in der russischen „Seele“ hinterlassen hat. Welche Kontinuitäten und welche Verände- rungen gibt es im neuen russischen Identitätsverständnis?
Das wissenschaftliche Fundament dieser Arbeit liegt primär auf Monographien und Zeitschriftenartikeln, die eine Analyse der postsowjetischen Gesellschaftsentwicklung vornehmen. Es gehört zu den Standardproblemen der Zeitgeschichte, dass zeitnahe Betrachtungen noch stärker von subjektiven Standpunkten beeinflusst sind als andere historische Forschungen. Es muss gleichermaßen in Betracht gezogen werden, dass statistische Daten aus der Zeit von 1991 bis etwa 1998 eher tendenzielle Trends als genaue verlässliche mathematische Abbildungen der Realität darstellen.
Am Ende dieser Arbeit soll anhand exemplarischer Faktoren ein Überblick über die tiefgreifenden Veränderungen entstanden sein, die Russland seit dem Ende der Sowjetunion erfasst haben. Eine Hoffnung in diesem Zusammenhang ist ebenso, dass durch eine bessere Kenntnis der neueren russischen Gesellschaftshistorie die Basis für ein tieferes Verständnis für aktuelle Entwicklungen geschaffen werden kann.
II. Identität als Begriff
Der Begriff Identität wird im deutschen Sprachgebrauch oft bemüht. Häufig spielt Identität in öffentlichen Debatten oder Berichterstattungen politischer, sozialer oder kultureller Natur eine Rolle. Umso überraschender ist es, dass es im Deutschen für den Begriff der Identität keine allgemeingültige Definition existiert. Das Universalwörterbuch des Dudens beschränkt sich auf folgende Begriffsbeschreibung:
„Iden|ti|tät, die, - [spätlat. identitas, zu lat. idem = derselbe]: 1. a) Echtheit einer Person od. Sache; völlige Übereinstimmung mit dem, was sie ist od. als was sie bezeichnet wird: jmds. I. feststellen, klären, bestreiten, bestätigen; seine I. hinter einem Pseudonym verbergen; für jmds. I. bürgen, […] 2.) völlige Übereinstimmung mit jmdm., etw. in Bezug auf etw.; Gleichheit [...]“ 1
Identität wird an dieser Stelle also zunächst beschränkt auf das zugehörige Nomen zu „identisch sein mit“. Auch der zweite Punkt, der „sich identifizieren mit“ als Grundlage seiner Begriffsbestimmung wählt, bringt kaum Licht in das Dunkel des Definitionssuchenden. Ein entscheidender Aspekt, der die Schwierigkeit der hinreichenden Beschreibung des Begriffs Identität schwierig macht, ist die große Anzahl an Bezugsfeldern, in denen Identität eine Rolle spielt.
So geben die Mathematik, die Juristerei, die Pädagogik, die Psychologie und auch die Politik der Identität einen jeweils ganz eigenen Sinnzusammenhang.
Da es im Rahmen dieser Arbeit um die Identität einer ganzen Nation gehen soll, gilt es also passende Konzepte für diesen Kontext zu bemühen.
1 Duden: Deutsches Universalwörterbuch, S. 439.
Eine Definition von Identität aus der Psychologie beschreibt die Identität als ein Zusammenspiel aus (einem nach innen gerichtetem) Dazugehörigkeitsgefühl und einer (nach außen gerichteten) Abgrenzung gegenüber anderen 2 . Brunner und Zeltner, zwei namenhafte Psychologen, nähern sich dem Begriff der Identität folgendermaßen: „Identität wird als Wahrnehmung der relativen Einheitlichkeit der Einstellungen, Gefühle und des Verhaltens trotz wechselnder Umweltbedingungen und des Fortschreitens der Zeit beschrieben.“ 3
Beide Konzepte sollen die Basis der Analyse der Identitätstransformation von der sowjetrussischen zur russischen Föderation ab 1991 sein.
Quante stellt die Identität als eine Selbstzuschreibung in den Fokus seiner Definition. Identität sei etwas, was eine Nation sich zuschreibe, um sich damit von einer anderen Nation abzugrenzen und im selben Zug ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Im Bezug auf die russische Nation bedeutet das die Frage nach Werten, geographischen Gegebenheiten, Sprache und politischem Verständnis, die ein solches Abgrenzen von anderen Nationen möglich machen. Brunner und Zeltner ergänzen im Rahmen dieser Arbeit den Aspekt der zeitlichen Kontinuität des „Konstrukts“ Identität. Mit wechselnden Umweltbedingungen ist im Falle Russlands nicht weniger gemeint, als der Zusammenbruch eines Imperiums. Dieses Imperium bestand über siebzig Jahre und durchlief ab 1991 eine grundlegende politische, strukturelle, wirtschaftliche, kulturelle sowie soziale Transformation.
Diese Bedingungen kreieren einen äußerst kargen Boden für ein konstantes russisches Identitätsverständnis. Ob eben dieses trotzdem vorhanden war und ist, wird in den folgenden Abhandlungen untersucht werden.
III. Besonderheiten der russischen Nationalstruktur
Was ist eigentlich die russische Nation? Die Suche nach einer Identität kann von vornherein nicht erfolgreich sein, wenn die Eckpunkte, die den Rahmen abstecken, nicht geklärt sind. Zunächst muss festgehalten werden, dass die russische Nation, gemessen am europäischen Nationsbegriff, nicht existiert.
Die Russ(länd)ische Föderation umfasst 130 Ethnien. 4 Vierzig dieser Ethnien werden als Minderheiten erfasst, bei 22 von ihnen übersteigt die Anzahl ihrer Zugehörigen die Millionengrenze. 5 Russ-land kann also ohne weiteres als ein Vielvölkerstaat bezeichnet werden.
Hinzu kommt, dass Russland der größte Flächenstaat der Welt ist. Die russischen Staatsbürger sind
2 Quante, M., Personale Identität, Paderborn 1999, S. 39.
3 Brunner W. , Zeltner A.; Lexikon der Psychologie, Hamburg 1980, S.100.
4 Halbach, S.7.
5 Pleines, H./Schröder ,H., Länderbericht Russland, Bonn 2010, S. 537.
Arbeit zitieren:
Susanna Ihracký, 2011, Identitätstransformation der russischen Gesellschaft nach 1991, München, GRIN Verlag GmbH
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