Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Die Erforschung Sibiriens - Die Ausgangslage 3
2. Der „Raum“ Sibirien im 18. Jahrhundert - Die Reiseberichte
Johann Georg Gmelins und Peter Simon Pallas 5
3. Fazit. 16
4. Literaturverzeichnis 19
Anhang 21
Einleitung
„Räume sind nicht, Räume werden gemacht!“ 1 Mit dieser These des Berliner Geo-graphie-Historikers Hans-Dietrich Schultz wurde ein Paradigmenwechsel in der Raumtheorie -im Rahmen der Geopolitik- vorangetrieben. Die Intention dieser Aussage war eine stärkere Fokussierung auf die Auswirkungen von Raum auf soziale Prozesse. Nicht nur die Geographie, sondern auch viele andere wissenschaftliche Disziplinen diskutieren diesen raumtheoretischen Paradigmenwechsel, den „spatial turn“, jedoch jeweils mit einem anderen Zugang. Die Soziologen beispielsweise fragen, wie soziale Prozesse Räume schaffen bzw. verändern. 2 Der Begriff „spatial turn“ entstand ab 1989 im Zuge der aufkommenden „cultural turns“ 3 und wurde ursprünglich von einem Geographen geprägt. 4 Mit diesem Neologismus war ursprünglich nicht ein Paradigmenwechsel im Sinne von Thomas S. Kuhn gemeint 5 , sondern eine stärkere Betonung eines bisher vernachlässigten Elements. Die Kritik war die vorherige Überbetonung des Faktors Zeit gegenüber dem Raum. 6 Die Reichweite und Geltung des spatial turns ist in der Wissenschaft sehr umstritten. Wissenschaftler wie der US-amerikanische Geograph Edward W. Soja sehen im spatial turn gar einen herausragenden „master turn“, während andere Wissenschaftler lediglich den Faktor Raum stärker betonen wollen. Außerdem steht der spatial turn in Konkurrenz mit anderen Turns (z. B. iconic, performative oder pictorial turn) und kann nicht ausschließlich als alleinstehender Turn gesehen werden. 7
Der Osteuropahistoriker Frithjof Benjamin Schenk hat vor dem Hintergrund der spatial turn-Debatte angeregt, „den Blick auf die Diskussion über mental maps und europäische Geschichtsregionen zu lenken.“ 8 Als „mental map“ versteht Schenk eine
1 Schenk, Frithjof Benjamin: Der spatial turn und die Osteuropäische Geschichte, in: H-Soz-u-Kult, 01.06.2006, http://hsozukult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2006-06-001.pdf, S. 3, Zugriff: 15.02.2011. Zit. nach Hans-Dietrich Schultz.
2 Ebd.
3 Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 29.03.2010, http://docupedia.de/docupedia/images/5/55/Cultural_Turns.pdf, S. 1, Zugriff: 15.02.2011.
4 Döring, Jörg / Thielmann, Tristan: Einleitung: Was lesen wir im Raume? Der spatial turn und das geheime Wissen der Geographen, in: Dies. (Hg): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur-und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008, S. 7 - 49, hier: S. 7.
5 Miebach, Bernhard: Soziologische Handlungstheorie. Eine Einführung. 3., aktualisierte Auflage 2010, Wiesbaden 2010, S. 26 f.
6 Schenk, 2006: S. 2.
7 Döring / Thielmann, 2008: S. 8 ff.
8 Schenk, 2006: S. 5.
1
„kognitive Landkarte“ 9 , die es ermöglicht, sich gewisse Vorstellungen über eine bestimmte Region zu machen. Die entstehenden „Landkarten“, also mental maps, sind subjektiv und hängen von der jeweiligen individuellen Perspektive ab. Demzufolge seien Land- bzw. Weltkarten subjektive Konstrukte und dadurch auch Ausdruck von Macht. Durch mental maps wurde im 18. und 19. Jahrhundert „der Osten“ und weitere verschiedene Räume im „Osten“ geschaffen (ausgegangen von den superioren westeuropäischen Diskursen), wie beispielsweise der Orient (Said), die Balkanregion (Todorova) oder Osteuropa (Wolff, Lemberg). „Der Osten“ galt in dieser Zeit als barbarisch und unzivilisiert, von dem viele Gefahren ausgingen (z. B. Türken). 10 Ausgegangen vom spatial turn und den von Schenk entwickelten mental maps über Russland bzw. Osteuropa, soll in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, wie im 18. Jahrhundert der „Raum“ Sibirien konstruiert wurde. Sibirien eignet sich als besonders interessantes Untersuchungsfeld, da im 18. Jahrhundert die wissenschaftliche Erforschung dieses Gebietes allmählich einsetzte. Vor dieser Zeit, also vor der Aufklärung, waren Vorstellungen über Sibirien überwiegend von Sagen und Mythen geprägt. 11 Als Quellen dienen die Reiseberichte von den deutschen Naturkundlern Johann Georg Gmelin 12 und Peter Simon Pallas 13 . Gmelin erforschte Sibirien im Zuge der Großen Nordischen Expedition (1733 - 1744) und Pallas etwas später im Rahmen der Forschungsunternehmungen der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg (1768 - 1774). 14 Da es sich um sehr umfangreiche Berichte handelt, kann auf sie im Rahmen dieser Arbeit nicht in vollem Umfang eingegangen werden. Grundlage ist bei Gmelin der zweite Teil seiner Zweiten Kamčatka-Expedition (1735, 1736, 1737), bei Pallas der Zeitraum von 1772 bis zum Januar 1773 seiner 6jährigen „Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reiches“. Im ersten Kapitel dieser Arbeit erfolgt ein Blick auf die Erkundungen Sibiriens vor der Aufklärung, damit die Voraussetzungen und die Ausgangslage für die Expeditionen im Zeitalter der Aufklärung deutlich werden. Das zweite Kapitel umfasst eine
9 Schenk, Frithjof Benjamin: Die Konstruktion von geographischen Räumen in Europa seit der Aufklärung, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 493 - 514, hier: S. 494.
10 Schenk, 2002: S. 497 ff.
11 Poljakov, Romualda: „Mit aufrichtiger Feder meist gegenwärtig aufgezeichnet“. Rußlandberichte deutscher Reisender vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, Berlin / Bern / New York (u. a.) 1999 (Deutsch-russische Literaturbeziehungen, Bd. 10), S. 93.
12 Posselt, Doris (Hg.): Die Große Nordische Expedition von 1733 - 1743. Aus Berichten der Forschungsreisenden Johann Georg Gmelin und Georg Wilhelm Steller, München 1990.
13 Lauch, Marion (Hg.): Peter Simon Pallas: Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reiches, Leipzig 1987.
14 Angermann, Norbert: Die ersten deutschen Reiseberichte über Sibirien, in: Reiseberichte von Deutschen über Russland und von Russen über Deutschland. Herausgegeben von Friedhelm Berthold Kaiser und Bernhard Stasiewski, Köln / Wien 1980, S. 43 - 57, hier: S. 43.
2
Untersuchung der Reiseberichte Gmelins und Pallas‘ bezogen auf die Frage, wie der „Raum“ Sibirien in diesen Berichten aufgrund der geographischen Begebenheiten und vor allem aufgrund der beschriebenen, dort lebenden Völker bzw. Stadt- und Dorfbewohner geschaffen bzw. konstruiert wird.
Die Arbeit schließt mit einem Fazit, das die Ergebnisse zusammenfasst und die hier formulierte Fragestellung beantwortet.
1. Die Erforschung Sibiriens - Die Ausgangslage
Die ersten Reisberichte aus Deutschland über Sibirien entstammen aus dem 15. Jahr-hundert. Der bayerische Adelige Hans Schiltberger kämpfte 1394 für den Ungarischen König Sigismund gegen die Türken, woraufhin er in Kriegsgefangenschaft geriet. Er ging nun für den Sultan Bajezid I. ins Feld, der darauf vom Mongolenherrscher Timur besiegt wurde. Schiltberger blieb in Besitz der Mongolenherrscher, konnte aber nach gelungener Flucht wieder zu den Türken überlaufen und für den Emir Edigü in die Schlacht ziehen, infolgedessen kam er nach Sibirien. Seine in den Berichten verwendeten Begriffe wie „Wissibur“, „Wussibur“ oder „Issibur“ lassen auf den Namen des Gebietes schließen. 15
Das erste umfassende Werk über Russland und Sibirien wurde im 16. Jahrhundert vom Habsburger Diplomaten Siegmund von Herberstein 16 verfasst, als er 1516-18 und 1526-27 auf kaiserlichem Geheiß Moskau bereiste. Sein Werk „Rerum Moscoviticarum commentarii“ beinhaltet ein umfassendes Bild über die Geschichte und Geographie Russlands. Grundlage seiner Ergebnisse war eine Reise über das nördliche Uralgebirge bis zum westsibirischen Strom Ob. Außerdem gewann er Informationen über eine umfassende Befragung von Russen über Sibirien. Jedoch entstanden häufig Fehlinformationen und Fehldarstellungen. Von Herberstein ging z. B. irrtümlicherweise bei dem Begriff „Kithay“ von demjenigen See aus, dem der Ob entspränge. „Kethay“ war jedoch eine von Marco Polo entwickelte Bezeichnung für China. Des Weiteren tauchen in seiner Schrift Fabelwesen, wie behaarte Menschen, die im östlichen Sibirien lebten, Hundsköpfe besäßen oder ihr Gesicht auf der Brust hätten. Dies
15 Angermann, 1980: S. 44.
16 Wolff, Larry: The Map of Civilization on the Mind of the Enlightment, Stanford 1994, S. 152.
3
ist auch ein Beweis dafür, dass die Russen selbst noch sehr wenig über Sibirien wussten. 17
In den Jahren 1634, 1636, 1639 und schließlich 1643 wurde Russland von Adam Olearius bereist. Der Sohn eines Schneiders begann ein Studium der Mathematik und Astronomie in Leipzig, welches er mit dem Magister Philosophiae abschloss und anschließend als Assistent an der Philosophischen Fakultät arbeitete. Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges musste er Sachsen verlassen und ging nach Holstein, wo er in Diensten des aufgeklärten Fredericks von Dänemark, Herzog von Holstein, stand. Als Mitglied der Gesandtschaft des Herzogs war seine Aufgabe die Sammlung von Informationen über die Bewohner Moskaus, ihr Verhalten und Gewohnheiten. 18 Die in mehreren Bänden 1647 erschienene „Moscovitische und Persische Reise“ Olearius‘ sei nach Strack wenig auf die wissenschaftsgeschichtlichen Inhalte untersucht worden, sondern hauptsächlich auf die Sprache und Rhetorik Olearius‘. 19 Seine Schriften stützten sich maßgeblich auf die Ergebnisse und Erfahrungen von Herbersteins, revidierten falsche Sachverhalte und korrigierten viele Fehler. 20 Olearius lieferte rationale Erklärungen für die von von Herberstein formulierten fabulösen Beobachtungen. Die Annahme, im Norden Russlands seien im Winter alle dort lebenden Menschen tot, führte Olearius auf die klimatisch bedingte Zurückgezogenheit in den zugeschneiten Hütten zurück. Auch der Irrglaube, es gebe menschliche Fabelwesen in Russland, revidierte Olearius mit dem Argument, dass Engländer, Niederländer und Spanier, die die Erde seit vielen Jahren gut erkundet hätten, solche Beobachtungen bisher nicht gemacht hätten. 21
Trotzdem übernahm Olearius viele Stereotypen über die Russen 22 in seine Darstellungen kritiklos mit auf. Er schrieb beispielsweise, dass „die ‚Russen zur Sklaverei geboren‘ seien“ 23 und stellte die Russen gemäß des dänischen Gesandten Jacob Ulfeld als „‘ethnographisches Bestiarium‘“ 24
17 Angermann, 1980: S. 45 f.
18 Wilson, Franceska: Muscovy: Russia through foreign eyes 1553 - 1900, New York 1970, S. 68 f.
19 Strack, Thomas: Exotische Erfahrung und Intersubjektivität. Reiseberichte im 17. und 18. Jahrhundert. Genregeschichtliche Untersuchung zu Adam Olearius - Hans Egede - Georg Forster, in: Scheuer, Helmut (Hg.): Kasseler Studien zur deutschsprachigen Literaturgeschichte, Bd. 2, Paderborn 1994, S. 65.
20 Geier, Wolfgang: Russische Kulturgeschichte in diplomatischen Reiseberichten aus vier Jahrhunderten: Sigmund von Herberstein, Adam Olearius, Friedrich Christian Weber, August von Haxthausen, Wiesbaden 2004, S. 74 f.
21 Angermann, 1980: S. 47.
22 Vgl. dazu: Scheidegger, Gabriele: Perverses Abendland - barbarisches Russland. Begegnungen des 16. und 17. Jahrhunderts im Schatten kultureller Missverständnisse, Zürich 1993.
23 Geier, 2004: S. 75.
24 Ebd.
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Arbeit zitieren:
B. A. Sören Lindner, 2011, Die "Mental Map" Russland, München, GRIN Verlag GmbH
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