EINLEITUNG
Am Sonntag, 24. Januar 2011, sahen 4,52 Millionen Zuschauer 1 den ersten Teil der Millennium-Trilogie „VERBLENDUNG“ nach dem gleichnamigen Roman des Schweden Stieg Larsson. Nachdem der Originalfilm bereits 2009 in den deutschen Kinos lief, sendet das ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) seit Januar jeden Sonntag einen Teil der Trilogie, jeweils in zwei Episoden aufgeteilt. Grund hierfür ist die um jeweils circa 30 Minuten längere Fassung in der Form eines Director’s Cut. Die Faszination an den Romanverfilmungen scheint seit der Erscheinung der Buchvorlage nicht abzureißen. Doch welche Gründe bewegen die Zuschauer, jeden Sonntag den Ermittlungen des Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist und seiner scheinbar asozialen und düsteren Kollegin Lisbeth Salander, die klassische Erscheinung eines Anti-Helden, zu folgen? Die Charakterisierung der Hauptfigur Lisbeth Salander, sowie deren Entwicklung im Verlauf des ersten Teils, ist das Anliegen der vorliegenden Hausarbeit. Die Dramaturgie der Hauptfigur wird unter Berücksichtigung des Drei-Akt-Modells von Syd Field erklärt. Anhand dieses Modells wird die Struktur der Dramaturgie verdeutlicht, mit der die Protagonistin inszeniert wurde. Die Analyse soll weiterhin Aufschluss darüber geben, was das Besondere an dieser Verfilmung ist und welche Faszination sie auf den Zuschauer ausübt.
STIEG LARSSON - BIOGRAFIE & HINTERGRÜNDE
Karl Stig-Erland Larsson wurde 1954 in Umeå, Schweden geboren. 2 1979 begann Larsson’s journalistische Karriere bei der führenden schwedischen Nachrichtenagentur „TT“ als Nachrichtengrafiker. Seit 1982 war er als Skandinavienkorrespondent für die britische antifaschistische Zeitung Searchlight Magazine tätig. Im Jahre 1995, nachdem sieben Menschen von Rechtsextremisten ermordet wurden, gründete er die Expo-Stiftung, mit dem speziellen Ziel, die rassistischen und totalitären Organisationen und Aktivitäten in Schweden zu erforschen und zu enthüllen. Vom gleichnamigen antifaschistischen Magazin wurde er Herausgeber. Er galt als einer der weltweit führenden Experten für Rechtsextremismus sowie Neonazismus und veröffentlichte eine Vielzahl von Büchern zum Thema Rechtsextremismus in Schweden. 3
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1968 wurde Larsson Zeuge einer Vergewaltigung an einem jungen Mädchen durch seine Freunde, ohne dass er eingreifen konnte. Geplagt von Schuldgefühlen widmete er sein Leben dem Kampf gegen gesellschaftliche Missstände in Schweden, insbesondere der Gewalt gegen Frauen. Aus diesem Grund erschien der erste Teil seiner Millennium-Trilogie (dt. Titel: Verblendung, Verdammnis, Vergebung) unter dem schwedischen Originaltitel „Män som hatar kvinnor“ („Männer, die Frauen hassen“, dt. Titel: Verblendung). Alle Missstände und Tabus, die er Zeit seines Lebens aufzudecken versuchte, finden Beachtung in der Millennium-Trilogie und werden bereits im ersten Teil „Verblendung“ explizit thematisiert (Gewalt gegen Frauen/Vergewaltigung, Rechtsextremismus und Korruption (s. Kapitel “Inhaltsübersicht“). Stieg Larsson starb 2004 an den Folgen eines Herzinfarktes in Folge seines unsteten und ungesunden Lebenswandels durch Kaffee, Nikotin und notorischem Schlafmangel. Parallelen zur Hauptfigur sind augenscheinlich. Mikael Blomkvist (gespielt von Michael Nyquist) verkörpert als „alter Ego“ Larsson. Er steht stellvertretend für das Gute, deckt Missstände in der schwedischen Gesellschaft auf, setzt sich bei seiner Arbeit hohen Risikos aus und handelt dabei stets moralisch. Er vertieft sich in seine Recherchearbeiten und geht dabei mit akribischer Genauigkeit vor. 4
INHALTSÜBERBLICK „VERBLENDUNG“ 5
Im Sommer 1966 verschwindet Henrik Vanger’s Nichte Harriet spurlos von dem Familienbesitz der Industriellen-Familie Vanger in Hedeby, Schweden. Seit dem erhält Henrik Vanger jedes Jahr an seinem Geburtstag von einem anderen Ort auf der Welt eine getrocknete Blume in einem Bilderrahmen. Der inzwischen 82-jährige kommt über diesen Verlust nicht hinweg, da er von einem Mord an Harriet ausgeht. Weder ihre Leiche noch ihr Mörder wurden je gefunden.
Mikael Blomkvist, bekannter Enthüllungsjournalist und Verleger des renommierten Magazins „Millennium“ in Stockholm, steht wegen Verleumdung des Großindustriellen Hans-Erik Wennerström vor Gericht. Bei seiner Enthüllungsrecherche sollte bewiesen werden, dass Wennerström in illegale Waffengeschäfte und Wirtschaftskorruption verwickelt ist. Da er falschen Informanten und gefälschten Beweisen aufgesessen war, wird er zu sechs Monaten Haft verurteilt. Zur gleichen Zeit lässt Dirch Frode, Anwalt und Vertrauter von Henrik Vanger, Mikael Blomkvist durch die Firma Milton-Security überprüfen. Henrik ist überzeugt davon, dass Mikael das Rätsel um seine verschwundene Nichte lösen kann. Lisbeth Salander,
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eine junge Frau und Angestellte bei Milton-Security ist eine der besten Computer-Hacker in Schweden und macht das Leben von Blomkvist vollkommen transparent für ihren Auftraggeber. Beauftragt von Henrik Vanger, zieht Blomkvist vor Antritt seiner Haftstrafe für Vor-Ort-Recherchen auf die Insel Hedeby.
Lisbeth Salander, eine kleine, zierliche, introvertierte und düster erscheinende junge Frau steht aufgrund ihrer gewaltbelasteten Kindheit unter Vormundschaft. Ihr neu zugeteilter Vormund, Nils Bjurman, nutzt seine Machtposition erpresserisch aus, nötigt sie und vergewaltigt sie auf sadistische Weise. Lisbeth rächt sich auf ähnliche Wiese und kommt durch Erpressung von ihm los.
Mikael Blomkvist beginnt seine Recherchen und stößt dabei mit Hilfe von Lisbeth auf eine Serie sadistischer und sexuell motivierter Frauenmorde in Schweden mit scheinbar religiösem Hintergrund. Aufgrund verschiedener Beweise fällt der Fokus bei den Ermittlungen der beiden auf die Großfamilie Vanger. Bei den Nachforschungen stoßen sie auf ein dunkles Familiengeheimnis: Henrik Vanger‘s Brüder standen während des NS-Regimes in enger Verbindung zu den Nazis und verherrlichen auch lange nach Untergang des Dritten Reichs diese Zeit. Harald Vanger wird zunächst aufgrund seiner Nazi-Vergangenheit verdächtigt, was sich später als falsch herausstellt. Während der Ermittlungen kommen sich beide näher, was jedoch rein sexueller Natur zu sein scheint.
Bei einem Einbruch in sein Haus wird Blomkvist beinahe von Harald Vanger getötet. Martin Vanger, Neffe von Henrik Vanger kommt ihm zu Hilfe. Vermeintlich in Vertrauen wiegend wird Mikael von Martin in ein als Verlies umgebauten Keller verschleppt, wo er erfährt, dass Martin Vanger das Vermächtnis seines Vaters fortgeführt und über die Jahre unzählige Frauen vergewaltigt, sadistisch gequält und anschließend umgebracht hat. Die Hintergründe dieser Taten waren rassistischer Natur, da alle Frauen entweder Jüdinnen waren oder anderen Minderheiten angehörten. Harriet ist jedoch keines der Opfer, da sie fliehen konnte und seitdem spurlos verschwunden ist. In letzter Minute kommt Lisbeth Mikael zu Hilfe und rettet ihn vor dem Erstickungstod. Martin kann entkommen und wird von Lisbeth verfolgt. Er verliert die Kontrolle über seinen Wagen und verunglückt. Lisbeth hat die Möglichkeit ihn zu retten, lässt ihn aber in seinem Auto verbrennen.
Lisbeth findet heraus, dass Harriet unter falschen Namen nach Australien geflohen ist. Mikael holt sie nach Schweden, um sich mit Henrik Vanger auszusprechen. Lisbeth findet weiterhin heraus, dass Hans-Erik Wennerström, wegen dem Blomkvist verurteilt wurde und zwischenzeitlich seine Haftstrafe verbüßt, in Waffenhandels- und andere korrupte Geschäfte verwickelt ist und lässt ihm im Gefängnis das gesamte Material zukommen. Hieraus entsteht
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eine umfassende Millennium-Enthüllungsgeschichte, die Mikael rehabilitiert und seinen Ruf wieder herstellt. Lisbeth zweigt von Wennerström‘s Konten einen Millionenbetrag ab und lässt sich unter einer falschen Identität auf den Cayman-Inseln nieder.
THEORETISCHE HINTERGRÜNDE
DAS DREI-AKT-MODELL ZUR HERSTELLUNG DER DRAMATURGIE NACH SYD FIELD
Strukturierung
Die Struktur ist die Grundlage eines jeden Drehbuchs. Sie hält alles zusammen und führt in eine Richtung zur Auflösung hin. Die Steuerung der Struktur erfolgt unaufdringlich und sollte im besten Fall so eng mit der Geschichte verbunden sein, dass sie nicht als solche gesehen werden kann. 6
Paradigma
Beim Erstellen einer Struktur hilft das Paradigma 7 . Alle Drehbücher dramaturgischer (Spiel)-Flme basieren dabei auf einer Akt-Struktur und beziehen sich zumeist auf die POETIK 8 Aristoteles‘. 9 Als Dramaturgie wird „[…] eine lineare Verbindung von Vorfällen, Episoden, und Ereignissen, die zusammenhängen und zu einer dramatischen Auflösung führen“ bezeichnet. Das Paradigma eines Drehbuchs teilt Field in drei Teile (Akte):
Exposition, Konfrontation, Auflösung 10
Die Grundstruktur jeder Geschichte besteht aus Anfang, Mittelteil und Schluss. Das Drei-Akt-Modell von Syd Field ist dabei ein hilfreiches Werkzeug, um einen Spannungsbogen aufzubauen, mit dem Ziel, das Publikum an den Film zu fesseln. Field unterteilt ein Standard-Drehbuch in drei Akte- Exposition, Konfrontation und Auflösung. Bei einem Standard-Drehbuch geht er von 120 Seiten aus, wobei eine Seite Drehbuch in etwa einer Minute Film entspricht.
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Im ersten Akt, der Exposition (setup) wird die Geschichte etabliert, die Hauptpersonen werden vorgestellt und der Konflikt entsteht. Dies wird im ersten Viertel des Drehbuchs platziert (bei einem Standarddrehbuch auf den ersten 30 Seiten) und ist maßgebend, da der Kinobesucher bereits entscheidet, ob er den Film „mag“ oder nicht. Am Ende des ersten Aktes gibt es einen Plot Point- einen Vorfall oder ein Ereignis, dass in die Geschichte eingreift und sie lenkt.
Der zweite Akt, die Konfrontation, macht den Hauptteil der Geschichte aus. Er ist zwischen der 30. und 90. Minute platziert. Die Grundbedürfnisse der Hauptfigur werden definiert, es wird herausgestellt, was sie im Laufe des Films erreichen will, beziehungsweise was ihr Ziel ist. Erst dann können Hindernisse erfunden werden, die von der Hauptfigur überwunden werden müssen- ein Konflikt entsteht. In einer guten Geschichte gibt es viele Konflikte, der Protagonist hat jedoch zumeist nur einen Hauptkonflikt, in den er gerät. Dieser bildet das Rückgrat der Geschichte und kann primär physischer oder psychischer Natur sein. Die Auflösung im dritten Akt erfolgt in der Regel zumeist zwischen der 90. und 120. Seite bzw. Minute. Die Geschichte bzw. der Konflikt werden durch einen starken Schluss aufgelöst, wodurch die Geschichte begreiflich und vollständig gemacht wird. 11
DIE CHARAKTERISIERUNG DER (HAUPT)-FIGUREN - DER KERN JEDER GESCHICHTE Die Geschichte eines Films wird in der Fiktion mithilfe von Personen 12 bzw. Figuren 13 entwickelt. Figuren sind dabei als Geschöpfe eines Autors bzw. Regisseurs zu verstehen. Weitere verwandte Begriffe mit jedoch abweichenden Bedeutungen sind Charaktere (individualisierbare Gestalt) oder Typus (Vertreter einer größeren Gruppierung). 14 Figuren entstehen „[…]durch Textelemente erzeugte Vorstellungen […]“, die der Autor durch bestimmte Textteile (Dialoge, Handlungen) im Drehbuch vorformuliert 14 bzw. in Romanen auf narrativer Ebene literarisch erschafft. Im Film werden diese Rollen durch reale Menschen (Darsteller/Schauspieler) umgesetzt und erzeugen durch ihre Präsenz beim Zuschauer eine bestimmte Vorstellung von Grundeigenschaften und Verhaltensweisen. Diese werden im Verlauf des Films durch weitere Handlungen konkretisiert (bestätigt oder negiert). Die Charakterisierung von Figuren ist somit ein grundlegendes und unentbehrliches Element eines Drehbuches und kann entscheidend zum Erfolg eines Films beitragen. Sie ist der Kern jeder Geschichte, denn durch sie wird die Rolle der Figur erkennbar. Es ist wichtig,
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bereits vor dem Schreiben die Geschichte der Figuren zu kennen. 15 Man unterscheidet zwischen Haupt- und Nebenfiguren, wobei dem Protagonisten eine zentrale Bedeutung zukommt. Er ist dabei in der Regel „[…] das Wahrnehmungszentrum im Film, die Schlüsselfigur, die Klammer, die alles zusammenhält.“ Dabei kann die Hauptfigur die Rolle des Helden (Bsp. James Bond), des Antihelden oder die Rolle als „alter Ego“ des Zuschauers einnehmen. 16 Field (1994) zerlegt bei der Erstellung der Wesensmerkmale der Hauptfigur die Komponenten deren Leben in zwei Grundkategorien- das innere und das äußere Leben. Das innere Leben dauert von der Geburt bis zum Filmanfang. Bereits im Vorfeld der im Film erzählten Geschichte hat die Figur ein Leben. Es wird dabei z.B. festgelegt, wie alt die Figur am Anfang der Geschichte ist, wo und in welchem sozialen Umfeld sie geboren ist oder wie ihre grundlegenden Wesensmerkmale sind (z.B. introvertiert/extrovertiert). Die Biografie (das innere Leben) der Figur ist unentbehrlich für jede Geschichte. Wenn bereits vorher bestimmte Eigenschaften oder Hintergründe aufgezeigt werden, sind für den Zuschauer bestimmte Wesenszüge oder Handlungen innerhalb der Geschichte besser nachvollziehbar. Die Biografie bildet den Grundstein für das äußere Leben der Figur, welches vom Filmanfang bis zum Filmende dauert. Hierbei wird der soziale Kontext der Hauptfiguren gezeigt (z.B. Beziehungs- und Sozialstatus, Einstellung zum Leben). Dies geschieht, indem man sie zu anderen Sachen oder Personen in eine Beziehung setzt. Innerhalb der Geschichte agieren dramatische Figuren auf drei Arten: sie geraten in Konfliktsituationen, sie interagieren mit anderen Figuren bzw. sie interagieren mit sich selbst. Dabei spielen die Lebensumstände (Privatleben, Berufsleben, Beziehungen) eine wichtige Rolle. Diese drei Grundkomponenten machen die Persönlichkeit der Hauptfigur(en), deren Standpunkt und Einstellung im Verlauf der Geschichte aus 17 und prägen deren Charakter. 18
Dem ersten Auftritt des/der Protagonisten und der Art seiner Charakterisierung gilt zumeist besonderes Interesse, „[…]um die notwendige Glaubwürdigkeit und zugleich Attraktivität zu erzeugen.“ 19
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Arbeit zitieren:
Diana Filber, 2011, Filmanalyse "Verblendung" nach dem Roman von Stieg Larsson, München, GRIN Verlag GmbH
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