Inhaltsverzeichnis
1 Die literarische Gestalt Dietrich von Bern in modernen Bearbeitungen 1
2 Auguste Lechner: Dietrich von Bern 2
3 Gestaltung des Handlungsverlaufs 3
4 Gestaltung der Figuren 9
5 Eignung von Dietrich von Bern für den Deutschunterricht 13
Literaturverzeichnis 15
1 Die literarische Gestalt Dietrich von Bern in modernen Bearbeitungen
Längst ist es keine große Neuigkeit mehr, dass sich im sogenannten World Wide Web Informationen zu jeglichen Themengebieten finden lassen. Gibt ein Internetnutzer 1 in der Suchmaschine Google beispielsweise die Wortfolge ‚Dietrichs Flucht’ ein, erhält er binnen 0,05 Se-kunden circa 225.000 Treffer, von denen sich die meisten tatsächlich auf das mittelhochdeutsche Heldenepos beziehen. Eine solche Internetrecherche macht schnell deutlich, welch großer Aktualität sich die literarische Gestalt Dietrich von Bern erfreut. So ist in einer kürzlich veröffentlichten Rezension auf der Internetplattform DnD-Gate, die vor allem von jugendlichen Comic- und Computerspielfans belebt wird, folgende Aussage zu lesen: „Kein Held des Mittelalters ist in der germanisch-deutschen Heldensage so beliebt wie Dietrich von Bern.“ 2 Den Gegenstand der Besprechung bildet allerdings kein mittelhochdeutscher Text, sondern der erste Band der dreiteiligen Comicserie Dietrich von Bern, welche eine relativ freie Bearbeitung des Dietrichstoffes als Bildgeschichte darstellt. 3
Der Comic Dietrich von Bern ist nur ein Beispiel für die zahlreichen modernen Adaptionen der mittelhochdeutschen Dietrichdichtung, wobei das Spektrum von Bilderbüchern für Vorschulkinder über Nacherzählungen in Heldensagenbänden für Kinder und Jugendliche bis hin zu Romanen für erwachsene Leser reicht. Neben der Verwendung als Freizeitlektüre ist der Einsatz von modernen Adaptionen des Dietrichstoffes zudem im schulischen Kontext denkbar, da Heldensagen in vielen deutschen Bundesländern einen obligatorischen Bestandteil der Lehrpläne für das Fach Deutsch darstellen. Im Sächsischen Gymnasiallehrplan ist die Be-handlung von Sagen der deutschen und europäischen Literatur beispielsweise für die sechste Klassenstufe vorgesehen, wobei explizit auf das Lesen von „Heldensagen“ 4 verwiesen wird. Auch in den Lehrplänen für die Grund- und Mittelschule 5 finden sich entsprechende Anknüpfungspunkte.
In der Schulpraxis bleibt dieses Stoffgebiet allerdings meist auf die Thematisierung des Nibelungenliedes beschränkt, da dieses heute einen ungleich höheren Bekanntheitsgrad als die Dietrichepik aufweist und längst zu einer traditionellen Schullektüre und Bestandteil des sogenannten ‚heimlichen Kanons’ geworden ist. In Hinblick auf die Lesesozialisation von Kindern und Jugendlichen erscheint die ausschließliche Orientierung der Textauswahl am ‚heim-
1 ImFolgenden wird das generische Maskulinum verwendet.
2 Deutesfeld, Jörg: Dietrich von Bern 1. Ruhm. Rezension. 2010.
3 In den drei Bänden Ruhm (1), Verrat (2) und Rache (3) werden sowohl Elemente der aventuire- bzw. märchen-
haften als auch der historischen Dietrichdichtung verarbeitet, wobei der Schwerpunkt auf den Schilderungen
kämpferischer Auseinandersetzungen liegt. Vgl. Wiechmann, Peter/Méndez, Rafael: 2010a, 2010b und 2011.
4 Sächsisches Staatsministerium für Kultus (Hg.): Lehrplan Gymnasium. Deutsch. Dresden: 2004/09: 16.
5 Vgl. Sächsisches Staatsministerium für Kultus (Hg.): Lehrplan Mittelschule. Deutsch: 2004/09: 18 und Lehr-
plan Grundschule. Deutsch: 2004/09: 12.
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lichen Kanon’ jedoch problematisch, weil „wiederholt und verbreitet dieselben Bücher gelesen“ 6 werden. So bleibt das Nibelungenlied häufig leider der einzige Kontakt von Schülerinnen und Schülern mit der Literatur des Mittelalters. Zudem ist es aufgrund seiner Rezeptionsgeschichte als ‚deutsches Nationalepos’ ideologisch vorbelastet, wobei vor allem durch „Neuauflagen von älteren Nibelungenbearbeitungen […] nach wie vor rechtsradikale Ideologeme tradiert“ 7 werden.
Eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung zur Vermittlung des Nibelungenliedes im Unterricht könnten literarische Adaptionen des Dietrichstoffes darstellen, welche bisher kaum Beachtung in der Fachdidaktik gefunden haben. Allerdings ist im Vorfeld sorgfältig zu prüfen, inwieweit die modernen Bearbeitungen inhaltlich von der zugrundeliegenden mittelhochdeutschen Dietrichepik abweichen und für den Einsatz im Unterricht geeignet sind. In diesem Zusammenhang ist besonders zu berücksichtigen, dass in der Vergangenheit nicht nur das Nibelungenlied, sondern „auch Dietrich von Bern […] im Dienste fragwürdiger Wertevermittlung instrumentalisiert und funktionalisiert worden“ 8 ist. Daher soll im Rahmen der vorliegenden Arbeit eine moderne Adaption für Jugendliche, deren Einsatz beispielsweise in einer sechsten Gymnasial- bzw. Mittelschulklasse denkbar wäre, exemplarisch analysiert werden. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Veränderungen im Handlungsverlauf und in der Figurengestaltung in Bezug auf die historische Dietrichepik.
2 Auguste Lechner: Dietrich von Bern
Die österreichische Autorin Auguste Lechner (1905 - 2000) ist durch die Bearbeitung von antiken und mittelalterlichen literarischen Stoffen für jugendliche Leser 9 bekannt geworden. Dabei lagen der Schriftstellerin nach eigenen Angaben vor allem die unverfälschte Weitergabe kultureller Werte an die nächste Generation und deren ethisch-moralische Erziehung am Herzen. 10 Für ihr Schaffen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Österreichischen Staatspreis für Literatur und den Europäischen Jugendbuchpreis. Am bekanntesten und beliebtesten ist sicher ihr in zahlreichen Auflagen 11 erschienener Text Die Nibelungen, der seit Jahrzehnten im Deutschunterricht als Ganzschrift bzw. in Auszügen gelesen wird
6 Fritsche, Joachim: Formelle Sozialisationsinstanz Schule. In: Groeben, Norbert/Hurrelmann, Bettina (Hrsg.):
Lesesozialisation in der Mediengesellschaft. Ein Forschungsüberlick. Weinheim/München: Juventa 2004. S. 225.
7 Martin, Bernhard: Die Nibelungen im Spiegelkabinett des deutschen Nationalbewusstseins. München: Iudicium
2004. S. 226.
8 Wunderlich, Werner/Härter, Andreas: Nibelungenhelden? Zur Vorbildwirkung von Heldensagen auf jugendli-
che Leser. In: Wunderlich, Werner/Müller, Ulrich (Hrsg.): „Waz sider da geschach“. American-German Studies
on the Nibelungenlied. Göppingen: Kümmerle 1992. S. 235.
9 Neben dem Nibelungenlied und Dietrich von Bern hat sie u. a. den Parzival, die Wolfdietrichsage, die Kudrun
und die Rolandssage nacherzählt. Ihre Bücher sind laut Verlagsangabe für Leser ab zwölf Jahren intendiert.
10 Vgl. Mumelter, Renate: Das Nibelungenlied für die Jugend bearbeitet. Innsbruck: Univ. Diss. 1983. S. 199.
11 Die erste Ausgabe erschien 1951; seitdem sind zahlreiche Neuauflagen publiziert worden.
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und auf dessen Grundlage entsprechende Lehrerhandreichungen entwickelt worden sind. 12 Allerdings ist Lechners Nibelungen-Adaption mehrfach aufgrund der Vermittlung eines autoritären Gesellschaftsbildes sowie einer abwertenden, teilweise rassistischen Darstellung des Hunnenvolkes kritisiert worden. In diesem Zusammenhang wird von der Weiterführung nationalistischer Rezeptionsmuster nach 1945 gesprochen. 13 Vor diesem Hintergrund soll im Zuge der folgenden Analyse auch kritisch geprüft werden, ob Lechners Nacherzählung Dietrich von Bern 14 möglicherweise ideologisch verzerrt ist.
Lechners Dietrich von Bern erzählt in zehn Kapiteln auf insgesamt 273 Seiten die Geschichte des „große[n] König[s] der Goten“ (3). Dabei liegt der Schwerpunkt auf Elementen der märchen- bzw. aventuirehaften Dietrichepik: So finden sich lange, ausgeschmückte Textpassagen, die inhaltlich auf den Dichtungen um Virginal, Laurin und dem Eckenlied basieren. Dies ist verknüpft mit der ausführlichen Beschreibung von Dietrichs Heldentaten, die vorwiegend als abenteuerliche Jugenderlebnisse dargestellt werden. In diesem Zusammenhang wird Dietrich zu Beginn als „ein blonder Knabe“ (8), welcher „noch sehr jung“ (7) ist, beschrieben, was die Attraktivität der Geschichte für die Zielgruppe erhöhen und die Identifikation mit dem Helden erleichtern soll. Dagegen ist der historischen Dietrichepik lediglich das letzte Kapitel gewidmet, wobei die drei Heldenepen Dietrichs Flucht, Alpharts Tod sowie Rabenschlacht zu einem zusammenhängenden Prosatext verflochten worden sind. Diese inhaltliche Komprimierung geht einher mit zahlreichen Raffungen bzw. Auslassungen von Geschehnissen, die in Bezug auf die Zielgruppe offenbar als irrelevant eingestuft worden sind. Andere Textpassagen werden durch Ergänzungen ausgeschmückt, um sie interessant und spannend zu gestalten. Diese Abweichungen im Handlungsverlauf, die sich teilweise gravierend auf die Interpretation des Textes auswirken können, sollen im Folgenden exemplarisch anhand einiger aussagekräftiger Textstellen aufgezeigt werden.
3 Gestaltung des Handlungsverlaufs
Die Darstellung von Dietrichs Ahnengeschichte, die etwa ein Viertel von Dietrichs Flucht ausmacht, wird in Lechners Adaption fast vollkommen ausgespart; lediglich auf den Tod des Vaters wird rückblickend hingewiesen: „[U]nter diesem Hügel hatten die Gotenritter ihren König Dietmar begraben, der in der Hunnenschlacht gefallen war. König Dietmar aber war
12 Vgl. Rolfes, Britta: Helden(bilder) im Wandel: Die Nibelungenhelden in neueren Adaptionen der Kinder- und
Jugendliteratur. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2005. S. 14.
13 Vgl. Rolfes 2005. S. 107; Martin 2004. S.122 und 221; Schmidt, Siegrid: Die Nibelungen in der Jugend- und
Unterhaltungsliteratur zwischen 1945 und 1980. In: Wapnewski, Peter (Hg.): Mittelalter-Rezeption. Ein Sympo-
sium. Stuttgart: Metzler 1986. S. 333.
14 Als Grundlage für die Untersuchung dient die sechste Auflage von Dietrich von Bern (1995). Die erste Adap-
tion des Dietrichstoffes von Auguste Lechner erschien bereits 1953 unter dem Titel Herr Dietrich reitet.
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Arbeit zitieren:
Maria Melanie Meyer, 2011, Dietrich von Bern - Die historische Dietrichepik bearbeitet für junge Leser, München, GRIN Verlag GmbH
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