Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
Vorbemerkungen 3
Gesellschaft und Norm 5
Norm und Normalität 6
Devianz und Dissozialität 9
Abweichendes Verhalten als positives Verhalten 10
Abweichendes Verhalten als negatives Verhalten 12
Epidemiologie und Inzidenz 14
Devianz oder Normalität? 18
Schlussbetrachtungen 22
Anhang 1 (Klassifikationen nach ICD-10 mit Bezug zu Störungen
des Sozialverhaltens/ Störungen der sozialen Interaktion/
Ursachen der Erkrankung aus dem sozialen Feld heraus) 26
Anhang 2 - Fallzahlen entlassene KrankenhauspatientInnen der
ICD-Klassifikationen F60.2 und F91.x in den Jahren 2005-2009 38
Anhang 3 (Studienergebnisse zu Sozial-/ Verhaltensstörungen) 41
Literaturliste 45
Endnoten 50
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Vorbemerkungen
Spricht man von ‚Individualisierung’ und ‚Persönlichkeit’ oder von ‚Charakter’, wie auch von ‚Integration’, ‚Inklusion’ oder ‚Exklusion’, so wird damit unterschwellig, wenn auch nicht immer klar thematisiert, der Einzelmensch im Vergleich zu den Mitmenschen angesprochen. Die Grundannahme ist, dass Verhaltensweisen, Ansichten oder Merkmale des Einzelmenschen sich von den vorhandenen Ausprägungen der Mitmenschen mehr oder weniger stark unterscheiden. Diese Differenzierung kann sowohl positive als auch negative Formen und Bewertungen beinhalten.
Empirische Sozialforschung, sofern sie sich auf die quantitativen Erhebungen bezieht, setzt in ihren Prämissen dabei das Vorliegen einer gewissen statistisch-mathematisch prüfbaren Norm voraus - oder legt sie mit ihren Ergebnissen zugrunde. Sozialphilosophische Idealnormen resultieren auf allgemeingültigen und grundlegenden Anschauungen, welche die Basis des gesellschaftlichen Lebens deskriptiv, analytisch oder normativ darstellen wollen. Die Sozialnorm an sich stellt die Formen der „gesellschaftlich definierten Verhaltensnormen“ dar, die innerhalb einer Gemeinschaft vorhanden sind. Dem zur Seite - oder auch gegenübersteht die subjektive Norm, welche persönliche (individuelle) Maßstäbe beinhaltet. Auf der phänomenologischen Ebene beschreibt die funktionale Norm den Grad der Zweckmäßigkeit zur Erreichung eines Zieles. 1
Normen werden damit sowohl auf der Mikroebene (Subjektive Norm/Individualnorm), wie auch auf der Mesoebene (Sozialnorm) und der Makroebene (Idealnorm, statistische Norm) gebildet. TREIBER beschreibt die Bedeutungsinhalte der Norm wie folgt: „[1] eine beobachtbare Gleichförmigkeit des Verhaltens; [2] eine soziale Bewertung von Verhalten; 2 [3] eine verbindliche Forderung eines bestimmten Verhaltens.“
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Die Norm wird damit zum ‚archimedischen Punkt’, von dem aus sowohl Gesellschaft als auch Einzelmensch zu betrachten sind.
Normen der Makroebene stellen häufig institutionalisierte Normen dar, die in Form von wissenschaftlichen Auswertungen und rechtlichen Regelungen konstituierend wirken. Dies bedeutet wiederum, dass eine ‚beobachtbare Gleichförmigkeit des Verhaltens’ zugrunde gelegt werden kann und diese eine annehmbare Konstante bildet. Auch ist die Frage nach der Dynamik der ‚sozialen Bewertung von Verhalten’ zu stellen, denn eventuell sind Verhaltensnormen, die Jahre oder Jahrzehnte zuvor noch als Maßstab galten mittlerweile obsolet, wenn hierzu ein Wertewandel oder Normwandel stattgefunden hat. Und auch die gesellschaftlich ‚verbindliche Forderung eines bestimmten Verhaltens’ mag damit historische Veränderungen erfahren. 3
Kritik an der sozialwissenschaftlichen Praxis wurde in Bezug auf das Normalitätsverständnis hierzu bereits Mitte der 90er Jahre unter anderem von HONNETH geübt:
„Um von einer sozialen Pathologie sprechen zu können, die nach dem Vorbild der Medizin einer Diagnose zugänglich sein soll, bedarf es vielmehr einer Vorstellung von Normalität, die auf das gesellschaftliche Leben im ganzen bezogen ist. Welche immensen Probleme mit einem derartigen Ansinnen verknüpft sind, hat das Scheitern jener sozialwissenschaftlichen Ansätze deutlich gemacht, die die Funktionserfordernisse von Gesellschaften nur durch externe Beobachtung festlegen wollten: weil in sozialen Zusammenhängen das, was als Entwicklungsziel oder als Normalität gilt, stets kulturell definiert ist, lassen sich auch Funktionen oder ihre entsprechenden Störungen allein unter hermeneutischem Bezug auf 4 das interne Selbstverständnis von Gesellschaften bestimmen.“
Um diese beiden Bereiche miteinander zu verbinden, wird in der vorliegenden Arbeit die Frage nach der Abweichung, der Devianz oder Dissozialität, des Verhaltens gestellt und mittels einer Literaturübersicht, auch auf der Basis bereits vorliegender Untersuchungen, analysiert. Ausgehend sowohl von den Persönlichkeitsmodellen der Psychologie und Psychiatrie als auch der Soziologie wird anhand der Epidemiologie und Inzidenz von Persönlichkeitsstörungen und psychischen Krankheitsbildern die Frage nach der Fundierung von gesellschaftlichen Normen des Verhaltens und der vermutbaren Verteilung des Nicht-
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Normgerechten in der Gesellschaft aufgeworfen. Die Arbeit bewegt sich dabei im Spannungsverhältnis der Begriffe Gesellschaft, Persönlichkeit, Individualisierung, Norm und Abweichung. Ergänzend, aber nicht abschließend, werden hierzu auch Theorien aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften, Biologie, Medizin, Philosophie und Anthropologie betrachtet.
Gesellschaft und Norm
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen finden sich bereits seit zahlreichen Jahrhunderten die Vorstellungen der Normsetzung durch Gesellschaften zur Regelung und Durchsetzung der Bedürfnisse der Allgemeinheit, wie auch der Einzelnen. Populär geworden ist auch die im
17. Jahrhundert getroffene Annahme HOBBES, das menschliche Zusammenleben sei ein „Krieg eines Jeden gegen Jeden.“ 5 So gelangte er auch zu der Ansicht, dass „der Mensch […] ein Wolf für den Menschen [ist], 6 HOBBES vertrat also […] wenn man die Staaten untereinander vergleicht.“ eine durchaus kritische Perspektive in Bezug auf das Zusammenleben von Menschen und deren Interaktionen. Und um jenem kriegerischen Zustand zu entgehen und ein zufriedeneres Leben zu führen gründen die Menschen das „Gemeinwesen“, so seine Ansicht, um mittels der dahinter steckenden Macht zu sichern, was der „Mensch im 7 nicht zu bewältigen vermag. Naturzustand“
Der Mensch im Naturzustand kann aber auch unterschiedliche Prägungen annehmen, wie bspw. FROMM darlegt 8 . So sind drei Gesellschaftsformen zu unterscheiden:
1. Typ A - die Lebensbejahende Gesellschaft,
2. Typ B - die Nichtdestruktiv-aggressive Gesellschaft und
3. Typ C - die Destruktive Gesellschaft.
Während in Typ A
„Feindseligkeiten, Gewalttätigkeiten und Grausamkeiten […] nur in minimalem Ausmaß zu finden“ sind, gibt es auch „keine harten Strafen, kaum Verbrechen, und der Krieg als Institution fehlt ganz oder spielt nur 9 eine äußerst geringe Rolle“.
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Typ C stellt die Antipode hierzu dar, denn diese Gesellschaft ist „gekennzeichnet durch interpersonale Gewalttätigkeit, Zerstörungslust, Aggression und Grausamkeit, sowohl innerhalb des Stammes als auch 10 anderen gegenüber, durch Freude am Krieg, Heimtücke und Verrat“.
Hieraus ergibt sich auch der Maßstab für die gesellschaftliche Norm und die Abweichung, denn in Gesellschaft A gilt:
„Wer sich aggressiv, rücksichtslos und unkameradschaftlich verhält, wird 11 als anomal angesehen.“
Für Gesellschaft C ist jedoch
„das Ideal eines guten und erfolgreichen Mannes […] einer, der einen anderen heimtückisch von seinem Platz vertrieben hat. Die am meisten bewunderte Tugend und die größte Leistung ist ‚wabuwabu’, ein System rücksichtsloser Praktiken, durch die man auf Kosten anderer Vorteile einheimst. Die Kunst besteht darin zum Nachteil anderer sich persönliche 12 Vorteile zu sichern.“
BEELMANN/RAABE haben verschiedene Arten des aggressiven Verhaltens klassifiziert, so z. B.: körperliche vs. verbale, offene/direkte vs. verdeckte/indirekte (soziale od. relationale), instrumentelle vs. feindselige, proaktive vs. reaktive Aggression. Gesellschaft C weist, bis auf die offene Aggression, das gesamte Spektrum aggressiven Handelns auf. 13
Und auch wenn das erwähnte System B durch seine nichtdestruktiven Züge näher an System A herangerückt bleibt, wird deutlich, dass sich Mischgesellschaften bilden können, insofern das gesellschaftliche Ideal der Gruppe nicht von allen Mitgliedern geteilt wird und/oder die Normen anderes Handeln gestatten. Gewalt wird in Gesellschaft dann ‚normal’. 14
Doch diese Normen werden schließlich auch nicht einfach vorgefunden - Normen existieren durch gesellschaftliche Konvention und sie werden „im Prozeß der Sozialisation und durch systematische Erziehung, die DURKHEIM ‚socialisation méthodique’ (1903, S. 45) nennt, kontinuierlich 15 an jede neue Generation weitergegeben.“
Norm und Normalität
Damit wird die Frage zentral, was denn in diesen Gesellschaften als Norm und Normalität zu gelten hat. Im juristischen Verständnis geht man von einer Normenhierarchie - einer Normenpyramide - aus, nach der es
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höherrangige und niederrangige Vorschriften gibt. 16 Der Begriff der Norm wird allgemeinsprachlich eher mit dem Begriff des Gesetzes, als einer Vorschrift des Sollens, Müssens oder Unterlassens als sanktionierbare Handlung gleichgesetzt. Neben den festgeschriebenen Rechtsnormen existieren jedoch auch weitere, ungeschriebene Normen, wie beispielsweise das Gewohnheitsrecht, das sich aus einer ‚ständigen Übung’ oder ‚ständige Handhabung’ ergeben kann. Einen ähnlich normativen Charakter können auch jegliche Verhaltensregeln, als soziale Normen, besitzen, wie sie sich beispielsweise in Anstands-‚ oder Benimmregeln niederschlagen. Derartige Regelwerke können sehr komplex sein, hängen von den jeweiligen und vielfältigen Kulturen ab, wie oben kurz skizziert, und
„werden von Personen hervorgebracht, um das Handeln anderer Personen 17 (und möglicherweise auch das eigene) zu beeinflussen und zu steuern.“
Diese Steuerungsfähigkeit auf der einen Seite und die Lenkungsbereitschaft auf der anderen Seite werden im Spiel der menschlichen Interaktionen und Interdependenzen damit zum wichtigen Faktor der Sozialisation. So definiert denn auch KLIMA: „Sozialisation, Sozialisierung, selten auf deutsch: Vergesellschaftung, [1] Bezeichnung für den Prozeß, durch den ein Individuum in eine soziale Gruppe eingegliedert wird, indem es die in dieser Gruppe geltenden sozialen Normen, insbesondere die an das Individuum als Inhaber bestimmter Positionen gerichteten Rollenerwartung, die zur Erfüllung dieser Normen und Erwartungen erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie die zur Kultur der Gruppe gehörenden Werte, Überzeugungen usw. 18 erlernt und in sich aufnimmt. […]“
Eine Normmatrix, welche den Geltungs- und Wirkungsgrad und die Sanktionsbereitschaft veranschaulicht, und dies über die reine Definition und Einordnung der juristischen Norm hinaus, findet sich bei
LAMNEK 19 . Der Geltungsgrad bezeichnet dabei in etwa die Reichweite der Norm, die vom Normgeber angestrebt wird, der Wirkungsgrad ist die von den Normadressaten verinnerlichte und umgesetzte Reichweite der Norm. Beides wird ergänzt durch die Sanktionsbereitschaft des Normgebers, bei Nichtbeachtung den Verstoß zu ahnen.
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Etwas salopp lässt sich formulieren: Mit dem zunehmenden Grad der Internalisierung der Normen und Erwartungen wird das sich integrierende Individuum ‚normal’. Dem gegenüber steht der Begriff und das Bedürfnis nach Individualisierung, denn, wie es bei ABELS heißt: „Individualisierung meint die eigene Vorstellung des Individuums von sich selbst und von der sozialen Bedeutung und Relevanz der gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Mensch nimmt die gesellschaftliche Ordnung und ihre Institutionen nicht mehr einfach hin, sondern reflektiert ihren Sinn für sich. Er nimmt sich als ein besonderes Individuum an seinem spezifischen Ort in der Gesellschaft und in seiner besonderen Funktion wahr. Individualisierung bedeutet in diesem Sinne, gegen die Dominanz der Gesellschaft den Anspruch des Individuums auf eigenes Denken und Handeln zu erheben. Die Geschichte der Individualisierung ist der unmerkliche Kampf, gegenüber kollektiven Verpflichtungen und traditionellen Orientierungen individuelle Vorstellungen von den richtigen 20 Zielen und Mitteln des Handelns durchzusetzen.“
Ist mit der sophistischen Annahme des ‚homo mensura’ der Mensch das Maß der Dinge, der derart imstande ist eine normative Rolle zu entwickeln, so birgt die Individualisierung zumindest im Keim das Risiko eines ‚ego mensura’, wodurch das Ich das Maß der Dinge wird und es zu einer Hypertrophie des Individuums kommt, das nicht über eine 21 verfügt, sondern sich somit bewußt abgrenzend „organische Solidarität“
verhält, indem es die eigenen Maßstäbe zum Fixpunkt der gesellschaftlichen Norm erhebt. Wie in einer Zwangsnorm versucht das Individuum den Geltungsgrad seiner Regeln allgemeingültig zu setzen, auch bei einem bislang niedrigen Wirkungsgrad, aber hoher Sanktionierungsbereitschaft, die sich jedoch gegenüber materiellen und immateriellen Werten äußert. Möglicherweise wird aber auch eine unzureichende Sanktionsbereitschaft, die zu einem ‚Normenverfall’ führen kann, zum Agens einer devianten Handlung. Ob es also
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tatsächlich ein „unmerklicher Kampf“ ist, wie es oben bei ABELS heißt, oder die Individualisierung nicht doch in einen merklichen Kampf mit sich und der Gesellschaft ausufern kann, soll nachfolgend betrachtet werden.
Devianz und Dissozialität
Zur Betrachtung und Bewertung von Devianz - als dem von der Norm oder einer Wertvorstellung abweichenden Verhalten - finden sich verschiedenen theoretische Ansätze. 22 So ergibt sich bspw. nach COHEN „individuelle Verhaltensdevianz aus Normenkonflikten zwischen
Subsystemen der Gesellschaft und dem Gesamtsystem […]. Ausgangspunkt sozialer Ausdifferenzierung sind Spannungszustände zwischen Zielen und Wünschen einer Person und der realen Lebensumwelt, die letztlich zur Ausbildung devianter Subkulturen führen.“ 23
LAMNEK hingegen diskutiert Devianz auch als Zeichen des „Normwandels“ (was gleichfalls als Zeichen des Wertewandels weitergeführt werden kann). 24 Von der Warte des ‚labeling approach’ aus betrachtet, ist deviantes Verhalten gleichsam nur deshalb, weil das Verhalten als deviant bezeichnet (etikettiert) wird. Wiederum andere sahen und sehen „Devianz [als] ein Handeln, das gegen gesellschaftliche Normen verstößt und von negativen Sanktionen bedroht ist.“ 25 Es werden damit zahlreiche Teilaspekte beleuchtet, die sich in dieser Form auch wiederfinden lassen.
Nach BECKER/KOCH ergeben sich vier Typen des devianten Verhaltens 26 :
Nach SIEGRIST ist „Konformität […] Ausdruck sozialer Integration einer Person in ein Beziehungsnetz“ und bezeichnet „die Anpassung eigener Einstellungen und Verhaltensweisen an diejenigen einer Gruppe, in der Regel einer
27 Das non-konforme (sich- Bezugsgruppe,der man sich zugehörig fühlt.“ nicht-anpassende) Individuum gerät dann in das Spannungsverhältnis
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zwischen Ich (Ego) und die Anderen (Alter) und wird so möglicherweise gegenüber der (ursprünglichen) Bezugsgruppe abweichend. Die Frage nach der Gruppennorm und dem Grad der akzeptierbaren Abweichung wird dann laut BECKER/KOCH bedeutsam, denn „nicht so zu sein wie alle anderen, ist in einer Gesellschaft, die zunehmend komplexere Probleme zu lösen hat, funktional störend. Der Umgang mit Nicht-Normalen kostet Aufmerksamkeit und bedeutet Kontrollaufwand, ist 28 zeitintensiv und routinestörend“.
Es zeigt sich also, dass sowohl deviantes Verhalten nicht als solches erkannt (falsch negativ) werden kann, als auch, dass nicht-deviantes Verhalten als solches verkannt wird (falsch-positiv). Auch wird nicht jedes sanktionierungsfähige deviante Verhalten tatsächlich von Strafe bedroht, was zu verschiedenen Formen der Nichtgeltung und in letzter Konsequenz bis zum Verfall von Normen führen kann. Ein solches ‚Modell der Geltungsstruktur sozialer Normen’ weist POPITZ aus 29 :
Wie gestaltet sich dies aber aus?
Abweichendes Verhalten als positives Verhalten
Sich nicht wie die Menschen der breiten Masse zu verhalten, kann ein innovatives 30 und veränderndes Moment beinhalten. Bereits JUNG sah den Hang und den Zwang zur Normalität als Nutzen und als Problemfall des Menschen:
„Normalmensch zu sein, ist das Nützlichste und Zweckmäßigste, das man sich wohl denken kann. Aber im Begriff „Normalmensch“ schon, wie im Begriffe der Anpassung liegt eine Beschränkung auf das Durchschnittliche, die nur dem als eine wünschenswerte Verbesserung vorkommt, der sowieso schon Mühe hat, mit der gewöhnlichen Welt fertig zu werden, der z.B. infolge seiner Neurose unfähig ist, eine normale Existenz zu gründen. Der „Normalmensch“ ist das ideale Ziel für die Erfolglosen, für alle die, die noch unterhalb des allgemeinen Anpassungsniveaus stehen. Für
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Menschen aber, die weit mehr können als der Durchschnittsmensch, Menschen, denen es nie schwer fiel, Erfolge zu erreichen und mehr als genügende Leistungen hervorzubringen, für solche ist die Idee oder der moralische Zwang, nichts als normal sein zu müssen, der Inbegriff eines Prokrustesbettes, einer unerträglichen, tödlichen Langeweile, einer sterilen, hoffnungslosen Hölle. Und es gibt dementsprechend ebenso viele Neurotiker, die erkranken, weil sie bloß normal sind, wie es solche gibt, die krank sind, weil sie nicht normal werden können. Der Gedanke, dass jemand darauf verfallen könnte, erstere zur Normalität erziehen zu wollen, bedeutet für diese Menschen soviel wie ein böser Traum, denn ihre tiefste Notwendigkeit liegt in Wirklichkeit darin, ein abnormes Leben führen zu können.“ 31
Und auch FIEDLER sieht Devianz „unter dem Blickwinkel der Kompetenz“, denn
„nimmt man die unstete Lebensführung, das ständige Suchen nach neuen Reizen und Herausforderungen, nach Sensationen und Risiken hinzu und denkt man in diesem Zusammenhang einmal über die Merkmale der Devianz und Kriminalität hinaus, dann läßt sich feststellen, daß diese Merkmale nicht nur für sozial deviante Menschen kennzeichnend sind, sondern daß sie sich gelegentlich auch bei besonders erfolgreichen Sportlern, Entdeckern, Hasardeuren, Managern oder Politikern finden lassen, wenn es ihnen nur gelingt, die gefährlichsten Situationen zu meiden.“ Oder, wie SASS (1987) dazu mit Verweis auf LYKKEN aphoristisch formuliert: ‚Es ist genau diese Furchtlosigkeit ein besonderer Stoff, aus dem die Helden und die antisozialen Persönlichkeiten sind.’“ 32
Der Faktor ‚Kompetenz’ wird dabei in der Literatur sehr unterschiedlich bewertet. 33 Hier ist er eher positiv konnotiert, denn die Devianz wird für das Individuum quasi überlebenswichtig (um nicht neurotisch oder psychotisch zu werden) oder sie dient als positiver Impetus, um bspw. beruflichen Erfolg zu erzielen und in bestimmten Lebens- und Arbeitsbereichen durchsetzungsfähig zu sein oder außergewöhnliche Leistungen zu vollbringen. 34 Auch LAMNEK sieht in abweichendem Verhalten daher einen „Indikator für Normwandel“, denn niemand würde sich, seiner Meinung nach, freiwillig einer (drohenden) Sanktionierung aussetzen. Die permanente Devianz gegenüber Normen bei konstanter Sanktionierung sei also „eine erste Voraussetzung für einen Normwandel“ 35 eine Situation, wie sie sich in erster Linie auf (politische) Dissidenten anwenden lässt.
Auch die gesellschaftliche Betrachtung des devianten Verhaltens als einer positiven Akzentuierung der Persönlichkeit kann wiedergefunden werden - und ist damit auch Ausdruck einer Akzeptanz. Betrachtet man
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Marion Röbkes, 2011, Grenzgebiete der Individualisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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