J üdt - PISA-Fragen an Lehrer und Lehrerausbildung
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Anlass und Ziel der Untersuchung 1
2 Vom Sputnik- zum PISA-Schock 11
3 Ausgewählte Veröffentlichungen zu PISA 18
3.1 Das PISA-Konsortium (2003) 18
3.2 ADAM, KONRAD Die deutsche Bildungsmisere. Pisa und die Folgen. 19
3.3 FAHRHOLZ, BERND GABRIEL, SIGMAR MÜLLER, PETER (HG.): Nach dem PISA-
Schock. Plädoyer für eine Bildungsreform. 21
3.4 GUGGENBÜHL, ALLAN: Die PISA-Falle. Schulen sind keine Lernfabriken. 22
3.5 HUISKEN, FREERK: Der PISA-Schock und seine Bewältigung. Wie viel
Dummheit braucht/verträgt die Republik? 22
3.6 TERHART, EWAL:D Nach PISA. 24
3.7 Fazit 27
4 Zur Datenaufbereitung 27
5 Zur Darstellungsform 31
6 Illustration mit konkreten Szenen aus dem Schulalltag 33
7 Exkurs zum zugrundegelegten Menschen- und Unterrichtsbild 34
7.1 Humanistische Psychologie 34
7.2 Neurobiologie 39
8 Darstellung und Interpretation ausgewählter Ergebnisse 42
8.1 Einschätzung des Nutzens von Schule 42
8.1.1 SQ24a - School has done little to prepare me for adult life
when I leave school. - Die Schule hat wenig getan, um mich auf das
Erwachsenenleben vorzubereiten, wenn ich die Schule verlasse. 42
8.1.2 SQ24b - School has been a waste of time. - Schule war
vertane Zeit 49
8.1.3 SQ24d - School has taught me things which could be useful
in a job. - Die Schule brachte mir Dinge bei, die im Beruf nützlich sein
k önnen. 60
8.1.4 SQ24c - School has helped give me confidence to make
decisions. - Die Schule unterstützte mein Selbstvertrauen, eigene
Entscheidungen zu treffen. 63
8.2 Lehrer-Schüler-Beziehungen 76
8.2.1 SQ26e - Most of my teachers treat me fairly. - Die meisten
meiner Lehrer behandeln mich fair. 76
8.2.2 SQ26a - Students get along well with most teachers. - Die
Sch üler kommen mit den meisten Lehrern zurecht. 82
8.3 Arbeitsbereitschaft der Schüler (Sicht der Schulleiter) 91
8.3.1 SLQ11e - Students are cooperative and respectful - Die Schüler
sind kooperativ und respektvoll 92
Jüdt - PISA-Fragen an Lehrer und Lehrerausbildung
8.3.2 SLQ11b - Students work with enthusiasm - Die Schüler arbeiten
mit Enthusiasmus ................................................................................. 95 8.3.3 SLQ11g - Students do their best to learn as much as possible -Die Schüler strengen sich an, so viel wie möglich zu lernen. ................ 96 8.3.4 SLQ11d - Student value academic achievement - Die Schüler
schätzen akademische Leistung. .......................................................... 99 8.3.5 SLQ11c - Students take pride in this school - Die Schüler sind
stolz auf diese Schule ............................................................................ 99 8.4 Interesse am Schüler .......................................................................... 101 8.4.1 SQ26b - Most teachers are interested in students’ well-being. -Die meisten Lehrer sind am Wohlergehen der Schüler interessiert ... 101 8.4.2 SQ38a - The teacher shows an interest in every student’s learning. - Der (Mathematik-) Lehrer zeigt Interesse am Lernen jedes
Schülers ............................................................................................... 106 8.4.3 SQ26c - Most of my teachers really listen to what I have to say. - Die meisten meiner Lehrer hören wirklich auf das, was ich zu sagen habe.112
8.5 Hilfe im Unterricht - oder: Eine Frage berufsethischer
Verantwortlichkeit..................................................................................... 116 8.5.1 SQ38e - The teacher helps students with their learning. - Der
Lehrer hilft Schülern beim Lernen. ...................................................... 116 8.5.2 SQ38c - The teacher gives extra help when students need it. -Der Lehrer gibt Extra-Hilfe, wenn Schüler es nötig haben. ................. 119 8.5.3 SQ26d - If I need extra help, I will receive it from my teachers. -Wenn ich Extra-Hilfe benötige, bekomme ich sie von meinen Lehrern. ...
................................................................................................ 121 8.6 Disziplin im Unterricht ....................................................................... 127 8.6.1 SQ38h - The teacher has to wait a long time for students to quieten down. - Der Lehrer muss lange auf Ruhe warten. ................ 127 8.6.2 SQ38k - Students don’t start working for a long time after the lesson begins. - Die Schüler fangen nach Stundenbeginn lange nicht an
zu arbeiten .......................................................................................... 129 8.6.3 SQ38f - There is noise and disorder. - Es gibt Lärm und Durcheinander/ungebührliches Betragen .......................................... 131 8.6.4 SQ38b - Students don’t listen to what the teacher says . - Die Schüler hören nicht auf das, was der Lehrer sagt. SLQ25d ...learning hindered by disruption of classes by students - In welchem Ausmaß ist das Lernen behindert durch Unterrichtsstörungen? .......................... 133
9 Zusammenfassende Interpretation und Folgerungen .......................... 139
1 1 Einleitung: Anlass und Ziel der Untersuchung
»Bei zwei PISA-Studien haben sich deutsche Schüler blamiert. Nun steht der Lehrertest ins Haus - und Deutschland macht einen Rückzieher. Die Kultusminister wollen keine OECD-Forscher mit Videokameras durch die Schulen
streifen lassen. « 1
Dieser Beschluss von 2005 warf erstens die Frage auf, warum die Deutschen 2
sich hierbei ausklammern, und zweitens, ob möglicherweise auch die bereits vorhandenen PISA-Daten einige Hinweise auf den Lehrer hergeben, obwohl die Erhebungen nicht zu diesem Zweck konzipiert waren. Die erste Frage soll hier nur kurz angerissen werden, die zweite ist das eigentliche Thema dieser
Arbeit. 3
Ad 1. Die offiziellen Begründungen für die Absage, eine solche Studie sei zu teuer, zu undifferenziert und werde nur bereits »bekannte Dinge« beschreiben, können hier im Blick auf ihre Stichhaltigkeit nicht untersucht werden. Ein besseres Argument für die Öffentlichkeit wäre jedenfalls der Hinweis darauf gewesen, dass im Rahmen von PISA 2003 eine nationale Zusatzerhebung stattfand, die sich mit der Frage nach den Bedingungen des (Mathematik-) Unterrichts beschäftigte und auch eine Lehrerbefragung beinhaltete, die einiges an Erkenntnissen auch über die Lehrer einbrachte. Allerdings fehlte dabei die Möglichkeit zum internationalen Vergleich.
»"Genug getestet", lautet das Verdikt der Kultusminister.« 1 Dieses Argument, eine solche Untersuchung bringe zu viel Unruhe in die Schulen, kann angesichts eines permanenten Reform-Aktionismus, der vom »Sputnik- bis zum PISA-
Schock« für ständige Unruhe bis an die Grenze des Erträglichen 4 sorgte, kaum
überzeugen. Dennoch ist nachvollziehbar, dass die Minister vor allem im eigenen Interesse zusätzlichen Druck auf die Schulen vermeiden wollten, die aufgrund der PISA-Ergebnisse ohnehin in der Kritik stehen.
1 [http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,378023,00.html - 04.10.2005]
2 (wie übrigens u.a. auch die in dieser Studie zum Vergleich herangezogenen „PISA-Sieger-
Länder“ Finnland und Kanada - die natürlich auch weniger Anlass dazu hatten)
3 Dabei argumentiere ich vor allem aus dem Blickwinkel des Grund- und Hauptschullehrers,
dessen Kenntnis des Gymnasiums sich auf die Begleitung der eigenen und der Kinder von
Kolleginnen und Kollegen durch diese Schulart beschränkt, ergänzt durch Erfahrungen aus der
etwa 10jährigen Arbeit an der Hauptschule eines „kooperativen Schulzentrums“, das auch noch
eine Realschule enthielt.
4 Diese Einschätzung beruht auf einer 45-jährigen Praxiserfahrung als Grund- und Haupt-
schullehrer (20 Jahre) und hauptamtlicher Ausbilder an einem staatlichen Seminar für Didaktik
und Lehrerbildung in Baden-Württemberg (25 Jahre).
Sicher darf man auch vermuten, dass die Kultusminister befürchteten, sich mit den Lehrern - wie schon mit den Schülern - in einem internationalen Vergleich noch einmal zu "blamieren" - selbst wenn sie eine zukünftige Beteiligung an internationalen Lehrer-Forschungsprojekten nicht ausgeschlossen haben. 1
Wie dem auch sei, 23 Länder 5 haben sich in der Folge von PISA an der so genannten TALIS 6 -Studie der OECD beteiligt, aus der erste Ergebnisse 2009 veröffentlicht wurden. 7 Eines davon soll hier herausgestellt werden, da es die
Grundhypothese unterstützt, die das Erkenntnisinteresse der hier vorgelegten Studie ausmacht:
Zwar könne Bildungspolitik die Bedingungen für effektives Lernen fördern, gleichzeitig aber sei die Varianz der Zusammenhänge stärker auf Unterschiede zwischen den einzelnen Lehrern als auf Unterschiede zwischen Schulen und Ländern zurückzuführen. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit, für eine Verbesserung der Lernbedingungen stärker auf Programme zur individuellen Entwicklung von Lehrern zu setzen als auf Interventionen, welche die ganze Schule oder gar das Schulsystem betreffen, wie es traditionell in der Bildungspolitik
üblich sei. 8
Auch wenn Deutschland sich nicht beteiligt hat, kann man davon ausgehen, dass dieses Ergebnis übertragbar ist. Schließlich war es ja auch eine PISA-Erkenntnis, dass sich eindeutige Zusammenhänge zwischen Schulleistung und
Schulsystem nicht feststellen lassen. 9
Hier könnte ein weiterer Grund für die deutsche Nichtteilnahme liegen: Der Fokus der Bildungspolitik liegt seit über 40 Jahren auf nichts anderem als auf strukturellen Veränderungen und „Aktionen“, die für die Lehrerschaft immer neue organisatorische Anforderungen und inhaltliche Aufgabenfelder mit sich brachten. Sie betreffen einerseits unmittelbar den Unterricht im inhaltlichen und methodischen Sinne, andererseits den organisatorischen Rahmen von Un-
5 Countriesparticipating: Australia, Austria, Belgium (Flemish Community), Brazil, Bulgaria,
Denmark, Estonia, Hungary, Iceland, Ireland, Italy, Korea, Lithuania, Malaysia, Malta, Mexico,
Norway, Poland, Portugal, Slovak Republic, Slovenia, Spain and Turkey.
6 OECD’s Teaching and Learning International Survey (TALIS) provides the first internationally
comparative perspective on the conditions of teaching and learning.
7 www.oecd.org/edu/talis/firstresults
8 At the same time, the fact that much of the variation in these relationships lies in differences
among individual teachers rather than among schools or countries underlines the need for
individualised and targeted programmes for teachers rather than just whole-school or system-
wide interventions that have traditionally dominated education policy. (Quelle siehe Fußnote
5.)
9 »Ein zentraler Befund der diesbezüglichen Analysen im internationalen Bericht ist, dass keine
signifikanten Zusammenhänge zwischen der Anzahl der Schulformen bzw. dem Alter der
Differenzierung und dem Kompetenzwert bestehen (OECD ,2004).« PISA 2003, Seite 293.
terricht. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und richtige Chronologie sollen die wichtigsten im Folgenden aufgelistet werden, um einen Eindruck von der Fülle zu vermitteln und auf die Einseitigkeit der Aspekte hinzuweisen, die von der Bildungspolitik (wie von der Schulpädagogik, vor allem wenn es sich um Inhaltliches handelte) als qualitätsentscheidend betrachtet wurden und werden: Schwerpunkt Methodik 10 Sexualerziehung Verkehrserziehung
Neue Mathematik (Mengenlehre, operatives Rechnen) 11 Wissenschaftsorientierung des Unterrichts (zum Beispiel die Wendung vom Heimatkundeunterricht zum wissenschaftspropädeutischen Sachunterricht) und 10 Jahre später in einer Kehrtwendung die Schülerorientie-
rung 12
Drogenprävention/Suchtprävention (Einführung eines „Drogenbeauftragten“, der an einer Schule nicht wirklich etwas ausrichten kann) Orientierung in Berufsfeldern (Einführung eines OIB-Kooperationslehrers) Erweitertes Bildungsangebot (EBA) - mittlerweile den Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen Einführung von Stütz- und Förderkursen
erster Durchgang Englisch in der Grundschule - bald mit guten Gründen aufgegeben, heute mit fragwürdigen Gründen wieder eingeführt die wenige Jahre nach Einführung wieder aufgegebene äußere Differenzierung in A- und B-Kurse (Mathematik und Englisch) koedukativer Sportunterricht
10 Was waren das für „Grabenkriege“ um die „richtige“ Erstlesemethode (analytisch, synthe-
tisch, analytisch-synthetisch, phonetisch orientiert, silbenorientiert ...), den richtigen Schreib-
anfang (Drucken parallel zum Lesen / unabhängig vom Lesen, Druckschrift oder Schreibschrift,
lateinische oder vereinfachte Ausgangsschrift ...) - und alle haben jeder Methode zum Trotz
lesen und schreiben gelernt.
11 Hierzu hatte ich gegen Ende der Siebzigerjahre Gelegenheit, eine kleine empirische Untersu-
chung durchzuführen, als ich zwei erste Klassen parallel als Klassenlehrer übernehmen sollte:
die beiden Gruppen wurden anhand eines Intelligenztests nach Mittelwert und Streuung
parallelisiert und unterrichtlich so weit wie möglich gleich behandelt. Der einzige Unterschied
betraf den Mathematikunterricht: in der einen Klasse verwendete ich den Herder-Lehrgang
Mengenlehre ("logische Blöcke") und in der anderen den Lehrgang "operatives Rechnen" nach
Fricke-Besuden ("Cusinaire-Stäbchen"). Nach zwei und nach vier Jahren wurde mit beiden
Klassen erneut ein Intelligenztests durchgeführt und die Schulleistungen systematisch
verglichen: es zeigten sich keinerlei Unterschiede, weder in den Schulleistungen noch in der
Intelligenzentwicklung. Diese Erfahrung hat sehr früh meine "Methodengläubigkeit" relativiert.
12 Hier, das heißt mit den Bildungsplänen von 1984 (Baden-Württemberg), hätte die Chance
bestanden den Fokus tatsächlich zu verändern und die angebliche (weil nur auf dem Papier
geforderte) "personale Wende" tatsächlich zu implementieren: durch entsprechende Fort-
bildungsangebote, entsprechend veränderte Akzentsetzung in der Lehrerausbildung und Ein-
richtung einer ständigen berufsbegleitenden Supervision.
Kooperation Kindergarten-Grundschule Medienerziehung Freizeiterziehung Umwelterziehung Informationstechnische Grundbildung
Einführung der Hauptschulabschlussprüfung mit mehrfachem Änderungen der Durchführungsmodalitäten
die Einführung der Werkrealschule und des 10. Schuljahres verlässliche Grundschule (und zunehmende Tendenzen der Entwicklung zu einer Ganztagsschule) Konzept Bewegte Schule Konzept Rhythmisierung des Schulalltags Schulkunstkonzepte (jährliche regionale und Landeswettbewerbe) Theaterpädagogik-Konzepte Gesundheitserziehung
Kooperation mit dem Gesundheitsamt zur Zahngesundheitsprävention (von der reinen zahnärztlichen Untersuchung der Erstklässler über die präventive Zahnbehandlung („Lackieren„) bis zum Unterricht des Zahnarztes in den Klassen 1 bis 6)
Erlebnispädagogik (zum Beispiel Kanu-Fahrten mit Fünftklässlern, die nicht in der Lage sind, ihr Boot zu schleppen; Kletter-Aktionen; Besuch von erlebnispädagogischen Einrichtungen auf Klassenfahrten) Einführung von Trendsportarten in der Schule Schulgarten
Leseförderung ("Lesestadt", Schuldruckerei, Lesenächte, Lesewettbewerbe)
Gewaltprävention (neuestes Beispiel "Anti-Mobbing-Wettbewerb" des Innenministeriums)
Gefahrenprävention im Blick auf Computerspiele und Medienkonsum Einführung von Sicherheitsbeauftragten und Krisenstäben an der Schule in Bezug auf Amokläufe Einführung von Frauenbeauftragten Flexibilisierung des Schulanfangs bzw. der Einschulung Jahrgangsübergreifender Unterricht Kooperation mit dem Vorschulkindergartens
Kooperations-Projekte mit verschiedenen Behinderten-Schulen mit der Tendenz zur weitgehenden Auflösung von Sonderschulen (Integration/ Inklusion)
Einführung von so genannten Koop.-Klassen (Kooperationen mit Berufsschulen für schwache Schüler die jedoch nicht verhaltensauffällig sind) Einführung der so genannten Werkstattschule (für extrem verhaltensauffällige Schüler)
Beteiligung der Lehrer an Schulentwicklungs- und Profilbildungsprozessen (Steuerungsgruppen und Projektgruppen, Teamsitzungen, pädagogische Konferenzen) im Rahmen der Landesinitiative zur Verwaltungsreform (»NSI« = neue Steuerungsinstrumente)
zeit- und arbeitsaufwändige Kompetenzenanalysen im zweiten, dritten und siebten Schuljahr
Präventionsmaßnahmen für leistungsschwache Schüler, teilweise in Kooperation mit der Abendhauptschule der Volkshochschule und anderen Einrichtungen zur Nachqualifizierung von Schulabbrechern „FöbbS“-Maßnahmen zur „Förderung besonders begabter Schüler“ - was sich bei genauerem Hinsehen als nicht mehr erweist, als ein marginaler Versuch, kümmerliche Reste des ehemaligen „EBA“ („Erweitertes Bildungsangebot“) überleben zu lassen, das weitgehend den Sparmaßnahmen zum Opfer fiel
Einführung so genannter Strukturklassen (mit einem definierten Anteil von Schülern mit besonderem Erziehungsbedarf) Einführung von und Kooperation mit so genannten Pädagogischen Assistenten
Kooperation mit externen so genannten Lehrbeauftragten Kooperation mit Vereinen (z.B. Musik, Sport)
Einführung von und Kooperation mit Schul-Sozialarbeitern und Schulpsychologen
Einführung schulinterner Fortbildung (SCHILF / Pädagogische Tage) Veränderungen der Fächer bzw. Fächerkombinationen (z.B. von Geschichte zu Geschichte/Gemeinschaftskunde zu Gemeinschaftskunde / Wirtschaftslehre zu den Fächerverbünden WZG [Welt - Zeit - Geschichte in Kombination mit Geografie] und AWT [Arbeit - Wirtschaft - Technik]; in-formationstechnische Grundbildung (ITG) zuerst als neues Fach, später Deutsch als Leitfach untergeordnet
"Medienoffensiven" (SAN = „Schulen ans Netz“ / „Jedem Schüler einen Laptop“)
unterrichtsmethodische Veränderungen in Richtung einer Öffnung des Unterrichtens (von der Gruppenarbeit der Sechzigerjahre bis zu Lerntheke, Freiarbeit, Wochenplan usw. /»Portfolioarbeit«, vorläufig eingeführt und wieder fallen gelassen)
Einführung von „Schüler-Mediatoren" zur Streitschlichtung Einführung von Fächerverbünden
bilingualer Unterricht (auch) in der Hauptschule Einführung des so genannten Europa-Lehramts
Verbalbeurteilungen im Zeugnis als Ergänzung bzw. Ersatz der Ziffernnoten, Wegfall der Kopfnoten
Intensivierung der Kooperation mit den Eltern (Förderverein) und zu allerletzt die aktuellen Bestrebungen, mit der Einführung der eigenständigen Werkrealschule den Exitus der Hauptschule auf „kaltem Wege“ einzuleiten - mit all den belastenden personellen Konsequenzen, die damit verbunden sind
Dass diese und viele andere hier nicht aufgelistete Veränderungen mit begleitenden Fortbildungsmaßnahmen verbunden waren, ist eigentlich selbstverständlich, dient jedoch nicht zum Ruhme des Dienstherrn: erstens findet die so genannte regionale Fortbildung an Nachmittagen statt, bedeutet also eine zusätzliche Belastung für die Lehrkräfte, die teilweise nach der sechsten Stunde ohne Mittagspause zu solchen Veranstaltungen viele Autokilometer zurücklegen müssen, zweitens kommen sie häufig frustriert wieder zurück, weil »der ganze Aufwand mal wieder nichts gebracht hat«. Es wäre eine eigene Untersuchung wert, die regionale Lehrerfortbildung, die in der Verantwortung der staatlichen Schulämter durchgeführt wird, auf ihre Qualität hin zu befragen.
Natürlich sind all diese Maßnahmen mehr oder weniger sinnvoll gedachte Reaktionen auf gesellschaftliche Veränderungen. Dennoch wäre auch das eine eigene Studie wert, all diese administrativen Reaktionen auf die Stichhaltigkeit ihrer Begründungen, auf den gesellschaftspolitischen Entstehungszusammenhang und vor allem auf die Folgen für die berufliche Belastung der Lehrerschaft hin zu untersuchen. Denn unter den Lehrkräften entwickeln sich zunehmend Unmut und Resignation bis zur Fassungslosigkeit, von alledem überrollt zu werden, ohne eine entsprechende Entlastung durch qualitativ hochwertige
Fortbildung 13 bzw. Weiterbildung zu erhalten, die dann auch tatsächlich zu
einer Verbesserung bzw. Erleichterung im Umgang mit den Alltagsproblemen führen würde. Notwendig wären auch entsprechende Anrechnungen, oder alternativ eine Anerkennung durch finanzielle Honorierung von Sonderleistungen.
13 An dieser Stelle werden die Staatlichen Schulämter auf das umfängliche Fortbildungsange-
bot verweisen, das den Schulen alljährlich als dickes Heft zugestellt wird. Allerdings sind die
Erfahrungen der Lehrkräfte im Grund- und Hauptschulbereich mit der Qualität des Angebotes
sehr häufig negativ, so dass auch immer wieder Veranstaltungen mangels Beteiligung ausfallen.
Zu untersuchen wären Aspekte wie: Wie funktioniert das System der Bedarfs-Erhebung re-levanter Themen? Wer gilt aus welchen Gründen und mit welcher Vorerfahrung als qualifiziert
zur Durchführung? Wer nimmt mit welchen Motiven teil/nicht teil? Wie lässt sich die
Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit mit der erlebten (Un-) Professionalität der Fortbildungen
quantifizieren und welche Konsequenzen wären daraus zu ziehen?
Die ganze Liste von Veränderungen enthält aber nicht eine Position, welche die „Innenseite“ des Unterrichts tangieren würde: Interaktion, Kommunikation, Beziehungsgestaltung - von einer ausreichenden Anzahl Verfügungsstunden für Klassenlehreraufgaben wie Konfliktbearbeitung, Beziehungsgestaltung, Entwicklung und Pflege der Klassengemeinschaft, Beschäftigung mit besonderen Problemfällen u.a.m. ganz zu schweigen. Stattdessen wurden die in den achtziger Jahren zur Verfügung gestellten Unterrichtsstunden für das so genannte Erweiterte Bildungsangebot (EBA) im Zuge von Sparmaßnahmen fast vollständig zurückgenommen. Mit diesem konnte die Schule individuellen Schülerinteressen entgegenkommen, das wirkte frustreduzierend und trug auch dazu bei, dass Schüler sich mit der Schule als ihrer Schule identifizieren konnten.
Es reicht m.E. nicht, über die Schule und den Lehrer politisch motivierte Vermutungen anzustellen, die von ideologisch eingefärbter Konkurrenz zwischen den Schulsystemen der deutschen „Kultur-Kleinstaaten“ über vorschnelles Reagieren auf pädagogische „Moden“ sowie Ansprüche der Wirtschaft bis zu mangelnden Investitionen finanzieller Mittel reichen - während über eine mögliche Vernachlässigung der zwischenmenschlichen Dimensionen des Lernens weder öffentlich noch innerdienstlich nachgedacht wird. Und genau hierauf legt diese Arbeit den Fokus und zieht die Schlussfolgerung, dass hier ein Defizit an Erkenntnisinteresse und dementsprechend an Bildungsforschung zu beklagen ist.
Da der ständige Reformeifer, der sich seit den siebziger Jahren meist auf die Ebene der Organisation und der Lehrplaninhalte beschränkte - nach zwei PISA-Runden beurteilt - offensichtlich wenig erfolgreich war, sollte nun endlich nach Gründen gesucht werden, die nicht auf der Organisationsebene liegen. Möglicherweise sind personale Lehrerqualitäten für den Lernerfolg entscheidender als Rahmenbedingungen. Dies ist die Ausgangs- und Grundhypothese dieser Arbeit, die sich aus einer 25-jährigen Tätigkeit in der Lehrerausbildung ergeben hat. Aus dieser Hintergrunderfahrung leitet sich auch das Erkenntnisinteresse der nachfolgenden Untersuchung ab, nämlich in den vorliegenden PISA-Daten nach Hinweisen zur Bestätigung dieser Hypothese zu suchen.
Ad 2. Angesichts des o.a. Verzichts der deutschen Kultusminister - die der sonstigen Pflege (schul)kultureller Eigenständigkeit zum Trotz hier große Einigkeit zeigten - wurde also die Frage interessant, ob sich nicht auch aus den vorhandenen PISA-Daten Hinweise auf die Lehrer herausfiltern lassen, die ei- nen Vergleich mit anderen Ländern ermöglichen.
Allerdings sind die Interpretationen zur Frage nach dem Lehrer in dreifacher Hinsicht eingeschränkt, so dass die vorliegende Studie lediglich explorativen Charakter haben kann:
Die internationalen PISA-Daten wurden unter dem Gesichtspunkt der Schüler-Leistung erhoben. Dabei liegt die Betonung zum einen auf Schüler, d.h. die Daten sind für Aussagen über den Lehrer eher unspezifisch. Zum anderen liegt die Betonung auf Leistung, und zwar im Sinne eines anwendungsbezogenen Lernens, das sicher weniger beinhaltet als die traditionellen Vorstellungen, die sich mit dem deutschen Wort Bildung verknüpfen. Es muss also die Möglichkeit offen gehalten werden, dass deutsche Schüler (und damit auch die Lehrer) auf anderen Gebieten mehr geleistet haben könnten, die außerhalb des eingeschränkten „literacy“-Konzeptes der PISA-Konstrukteure liegen und daher nicht erfasst werden konnten. (Gleichwohl muss auch diese Einschränkung wieder relativiert werden, denn das weiter greifende traditionelle und spezifisch deutsche Konzept einer umfassenden Persönlichkeitsbildung sollte das enger gefasste literacy-Konzept als Teilmenge einschließen, wenn es sich nicht dem Vorwurf aussetzen will, die "Bodenhaftung" zu verlieren.) Drittens schließlich sind auch die statistischen Analysemöglichkeiten eingeschränkt, die einem Home-PC-Anwender zur Verfügung stehen, dazu weiter unten mehr.
Dennoch erschien die Möglichkeit, auch aus den vorhandenen Daten Hinweise zum Lehrerverhalten und zu Lehrer-Einstellungen zu gewinnen, nicht unrealistisch: Neben den eigentlichen Leistungstests wurde den PISA-Teilnehmern ein Schülerfragebogen vorgelegt. Dieser enthält u.a. verschiedene Gruppen von Aussagen, anhand derer die Schule, die Lehrer und die soziale Integration der Schüler in der Schule auf einer vierstufigen Ratingskala eingeschätzt werden
sollte. 14 Auch die Schulleiter hatten einen ähnlich aufgebauten Schulfragebo-
gen zu bearbeiten, der inhaltlich ähnliche Bereiche abfragte - wenn auch leider nicht konsistent parallel.
Da es sich bei solchen Abfragen um subjektive Wertungen handelt, fußen alle in der vorliegenden Studie vorgenommenen Interpretationen zum einen Teil auf solchen Meinungen bzw. Einschätzungen und nur zum anderen Teil auf »Messwerten«. Dies muss man im Auge behalten, auch wenn es im Folgenden
14 Die betreffenden Items sind in den später veröffentlichten Daten aus PISA 2006 nicht mehr
enthalten, sodass ein entsprechender Vergleich unter dem Gesichtspunkt einer eventuellen
Veränderung nicht möglich ist. Zwar ist nicht anzunehmen, dass sich im Abstand von zwei
Jahren in diesem Bereich Veränderungen ereignen, aber es wäre interessant gewesen, durch
eine Wiederholung derselben Fragen die Stabilität der Daten von 2003 zu überprüfen.
immer wieder um »Messwert«-Vergleiche geht. Denn die Untergruppen, deren »Messwerte« verglichen werden, sind mit Hilfe der Meinungskundgaben als Einteilungskriterium zustande gekommen.
Die vorgelegte Datenanalyse liefert also keine »harten Fakten«. Aber sie soll -und kann dies auch mit genügender Sicherheit - Fragen aufwerfen, die auf einem statistischen Zusammenhang zwischen den strukturiert abgefragten Meinungen (den Schüler- bzw. Schulleiterantworten in den entsprechenden Fragebögen) und den durch die PISA-Testverfahren gewonnenen »Messwer-
ten« 15 beruhen.
Vorsichtshalber sei darauf hingewiesen, dass ein zahlenmäßiger Zusammenhang für sich genommen keinen Beweis für irgendetwas liefert, da er keine Aussage darüber macht, in welcher Richtung ein eventueller Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zu denken ist, oder ob vielleicht eine Kovarianz aufgrund dritter Faktoren vorliegt oder überhaupt nur eine zufällige Entsprechung - wofür etwa die signifikant positive Korrelation zwischen den Geburtenzahlen und der Anzahl besetzter Storchnester in den Jahren 1911 bis
1935 in Bremen ein amüsantes Beispiel darstellt. 16 Ursachenzusammenhänge
plausibel zu machen, kann sich auf Zahlen-Korrelationen stützen, bleibt aber immer der Interpretation in einem Deutungskontext vorbehalten.
Jedenfalls belegt die Datenanalyse, wie sich zeigen wird, durchaus die Notwendigkeit, eben doch genauer hin zu sehen, als es sich die deutschen Kultusminister getraut haben - siehe oben. Die aufgeworfenen Fragen müssten dann durch eine schulbegleitende pädagogische Praxisforschung genauer untersucht werden, um für Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung notwendige Konsequenzen ableiten zu können, die nicht nur - wie so oft - auf politischen Meinungen beruhen.
Ein positives Ergebnis sei gleich vorweggenommen: Die Urteile der Schüler und der Schulleiter über ihre Lehrer sind bei allen Items mehrheitlich positiv, und die Zeiten der „Schwarzen Pädagogik“ sind mit Sicherheit vorbei. Es soll hier also nicht schwarz gemalt, eben so wenig aber auch schön geredet werden.
15 Dass der Begriff »Messwerte« hier in Anführungszeichen gesetzt wird, hat folgenden Grund:
Obwohl die PISA-Handbücher einen enormen statistisch-wissenschaftlichen Aufwand erkennen
lassen, der ohne Zweifel für eine hohe technische Qualität der Ergebnisse spricht, scheue ich
grundsätzlich davor zurück, bei der Erhebung von Lern- und Intelligenzleistungen von Messung
zu sprechen, denn gerade die klassischen Testgütekriterien machen ja deutlich, dass es sich
auch bei noch so sorgsamer Erhebung immer um unsichere, von der Situation, der Tagesform,
der kommunikativen Passung abhängige, eben trotz allem um »weiche« Daten handelt.
Schätzung statt Messung wäre m.E. der im sozialwissenschaftlichen Bereich passendere Begriff.
16 S. HOFSTÄTTER/WENDT: Quantitative Methoden der Psychologie. München 1966; Seite 143.
Denn ebenso sicher ist das zweite Ergebnis: gemessen an einem humanistischen Menschenbild und daraus abgeleiteten Grundsätzen für ein Lehrerleitbild scheint es eine allzu große Gruppe von Lehrern zu geben, für die noch »Entwicklungsbedarf« - vor allem an „sozialer Kompetenz“ - besteht! Der Kompetenzbegriff wird hier mit Bedacht gewählt, obwohl er seines bildungs-politischen Kontextes wegen zu Recht in der Kritik 17 steht: Gemeint sind hier
die verschiedenen Aspekte des lateinischen Ursprungswortes »competo«: der Kraft-Aspekt im Sinne von Wirkmächtigkeit, der Ermächtigungsaspekt im Sinne der Zuständigkeit für etwas und der intentionale bzw. Performance-Aspekt des Verlangens / Begehrens / Wollens.
Das zusammengenommen ergibt so etwas wie den Inbegriff eines unverzichtbaren und grundlegenden Fähigkeitsbereiches einer professionellen Lehrerpersönlichkeit - wenn nicht gar des wesentlichen überhaupt! Der Lehrer muss (neben seiner fachlichen Kompetenz) nicht nur fähig sein zur bewussten Gestaltung von Interaktionen und Beziehungen, sondern muss (angesichts der Subjektivität aller Lernprozesse) die überragende Bedeutsamkeit dieser Fähigkeit einschätzen können und muss es zu seinem berufsethischen Selbstverständnis machen, diese Fähigkeit auch ständig aktiv einzusetzen (Performance-Aspekt) und dort als Bringschuld zu verstehen, wo Interaktionspartner (Schüler, Eltern, Kollegen etc.) sich zunächst gegen die Aufnahme von Beziehungen sper-ren. Dieses »pädagogische Glaubensbekenntnis« 18 ist der Deutungskontext für
die nachfolgenden Interpretationen.
Die Ausgangshypothese korrespondiert (siehe unten) durchaus mit einem Ergebnis der (deutschen) PISA-Zusatzerhebung zum Mathematikunterricht, demzufolge nicht einmal ein Fünftel der deutschen (Mathematik-) Lehrer einem „optimalen“ Inszenierungsmuster von Unterricht zuzurechnen ist. Kennzeichen eines solchen faktorenanalytisch entwickelten Musters sind hoher intellektueller Anspruch, Verantwortlichkeit gegenüber dem Lernfortschritt des einzelnen Schülers und seinem persönlichen Wohlergehen sowie „Gruppenaktivierung“, „Reibungslosigkeit und Schwung.“ (Die drei letzten Begriffe stammen nicht von den PISA-Autoren, sondern von dem amerikanischen Sozialwissenschaftler KOUNIN, der sich bereits in den 70er Jahren mit der Frage nach den
17 einer Bedeutungseinengung in Richtung ökonomischer Nützlichkeit
18 Die Grundlage dafür habe ich an anderer Stelle unter dem Stichwort "Subjektivität des
Lernens" dargestellt - siehe dazu das Manuskript N. JÜDT: Erziehen - Lernen aus der Praxis (II).
PMP Grundschule, Neckar Verlag Villingen, Veröffentlichung 2010 vorgesehen. Aus diesem
werden die betreffenden Passagen in einem weiter unten folgenden Exkurs übernommen.
Faktoren gelingenden Unterrichts beschäftigte und dessen Erkenntnisse nun
durch die PISA-Ergebnisse wieder bestätigt werden. 19 )
2 2 Vom Sputnik- zum PISA-Schock
Für jemanden, der die Entwicklung der pädagogischen Hochschulen von ihrer Gründung an miterlebt und über vier Jahrzehnte lang weiter beobachtet hat, ist dieses Ergebnis allerdings wenig verwunderlich. Deren Gründung fiel in die Zeit des so genannten »Sputnik-Schocks«. Damals geriet die westliche Welt geradezu in Panik angesichts ihres vermeintlichen technologischen Rückstan-des, für den zumindest bei uns auch gleich die von GEORG PICHT 20 ausgerufene
»deutsche Bildungskatastrophe« verantwortlich gemacht wurde.
Der Bildungsplan für die Volksschulen in Baden-Württemberg von 1964 kam ja auch noch ("katastrophal"?) bescheiden daher. Der komplette Plan war »ein Heft im DIN-A5-Format mit insgesamt etwa 190 Seiten für 15 Fächer und 8 Schuljahre, das sind im Schnitt 1,5 Seiten locker gesetzte Themenlisten für ein Fach und ein ganzes Schuljahr. ... Hinter diesen "Listen" stand die geisteswissenschaftliche oder auch bildungstheoretische Didaktik mit ihrer grundlegenden Annahme, Bildung ereigne sich, wenn wir die Schüler mit den richtigen, nämlich den bildungswirksamen, Stoffen beschäftigen. Nach wie vor ist auch heute die Frage nach dem »Bildungswert« (KLAFKI) eines Unterrichtsinhaltes aktuell, insbesondere - im Blick auf den neuen Bildungsplan - die Frage nach der Exemplarizität: Wofür ist der angebotene Inhalt exemplarisch? Ist er ein
besonders prägnantes Exemplar für ähnliche 21 Stoffe/Gegenstände/ Inhalte?
Zeigt er ein Prinzip, eine Struktur, einen Zusammenhang, eine Entsprechung auf, der/die/das sich auf andere Stoffe, in andere Bereiche übertragen lässt? Die bildungstheoretische Didaktik wurde kritisiert u.a. wegen ihres diffusen und wenig konkreten Bildungsbegriffes und abgelöst durch eine wissenschaftlichtechnologische Wende: geleitet einerseits von der Besinnung auf die Notwendigkeit, den Unterricht stärker am pragmatischen und operationalisierbaren Begriff des Lernens (anstelle von Bildung), stärker an Zielen als an Inhalten zu orientieren und die Ziele als beobachtbares Soll-Verhalten der Schüler zu
definieren (»Operationalisierung«)«. 22
19 KOUNIN, JACOB S.: Techniken der Klassenführung. Waxmann Standardwerke aus Psychologie
und Pädagogik. Reprint 2006, 1. Aufl. d. Originals: Huber Verlag Bern 1976.
20 GEORG PICHT: Die deutsche Bildungskatastrophe. dtv 1964.
21 eine Klasse von Gegenständen
22 Leicht verändert entnommen aus N. JÜDT: Ästhetische Bildung im Fächerverbund Mensch -
Natur und Kultur. PMP 34/II-2007, S. 2. Neckar-Verlag Villingen.
Das Zauberwort Operationalisierung sollte herausführen aus der Willkür und Unverbindlichkeit des Umgangs verschiedener Lehrer mit denselben Inhalten auf unvergleichbaren Niveaustufen und aus der damit zu Recht kritisierten Subjektivität und Willkür der traditionellen Leistungsbeurteilung (INGENKAMP u.a. in den 1970er Jahren)
Den vermeintlichen technologischen Rückstand glaubte man politischerseits mit Hilfe einer hektischen quantitativen Bildungsexpansion und pädagogischerseits mit einem »wissenschaftsorientierten« Unterricht aufzuholen zu müssen.
Ich selbst führte 1966/67 im Rahmen meiner Wissenschaftlichen Hausarbeit zur zweiten Staatsprüfung für das Lehramt an Volksschulen an mehreren Schulen im südlichen Landkreis Karlsruhe eine empirische Untersuchung zum Thema unzureichender Bildungsbeteiligung durch. Die Ergebnisse zeigten, »dass in den erfassten Ortschaften - ... - noch beträchtliche Begabungsreserven vorhanden sind, die in Zukunft ausgeschöpft werden müssen. Bei dem ermittelten Satz von 22 % ungeförderter Begabungen handelt es sich um eine vorsichtige und damit relativ sichere Schätzung. Wahrscheinlich liegen die tatsächlichen Werte noch etwas höher. ... Zur Erschließung dieser Begabungen wäre die Errichtung einer Mittelschule und eines Gymnasiums in L. Dringend erforderlich, verkehrstech-
nisch günstig und bezüglich der ... Schülerzahlen ohne Risiko möglich.« 23
Die Realschule und das Gymnasium wurden tatsächlich gebaut - als zweiter bzw. dritter Bauabschnitt nach der neuen Hauptschule - ein „kooperatives Schulzentrum“. Natürlich hatte dieses durchweg (immer wieder undichte) Flachdächer - dies sei erwähnt als Hinweis auf die „rational-ökonomische“ und nicht nur akustisch "nervtötende" Plattenbau-Architektur dieser Zeit). Natürlich
besaß es auch ein „Sprachlabor“ 24 - als Ausweis des bildungstechnologischen
Fortschritts. Allerdings - bald nachdem die Attraktivität des Neuen verflogen
war, staubte dieses Nonplusultra der Bildungstechnik ungenutzt vor sich hin... 25
23 N. Jüdt: Probleme der Ermittlung und Erschließung so genannter Begabungsreserven.
Empirische Untersuchung in einem Gebiet des Kreises Karlsruhe mit relativ geringer Aus-bildungsbeteiligung. Wissenschaftliche Hausarbeit zur zweiten Dienstprüfung für das Lehramt
an Volksschulen. 1966/67.
24 - ein Begriff, der eigentlich ja weniger an das Erlernen einer Sprache denken lässt, sondern
eher den Eindruck erweckt, als solle man in diesem Labor Sprachen experimentell erforschen
oder gar neue synthetisieren...
25 Es ist mit dem Erlernen einer Fremdsprache wohl nicht viel anders als mit dem der
Muttersprache: man braucht und wünscht sich eben doch den sprachmotivierenden Sozial-
kontakt eines menschlichen Partners und nicht eine Maschine. Sprache entsteht in der und für
die Kommunikation und nicht in der und für die Isolation in einer technischen Box. (Damit soll
natürlich keineswegs die Effizienz des Systems geleugnet werden, die es aber nur dann zeitigt,
wenn ein intrinsisch Motivierter sich selbst dazu entschließt, möglichst schnell eine Fremd-
sprache zu erlernen.)
An diesem Beispiel zeigt sich, dass »Bildung« bereits damals weithin quantitativ im Sinne der zahlenmäßigen Beteiligung an »weiterführenden« Ausbildungsgängen verstanden wurde.
Als man 1962 die Pädagogische Hochschule Karlsruhe aus der Taufe hob und
für den ersten Jahrgang der nun plötzlich »wissenschaftlichen« 26 Lehrer ihre
Pforten öffnete, dachten wir Studierenden sehr intensiv darüber nach, worin denn nun die neue Wissenschaftlichkeit der Hochschule gegenüber dem früheren Pädagogischen Institut bestehen sollte. Was wir uns damals vorstellten, war schulpraktische pädagogische Forschung im Klassenzimmer - didaktisch, methodisch, erzieherisch (und nicht systembezogen und ökonomisch orientiert). Stattdessen entwickelten sich die pädagogischen Hochschulen auf Grund prinzipieller "Konstruktionsfehler" (s.u.) zu so etwas wie »Mini-Universitäten«, in denen die Professoren ihre Wissenschaftlichkeit vor allem in der Sache ihrer Fächer unter Beweis zu stellen versuchten, weniger in der Didaktik/
Methodik der Sache. 27 Und die Beschäftigung mit Erziehung beschränkte sich
lange auf den historischen und den systematischen Blick, weniger auf den schulpädagogisch-praktischen.
Der Sputnik-Schock förderte die einseitige Fokussierung auf die technischnaturwissenschaftliche Seite, ganz entsprechend den neuen Anforderungen einer hochindustrialisierten Gesellschaft, in der die alten Leitbilder der Großfamilie in überwiegend agrar, handwerklich und kirchlich-christlich geprägten Strukturen zunehmend realitätsfern wurden. Benötigt werde der technischwissenschaftlich (aus)gebildete Mensch, der nur in optimal ausgestatteten Schulsystemen - mit Fachräumen für alle naturwissenschaftlichen Fächer sowie dem erwähnten „Sprachlabor“ - heranzubilden sei. In der Folge blähten sich „architektonische Todsünden“ zu Betonlabyrinthen mit teilweise Tausenden von Schülern auf, im ländlichen Raum entstanden große "Mittelpunktschulen", kleine dörfliche Grundschulen wurden aufgelöst.
Der technisch orientierte "Tunnelblick" leistete auch der erwähnten fachwissenschaftlichen Orientierung der Pädagogischen Hochschulen Vorschub. Diese rekrutierten im Übrigen mit dem Eintritt der Übergangsgeneration in den Ruhe-stand ihren wachsenden Bedarf an wissenschaftlichem Personal aus beamtenrechtlichen Laufbahngründen kaum aus der eigenen Zielgruppe, die in
26 (im Gegensatz zum heute noch weiterbestehenden - "unwissenschaftlichen"? - Fachlehrer)
27 Exemplarisch seien willkürlich die »kpb“ 52/2002 herausgegriffen. Dort finden sich Artikel
wie „Entwurf einer Übersetzungstheorie - Das Pänomen der Übersetzung“ - “Zur Rezeption
österreichischer Literatur in Ägypten“ - „Textlinguistik in China“ - „Innovationsmanagement in
der DDR 1979-1989“ - „Literarische Variationen von Märchen in der Literatur der Moderne“ Die Liste solcher Titel ließe sich unschwer anhand weiterer kpb-Hefte verlängern.
der betreffenden Schulform Berufserfahrung gehabt hätte. So konnte es vorkommen, dass an einer Pädagogischen Hochschule ein Professor höhere Mathematik lehrte, der in seinem bisherigen Berufsleben keine einzige Un-terrichtsstunde - geschweige denn an einer "Volksschule" - gehalten hatte.
Die Lehrpläne dieser "technologischen" Periode strotzten von wissenschaftlichem Fachvokabular und mussten für das lehrende "Fußvolk" an der Alltagsfront in ungezählten Fortbildungsveranstaltungen in verständliche Sprache und realisierbare Unterrichtsvorstellungen "nachübersetzt" werden.
In den pädagogischen Zeitschriften tauchten allerdings in der zweiten Hälfte der 70er Jahre die ersten Artikel über Vandalismus und Gewalt an diesen anonymen Bildungsfabriken auf, eine "Null-Bock-Generation" wurde ausgerufen und man machte sich Gedanken über die "heimlichen Lehrpläne", die in diesen Systemen anscheinend (vor allem aus dem Blickwinkel antiautoritären „68-er Revolte“) wirksamer waren als das, was in den offiziellen "Curricula" stand . (Insbesondere die später eingestellte Zeitschrift »betrifft:erziehung« kümmerte sich schulkritisch um solche Themen.)
Überbetonung der Rationalität, Aufbegehren gegen jede Autorität und Hinterfragen eines jeglichen Anspruchs - gleich aus welcher Richtung - ist ebenso ein Kennzeichen der 68er-Studenten-Proteste wie einer antiautoritären bzw. emanzipatorischen Pädagogik, die dem destruierenden Protest gegen alles Au-toritative nichts Alternativ-Konstruktives zur Seite stellte. Die Verbindung einer solchen Pädagogik mit der Fach- bzw. Sachorientierung des "wissenschaftlichen" Lehrers ließ das Erziehen als Praxis im und durch Unterricht in den Hin-tergrund treten.
Diese Tendenzen wurden jedoch bereits Ende der siebziger Jahre vor allem aus
der psychoanalytischen und aus der konservativen „Ecke“ kritisiert 28 und
mussten schließlich zu Beginn der Achtzigerjahre einer so genannten »personalen Wende« in der Schulpädagogik Platz machen. Den neuen Bildungsplan für die Grund- und Hauptschulen von 1984 (BW) mit seiner Betonung des Klassenlehrerprinzips und der Schülerorientierung des Unterrichts kann man in dieser Hinsicht durchaus als eine paradigmatische Wende bezeichnen. Der Bildungsplan von 1994 war in derselben Hinsicht nur eine Fortschreibung mit verstärkter Betonung fächerübergreifender Aspekte des Lernens, die bereits 1984 erstmals enthalten waren. An der Lehrerausbildung änderte sich durch die »personale Wende« allerdings wenig, denn die Lehrer wurden nach wie
28 Siehe zum Beispiel RUDOLF AFFEMANN: Warum die antiautoritäre Erziehung scheitern musste.
Aufsatz in NEUE ZÜRICHER ZEITUNG am 7./8.+l4./15.JULI 1979 sowie die „Thesen Mut zur
Erziehung“.
vor eben nicht als Personen für die Begleitung von individuellen Lernprozessen, sondern als Fachleute für Sachvermittlung ausgebildet und werden dies bis heute noch.
Der Bildungsplan von 2004 treibt dann das fächerverbindende Lernen auf die Spitze, indem er die ehemaligen Einzelfächer in Fächerverbünden "verschwinden" lässt. Die Seminare für Didaktik und Lehrerbildung arbeiten infolgedessen mit ungeheuren Reibungsverlusten, da sie ständig mit der (allein schon orga-nisatorischen) Quadratur des Kreises beschäftigt sind, Lehrer auf das Unterrichten in Fächerverbünden vorzubereiten - gleichzeitig jedoch auch und vor allem auf eine Prüfung in ihren studierten Fächern, worauf sie einen Rechtsanspruch haben.
Kein Wunder, dass auch diese Lehrplanreform von der Schulpraxis unterlaufen
wird - bereits von den widersprüchlichen Ausbildungserfahrungen her. 29 Die
Praxis der Stundenplangestaltung wohl in den meisten Schulen zeigt jedenfalls einen pragmatischen Umgang mit den so genannten Fächerverbünden: Sie werden als nominelle Etiketten verwendet, während der tatsächliche Unterricht nach wie vor zum größten Teil in Fächern organisiert ist - dekoriert hin und wieder durch fächerübergreifende Projekte.
Auch wenn als Autor für die »ganzheitlich«-bildungstheoretische Einführung (ein und dieselbe für alle allgemein bildenden Schularten!) in den Bildungsplan HARTMUT VON HENTIG ausgewiesen ist, kann man davon ausgehen, dass sich das baden-württembergische Kultusministerium nicht wirklich von bildungsthe-oretischen Überlegungen hat leiten lassen, als es das Konzept der Fächerverbünde entwickelte, sondern (ebenfalls ganz pragmatisch...) von einem bildungspolitisch selbst verschuldeten Fachlehrermangel, der in dem Moment hätte vorausgesehen werden müssen, als man für jeden Studierenden der Pädagogischen Hochschulen Mathematik oder Deutsch verpflichtend machte, während gleichzeitig die Anzahl der zu studierenden Fächer von drei auf zwei reduziert wurde.
29 Wahrscheinlich bleibt jede Reform, die im Zehnjahresrhythmus (dem Verwaltungsrecht
geschuldet) über die Schulen kommt, eher eine Oberflächenströmung, unter der sich ein zäher
Bodensatz individueller Berufserfahrung nur langsam fortbewegt - vielleicht gar zum Glück,
denn in diesem Boden hat das je aktuelle Verhalten der Lehrer seine Wurzeln und seinen
subjektiven Halt. Schließlich fehlte den Schulreformen durchweg ein solides Fundament
kontinuierlicher schulpraktischer Begleitforschung sowie einer wirksamen Implementation,
welche die Lehrkräfte auch „mitnimmt“. Die mit der ersten großen Reform ins Leben gerufene
Bildungsforschung konnte - wie auch TERHART in dem zitierten Buch feststellt - die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Das liegt m. E. vor allem an dem nur quantitativen Ansatz
und der falschen Vorstellung von der Möglichkeit einer wertneutralen empirisch-wissenschaft-
lichen Pädagogik.
Das „ganzheitliche“ 30 Fächerverbundskonzept passt so gar nicht in den TIMSS-
IGLU-PALMA-PISA-Kontext, in dem »Bildung« mehr oder weniger deutlich auf Ausbildung zur „Verwertbarkeit“ in ökonomischen Zusammenhängen reduziert ist. Die Kultusbürokratie reagierte dem ganzheitlichen Bildungsplan-Ansatz zum Trotz selber in diesem eng gefassten Sinn auf die unerwartet schwachen Schülerleistungen:
mit der Ersetzung des Begriffes »Lernziel« durch den international kompatibleren Begriff »Kompetenz(bereich)«. Schaut man aber genauer hin, sieht man, dass dies erstens nicht konsequent durchgehalten wird und zweitens kaum mehr als den Austausch von Etiketten darstellt; mit der Formulierung von nationalen Bildungs-„Standards“ - ein Begriff, der aus der Wirtschaft übernommen wurde und der für den Bildungsbereich eher ungeeignet erscheint, da er »einerseits suggeriert, man könne durch das Setzen von (un-!)bestimmten Zielmarken die Qualität von Bildung verbessern, und andererseits, man könne dadurch eine Wendung von der angeblich bisher vorherrschenden «Input-Orientierung» zu einer angeblich (im Blick auf PISA) notwendigen «Output-Orientierung» der Schule erreichen. ... Diese «Bildungsstandards» unterscheiden sich im Grunde durch nichts als die Anordnung bzw. Gliederung von den ehemaligen «Zielen» der Bildungspläne von 1984 und 1994. Insofern kann von einer neuerlichen paradigmatischen Wende im Jahre 2004 keine Rede sein, auch wenn man das auf Fachtagungen zur Implementation der Bil-dungsplanreform ... des Öfteren mit dem Pathos großer Bedeutsamkeit
so hören konnte.« 31 Der Bildungssoziologe WOLFGANG BÖTTCHER hält in der »Debatte über Bildungsstandards« 32 letztere zwar - unter anderem mit Blick auf Erfahrungen in Amerika - für ein geeignetes Instrument zur Beförderung einer Bildungsreform; die von ihm zitierten Formulierungsbeispiele (etwa: "Schüler können Informationen nutzen" u.ä.) zeigen aberwie auch der Bildungsplan 2004 von Baden-Württemberg - die Schwierigkeit, Bildungsziele zu »standardisieren«. Was soll das denn konkret und auf welchem Niveau bedeuten, dass Schüler Informationen nutzen kön-
30 Gegenden Begriff »Ganzheitlichkeit« wurde zwar die sicherlich berechtigte Kritik der
Unschärfe und Diffusität vorgetragen: JÖRG-DIETER WÄCHTER wollte den Begriff „dekonstruieren“
und ihn als „pädagogisches Ideologem“ für unbrauchbar erklären. [Zur Dekonstruktion eines
pädagogischen Ideologems. In: karlsruher pädagogische beiträge 51/2001, S. 49 ff.], für mein
Verständnis eignet der Begriff sich jedoch gerade heute wieder, um die unauflösliche Einheit
von Rationalität, Emotionalität, Wollen und Handeln zu kennzeichnen.(Siehe dazu auch N. Jüdt,
„Ganzheitlichkeit“ in: Seminar Pforzheim (Hrsg.): Anregungen zur Fortentwicklung der
Lehrerausbildung. Neckar-Verlag Villingen 2003. Seite 104 ff.)
31 N. JÜDT: Ästhetische Bildung im Fächerverbund Mensch Natur und Kultur. In: Planung
Materialien Praxis (PMP) Grundschule, 34. Lieferung II 2007, Neckar Verlag Villingen, S. 4]
32 WOLFGANG BÖTTCHER: Zur Debatte über Bildungsstandards als Reforminstrumente. In:
SchulVerwaltung (Ausgabe Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland), 7. Jg., 2003, Nr. 3, S. 77- 80
nen? Die »Standardisierung« scheitert an der Kollision zweier Interessenrichtungen: einerseits soll der Schule mehr Autonomie eingeräumt werden (um damit leistungssteigernde Konkurrenz zu ermöglichen), andererseits braucht man dann aber zur »operationalen Output-Kontrolle« ein »Qualitätsmanagement«, welches engere Vorgaben benötigt als "Schüler können Informationen nutzen".
mit verstärkter Zentralisierung von Prüfungsaufgaben und Kompetenzanalysen und »einer häufigeren Durchführung von Leistungsüberprüfungen - einschließlich der Schule selbst (Evaluation ohne vorherige in-
haltliche Qualitätsdiskussion!)« 33 Der Bildungsjournalist REINHARD KAHL prägte dazu das Bonmot: »Vom vielen Wiegen wird die Sau nicht fetter.« Und die Frage nach den Ursachen bleibt ungestellt. Stattdessen werden die Schulen mit Aktionen „überschüttet“, 34 die eine interessierte Öffentlichkeit darüber hinwegtäuschen (sollen), dass man für die Beseitigung der Ursachen eigentlich keinen Plan hat - mit Ausnahme verschiedener Ansätze zur besseren sprachlichen und schulleistungsmäßigen Integration von Migrantenkindern. Damit reagiert man auf die peinlichste Kritik: ausgerechnet Deutschland, das sich nach dem Krieg krampfhaft bemühte, nur ja nicht dem Anschein von Ausländerfeindlichkeit Vorschub zu leisten, benachteiligt seine Ausländer durch Vorenthalten von Bildung!
Ausgeblendet bleibt in der PISA-Rezeption (wie auch in den Amtsstuben der Schulbürokratie) im Wesentlichen der Blick auf die Lehrer. Das soll im Folgenden an wenigen ausgewählten Literatur-Beispielen aufgezeigt werden.
33 N. JÜDT, l.c.
34 - in Fortsetzung und „Beschleunigung“ der Liste auf den Seiten 5-7
3 3 Ausgewählte Veröffentlichungen zu PISA
Die folgende kurze Übersicht ist lediglich als exemplarische Orientierung (und
nicht als Rezeptionsanalyse 35 ) unter der Fragestellung gemeint, inwieweit
Konsequenzen für den Lehrer aus den PISA-Daten gezogen wurden. Die öffentliche Mediendebatte jedenfalls beschränkte sich in diesem Zusammenhang eher auf allgemeine Kritik und allgemeine Forderungen, zum Beispiel nach "besserer" Lehrerausbildung und -Fortbildung, ohne dies jedoch in Bezug auf die Datenlage zu spezifizieren. Außer dem PISA-Konsortium selbst sollen ein Journalist (KONRAD ADAM), ein Vertreter aus der Bildungspolitik (JÜRGEN RÜTT- GERS), einPsychoanalytiker (ALLAN GUGGENBÜHL), ein Vertreter der universitären Lehrerbildung (FREERK HUISKEN) und ein Bildungsforscher (EWALD TERHART) zu Wort kommen.
3.1 Das PISA-Konsortium (2003)
In der Veröffentlichung des PISA-Konsortiums beschäftigt sich das Kapitel 10 mit »Schule und Unterricht«. Darin geht es zunächst um »institutionelle und organisatorische Rahmenbedingungen von Schule und Unterricht«, »Kompetenzunterschiede zwischen Schulen«, »Merkmale und Wahrnehmungen von Schule und Unterricht« und schließlich um »Mathematikunterricht aus Sicht der PISA-Schülerinnen und -Schüler und ihrer Lehrkräfte«.
Die Daten können jedoch nicht zum Vergleich deutscher Lehrer mit denen anderer Länder verwendet werden, da sie nur im Rahmen der deutschen Zusatzerhebungen ermittelt wurden. Im Wesentlichen hat man sie zur Ableitung von Modellen für guten (Mathematik-) Unterricht verwendet. Dabei wurden faktorenanalytisch u.a. vier typische »Inszenierungsmuster« konstruiert - wobei die Bezeichnungen dieser Modell-Typen an Schlüssigkeit zu wünschen übrig lassen.
»I Optimale Form: effizienter, kognitiv herausfordernder, differenzierter Unterricht mit persönlicher Zuwendung (18,6 % der Lehrkräfte) II Remedialform: eng geführter, kleinschrittiger Unterricht mit persönlicher Zuwendung (23,7 % der Lehrkräfte)
III Modalform: Engführung vermeidender Unterricht mit mittlerem kognitivem Anspruch und persönlicher Distanz (39,4 % der Lehrkräfte)
35 Eine solche findet sich z.B. in der Dissertation von TABEA RAIDT, Stuttgart 2009.
IV Problemform: eng geführter Unterricht mit sehr niedrigem kognitivem Anspruch und hoher sozialer und persönlicher Distanz (18,3 % der Lehr-
kräfte)« 36
Der Umstand, dass es sich hier um Mathematikunterricht handelt, wäre sicher für fachdidaktische Fragen relevant, weniger jedoch für zwischenmenschliche Faktoren auf der Beziehungsebene und für die berufsethische Haltung. Auf-grund eigener Erfahrungen gehe ich nicht davon aus, dass der Umstand, Mathematik als Fach gewählt zu haben, einen wesentlichen, das Interaktionsverhalten systematisch und signifikant verändernden Persönlichkeitsfaktor darstellt. Wer sich respektlos gegenüber Schülern verhält, tut dies weniger, weil er eine Affinität für das Fach Mathematik hat, sondern eher aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur, die sich in jedem Fach, das diese Person unterrichtet -und auch in der Pause sowie im Lehrerzimmer - auswirkt. Insofern erscheint es gerechtfertigt, die beziehungsbezogenen Ergebnisse vom Mathematiklehrer auf "den Lehrer" insgesamt zu verallgemeinern.
3.2 ADAM, KONRAD
Die deutsche Bildungsmisere. Pisa und die Folgen.
Adam geht von der Feststellung aus, das deutsche Bildungswesen habe noch vor 40 Jahren »bei jedem internationalen Vergleich die Spitze gehalten« und führt die jetzigen schwachen Ergebnisse auf die oben skizzierte quantitative Bildungsexpansion der 60er-/70er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Die PISA-Ergebnisse scheinen dem Argument recht zu geben, dass eine forcierte Erhöhung der Abiturientenzahlen mehr oder weniger zwangsläufig mit einer Niveau-Absenkung der Bildung erkauft wurde. Allerdings hätten sich die PISA-Erhebungen zwangsläufig eben auf Basiskompetenzen beschränken müssen:
»Was zählt, ist abfragbares, praktisch anwendbares, fachlich isoliertes Wissen; also gerade das nicht, was nach deutscher Tradition als Merkmal von Bildung gilt. Originalität und Kombinationsvermögen, der Rückgriff auf Abgelegenes, das Denken in Zusammenhängen und Strukturen, all das kommt in der Studie nicht vor. Wenn Bildung geordnetes, bedeutsames und bewertetes Wissen ist, dann spielte Bildung bei der Pisa-Untersuchung keine Rolle. Zurückdenken und Vorausdenken, Erinnern und Entwerfen wie überhaupt alles, was ein fundiertes Urteil verlangt, stand nicht auf dem Programm. Es fehlte also das, was das unscharfe Wort Bildung ähnlichen oder verwandten Begriffen voraushat. Wörter wie Schulung, Training oder Wissen würden das, worum es bei dieser ging, viel besser treffen als das pompöse deutsche Wort Bildung, das immer etwas Ganzheitliches an sich hat.« [Seite 9]
36 PISA-Konsortium Deutschland (Herausgeber): PISA 2003. Der Bildungsstand der Jugendlichen
in Deutschland - Ergebnisse des zweiten internationalen Vergleichs und Waxmann Verlag
Münster u.a. 2004, Seite 336
Insofern dürfe man die PISA-Ergebnisse nicht überbewerten, da sie über Bildung im traditionellen Sinne eigentlich nichts aussagen können. Allerdingsdas ist mein Einwand gegen diese Relativierung - erhebt sich hier die Frage, ob es nicht umso bedenklicher ist, wenn die deutschen Schüler bereits bei den Basiskompetenzen schlechter abschneiden, die schließlich Voraussetzung für eine Bildung sind, die über Wissen und »Kompetenzen« hinausgeht.
ADAMS Frage ist im Grunde genommen, ob die mit der quantitativen Bildungsexpansion einhergehende Niveauabsenkung im Blick auf »Bildung« nicht letzten Endes dafür mitverantwortlich ist, dass die Leistungen auch bei den Basiskompetenzen gesunken sind. Als Beispiel führt er Bremen an, das im Ländervergleich an letzter Stelle steht: ausgerechnet dort sei das Griechische »weil angeblich zu elitär, weit gehend ausgerottet«. Dabei könne gerade dieses Fach daran erinnern, »dass Kultur etwas mit Tradition zu tun hat«.
Die PISA-Ergebnisse sind für ihn deshalb nur ein Anlass, über die Inhaltlichkeit von »Bildung« neu - aber »altfränkisch« - nachzudenken, und zwar als »Bildungsautonomer«, der sich bewusst von den »Bildungsökonomen« absetzt, indem er nicht nach der Nützlichkeit von Bildung fragt sondern von ihrem Selbstzweck ausgeht. Die Gliederung für das Nachdenken über Bildungsinhalte entlehnt er »betont subjektiv ... den vier Arten von Welterfahrung, die WILHELM VON HUMBOLDT in seinen Schulplänen als die historische, die mathematische, die ästhetische und die linguistische beschrieben hat.« [Seite 11]
Der Lehrer taucht in ADAMS Diskussion nicht als möglicher Mitverursacher der »Bildungsmisere« auf, sondern lediglich einerseits als Profiteur und andererseits als Opfer der mit der Bildungsexpansion einhergehenden "Verwissenschaftlichung" des Lehrerberufes.
Die auch von mir (siehe oben) beklagte ständige reformeifernde Unruhe in den Schulen führt er (teilweise mit amüsantem Sarkasmus und) sicher nicht ganz zu Unrecht auf »den pädagogisch-wissenschaftlichen Modewechsel« mit »fatalen Auswirkungen auf die Praxis« zurück.
Für meine Fragestellung finden sich bei ADAM keine Ansatzpunkte.
[»Konrad Adam ,1942 in Wuppertal geboren, studierte Alte Sprachen, Geschichte und Rechtswissenschaft in Tübingen, München und Kiel. Von 1979-2000 war er Mitglied der Fueilleton-Redaktion der FAZ seit Herbst 2000 ist der politische Chefkorrespondent der Welt in Berlin ... die Bildungspolitik steht seit vielen Jahren im Mittelpunkt seiner journalistischen Arbeit« - Klap- pentext]
3.3 FAHRHOLZ, BERND; GABRIEL, SIGMAR; MÜLLER, PETER (HG.): Nach dem PISA-Schock. Plädoyer für eine Bildungsreform.
Das Buch ist eine Zusammenstellung von 42 Beiträgen bunt gemischter Autoren aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Durchweg werden keine PISA-Ergebnisse im Einzelnen diskutiert, vielmehr werden nur die gängigen Hauptergebnisse zum Anlass genommen, vom jeweils eigenen Standpunkt aus Vorschläge für eine Reform der Bildung zu formulieren.
Der Lehrer taucht explizit nur in einem Beitrag von JÜRGEN RÜTTGERS auf: Lehrer als Dompteure? Über das Verschwinden von Erziehung aus dem öffentlichen Raum. Nach einer kursorischen Darstellung pädagogischer Tendenzen von der Nachkriegszeit bis heute kommt er zu dem Fazit:
»Die faktische Verabschiedung von Erziehung als öffentliche Angelegenheit von eminenter Bedeutung konnte und kann nicht gut gehen. In einer Zeit der fortschreitenden Individualisierung, eines unreflektierten Wohlstandswachstums, des Verschwindens traditioneller Familienstrukturen, der Zunahme prekärer Familienverhältnisse, der Auflösung von Milieus und Lebenszusammenhängen, die den Einzelnen entlasten und ihm Orientierung geben, erweist sich das Verschwinden von Erziehung aus dem öffentlichen Raum als Verantwortungslosigkeit.« [Seite 115]
Die Schule sei durch die gesellschaftlichen Veränderungen vor allem in der Folge der technokratischen Bildungsreform zuerst erzieherisch entmachtet worden und bekomme nun von der Gesellschaft die Aufgabe eines Reparaturbetriebes zugewiesen, der Lehrer vielerorts zum »Dompteur« degradiere. Von der Schule werde erwartet, eine Vielzahl gesellschaftlicher (Beratungs-) Maßnahmen zur Linderung des Bildungs- und Erziehungsnotstandes flankierend zu begleiten, wie zum Beispiel: »Erziehungsberatung, Sektenberatung, Drogenberatung, Ernährungsberatung, Aidsberatung, Freizeitberatung, Medienberatung, Jugendkriminalitätsberatung, Beratung für überschuldete jugendliche Handybenutzer, Beratung für Internetabhängige usw.« die Schule sei aber kein Reparaturbetrieb, sondern habe einen Bildungsauftrag, der (ganz traditionell) darin bestehe zur Entwicklung von mündigen Persönlichkeiten einen maßgeblichen Beitrag zu leisten. Es sei höchste Zeit, dass sich diese desolate Situation wieder ändert - nur wie, das lässt RÜTTGERS offen.
[»Jürgen Rüttgers, geboren 1951, ist seit April 2000 stellvertretender Bun-desvorsitzender der CDU Deutschlands und seit Mai 2000 Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen.« Vorher war er Mitglied des Deutschen Bundestages und Bundesminister für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie.]
3.4 GUGGENBÜHL, ALLAN:
Die PISA-Falle. Schulen sind keine Lernfabriken.
GUGGENBÜHL referiert einige Einzelergebnisse der PISA-Studie, nimmt diese aber eigentlich nur zum Anlass, um aus psychoanalytisch-psychotherapeutischer Sicht darzustellen, wie er die Schule sieht und wie sie sein sollte: sicher nicht wie ein Fabrikbetrieb, der unter Kosten-Nutzen-Aspekten möglichst effektiv auf ökonomische Verwendbarkeit hin optimiertes Wissen und Können produzieren soll. Für jeden, der sich für die Schule unter einem humanistisch-psychologischen Leitbild interessiert, ein lesenswertes Buch, das jedoch für die Fragestellung nach den Lehrern keine PISA-bezogenen Ansatzpunkte liefert. Allerdings bestätigt er implizit meine Sichtweise, dass der „gute“ Lehrer - aus der Sicht eines Therapeuten, der sowohl Schüler als auch Lehrer in seiner Praxis behandelt - sich nicht in der Perfektion seiner Methodik und Exzellenz seiner Fachkenntnis artikuliert, sondern vor allem in der Fähigkeit zur Einfühlung, zur Beziehungsaufnahme und zur Begeisterung.
[ALLEN GUGGENBÜHL leitet das Institut für Konfliktmanagement in Zürich/ Stockholm und die Abteilung für Gruppenpsychotherapie mit Kindern und Jugendlichen der kantonalen Erziehungsberatung in Bern, ist Dozent an der pädagogischen Hochschule des Kantons Zürich und hat zahlreiche Publikationen zum Thema Gewalt unter Kindern und Jugendlichen, zur Schule und zur entwicklungspsychologischen Themen veröffentlicht.]
3.5 HUISKEN, FREERK:
HUISKEN bürstet weniger die PISA-Ergebnisse als vielmehr die politischen Debatten darüber - eher unkonventionell, gesellschaftskritisch und „links“-orientiertwider den Strich. Die öffentliche PISA-Debatte kritisiert er deswegen, weil sie sich nicht mit den Ursachen beschäftige, sondern lediglich mit den negativen Folgen für das Ansehen der Nation in der Welt und für die ökonomische Konkurrenzfähigkeit. In ihrem Kern sei diese Diskussion deshalb sowohl nationalistisch als auch unehrlich. Die PISA-Ergebnisse bescheinigten unserem Schulsystem nämlich, genau das erreicht zu haben, wozu es schon immer angetreten sei:
»Es erfüllt ... - und dies ist die Besonderheit des nationalen Bildungswesens - den schulischen Sortierungsauftrag, dem sich alle untersuchten Länder verschrieben ha-
ben, vergleichsweise früher, rigider und irreversibler.« [Seite 26 - Hervorhebung HUISKEN]
Und etwas später formuliert er in »Klartext« was die Bildungspolitiker eigentlich sagen müssten:
»Die wahren Sieger im Leistungsvergleich sind eigentlich wir, die Deutschen. Denn kaum ein anderes Land bringt schulisch eine derart funktionelle Sortierung der Jugend fürs spätere Leben zu Stande. Kaum ein anderes Land geht mit den Ressourcen Geld und Zeit derart zweckmäßig um wie wir. Die vermeintlichen Sieger wie etwa Finnland oder Kanada sind die eigentlichen Verlierer, insofern sie Finanzmittel und Ausbildungszeit für einen Output verschwenden, der von der Nachfrage so gar nicht honoriert wird. Wir sind die Gewinner des Vergleichs, insofern wir es am effektivsten geschafft haben, die geistigen Interessen von Jugendlichen auf das Maß zurückzufahren, das dem Kriterium zukünftiger Brauchbarkeit in unserer Gesellschaft entspricht.« [Seite 28]
Das Ziel der Chancengleichheit, mit dem die erste große Bildungsreform gegen »die deutsche Bildungskatastrophe« der mangelnden Bildungsbeteiligung angetreten war, sei nicht erreicht worden. Vielmehr habe die Umsetzung dazu geführt, dass durch die Koppelung des Bildungsaufstiegs an das Leistungsprinzip (anstelle der sozialen »Klasse«) wiederum die unteren gesellschaftlichen Schichten von der Bildung ausgeschlossen wurden, weil sie aufgrund ihrer schlechteren Voraussetzungen nicht dasselbe leisten konnten obwohl es ihnen nun offen gestanden habe.
»Die Reproduktion von Klassen- und Schichtenzugehörigkeit, die einst das Resultat klassenspezifischer Schulentscheidung war, setzt sich nach Einführung der Chancengleichheit fort. Jetzt entscheidet erneut die Herkunft über die Zukunft, und zwar weil die Unterschiede in den mitgebrachten Fähigkeiten und vorhandenen Möglichkeiten schulisch nicht etwa ausgeglichen, sondern durch die chancengleichen schulischen Leistungsanforderungen erhalten und verstärkt werden.« [Seite 36 -Hervorh. von HUISKEN]
»Das Viertel der Quasi-Analphabeten« gelte zwar der political correctness entsprechend als Skandal, sei im Grunde jedoch erwünscht, da sich aus ihm (wenn auch nicht ausschließlich) »jene Masse an Arbeitskräften, die allein für ganz einfache Arbeiten vorgesehen sind«, rekrutiert. [Seite 38]
»Das deutsche Bildungssystem für sich auf den Prüfstand gestellt, erweist sich als taugliches Mittel der Selektion. Die Resultate schulischer Sortierung sorgen für Nachschub für die Jobs der Elite ebenso wie für Nachschub an schlichten und billigen Arbeitskräften, die mit weiterführender Bildung nur "überfordert" wären - wie Erziehungswissenschaftler sofort und rücksichtsvoll zu vermelden wissen.« [Seite 39]
Zwar komme es durchaus vor, dass der Sohn eines Staatsanwalts nur Kfz-Mechaniker wird, während die Tochter des Kfz-Mechanikers als Staatsanwältin Karriere macht, aber solche Klassen-Durchmischung halte sich in den erwünschten engen Grenzen - wobei sich die Mechanikertochter als Staatsanwältin auch noch »gut als Sozialschmuck verwenden« lasse.
HUISKEN stellt auch die gängige Behauptung infrage, wonach Bildungsanstrengungen ein Wachstumsfaktor seien. »Es ließe sich sogar mit Fug und Recht die umgekehrte Behauptung aufstellen: Unser Bildungswesen macht sich um den Nachweis verdient, dass im Kapitalismus gerade auch fehlende Bildung zu den Wachstumsfaktoren gehört.« [Seite 39] Dies belegt er mit einem Zitat von KARL MARX, in dem dieser die Fabrikarbeit als eine Situation beschreibt, die den Arbeiter beherrscht, ausbeutet, zum Teilmenschen verstümmelt, als Anhängsel der Maschinerie entwürdigt, ihn von den geistigen Potenzen des Arbeitsprozesses entfremdet. Für solche Arbeitssituationen, die für jeden denkenden Menschen schwer zu ertragen sind, brauche »der kapitalistische Betrieb ... auch dumm gehalten Arbeitskraft«. Schließlich zeige auch der Vergleich zwischen dem PISA-Erfolg und der wirtschaftlichen Potenz der teilnehmenden Länder einen durchgängigen Zusammenhang. So sind zum Beispiel die USA als Wirtschaftsmacht »Nummer eins« auch nur PISA-Mittelmaß.
Im weiteren Fortgang stellt HUISKEN die deutschen Reformbestrebungen (zuletzt konkretisiert am Beispiel Bremen) aufgrund der PISA-Ergebnisse als konsequenten Versuch dar, den beschriebenen Status Quo der Gesellschaft zu erhalten und das Schulsystem dahingehend zu optimieren, dass seine Absolventen noch besser an die ökonomischen Bedürfnisse der Wirtschaft angepasst werden.
Die Lehrer und ihre Rolle werden nicht diskutiert. HUISKEN diskreditiert sie allenfalls an einer Stelle als Handlanger des Systems, die sich schon immer lieber hinter ihren Lehrplänen verschanzt hätten, als vielfältige Bildung zu vermitteln.
[»Freerk Huisken ist Hochschullehrer an der Uni Bremen und dort in der Lehrerbildung tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Kritik des Bildungswesens und der Erziehungswissenschaften, »Jugendgewalt« und Rechtsextremismus. ...« - Klappentext]
3.6 TERHART, EWALD: Nach PISA.
Auch TERHART macht sich - als ausgewiesener Bildungsforscher - in einem Kapitel seines Buches Gedanken über »Qualität der Lehrerarbeit - Qualität der Lehrerbildung«. Allerdings sind diese auch keine Interpretation spezifischer PISA-Ergebnisse, vielmehr handelt es sich um allgemeine Überlegungen zu Be- sonderheiten der Lehrerarbeit, erziehungswissenschaftlichen Ansätzen diese zu
erforschen, Lehrerleitbilder und Standards in der Lehrerbildung, ergänzt um einen Abriss der Bildungsforschung seit ihrem Beginn im Kontext der ersten Bildungsreform bis heute.
Im Zusammenhang der oben angeführten Kritik am Begriff des »Standards« im pädagogischen Kontext soll TERHARTS Position hierzu kurz referiert werden.
Er sieht den Begriff im Kontext der Entwicklung neuer Steuerungsmodelle im wirtschaftlichen wie im öffentlichen Sektor, die einerseits zu einer Abschichtung von Verantwortung und Entscheidungskompetenz nach unten führen, andererseits zur Festlegung von Rahmenvorgaben bzw. Erwartungshorizonten in Form von »Standards« auf der oberen Ebene.
»Hierauf zu verzichten hieße letztlich, das öffentliche Bildungswesen an Interessengruppen auszuhändigen; ... Die Definition von Standards ist insofern ein zentraler Schritt im gesamten Qualitätsmanagement, wobei zwischen Minimalstandards, Maximalstandards und schließlich differenzierten Modellen mit unterschiedlich anspruchsvollen Ebenen oder Stufen der Erreichung von Standards zu unterscheiden ist.«
Für die Schule ergibt sich daraus die neue und ungewohnte Aufgabe, die eigene
Arbeit an ihren tatsächlichen Effekten zu messen. 37 Die historisch mangelhafte
Eigeninitiative der Lehrer in dieser Richtung wird nun durch zentral gesteuerte Leistungserhebungen überrollt, aus deren Durchschnittswerten »de facto Standards gebildet« werden. [Seite 104] TERHART rechnet damit, dass im Zuge der Globalisierungsprozesse »ein bislang nur in Grundzügen vorhandenes Weltcurriculum ( ... ) sicherlich irgendwann eine differenziert ausgearbeitete Realität sein« wird.
Im Blick auf die Lehrerbildung kritisiert er, dass man einer empirischen Überprüfung ihrer Wirksamkeit bisher »eher ausgewichen« ist. Viele Fragen sind deshalb offen: nach dem tatsächlichen Wissen und Können beim ersten und zweiten Staatsexamen, wie sich dieses auf die spätere Berufstätigkeit auswirkt, bis zu welchem Kompetenzniveau sich die Lehrkraft im Laufe ihres Berufslebens weiterentwickelt und welche Folgen das alles für die Schüler hat. »Diese Fragen umreißen einen recht großen weißen Fleck auf der Ergebnis-Landkarte der empirischen Bildungswissenschaften in Deutschland.« Aber auch ohne die
37 (Es entspricht durchaus meiner eigenen langjährigen Schulerfahrung, dass die Lehrer sich
traditionell in der komfortablen Lage eingerichtet haben, für schlechte Unterrichtsergebnisse
letztlich die Dummheit und die Renitenz ihrer Schüler verantwortlich machen zu können. Kaum
ein Lehrer nahm und nimmt es auf sich, bei der Übernahme einer neuen Klasse eine detaillierte
Leistungs- bzw. Lernstandsanalyse vorzunehmen, um am Ende des Schuljahres den erreichten
Lernfortschritt einigermaßen objektiv und belegbar auf die Ausgangssituation beziehen zu
können.)
notwendige wissenschaftliche Forschung sei es bereits heute wichtig, Standards für die Lehrerbildung zu formulieren, da hierdurch die impliziten Vorstellungen vom guten Lehrer explizit gemacht werden müssen und dadurch ei-
ner zukünftigen Reflexion und Überprüfung eher zugänglich werden. 38 Standards sollten als begründete Ziele formuliert 39 und einer systematischen
Wirkungsprüfung unterzogen werden.
Nach einer Darstellung der Entwicklung entsprechender Standards in der Schweiz versucht TERHART das Verständnis des Begriffs für die Lehrerbildung zu erweitern indem er fordert, dass Standards nicht nur für die Auszubildenden Personen entwickelt werden müssten, sondern auch für die Ausbildungs-Institutionen und für die Organisation des Gesamtsystems der Lehrerbildung.
Abschließend äußert er alledem zum Trotz eine gewisse Skepsis gegenüber einem - von mir bewusst überzeichnend so formuliert - "Standardisierungs-Aktionismus". Man müsse sich bewusst bleiben, dass unterhalb dieser durchaus notwendigen Versuche, die Effizienz von Ausbildungsinstitutionen rational in den Griff zu bekommen, eine hochkomplexe und kaum durchschaubare Vielfalt zwischenmenschlicher Interaktionen mit all ihren "allzu menschlichen Irrationalitäten" (Jüdt) ablaufe, deren Emergenzen (aber auch deren hemmenden Interferenzen - Jüdt) sich bei näherer Betrachtung als die eigentlichen Faktoren von Systemeffekten erweisen (Hervorh. Jüdt). Man dürfe also nicht damit rechnen, am Ende nur noch ideale Lehrer zu haben, sondern es gehe »viel bescheidener darum, die Zahl der schlechten und eigentlich ungeeigneten Lehrer möglichst klein zu halten.«
Seine Einstellung bedeutet eine für mich sehr sympathische Distanzierung von der technokratischen Machbarkeits-Euphorie der Siebzigerjahre. Gleichzeitig legt sie das Augenmerk auf die besondere Bedeutung des interaktionellen Bereichs und stützt damit meine Grundthese. Was in THERHARTs Sicht allerdings
38 Diese Aufgabe haben die deutschen Kultusminister bereits im Jahr 2000 angenommen und
im Oktober zusammen mit den Vorsitzenden der Lehrerverbände auf der Grundlage der
Schulgesetze der Länder ein Berufsbild formuliert, das, auf Stichworte reduziert, folgende
Bereiche umfasst: 1. Wissenschaftlich begründete Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen; 2.
Erziehen in Kooperation mit den Eltern; 3. Verantwortungsbewusstes Beurteilen und Beraten;
4. Kontinuierliche persönliche Kompetenzentwicklung; 5. Beteiligung an der Schulentwicklung.
Dieses Berufsbild wurde zu folgenden, hier ebenfalls komprimiert wiedergegebenen, Ausbil-dungs-Standards ausdifferenziert: 1. Bildung und Erziehung; 2. Beruf und Rolle; 3. Didaktik und
Methodik; 4. Lernen, Entwicklung, Sozialisation; 5. Leistungs- und Lern Motivation; 6. Differen-
zierung, Integration, Förderung; 7. Diagnostik, Beurteilung, Beratung; 8. Kommunikation; 9.
Medienbildung; 10. Schulentwicklung; 11. Bildungsforschung. Es folgen Hinweise zur Didaktik/
Methodik der Lehrerbildung.
39 (nicht nur als Durchschnitte bzw. Schnittmengen aus dem, was man anderswo bereits
vorfindet)
fehlt, ist die Frage nach einer berufsethischen Grundlegung für die „Verant-wortlichkeit“, welche die Standards für die Lehrerbildung einfordern.
[Ewald Terhart hat an den Universitäten Osnabrück, Lüneburg und Bochum gearbeitet und Forschungsprojekte zum Unterricht, zum Lehrerberufs und zur Schulentwicklung durchgeführt. Seit 2002 ist er Professor für Schulpädagogik und allgemeine Didaktik an der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster«. - Klappentext]
3.7 Fazit
Das PISA-Konsortium selbst beschränkt den Blick auf die Lehrer zwangsläufig auf die nationale und eine eher systembezogene Perspektive.
Eine kursorische Durchsicht der Debatte über die PISA-Ergebnisse zeigt, dass sich die Teilnehmer meist nur auf die Tatsache des schlechten Abschneidens und die besondere Benachteiligung der Migrantenkinder beziehen, um dann ihre Vorstellungen von notwendigen Bildungsreformen bzw. Reform-Bestandteilen - je nach bildungspolitischem Standpunkt - vorzutragen. Eine direkte Bezugnahme auf Ergebnisse im Detail findet man in der Debatte nicht. Was den Lehrer betrifft, so beschränken sich die Forderungen durchweg auf Allgemeines wie bessere Ausbildung und Fortbildung, ohne dies jedoch inhaltlich zu konkretisieren oder gar auf konkrete Daten zu beziehen.
Setzt man einmal voraus, dass diese kleine Literaturauswahl eine gewisse Repräsentativität besitzt, so kann die vorliegende Studie der PISA-Debatte durchaus einige neue Informationen und Impulse für weitere Diskussionen hinzufügen. Sie vergleicht dabei Schüler- und Rektoren-Einschätzungen zum Lehrer international (begrenzt auf Finnland, Kanada und den OECD-Schnitt) - wenn auch mit eingeschränkten statistischen Möglichkeiten.
4 Zur Datenaufbereitung 4
Die im Internet zugänglichen PISA-Daten sind folgendermaßen aufbereitet: Die von mir ausgewählten Items des erwähnten Schüler-Fragebogens enthalten eine Reihe von Aussagen zu den (von mir so bezeichneten) Bereichen "Nutzen der Schule" (Q 24), "Einschätzung der Lehrer" (Q 26 allgemein, Q 38 bezogen auf den Mathematiklehrer), "eigene Integration in der Schule" (Q 27 - in dieser Studie nicht dargestellt). Der Grad der Zustimmung zu den betreffenden Statements war anhand einer jeweils vierstufigen Skala einzuschätzen (bei Q26 strongly agree - agree - disagree - strongly disagree, bei Q38 every lesson -
most lessons - some lessons - never or hardly ever).
Dadurch dass die Teilnehmer einen dieser Distraktoren ankreuzten, ergaben sich bei jedem Statement vier Unter-Stichproben, deren Größen man zunächst einmal für sich betrachten und vergleichen kann (Interpretation der Häufigkeitsverteilung). Die Größe der Unterstichproben ist in dem mir zur Verfügung stehenden Material allerdings nur prozentual und nicht absolut ausgewiesen.
Jeder dieser Unter-Stichproben sind dann die entsprechenden Leistungs-Mittelwerte zugeordnet, so dass man die Testleistung der Schüler, die unterschiedliche Auswahlantworten angekreuzt haben, miteinander vergleichen kann. Für die Darstellung der Testleistung verwendet PISA eine Intervallskala mit dem
Mittelwert von 500 und einer Standardabweichung von 100. 40
Für statistische Signifikanzprüfungen dieser Mittelwertsunterschiede wäre die Kenntnis der absoluten Gruppengrößen erforderlich. Da diese jedoch fehlen, wurde die Entscheidung zwischen Interpretierbarkeit und Zufallsunterschied folgendermaßen getroffen:
Zu jedem Leistungs-Mittelwert wird bei den PISA-Daten der so genannte
Standardmessfehler (SE) mitgeliefert. 41 Dieser macht eine Aussage darüber, mit
welcher Sicherheit man davon ausgehen kann, dass der (empirisch immer ungenaue) errechnete Mittelwert der betreffenden Stichprobe einem angenommenen wahren Mittelwert der Grundgesamtheit genügend nahe kommt und damit als hinlänglich zutreffend („wahr“) interpretiert werden darf. Der Standardmessfehler ist umso größer, je breiter die Einzelwerte, aus denen der Mittelwert berechnet wurde, um diesen herum streuen. Er definiert ein Vertrauensintervall, wenn man ihn vom Mittelwert auf der Seite der schwächeren Leistungen abzieht und ihn auf der Seite der stärkeren Leistungen addiert.
Beispiel:
Schüler, die (ausweislich ihres Kreuzchens im Fragebogen) der Meinung stark zustimmen, dass die Schule wenig getan hat, um auf das Leben vorzubereiten, erreichen im Lesetest (im OECD Durchschnitt) 439 Punkte bei einem Standard-Messfehler von 2,5 Punkten.
40 »The true mean and standard deviation were assumed to be 500 and 100 respectively. In
PISA, the typical standard error for a sample mean is 3.5. This means that any values in the
table of approximately 506 or greater have a bias greater than a difference from the true value
that would be considered statistically significant.« [PISA 2000, Technical Report, S. 179]
41 Dasselbe gilt auch für die prozentualen Häufigkeiten der Unter-Stichproben.
Arbeit zitieren:
Norbert Jüdt, 2010, PISA - Fragen an die Lehrer und ihre Ausbildung, München, GRIN Verlag GmbH
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