I INHALTSVERZEICHNIS
II DARSTELLUNGSVERZEICHNIS II
1 EINLEITUNG 1
2 SCHÖNHEIT 5
2.1 Schönheit und Sozialisation 8
2.2 Schönheitsideale 13
2.2.1 Jugendlichkeit 16
2.2.2 Schlank gleich schön 21
2.2.3 Wider der Norm - Dicksein in unserer Gesellschaft 26
2.2.4 Fitness 31
3 SCHÖNHEITSHANDELN 35
3.1 Haare 39
3.2 Mode 44
3.3 Tätowierungen 48
3.4 Bodybuilding und Bodyshaping 52
3.5 Diäten 56
3.6 Schönheitsoperationen 60
4 FAZIT 67
5 QUELLENVERZEICHNIS 70
I
II DARSTELLUNGSVERZEICHNIS
Darstellung 1: Schönheitsideale 13
Darstellung 2: Da Vincis vitruvianischer Mensch 14
Darstellung 3: Jugendlichkeit 16
Darstellung 4: Bild der 66-jährigen Mutter Melanie Manchots 18
Darstellung 5: Twiggy 21
Darstellung 6: Wider der Norm 26
Darstellung 7: BMI-Tabelle 28
Darstellung 8: BMI unter Berücksichtigung des Alters 29
Darstellung 9: Haare 39
Darstellung 10: Mode 44
Darstellung 11: Tätowierungen 48
Darstellung 12: Bodybuilding 52
Darstellung 13: Schönheitsoperationen 60
II
1 Einleitung
Ab dem Zeitpunkt unseres Entstehens im Mutterleib sind wir Menschen soziale Wesen und unser Körper stellt das wesentlichste Interaktionsinstrument dar, was wir haben. Über ihn nehmen wir die unterschiedlichsten Umweltreize in uns auf und wirken ebenfalls über ihn auf die Umwelt ein. „Der Körper kommuniziert immer, er sendet dauernd Signale, die die Mitmenschen empfangen und deuten (sollen).“ (Villa 2007, 23) Jeden Tag unseres Lebens spielt unsere körperliche Dimension also eine bedeutende Rolle. Wir riechen, schmecken, hören, fühlen, sehen und führen die verschiedensten Bewegungen und Handlungen mit dem zentralen Handlungsinstrument (ebd. 18) Körper aus. Dabei kann die körperliche Existenz in zwei Dimensionen unterschieden werden und zwar in Körper und Leib. Diese Unterscheidung geht auf HELMUTH PLESSNER (1892 - 1985) zurück, der von dem Doppelaspekt der Existenz als Körper und Leib spricht (Plessner 2003, IV, 367). Der Körperbegriff impliziert dabei, dass man in reflektorischer oder instrumenteller Hinsicht in ein distanziertes Verhältnis zum eigenen Körper treten kann. „Mit unserem Körper können wir etwas machen, ihn formen oder manipulieren.“ (Villa 2007, 19) Dies umfasst der ebenfalls auf PLESSNER zurückgehende Begriff der exzentrischen Positionalität. Das Leibsein meint das innere individuelle, subjektive Erleben, Gewahren, Spüren und Merken (vgl. Abraham 2010, 18), das präreflexiv ist und nicht im leiblichen, sondern lediglich im sprachlichen Modus kommuniziert werden kann. „Der Leib ist, anders als der Körper als Oberfläche und Wissensbestand, nicht beliebig konstruier- und manipulierbar.“ (Villa 2007, 24)
Beide Seiten konstituieren eine Einheit, sie bilden zusammen den Körperleib. Dennoch lässt sich im Zeitalter der Medien, der Schönheitsoperationen, des Fitnessrummels und des Diätenbooms eine zunehmende Konzentration auf die körperliche Dimension oder, um es mit den Worten VILLAS zu sagen, eine Entwicklung hin zur „Leibvergessenheit und
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Körperbesessenheit“ (Villa 2007, 20) beobachten. Sie spricht von einer kulturellen Verdinglichungstendenz, wobei der Körper als zu optimierende Masse betrachtet wird, „nicht als eigenlogischer und lebendiger Leib, der immer auch die Spuren einer individuellen Biographie trägt und damit auch Spuren des Alterns und der Erfahrungen […].“ (ebd., 20)
Der Körper wird immer mehr zum Darstellungsmedium, er wird manipuliert und inszeniert für eine erfolgreiche Partizipation an der Gesellschaft. Zu erklären ist dies mit den Errungenschaften der Moderne, die mit der Loslösung von auf Religion und Tradition fußenden Selbst- und Weltbildern einherging. Der Mensch hat seit jeher die Aufgabe, sein Leben selbst zu gestalten und sich in der Gesellschaft zu verorten, was bisher aufgrund der Herkunft erfolgte. Die Entwicklung führte also „weg von einer Determinierung durch Klasse und Stand, hin zu einer Freiheit vielfältiger Optionen.“ (Abels 2006, 225) Was auf der einen Seite als ein Zugewinn anmutet, beinhaltet auf der anderen Seite das Muss, sich in den komplexen gesellschaftlichen Strukturen zurechtzufinden und zu positionieren (vgl. Villa 2007, 22). Das Individuum hat keine eindeutige Orientierung mehr in Form fester Bahnen oder „normaler“ Muster (vgl.
Abels 2006, 223), vielmehr zeichnet sich die Individualisierung 1 durch eine Vielzahl an Alternativen aus. Man kann viele Wege einschlagen, nahezu alles kaufen und noch viel mehr erleben, ganz nach dem Motto, dass alles möglich ist. Damit bietet sich einem zwar eine große Auswahl, aber demgegenüber stehen der Verzicht und der Misserfolg sowie die Aussicht darauf, etwas zu verpassen. Mit der Entgrenzung der Möglichkeiten geht folglich eine zunehmende innere Unklarheit und Unsicherheit einher. „Die Wirkung der Wahl einer Option kann letztendlich nicht eingeschätzt werden“ (Posch 2009, 182), doch das Individuum muss die Konsequenzen tragen. Man ist also zur Eile gezwungen, damit man möglichst viele dieser Optionen wahrnehmen kann. Dadurch findet eine Beschleunigung der Welt statt, die auf der zunehmenden Säkularisierung fußt. Glücks- und Heilserwartungen werden nicht mehr
1 Die Individualisierung bezeichnet den „Zwang, einen unübersichtlich gewordenen Raum selbst zu strukturieren.“ (Abels 2006, 224)
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ins Jenseits projiziert, sondern im Diesseits, im Hier und Jetzt erwartet. Folglich verringert sich die Weltzeit auf die Lebenszeit. Diese Beschleunigung zeigt sich auch in zwischenmenschlichen Begegnungen. Im Zuge der mit der Moderne einhergehenden Verstädterung und Industrialisierung wurden die bisher im kleineren Raum stattfindenden gesellschaftlichen Kontakte teilweise ersetzt, aber sicherlich erweitert durch kurzlebige oberflächliche Kontakte. Was nun zählt, ist das Sichtbare, das Äußere des Menschen und damit sein Körper und dessen Inszenierung. Unsere Wahrnehmung des Gegenübers in seiner (Un-)Gepflegtheit, mit seiner spezifischen Körperhaltung, seinem Geruch, seinem Auftreten entscheidet über den Grad der Sym- beziehungsweise Antipathie, der (In-)Toleranz, über Ver- oder Misstrauen, bevor wir uns sprachlich kommunikativ mit demjenigen auseinandergesetzt haben. Ebenso wie wir unser Gegenüber lesen, sind wir auf der leiblichen Ebene auch intuitiv in der Lage, unseren eigenen gesell-schaftlichen Status 2 zu erkennen.
„[A]m Körper unserer Mitmenschen [können wir] deren Zugehörigkeit zu den verschiedenen sozialen Gruppen erkennen; wir ‚lesen’ also all die körpergebundenen Zeichen, die uns über die soziale Position unserer Handlungspartner Aufschluss geben.“ (Villa 2007, 26)
Wir verkörpern unsere soziale Zugehörigkeit. Demnach muss der moderne Mensch darüber entscheiden, wer und was er ist. Er ist damit ständiger Schöpfer seiner selbst, seiner Individualität 3 und seiner Persönlichkeit 4 . Die Gestaltung seines Äußeren entscheidet in vielen Bereichen, ob er gewinnt oder verliert, ist also ein Mittel, seine Chancen im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf zu erhöhen. „Da er überall vorzeigbar ist, eignet sich der Körper dazu in besonderer Weise.“ (Waldrich 2004, 63) Er wird zum Kapital. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit gezielten Inszenierungen und Modifikationen des Körpers, die hier unter dem Begriff des Schönheitshandelns subsumiert werden,
2 Status und soziale Position werden hier synonym verwendet und bezeichnen analog zur räumlichen Anordnung den jeweiligen Ort einer Person in einem sozialen Beziehungsgefüge. (vgl. Kopp/Schäfers 2010, 315)
3 „Individualität meint einerseits das Bewusstsein des Menschen von seiner Besonderheit und das Bedürfnis, diese Einzigartigkeit auch zum Ausdruck zu bringen, und andererseits die von ihm selbst und den anderen objektiv festgestellte Besonderheit und Einzigartigkeit.“ (Abels 2006, 43)
4 Persönlichkeit allgemein: „[D]er einzelne Mensch, insofern er seine Anlagen zu besonderer Entfaltung und Ausprägung in Form individueller Eigenart , charakterlicher Originalität und sittlicher Identität gebracht hat[.]“ (Brockhaus-Enzyklopädie 1993, 705)
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welches thematisch in den Modernisierungsprozess eingebettet ist, weshalb es mir ein Anliegen war, diesbezügliche Erläuterungen an den Anfang der Arbeit zu stellen. Dabei stelle ich die These auf, dass die Modernisierung zwar mit einer Freisetzung des Individuums einherging, doch gleichzeitig aber auch eine Einbindung in standardisierte Normen stattfand. Dabei gibt die Gesellschaft klare Kriterien bezüglich der äußeren Erscheinung vor, nach denen wir unser Gegenüber bewerten. 5 Entsprechend beschäftigt sich die Arbeit mit Schönheit und Schönheitsidealen, die sozial anerkannte Normen bilden und damit Orientierungspunkte in einer verunsicherten Gesellschaft bieten. In Bezug auf das Schönheitshandeln wird es vorerst um solche Praktiken gehen, die inzwischen so selbstverständlich geworden sind, dass man sie kaum mehr wahrnimmt. Dazu gehören Mode, der Umgang mit Kopf- und Körperbehaarung und Diäten. Hygiene, Schmuck, Schminke und Parfum, die ebenfalls diesem Feld zugehörig sind, finden keinen Eingang. Anschließend geht es mit Fitness, Tätowierungen sowie Schönheitsoperationen als extremster Ausprägung weiter unter die Haut.
5 Das Schönheitshandeln verweist auf vielschichtige Strukturen von Ungleichheiten und Unsicherheiten. Geschlecht ist omnipräsent und gerade das Feld der Schönheit und des Schönheitshandelns weisen auf enorme Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern hin. Dies zu thematisieren wäre eine eigene Arbeit, weshalb ich in machen Kontexten lediglich darauf verweise, es aber nicht vertiefend behandle. Auch die sozialen Ungleichheiten bleiben weitestgehend unberücksichtigt.
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2 Schönheit
Schönheit ist ein Begriff, der uns vertraut ist, er durchdringt unser alltägliches Vokabular und unser Empfinden. „Schönheit grundiert die Ziele und Wunschvorstellungen unserer Lebenspraxis“ (Liessmann 2009, 7). Es gibt eine ganze Industrie, die sich mit der Herstellung und dem Erhalt von Schönheit befasst. Doch was ist Schönheit? Zunächst möchte ich einige ihrer teils widersprüchlichen Charakteristika anführen, bevor ich zu einer für die Arbeit relevanten Begriffsbeschreibung komme. Schönheit ist etwas Besonderes, etwas Begehrtes, etwas Außergewöhnliches, etwas nicht für jeden Erreichbares, sondern bildet vielmehr eine erstrebenswerte Ausnahme. Damit beinhaltet sie etwas Ausgrenzendes, Undemokratisches, denn nur eine Minderheit verfügt über sie. Das äußert sich zudem darin, dass die Beschäftigung mit ihr stark von äußeren Bedingungen abhängig ist, wie etwa der Verfügbarkeit von Zeit und Geld.
Schönheit hat mit der Hässlichkeit einen klaren Gegenbegriff (vgl. Degele 2004, 11), wobei eine so beschaffene Begriffsbestimmung eine Definition von Hässlichkeit ebenso notwendig machen würde. Sie ist ein Ganzes und nicht etwas aus seinen teilweise ambivalenten Einzelbestandteilen Rekonstruierbares (vgl. Weber 2006, 54). Wichtig ist, dass nicht die einzelnen Komponenten, sondern deren Zusammenspiel für das ästhetische Ganze Ausschlag gibt. Dabei gilt Schönheit zwar als naturgegeben, aber zugleich auch als herstellbar und vor allem als vergänglich (vgl. Degele 2004, 209).
Unser Sinn dafür, was wir als schön empfinden, ist keine überzeitliche Konstante, sondern kulturellen Veränderungen unterworfen. Während die kurvige Marilyn Monroe mit Kleidergröße 42 in den 50er-Jahren als Idol gefeiert wurde (vgl. Posch 2009, 85/91), löste die untergewichtige Twiggy diese in den 60er-Jahren ab (vgl. Penz 2010, 13). Die verwendeten Klassifikationskriterien von Schönheit sind selbst kulturelle Begrif-
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fe (vgl. Degele 2004, 11). Schönheit beinhaltet Objektivität, weil es einen weitgehenden Konsens über sie gibt und damit kommunizierbare Merkmale, die eine Schönheitswirkung beim Betrachter auslösen. Sie beinhaltet aber auch Subjektivität - sie ist abhängig davon, wahrgenommen und als solche beurteilt zu werden und liegt damit im Auge des Betrachters. Das impliziert, dass Schönheit den Blick der anderen sowie deren Bewertungen braucht und ihnen ausgesetzt ist. BAYERTZ und SCHMIDT verweisen dementsprechend darauf, dass „Schönheit nie der Besitz einer Person ist, sondern sich zwischen den Personen ereignet.“ (Bayertz/Schmidt 2006, 60) Damit ist sie ein Interaktionsprozess.
Während Narziß und Adonis männlich waren, gilt Schönheit spätestens seit den 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts (vgl. Posch 1999, 18) als inhärent weiblich und Frauen werden als das schöne Geschlecht bezeichnet (vgl. Degele 2004, 209). Ist eine Frau im Auge des Betrachters hässlich, läuft sie Gefahr, auch als unweiblich wahrgenommen zu werden. Dies verweist auch darauf, dass Schönheit „in hohem Maße Erotik und Sexualität [bestimmt] […].“ (Liesmann 2009, 7) Sie ist immer ein Mittel zum Zweck, da mit ihr ein spezifischer Nutzen verbunden wird. Wie POSCH ausführt, ist sie ein Hilfsmittel der persönlichen und sozialen Positionierung in einer unsicher erscheinenden Welt (vgl. Posch 2009, 33). Sie bezeichnet den Ausspruch, dass schöne Menschen mehr vom Leben haben, als „alles dominierende öffentliche Botschaft“ (ebd. 201). Auf Schönheit werden Glückserwartungen projiziert, die Sehnsucht nach ihr folgt damit einer hedonistischen Prämisse. Sie wird als ein Zeichen des Guten wahrgenommen, als ein Versprechen des Heils. Obwohl wissenschaftliche Beweise für den Zusammenhang von Charakter und Aussehen fehlen, wird physische Schönheit mit moralisch-sittlichen Qualitäten verbunden, weshalb man vom Halo-Effekt (Koppetsch 2000, 99) spricht. Dies kann mit Glorifizierungseffekt (http://www.dict.cc/englisch-deutsch/halo. html, 25.01.2011) übersetzt werden, der durch ein einzelnes Merkmal, nämlich in diesem Fall das Aussehen, ausgelöst wird. Innere Schönheit wird damit von außen zugeschrieben. So ergeben sich Stereotype, wodurch als schön
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wahrgenommenen Menschen positivere Charaktereigenschaften zugeschrieben werden, als solchen, die als hässlich empfunden werden (vgl. Liessmann 2009, 91ff.). Moralische Qualitäten werden also aus einem Erscheinungsbild abgeleitet, das in Zeiten der Schönheitschirurgie nicht mehr als angeborenes Schicksal gilt, sondern zunehmend machbar ist und folglich der Verantwortung des Einzelnen zugeschrieben wird. Wenn schöne Menschen dadurch Vorteile genießen, bevorzugt behandelt werden und hässliche schlimmstenfalls Hänseleien und Diskriminierungen ertragen müssen, verselbstständigt sich das Nutzenversprechen und wirkt wie eine self-fulfilling-prophecy (vgl. Posch 2009, 203). Schönheit dient der Verkörperung von Status und hat durch ihre Wirkung auf andere, durch ihr Potential, Aufmerksamkeit zu bündeln und Anerkennung zu erlangen Macht im sozialen Feld. Doch „[d]ie Macht der Schönheit ist wesentlich die Macht eines ihrer Wahrnehmung eingeschriebenen Versprechens.“ (Menninghaus, zit. n. ebd. 209) Sie ist kein Garant für Wohlbefinden und Glück, vor allem, wenn man bedenkt, wie wandelbar der Sinn für Schönheit und wie vergänglich sie als solche ist.
Schönheit ist ambivalent. Auch wenn sie zum einen als etwas Erstrebenswertes gilt, wird sie auf der anderen Seite als banale Äußerlichkeit, als Oberflächlichkeit abgewertet. Sie löst Neid und Rivalitäten aus und kann bei anderen als Bedrohung empfunden werden. Gerade bei Frauen gilt sie zudem seit jeher als gefährliche, die Männer ins Verderben stürzende Verführungskraft. Arroganz, Eitelkeit und bisweilen auch Dummheit werden mit weiblicher Schönheit assoziiert. Unterdessen werden schönen Männern häufig wechselnde Geschlechtspartner, schlechte Liebhaberqualitäten und mangelnde Bindungsfähigkeit nachgesagt (vgl. Bernsberg 2008, 12f.).
Insgesamt ist es nicht möglich, eine allzeit gültige, universelle Formel zu finden, denn Schönheit ist mehrdeutig und Schönheitsansichten ändern sich im Laufe der Zeit und von Kultur zu Kultur. Genauso wenig kann eine wissenschaftlich brauchbare Definition für Schönheit gefunden werden. DEGELE schlägt aber eine Beschreibung vor, an die ich mich im Weiteren halten werde. Sie beschreibt Schönheit als
7
„massenmedial produzierte und im Alltag relevante Auffassungen vom dem, was Schönheit als hegemoniale Norm im medial-öffentlichen Diskurs in Abgrenzung zum Nicht-Schönen oder Hässlichen ist oder sein soll.“ (Degele 2004, 10)
Schönheit ist damit im Sinne allgemein verbindlichen Standards körper-
licher Erscheinung zu verstehen (vgl. Koppetsch 2000, 109) 6 , die schon sehr früh vermittelt werden. Sie sind Bestandteil des Sozialisationsprozesses, weshalb sich das nächste Kapitel mit der Sozialisation im Zusammenhang mit Schönheit befasst.
2.1 Schönheit und Sozialisation 7
Die Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess, in dessen Verlauf der Mensch seine Persönlichkeit entwickelt, die sich einerseits durch die Individualität anderen Mitgliedern der Gesellschaft gegenüber auszeichnet, andererseits durch ihren Sozialcharakter. In diesem Sinne hat die Sozialisation sowohl eine emanzipatorische als auch eine affirmative Funktion, da der Mensch sich zu einer autonomen und gefestigten Persönlichkeit entwickeln kann, sich auf der anderen Seite aber auch den gesellschaftlichen Rollen- und Verhaltensanforderungen anpasst. Dabei erfolgt die Sozialisation mittels einer aktiven Auseinandersetzung des Individuums mit der gesellschaftlich beeinflussten und vermittelten Umwelt, aber auch über den Einfluss der auf das Individuum einwirkenden Sozialisationsinstanzen. Bei der primären Sozialisation, die etwa bis zum Ende des Kleinkindalters andauert und für die Basis der Persönlichkeit ausschlaggebend ist, umfassen diese insbesondere die Familie. Hier entwickeln sich die Grundstrukturen der Persönlichkeit in den
6 Attraktivität, die als Begriff oftmals synonym verwandt wird und keinesfalls (überschneidungsfrei) von Schönheit zu trennen ist, soll hier in Anlehnung an KOPPETSCH im weiteren Verlauf als „authentische Verkörperung des schönen Selbst“ (Koppetsch 2000, 106) verstanden werden, die sich im Spannungsfeld zwischen Körperschönheit und Darstellungskompetenz bewegt. Körperliche Attraktivität bezeichnet sie dabei als „Weg zur Akkumulation von Aufmerksamkeit[…] in Interaktionen“ (ebd., 100), die von großer Bedeutung für das Selbstbild und den Selbstwert ist.
7 Der Duden definiert Sozialisation als „(Prozess der) Einordnung des (heranwachsenden) Individuums in die Gesellschaft u[nd] die damit verbundene Übernahme gesellschaftlich bedingter Verhaltensweisen durch das Individuum[.]“ (Duden 2003, 1474)
8
Bereichen der Sprache, des Denkens und Empfindens sowie Muster des sozialen Verhaltens in Form sozialer Regeln und Umgangsformen. Bei der sekundären Sozialisation wird das Individuum zunehmend von anderen Institutionen und Menschen beeinflusst (vgl. Brockhaus-Enzyklopädie 1993, 533f.).
Körperlichkeit ist ein wichtiger Teil menschlicher Identität und Körper sind in ihren täglichen Aktionen immer wechselseitig aufeinander bezogen. (vgl. Meuser 2006, 105) Deshalb kommt ihnen im Rahmen der Sozialisation eine besondere Rolle zu. Der Körper fungiert als Mittler zwischen Individuum und Gesellschaft. Dabei verkörpert er zum einen Gesellschaft, da er die verinnerlichten sozialen Regeln (re-)produziert und zum anderen wird der Körper vergesellschaftet, wenn sich in selbige soziale Regeln einschreiben (vgl. Degele 2004, 30). Dabei weist er sich als besonders gelehrig aus und verfügt über ein hohes Entwicklungspotential. Mittels der Sinne unseres Körpers lernen wir die natürliche als auch die soziale Umwelt kennen. An den Körper und seine Sinne richten sich die sozialen Aufforderungen, gesellschaftlichen Ansprüche und Strukturen, welche dadurch viel grundsätzlicher erfahren werden, als über unser Bewusstsein oder mittels von Sprache. Dabei schreibt sich ein sinnliches Wahrnehmungsmuster in unseren Körper ein, das verallgemeinert
und objektiviert wird. Es bildet sich ein Habitus 8 aus, eine generative Tiefenstruktur, die sich auch von außen wahrnehmen lässt, wofür BOUR-DIEU den Begriff der Hexis 9 verwendet (vgl. Wuttig 2010, 354f.). Menschen entwickeln dadurch ein präreflexives Gespür für Beziehungen und Verhältnisse. Gesellschaftliche Strukturen werden inkorporiert, in den Körper eingeschrieben und verinnerlicht, sodass der Körper „durchdrungen [ist] von gesellschaftlichen Formierungs-, Disziplinierungs- und Ein-schreibungsvorgängen.“ (Abraham 2010, 16) Mit dem Grad der Verinnerlichung gesellschaftlicher Ver- oder Gebote steigt dabei auch deren Wirksamkeit. „[A]bstrakte, allgemeine und meist diffuse soziale Werte [werden] derart ‚inkorporiert’, dass sie zu spezifischen Körperhaltungen
8 „Der Habitus bezeichnet das Ensemble inkorporierter Schemata der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens, Bewertens, Sprechens und Handelns, das alle expressiven, verbalen und praktischen Äußerungen der Mitglieder einer Gruppe oder Klasse strukturiert.“ (Bourdieu, zit. n. Wuttig 2010, 354)
9 Die Hexis bildet die auf dem Habitus beruhende äußerlich wahrnehmbare, erworbene Körperhaltung und -bewegung, gewissermaßen eine körperliche Grundeinstellung. (vgl. Penz 2010, 25)
9
und Gefühlen werden.“ (Bourdieu, zit. n. Villa 2007, 24) VILLA spricht von einem Körperwissen, das wir ausbilden. Es umfasst „das präreflexive, soziale Wissen um all jene Erfahrungen und Dimensionen, die den Körper betreffen[.]“ (ebd.) Dieses Wissen befindet sich in einem ständigen Prozess des Anwendens, Überprüfens und Veränderns, wobei uns dies nicht bewusst ist. Veränderungen in Vorlieben und Geschmack nehmen wir dabei nicht als „Effekt sozialer, kollektiver Lern- und Aneignungsprozesse“ und als „Ausdruck eines milieuspezifischen Habitus“ (ebd.) wahr, sondern führen sie auf eigenständige Entscheidungen oder auf Veränderungen des Selbst zurück, die ohne den Einfluss der Außenwelt vor sich gegangen sind. Der gesellschaftliche Einschreibungsprozess entzieht sich folglich unserer Selbstreflexion und damit unserem intellektuellen Erkenntnisvermögen (vgl. Barlösius 2000, 17), denn „[w]as der Körper gelernt hat, das besitzt man nicht wie ein wiederbetrachtbares Wissen, sondern das ist man.“ (Bourdieu, zit. n. ebd.) Der Körper signalisiert die Zugehörigkeit zu Geschlecht und sozialer Gruppe. An ihm spiegeln sich die gesellschaftlichen Hierarchien in besonderem Maße wider, denn die Sozialisation erfolgt immer vor dem Hintergrund der jeweiligen sozialen Gruppe, die sich durch unterschiedlichen Zugang zu materiellen und immateriellen Ressourcen voneinander unterscheiden, was als Grundlage für soziale Ungleichheiten zu sehen ist. Während der Sozialisation werden immer die spezifischen Elemente, wie Symbole, Werte, Normen, Rollen und Handlungsmuster der jeweiligen Gruppe übernommen. Demnach wird ein gruppenspezifisches Rollenverhalten internalisiert, das auch am Körper und seiner Gestaltung abgelesen werden kann. Bei geteilter Soziallage zeigt sich dann eine habituelle Gleichgerichtetheit, die sich in der Übereinstimmung von Praktiken niederschlägt. Damit ergibt sich ein implizites Einverständnis (Bourdieu, zit. n. Meuser 2006, 102), das bedeutet, dass sich solche Menschen auf präreflexiver Ebene erkennen und wechselseitig verstehen (vgl. ebd.). Dadurch werden soziale Ungleichheiten auch immer verkörpert.
Zudem erfolgt die Sozialisation immer geschlechtsbezogen, denn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, abseits des Biologischen,
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sind nicht naturgegeben, sondern Produkt geschlechtsspezifischer Erziehung. Damit ist Geschlecht ein soziales Konstrukt (vgl. Villa 2007, 21), obgleich die Differenz immer wieder als natürlich postuliert und damit bekräftigt wird (vgl. Degele 2004, 99). Geschlecht ist eine zentrale Kategorie in unserer Kultur und eine fundamentale Dimension des Habitus (vgl. Penz 2010, 50). Kinder werden von Geburt an hinsichtlich ihrer Geschlechtsrolle beeinflusst. Bestimmte Haltungen, Denkmuster und Gefühle werden geschlechtsbezogen induziert, verstärkt oder gedämpft, bis sich die Handlungen automatisieren und permanente Neigungen entstehen (vgl. Posch 1999, 83), die in ihrem präreflexiven Charakter als selbstverständlich gelten. Die Sozialisation ist dabei aber nicht als einseitiger Prozess zu verstehen, sondern folgt einem dialogischen Prinzip. Aktive Aneignung und gesellschaftliche Produktion sind dabei verflochten. Während also die Gesellschaft auf die individuelle Körperlichkeit einwirkt, wirkt jene wiederum auf die Gesellschaft zurück (vgl. dies. 2009, 13).
Die Geschlechtskörper sind damit auch das „Ergebnis eines sich permanent vollziehenden Konstruktionsprozesses […], in welchem sowohl die sozialen Strukturen sich in den Körper einschreiben als auch die Individuen durch ihr ‚Körperhandeln’ diese Strukturen (re-) produzieren.“ (Beier 2006, 164)
Schönheitsideale wirken dabei schon sehr früh und vor allem sehr subtil in und am Körper. Ein Beispiel dafür ist das „typische Mädchenspielzeug“ Barbie, das es seit 1959 gibt. Mit den Maßen 99-48-84 (vgl. Posch 1999, 57) ist Barbie anormal und vor allem, so WALDRICH, magersüchtig (vgl. Waldrich 2004, 115). Sie fördert schon früh die Festlegung der Mädchen auf das Schönheitsideal. Das Pendant für Jungen ist in den USA G.I. Joe, ein Plastiksoldat, und in Deutschland HeMan. Beide haben eine enorme Muskulatur und scheinen nur aus Haut und Muskeln zu bestehen (vgl. ebd., 117ff.). Zudem sind Helden in erzählten Geschichten oder in Zeichentrickfilmen oftmals doppelt so groß wie Frauen (vgl. Posch 2009, 162f.), so dass Körpergröße als Kriterium von Männlichkeit suggeriert wird.
Ein weiteres Moment ist der Spielwert. Während dieser bei Jungen von der gelungenen Handlung abhängig ist, sind Mädchenspielzeuge oft darauf ausgerichtet, Dinge schön zu machen. Somit ist die Anerkennung
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und Bestätigung anderer entscheidend für den Spielwert (vgl. Posch 1999, 86). Diese Abhängigkeit von den Bewertungen anderer zieht sich durch das weitere Leben. Mädchen lernen sehr früh, dass sie als das schöne Geschlecht gelten und Schönheit einen obligatorischen Teil ihrer Weiblichkeit und ihre größte Macht ausmacht. Sie lernen, dass ihr Aussehen begutachtet und dessen „Vorzüge […] laut und ausgiebig erörtert werden“ (Drolshagen 1995, 17). Dadurch erhalten sie gewissermaßen einen Objektstatus, es findet eine Verdinglichung statt. Dies führt dazu, dass Mädchen lernen, ihren Körper zu kontrollieren, da er nicht nur ihre eigene Sache ist, sondern ein body-for-others (Penz 2010, 24). Dabei ist Frausein „stark definiert […] über Schönheit, Körperlichkeit und Begehrtwerden durch Männer.“ (Waldrich 2004, 92) Wenn sich Frauen im Spiegel betrachten, ist der Prüfer in ihnen selbst männlich, sie betrachten sich mit dem antizipierten männlichen Blick. Das Geprüfte ist demnach weiblich und wird häufig als defizitär empfunden (vgl. ebd., 43f.). Geschlechterrollen werden internalisiert und immer weitergegeben. Mädchen orientieren sich bei der Entwicklung ihrer Geschlechterrolle an der Mutter, die geltende sozialen Normen und Schönheitsideale unmittelbar weitergibt. POSCH bezeichnet sie deshalb als „Handlanger des Schönheitsdiktates“ (Posch 1999, 94). Entscheidend ist hier der Zugang der Mutter zum eigenen Körper. Wenn diese stark auf ihr Äußeres achtet und sich mittels Nahrungsrestriktionen an das Ideal anzupassen sucht, wirkt sich dies stark auf das Mädchen aus. Häufig kontrollieren Mütter zudem schon sehr früh das Essverhalten der Mädchen und greifen regulierend ein, obwohl eine Studie, die in den USA durchgeführt wurde, zeigte, dass Kinder durchaus in der Lage sind, die Kalorienzufuhr in gesundem Maße selbst zu regulieren, wenn man sie denn lässt, und Kontrolle sich gerade gegenteilig auswirkt (vgl. dies. 2009, 105). Mädchen wird damit suggeriert, dass es wichtig für eine Frau ist, dünn zu sein (vgl. ebd. 87ff.). Schlankheit wird folglich bereits in der frühen Sozialisation als eines der Ideale körperlicher Schönheit einverleibt. In den Köpfen der Bevölkerung der westlichen Industriestaaten sind die Schönheitsideale als etwas Selbstverständliches fest verankert, ja verinnerlicht, so dass sie als selbst gewählt empfunden werden. POSCH
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spricht diesbezüglich davon, dass das Korsett in den Kopf gewandert sei (vgl. Posch 2009, 166) und bezeichnet die Schönheitsideale als „Paradebeispiel dafür, wie äußere Zwänge und Normen […] konsensual als innerer Wunsch interpretiert werden.“ (ebd., 168)
innerhalb einer Gesellschaft weitestgehend einig darüber, was als schön empfunden wird, 10 Schönheitsideale avancieren so zu einer sozial anerkannten Norm.
„Die Gesellschaft gibt uns vor, nach welchen Kriterien wir Personen einordnen, und nennt uns auch gleich die Attribute, die wir bei ihnen als natürlich und normal erwarten können.“ (Goffman, zit. n. Abels 2006, 350)
10 Dabei sind sicherlich die Medien als Voraussetzung für eine Durchsetzung von Schönheitsidealen zu betrachten, da sie die breite Masse wie keine andere Institution erreichen. Während man sie auf der einen Seite nach Belieben nutzen kann, ist es schier unmöglich, sich ihnen zu entziehen, auch wenn niemand in deterministischer Weise von ihnen beeinflussbar ist.
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Arbeit zitieren:
Julia Altmann, 2011, Schönheitsideale und Schönheitshandeln, München, GRIN Verlag GmbH
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