Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung 3
2. Körperbild, Verständnis von Gesundheit, Krankheit,
richtiger Lebensweise und guter Ernährung 7
3. Ernährung verschiedener sozialer Gruppen 21
3.1Sklaven 21
3.2Arme 29
3.3Mittelschicht 45
3.4Oberschicht 55
4.Ernährung in besonderen Situationen 67
4.1Verknappung der Nahrungsmittel und Hungerkrisen 67
4.2Krankheit 80
5.Zusammenfassung 87
Abk ürzungsverzeichnis 91
Literaturverzeichnis 93
2
1. Einleitung
Ernährung ist kein rein physiologischer Vorgang. Die Frage, was Menschen essen, unterliegt vielmehr zahlreichen sozio-kulturellen Einflussfaktoren und ökonomischen Zwängen. Für die römische Antike ist die Ernährungslage inzwischen sehr gut dokumentiert: Jacques André legte mit L’alimentation et la cuisine à Rome ein erstes und bis heute wichtiges Standardwerk vor. In der Folgezeit widmeten sich verschiedene Historiker einzelnen Unteraspekten des Themas, zu nennen sind hier vor allem Peter Garnseys Veröffentlichungen zu sozialen Aspekten der Ernährung in Rom und zur Ernährung in Hungerkrisen sowie Ulrich Fellmeths Darstellung zu sozio-politischen Aspekten der Ernährung. Daneben nahmen Ludwig Edelstein, Georg Harig, Erich Schöner und Georg Wöhrle die Texte der medizinischen Autoren der Antike in den Blick und untersuchten, wie diese über gesunde Lebensführung und richtige Ernährung dachten. Zuletzt griff Silke Kotzan die Thematik erneut auf und brachte Erkenntnisse zur Ernährungs- und Gesundheitslage zusammen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist nun gewissermaßen ein Brückenschlag zwischen medizinischen Texten der Antike und Erkenntnissen zur Ernährungslage. Ausgehend von der Frage, was gegessen wurde, werden die Texte der antiken medizinischen Autoren auf ihre Bewertung dieser Ernährung befragt. Es wird untersucht, welche Ernährung sie für günstig erachteten und welche Qualität sie verschiedenen Nahrungsmitteln zusprachen.
3
Um die Position der antiken Medizin zu erfassen, müssen vor allem die Werke von drei Autoren Beachtung finden: Hippokrates von Kos, Aulus Cornelius Celsus 1 und schließlich Galen von Pergamon. Ihre hinterlassenen Texte sind derart umfangreiche Quellen, dass sich das heutige Wissen über die antike Medizin zu großen Teilen aus dem Œuvre dieser drei Verfasser speist. Zugleich handelt es sich bei Hippokrates‘ und Galens Texten keinesfalls um konsistente Darstellungen. Bei vielen der über 60 Werke des Corpus Hippocraticum ist entweder die Urheberschaft ungeklärt oder sie sind nachweislich erst nach Hippokrates entstanden, 2 ebenso sind sehr wahrscheinlich nicht alle Galenschen Texte von ihm selbst verfasst.
Obwohl sich die Arbeit im Hinblick auf die Ernährung auf die römische Welt konzentrieren wird, kann das medizinische Denken nur dann umfassend durchschaut werden, wenn auch Quellen aus der griechischen Antike, im Besonderen das Werk Hippokrates‘, herangezogen werden. Zugleich lassen sich gewisse zeitliche Inkonsistenzen nicht vermeiden. Wenn beispielsweise die Meinungen Hippokrates‘ und Galens zu einer bestimmten Speise verglichen werden, muss der Umstand, dass die Texte im Abstand von mehreren hundert
1 Zur Frage, ob Celsus als Arzt der Antike oder vielmehr als medizinischer Laie gelten muss: Schulze,
Christian, Aulus Cornelius Celsus - Arzt oder Laie?. Autor, Konzept und Adressaten der De medicina
libri octo, Trier 1999 (Es handelt sich hier - wie auch bei den beiden Titeln von Christian Schulze,
die im Literaturverzeichnis aufgeführt sind - trotz der Namensgleichheit nicht um den Verfasser
dieser Arbeit).
2 Man nimmt heute an, dass das gesamte Corp. Hippokr. von mindestens 20 unterschiedlichen
Autoren verfasst worden sein muss. Vgl. Kotzan, 2007, S. 14. Zudem gibt es nicht nur formale und
sprachlich-stilistische Unterschiede zwischen den Texten, sondern sie fußen oftmals auch auf sehr
unterschiedlichen physiologischen, pathologischen und ätiologischen Theorien. Zudem handelt es
sich um ganz verschiedene Textsorten (Vorträge, Exzerpte, Texte zur Publikation), die oft auch
widersprüchliche Lehrmeinungen vertreten. Vgl. hierzu Schöner, 1964, S. 16; Jouanna, 1996, S. 38f.
4
Jahren entstanden sind, außer Acht gelassen werden. Vielmehr sollen sie als repräsentativ für das medizinische Denken der Antike gelten.
Daneben kommen vor allem die Texte der römischen Agrarschriftsteller Plinius, Varro, Cato und Columella als wichtige Quellen hinzu. Sie liefern viele direkte oder indirekte Hinweise zur Ernährungslage verschiedener sozialer Gruppen. Guten Einblick in die Küche der Oberschicht geben schließlich das Kochbuch des Apicius und Petronius‘ Satyricon. Flankiert werden diese literarischen Zeugnisse von archäologischen Quellen, beispielsweise Skelettfunden, Pflanzenresten, Tierknochen oder menschlichen Fäzes. 3
Für ein besseres Verständnis der medizinischen Texte soll zunächst das medizinische Denken der Antike etwas globaler umrissen werden: Es geht um die Frage, welche Vorstellung man vom Körper, seiner Gesundheit und einer richtigen Lebensweise hatte. Es scheint sodann sinnvoll, die römische Gesellschaft für eine detaillierte Betrachtung in soziale Gruppen zu gliedern, die einzeln untersucht werden. 4 Zunächst wird der Blick auf die wenig vermögenden Schichten gerichtet, indem die Ernährung der Sklaven und „Armen“ aus der Sicht der medizinischen Autoren untersucht wird. Obwohl diese alle selbst der Oberschicht entstammten, schrieben sie keinesfalls nur über Gesundheit und
3 Vgl. Garnsey, 1999, S. 115. Garnsey verweist hierbei aber auch darauf, dass archäologische Funde
zumeist nur unsichere Rückschlüsse auf die soziale Hierarchisierung zulassen.
4 Gunther Hirschfelder weist in diesem Zusammenhang aber darauf hin, dass eine Darstellung zur
römischen Ernährungsgeschichte stets punktuell bleiben muss, da sie gezwungen ist, die
Divergenzen einer 1000-jährigen Epoche, die dazu einem ständigen kulturellen Wandel unterlag,
und die gravierenden lokalen Unterschiede im gesamten Römischen Reich zu nivellieren. Vgl.
Hirschfelder, 2001, S. 77. Vgl. zur Frage der lokalen Besonderheiten auch Gerlach, 1986, S. 15-21;
André, 1998, S. 124; Kotzan, 2007, S. 353-355; 360.
5
Ernährung der Elite. Große Teile ihres Werkes zielen vor allem auf die Essgewohnheiten der unteren sozialen Schichten ab. 5 Dies ist auch von Vorteil, wenn in einem späteren Kapitel die Ernährung in Krisen- und Hungerperioden genauer betrachtet wird, unter denen in erster Linie die Schichten zu leiden hatten, die weder über große Vorräte noch über finanzielle Reserven verfügten. Im weiteren werden dann die Ernährung der römischen Elite und einer wohlsituierten Mittelschicht in den Blick genommen, denn sie ernährten sich signifikant anders als ärmere Schichten, daher muss auch die Bewertung durch die medizinische Literatur anders ausfallen. Den Abschluss der Untersuchung bilden schließlich Bemerkungen zu der Frage, welche Ernährung die medizinischen Autoren für Kranke als günstig erachteten.
5 Vgl. Garnsey, 1999, S. 115.
6
2. Körperbild, Verständnis von Gesundheit, Krankheit,
richtiger Lebensweise und guter Ernährung
Es scheint zunächst geboten, das Wissen um Medizin und Ernährung theoretisch zu betrachten. Es gilt zu fragen, wie die antike Medizin den menschlichen Körper dachte, wie sie seine Funktionsweise beschrieb und wie sie schließlich das Kontinuum Gesundheit und Krankheit imaginierte.
Der Körper wurde als eine Mischung aus vier Körpersäften verstanden. Dieses humoralpathologische Schema findet sich bereits in einfacher Form bei Hippokrates angelegt 6 und beschreibt die vier Säfte als elementare Körperbe-standteile: Es waren Blut, gelbe Galle, schwarze Galle 7 und Schleim. Jeder dieser Körpersäfte war einem der vier Kardinalorgane des Körpers (Herz, Leber, Milz, Gehirn) zugeordnet, in dem er gebildet wurde. Zudem entsprach ihm je eine Qualität, die sich aus den beiden Dichotomien heiß/kalt und trocken/feucht ergab:
6 Hippokr. Nat. hom. 4. Vgl. hierzu auch Schöner, 1964, S. 58.
7 Es ist bislang nicht hinreichend geklärt, was die antike Medizin mit der „schwarzen Galle“ gemeint
haben könnte oder welche Beobachtung zur Annahme ihrer Existenz geführt haben könnte. Erich
Schöner vermutet, es könne sich mehr um ein theoretisches Konstrukt gehandelt haben, um die
Vierzahl der Humoralpathologie zu erreichen. Vgl. Schöner, 1964, S. 56f.; Grant, 2000, S. 19-36.
7
Analog dazu wurden vier Lebensalter, vier Jahreszeiten und vier Elemente je einem der Körpersäfte zugeordnet. 8 Grundlage dieses Körperverständnisses war eine „naturphilosophische Interpretation des Organismus in der Perspektive des Parallelismus von Mikrokosmos und Makrokosmos“. 9 Der Mikrokosmos Mensch wurde als verkleinertes Abbild der Welt gesehen, die Entsprechung in den vier Körpersäften war demnach die Repräsentanz des Makrokosmischen im Individuum.
Die vier Säfte standen in jedem Körper in einem spezifischen und höchst individuellen Verhältnis zueinander. Dieses Mischungsverhältnis entschied über die allgemeine Konstitution des Individuums und seinen Gesundheitszustand. Der Körper galt als gesund, wenn die Körpersäfte in einem optimalen Verhältnis zueinander standen. Galen ist überzeugt, dass dieser Zustand, die Eukrasie, lebenslang vor Krankheit bewahren könne. 10 Ein schlechtes Mischverhältnis, die Dyskrasie, galt jedoch in höchstem Maße als gefährlich, denn es konnte den Körper schädigen, krank machen und in extremer Form auch zum Tode führen.
Damit ist auch klar, dass Gesundheit und Krankheit nicht länger als Folge göttlichen Einwirkens gesehen, sondern vielmehr als Naturvorgang verstanden wurden, auf den das Individuum ganz konkret einwirken konnte. 11 Hippokrates
8 Hippokr. Vict. 1,33. Vgl. auch Steger, 2004, S. 149; Grant, 2000, S. 15. Erich Schöner merkt hierzu
an, dass Galen das Konzept von den vier unterschiedlichen Temperamenten (Sanguiniker,
Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker) zwar anreißt, keinesfalls jedoch so klar ausformuliert,
wie dies in späteren mittelalterlichen Darstellungen den Anschein hat. Vgl. Schöner, 1964, S. 93.
9 Engelhardt, 1993, S. 139.
10 Gal. De san. tuend. 5,1,17. Vgl. auch Kotzan, 2007, S. 207; Grant, 2000, S. 16;
Harig/Kollesch, 1971, S. 21.
11 Vgl. Steger, 2004, S. 147.
8
und Galen folgern, dass sich die individuelle Konstitution des Menschen in einer höchst individualisierten Lebensweise widerspiegeln müsse. 12 Es wurde angenommen, dass sich durch ein Eingreifen in die Lebensumstände jederzeit ein Zustand der Gesundung und des Wohlergehens erreichen lasse. 13 Der gesamte Einfluss des Einzelnen auf seinen Zustand komprimiert sich schließlich im Begriff diaita. Darunter verstand man im engeren Sinne die Lebensweise jedes Einzelnen, es ging dabei um die gezielte positive Beeinflussung der eigenen Lebensumstände durch den Menschen selbst.
Einer der wichtigsten Aspekte bei der Frage nach der Optimierung der Lebensweise war stets die bewusste und planvolle Ernährung, doch schon Hippokrates wusste, dass diese keinesfalls allein genügen könne, dauerhafte Gesundheit zu erhalten. Vielmehr müsse zunächst ein optimales Verhältnis zwischen Ernährung, die Kräfte schafft, und Anstrengung, die Kräfte verbraucht, gefunden werden, um beide opponierenden Kräfte auszubalancieren.
14
Was Hippokrates bereits andeutet, findet sich dann ganz explizit bei Galen formuliert, nämlich dass noch andere Lebensbereiche die Gesundheit essentiell beeinflussen. Er gliedert das gesamte Spektrum der den Menschen beeinflussen-
12 Vgl.Müri, 1950, S. 189; Gil-Sotres, 1996, S. 315; Wöhrle, 1990, S. 83; Harig/Kollesch, 1971,
S. 23.
13 Vgl. Müri, 1950, S. 192; 194.
14 Hippokr. Vict. 1,2; 3,1. Vgl. hierzu auch Wöhrle, 1990, S. 15; Edelstein, 1931, S. 163.
9
den „nicht-natürlichen Dinge“ in sechs Paare und definiert damit die sogenannten sex res non naturales: 15
Licht und Luft (aer)
Speise und Trank (cibus et potus)
Arbeit und Ruhe (motus et quies)
Schlaf und Wachen (somnus et vigilia)
Absonderungen und Ausscheidungen (secreta et excreta)
Anregung des Gemüts (affectus animi)
Die bewusste Einflussnahme auf diese sechs Bereiche sollte jeden Menschen befähigen, seine Gesundheit zu kontrollieren. Oberstes Gebot war dabei ein ständiges Maßhalten und ein Ausgleichen von Extremen bzw. deren Vermeidung. So musste beispielsweise ein Übermaß an Arbeit mit vermehrter Ruhe ausgeglichen werden, um den Körper auszubalancieren und gesund zu erhalten. 16
Bei den verschiedenen noch erhaltenen diätetischen Texten der Antike nehmen die Empfehlungen zur diaita dann allerdings sehr unterschiedliche Formen an. Als ein recht frühes Zeugnis der griechischen Diätetik gilt ein Fragment des Diokles von Karystos, ein griechischer Arzt des 4. Jahrhunderts v. Chr. Es regelt den unter diätetischen Gesichtspunkten idealen Tagesablauf beinahe minutiös: Nach dem Aufstehen im Morgengrauen und einer sorgfältigen Toilette sollen zunächst ein Morgenspaziergang und ein leichtes Frühstück folgen. Nach der Regelung aller häuslichen Angelegenheiten setzt sich der Tag für die Jungen dann im Gymnasion fort, wo sie massiert und gesalbt werden und Übungen
15 Die sex res non naturales finden sich erstmals explizit bei Gal. Ars. med. 23. Vgl. auch
Wöhrle, 1990, S. 13f.; 81f.; Engelhardt, 1993, S. 140.
16 Vgl. Engelhardt, 1993, S. 140; Gil-Sotres, 1996, S. 317; Steger, 2004, S. 148.
10
ausführen. Ältere Menschen nehmen stattdessen ein Bad. Nach einer leichten Mittagsmahlzeit sollen ein kurzer Schlaf und ein Spaziergang folgen, bevor man wieder das Gymnasion aufsucht, um den Körper zu trainieren. Nach einem Bad und einer Salbung folgt dann die abendliche Hauptmahlzeit, danach ein Verdauungsspaziergang. Das Einschlafen soll schließlich in einer genau beschriebenen Stellung erfolgen. 17
Die Klarheit, mit der jedes Detail des Tagesablaufs in dieser diätetischen Anweisung geregelt wird, erlaubt einen guten Rückschluss auf einen offenbar bei Diokles mitgedachten, aber nicht formulierten Punkt: Wer seinen Tag nach diesem Muster gestalten will, muss in der Lage sein, sein gesamtes Tagesgeschäft der Sorge um den eigenen Körper zu verschreiben. Zwar erwähnt Diokles, man solle am Vormittag „häuslichen Angelegenheiten“ nachgehen, doch findet sich in diesem strikt geregelten Plan kaum genügend Zeit für eine regelmäßige Beschäftigung oder gar Erwerbstätigkeit. Darüber hinaus, so merkt Ludwig Edelstein an, fehle sogar Freiraum für angenehmere Tätigkeiten fernab aller beruflichen Verpflichtungen, zum Beispiel für die Teilnahme an einem Symposion. 18 Es liegt also nahe, zu vermuten, dass Sorge um den eigenen Körper und die eigene Gesundheit vor allem denen möglich war, die über genügend freie Zeit verfügten.
Diese Diskrepanz thematisiert Hippokrates ganz explizit. Er differenziert zwischen der „große[n] Masse der Menschen, die unter dem Druck der
17 Vgl. Diokles von Karystos, fr. 141, zit. n. Harig/Kollesch, 1971, S. 16f. Vgl. hierzu auch
Edelstein, 1931, S. 167.
18 Vgl. Edelstein, 1931, S. 166.
11
Verhältnisse ihr Leben hinbringen und denen es nicht vergönnt ist, unter Hintansetzung aller anderen Dinge auf ihre Gesundheit bedacht zu sein“ und denjenigen „Menschen aber, denen dies möglich ist, und die richtig erkannt haben, daß weder Geld noch sonst etwas anderes als die Gesundheit Wert hat“. Während er für jene nur einige allgemeine Ratschläge zur Lebensführung in den verschiedenen Jahreszeiten bereithält, so ist „für diese (…) von mir eine Regelung der Lebensweise erfunden, die, soweit es geht, bis zur größtmöglichen Genauigkeit gelangt ist“. 19 Und so resümiert auch Georg Wöhrle Hippokrates‘ Darstellungen: „Sein Inbegriff eines gesunden Lebens ist jedenfalls ein Privileg, das sich im Prinzip nur sehr Wohlhabende oder geradezu Adlige leisten konnten.“ 20
Celsus wiederum verzichtet in seinen Ausführungen auf das Bild eines idealen Tagesablaufs, der nur aus Kontemplation und Gesundheitsfürsorge besteht. Seine Grundannahme ist, dass ein gesunder Mensch sich keinen speziellen Vorschriften unterwerfen müsse, sondern lediglich seine Lebensweise nicht monoton gestalten dürfe:
„Ein gesunder Mensch, der sich wohl befindet und sein eigener Herr ist, soll sich an keine
Gesetze binden und weder eines Arztes noch Salbenarztes bedürfen. Er muß eine wechselnde
Lebensweise führen, bald auf dem Land sein, bald in der Stadt, aber häufiger auf dem Feld. Er
muß zur See fahren, jagen, bisweilen ruhen, aber häufiger den Körper üben; denn Trägheit
stumpft den Körper ab, Arbeit stärkt ihn. Jene führt zu frühem Alter, diese verschafft eine
lange Jugend.“ 21
19 Hippokr. Vict. 3,3.
20 Wöhrle, 1990, S. 84.
21 Cels. 1,1f.
12
Zudem verlangt er eine maßvolle und zugleich kräftigende Ernährung, man solle sich keinesfalls zu enthaltsam zeigen, abwechslungsreich essen und dabei alle Speisen wählen, die auch das übrige Volk zu sich nehme. 22
Erstmals bei Galen wird dann explizit formuliert, welche Möglichkeiten verschiedenen „Berufsgruppen“ offen stehen, ihren Tagesablauf nach diätetischen Gesichtspunkten zu gestalten. Galen passt seine Darstellung - wenn auch auf eher allgemeinem Niveau - an und gibt Empfehlungen zur Lebensweise von Athleten, Handwerkern, Landwirten, Händlern und schließlich Sklaven und anderen Bediensteten. 23 Er unterstreicht, dass vor allem derjenige, der seinem Körper durch Arbeit, politische Betätigung und ein anstrengendes Leben viel zumute, angehalten sei, auf seine Gesundheit zu achten und seine Nahrung keinesfalls bedenkenlos zusammenstellen könne, während derjenige, der sein Leben in den Dienst der Pflege der eigenen Gesundheit stelle, seine Ernährung viel unbekümmerter gestalten könne. Besonders glücklich könne wiederum derjenige sein, der in keinem Abhängigkeitsverhältnis stehe und der daher nicht gezwungen sei, sich noch vor Tagesanbruch „zum Palaste der Großmächtigen zu begeben“, denn er könne in Ruhe und vor der Mahlzeit seine Übungen vollführen, was zweifelsfrei das beste sei. 24 Trotzdem opponiere aber eine berufliche Betätigung stets auch mit der Fähigkeit, sich vollends der Gesundheitspflege hinzugeben. Galens Fazit klingt daher wenig ermunternd: „Ich
22 Cels. 1,Prooem. Vgl. auch Steger, 2004, S. 50; Harig, 1976, S. 7.
23 Gal. De san. tuend. 1,12,6-8; 1,12,10f. Vgl. hierzu auch Harig/Kollesch, 1971, S. 20-22;
Steger, 2004, S. 151.
24 Gal. De bon. mal. suc. 2,2; 3,2f. Vgl. hierzu auch Wöhrle, 2005, Sp. 219.
13
glaube, daß ein solches Leben [ein langes und gesundes, C.S.] von jedem Zwange zur Erwerbstätigkeit entfernt bleiben muß und sich allein mit dem Körper beschäftigen soll.“ 25
Auch an der Empfehlung der Anzahl von Mahlzeiten, die man am Tag zu sich nehmen soll, zeigt sich ein gewisser Wandel. Während Diokles und Hippokrates die Anzahl genau regeln und mehr als eine Mahlzeit pro Tag empfehlen, da nur einmaliges Essen krank mache und den Darm verstopfe, 26 rät Galen explizit dazu, sich mit einer Mahlzeit zu begnügen und gesteht nur Alten und Kranken drei Mahlzeiten pro Tag zu. 27
Das eingangs dargelegte Verständnis vom menschlichen Körper als eine spezifische Mischung der vier Körpersäfte wurde schließlich auch auf die Ernährung angewendet. Jedes bekannte Nahrungsmittel wurde in den diätetischen Texten einer Klassifizierung nach verschiedenen Qualitäten unterzogen, so dass beispielsweise Honig als trocken und warm galt. Daraus ergab sich, dass er keinesfalls bedenkenlos von jedem konsumiert werden durfte. Galen schreibt dazu:
„(…) wie man ja auch den Honig nicht unterschiedslos verordnet, sondern zugleich hinzufügt,
welchen Altersstufen und Naturen er nützlich oder schädlich ist; z.B. daß er den trockenen
und warmen Naturen höchst schädlich ist, den feuchten und kalten höchst dienlich ist, sei es
nun, daß diese ihre Mischung durch das Lebensalter oder durch ihre Veranlagung, durch das
Land, die Jahreszeit oder durch ihre Beschäftigung bedingt ist.“ 28
25 Gal. De san. tuend. 1,12,20f. Vgl. hierzu auch Wöhrle, 1990, S. 113.
26 Hippokr. Vict. 2,24; siehe auch 2,42; 2,44.
27 Gal. De san. tuend. 5,4. Vgl. hierzu auch Fellmeth, 2001, S. 87.
28 Gal. De alim. fac. 1,1,33.
14
Er macht deutlich, dass eine universelle Ernährungsempfehlung keinesfalls zielführend sei, vielmehr gehe es um eine auf den individuellen Charakter des Essers abgestimmte Ernährung:
„Auf dieselbe Weise empfiehlt es sich, bei allen Nahrungsmitteln und Getränken nicht ein-
fach so jedes einzelne zu verwenden, sondern erst, nachdem man die Naturen, bei denen sie
Verwendung finden sollen, genau voneinander unterschieden hat.“ 29 „Welche Nahrung nun für jeden einzelnen gut bzw. schlecht verdaulich ist, muß man nach
der Eigenart seiner Konstitution oder nach gewissen Erscheinungen durch den Versuch beur-
teilen.“ 30
Letztlich gingen viele der Diätvorschriften auf das Gebot contraria contrariis curantur zurück, 31 d.h. man nahm an, dass ein Ungleichgewicht des Körpers
immer durch den Einsatz des Gegenmittels ausgeglichen werden könne. In jedem Fall war jedoch geboten, Nahrung immer nach ihrer entsprechenden Qualität und passend zur eigenen körperlichen Konstitution auszuwählen. 32 Die Analogien, in denen hier gedacht wurde, muten aus moderner Perspektive mitunter recht amüsant an: So wurde beispielsweise trockenen Naturen vom Genuss des Fleisches von Wald- und Feldtieren strikt abgeraten, weil deren Fleisch durch den steten Aufenthalt im Freien von der Sonne zu trocken gemacht werde, hingegen sei der Genuss von Entenfleisch recht zuträglich, da deren Fleisch durch den Aufenthalt im Sumpf und im Wasser eine feuchte
29 Gal. De bon. mal. suc. 11,23. Vgl. mit ähnlichem Wortlaut auch Hippokr. Salubr. 2; Vict. 1,35;
vgl. auch Wöhrle, 1990, S. 88.
30 Gal. De alim. fac. 2,6,2.
31 Vgl. hierzu auch Wöhrle, 1990, S. 69.
32 Vgl. Steger, 2004, S. 151.
15
Qualität habe. 33 Zentrales Prinzip, und hier gleichen sich griechische und römische Diätetik, war neben der bedachten Auswahl der Speisen auch die Mäßigung: niemals den Genuss einer bestimmten Speise übertreiben und keine unverhältnismäßigen Mengen zu sich zu nehmen. 34 Der Maßgedanke zieht sich ohnehin durch das gesamte ärztliche Denken der Antike, 35 und eine maßvolle und bewusste Regulierung der sex res non naturales sollte Gesundheit und Wohlbefinden garantieren. Georg Harig resümiert treffend, wenn er schreibt, dass „das zentrale Anliegen der römischen Diätetik zweifellos in dem Versuch [besteht], bei den Lesern Verständnis für das rechte Maß, für das richtige Verhältnis zwischen körperlicher bzw. geistiger Anstrengung und Entspannung und Nahrungsaufnahme zu wecken“ 36 und er bemerkt zugleich, dass diese Gedanken nicht nur Eingang in die medizinischen Texte gefunden hätten, sondern beispielsweise auch bei Plinius und Varro auftauchten. 37
Neben der Mäßigung galt die Regelmäßigkeit und Unveränderlichkeit der eigenen Lebensweise, vor allem aber der Ernährung, als wichtiges Prinzip. Hippokrates schreibt, wie sehr man darauf bedacht sein solle, die eigene Ernährung unverändert beizubehalten. Er meint, „daß eine einfache Lebensweise im Essen und Trinken, die sich immer gleich bleibt, im allgemeinen stets
33 Hippokr. Vict. 2,47; 2,49; vgl. hierzu auch Wöhrle, 1990, S. 80.
34 Hippokr. Vict. 1,2.
35 Vgl. Müri, 1950, S. 183.
36 Harig, 1976, S. 4.
37 Vgl. Harig, 1976, S. 4. Plin. nat. hist. 11,119 beschreibt die negativen Folgen eines Übermaßes an
Nahrung. Varr. rust. 2,10,9 lobt die Gesundheit und Widerstandfähigkeit der Landbevölkerung,
welche sich maßvoll und einfach ernähre.
16
mehr Gewähr für die Erhaltung der Gesundheit gibt, als wenn man plötzlich eine große Änderung nach einer anderen, besseren Lebensweise hin eintreten lässt“ 38 und skizziert sogleich die negativen Folgen einer unbedachten Änderung der Lebensumstände:
„Es rufen (…) plötzliche Diät-Änderungen Schäden und Krankheitszustände hervor. Die
nicht an ein Frühstück gewöhnten macht nämlich etwaiges Frühstücken sofort kraftlos, es
verursacht Schwere im ganzen Körper, Schwäche und Unlust. Wenn diese aber auch ihre
Hauptmahlzeit einnehmen, so bekommen sie saures Aufstoßen, bei manchen tritt sogar noch
Durchfall ein, weil bei ihnen der Leib, der an geringe Füllung und nicht an zweimaliges Aus-
weiten und auch nicht an zweimaliges Verdauen von Speisen gewohnt war, gegen die Ge-
wohnheit belastet worden ist.“ 39
Drittens gab es auch Speisen, von denen angenommen wurde, dass sie generell die Bildung schlechter Säfte begünstigen würden, daher wurde von ihrem Verzehr gänzlich abgeraten. Laut Galen hatten beispielsweise Gurken die Eigenschaft, nur schlechte Säfte zu bilden: „Ich rate daher, sich aller Speisen zu enthalten, die schlechten Saft bilden, auch wenn manche sie gut vertragen. Denn langsam und unbemerkt sammelt sich daraus ein schlechter Saft in den Gefäßen, der dann, wenn er auf eine geringfügige Veranlassung hin in Fäulnis übergeht, bösartiges Fieber hervorruft.“ 40
Die bisherigen Bemerkungen zur antiken Diätetik sollen als Überblick genügen, um in das Körperbild und das Verständnis von Gesundheit, Krankheit und richtiger Lebensweise der antiken Medizin einzuführen. So befremdlich diese Ansichten mitunter wirken mögen, dieses Modell der Funktionsweise des
38 Hippokr. Vict. 1,28f.
39 Hippokr. Vict. 1,28.
40 Gal. De alim. fac. 2,6,4.
17
menschlichen Körpers muss eine derartige Wirkungsmacht besessen haben, dass die Humoralpathologie auch 1500 Jahre nach Galen nichts von ihrer Überzeugungskraft verloren hatte. Noch im 17. Jahrhundert schrieb Johann Sigismund Elsholtz, einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler seiner Zeit, in einem diätetischen Werk über den Genuss von Zwiebeln:
„daß sie denen kalten und pflegmatischen Leuten, weil sie mit ihrer subtilen Schärffe den
kalten Schleim durchdringen und erwärmen, einiger massen dienlich seyn können, daß sie
hingegen denen hitzigen und cholerischen Naturen, indem ihre scharffen dämpffe zu Kopf
steigen, unruhigen Schlaff und flüßige Augen verursachen, höchst schädlich sind.“ 41 Zugleich finden sich denkbar progressive Züge in der antiken Diätetik. Während die moderne Ernährungswissenschaft allgemeingültige Maßgaben für eine gesunde Ernährung formuliert, 42 erscheint der Gedanke einer ganz individuellen Konstitution des Menschen bei Hippokrates und Galen als sehr fortschrittlich.
Es wurde nunmehr gezeigt, dass die antike diaita bei Hippokrates und Galen in bemerkenswertem Detailreichtum ausgearbeitet ist. Es schließt sich die Frage an, welche sozialen Gruppen zum antiken Rezipientenkreis gehört haben mögen. Galen räumt hierzu selbst ein, dass große Teile der Bevölkerung wohl weder mit seinen Schriften in Kontakt kämen noch ein Verständnis für diätetische Maßregeln entwickeln könnten. Stattdessen stellten sie, so Galen,
41 Elsholtz, Johann Sigismund, Diaeteticon. Das ist, Newes Tisch-Buch, Oder Unterricht von
Erhaltung guter Gesundheit durch eine ordentliche Diät, und insonderheit durch rechtmäßigen
Gebrauch der Speisen, und des Geträncks. In sechs Büchern abgefaßt, auch mit nöthigen Figuren
gezieret, Cölln an der Spree 1682 (Nachdruck Leipzig 1984), zit. n. Paczensky/Dünnebier, 1994,
S. 494. Vgl. zur Wirkungsmacht des humoralpathologischen Modells bis in die Moderne auch
Schöner, 1964, S. 1.
42 Vgl. Paczensky/Dünnebier, 1994, S. 494.
18
unter Missachtung sämtlicher diätetischer Erkenntnisse ihre Nahrung vollkommen wahllos zusammen. 43 Während Georg Wöhrle betont, dass die hippokratischen Schriften De victu salubri und De victus ratione sich explizit an medizinische Laien richteten, also keinesfalls als medizinische Fachtexte zu verstehen seien, arbeitet Georg Harig heraus, dass für antike diätetische Texte generell nur medizinische Laien aus der Oberschicht als Leser in Frage kämen, die finanziell gut gestellt seien, eine hohe Allgemeinbildung hätten und zudem regelmäßig durch Ärzte betreut würden. 44 Man darf also davon ausgehen, dass die diätetischen Prinzipien zumindest in der erhaltenen Schriftform nur einem sehr ausgesuchten Personenkreis zugänglich waren. Eine Aufklärung über die Wirkung und Qualität verschiedener Nahrung kann zudem nur dort von Nutzen gewesen sein, wo der Einzelne in der Lage war, seine Nahrung auch bewusst und selbstständig aus einem gewissen Angebot zu wählen. Diese Option hatte der überwiegende Teil der antiken Bevölkerung nicht, seine Nahrung war größtenteils vorgegeben. Im Detail setzen sich damit die folgenden Kapitel auseinander.
Es soll abschließend noch bemerkt werden, dass viele der antiken medizinischen Prinzipien und Ansichten in diesem Kapitel ohne Bewertung wiedergegeben wurden. Die wissenschaftliche Beschreibung der naturwissenschaftlichen Denkweisen aus moderner Sicht bereitet auch gewisse Schwierigkeiten. Kaum eine der theoretischen Ausführungen zum Verhältnis zwischen Körper,
43 Gal. De alim. fac. 1,2,9.
44 Vgl. Harig, 1976, S. 13f.; Wöhrle, 1990, S. 112.
19
Gesundheit und Krankheit der antiken Autoren könnte einer modernen kritischen Befragung standhalten. Wenn beispielweise Hippokrates empfiehlt, für eine gute Gesundheit im Winter alle 14 Tage und im Frühjahr sogar alle 2-3 Tage künstlich Erbrechen zu erzeugen, um das Säftegleichgewicht des Körpers zu erhalten, 45 dann wird sich die moderne Medizin für diesen Vorschlag nicht sonderlich erwärmen können. Vielmehr muss es daher aus geschichtswissenschaftlicher Sicht darum gehen, die antike Medizin mehr als ein ethischphilosophisches Konstrukt zu begreifen, welches den gedanklichen Überbau für konkretere Fragestellungen liefert. Die antike Medizin darf damit keinesfalls als empirische Wissenschaft verstanden werden, sondern muss vielmehr aus der Zeit heraus interpretiert werden als ein Versuch, die naturwissenschaftlichmedizinischen Beobachtungen erklären und systematisieren zu wollen.
Freilich bleibt es in den medizinischen Texten nicht bei den bisher besprochenen theoretischen Ausführungen. Vielmehr sind sie reich an praktischen Bewertungen der unterschiedlichsten Nahrungsmittel der Antike. Die folgenden Kapitel sollen, gegliedert nach verschiedenen sozialen Gruppen, die Verbindung zwischen Erkenntnissen zur Ernährungslage mit den sehr normativen diätetischen Schriften herstellen.
45 Hippokr. Vict. 3,2.
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Christian Schulze, 2010, Ernährung in der römischen Antike vor dem Hintergrund der medizinischen Literatur der Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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