Inhaltsübersicht Teil III
1. Einführung 3
2. Floskeln reflexiven Sprachgebrauchs als metakommunikative Elemente 5
2.1 Aspekte zur Metakommunikation 5
2.2 Metakommunikative Kompetenz und ihre Entwicklung 6
2.3 Struktur und Aufbau sprachreflexiver Äußerungen 8
2.4 Funktionen von Sprache über Sprache 11
3. Einzelanalysen zu den Diktumscharakterisierungen aus Gricescher Sicht 13
3.1 Sprachreflexive Ausdrücke und ihre Korrelation mit den Qualitätsmaximen 15
3.2 Alternative Korrelationen 17
4. Abschlussbetrachtung und Ausblick 19
5. Literaturverzeichnis 21
6. Abbildungsverzeichnis: Schaubilder und Folien aus dem Seminar 22
2
1. Einführung
„In der heutigen Zeit treten Inhalte und Ziele der Politik oft in den Hintergrund. Was wirklich zählt, den Wähler effektiv beeinflusst und schließlich zum Erfolg führt, ist, überspitzt formuliert, fast ausschließlich die positive Darstellung einer Politik.“ 1
„Was den Politiker vom Staatsmann unterscheidet? Nun, den Staatsmann interessiert die Zukunft seines Landes, den Politiker interessieren, ganz offen gesagt, nur die nächsten Wahlen“ 2
Diese beiden Äußerungen sind in dieser oder ähnlicher Form häufig in der Tagespresse oder im Rundfunk zu vernehmen. Mögen sie sich zwar inhaltlich unterscheiden, so sind sie beide durch einen ganz eigenen Typus der Sprachverwendung gekennzeichnet. Im Fokus der Untersuchung liegen hier besonders die beiden Ausdrücke überspitzt formuliert und offen gesagt, die im allgemeinen Sprachgebrauch auch als Floskeln gelten. Ganz konkret könnte man diese Ausdrücke weglassen, ohne damit eine wesentliche inhaltliche Veränderung an der Äußerung des Sprechers 3 vorgenommen zu haben. Doch würden die beiden Aussagen vom Hörer dann auch gleich verstanden werden? Floskeln und Floskelhaftigkeit sind im landläufigen Sinne als Form der Sprachverwendung gekennzeichnet, über deren Sinn und Inhalt die Gesprächsteilnehmer in der Regel nicht nachdenken. Oft werden sie als stereotype Redewendung realisiert. Von seiner eigentlichen Definition bezeichnet der Begriff Floskel jene Ausdrücke, die den Informationsgehalt einer Aussage entweder kaum oder nicht erhöhen oder aber redundante Informationen geben. Jedoch nehmen sie vielfach Einfluss darauf, wie eine Äußerung beim Adressaten ankommt. In diesem Zusammenhang nehmen besonders die Höflichkeitsfloskeln eine wichtige Stellung ein.
Um sich der Fragestellung zu nähern, welche Position Floskeln im Forschungsbereich der Metakommunikation einnehmen, gilt es zunächst den Begriff selbst differenzierter zu betrachten.
1 nach Prof. P. Kirchhoff, Verfassungsrichter a. D.
2 s.o.
3 die Bezeichnung Sprecher erfolgt eingedenk der Tatsache, dass Sprachen naturgemäß von männlichen und
weiblichen Personen aktiv verwendet werden. Zur Übersichtlichkeit des Textbildes werden in diesem
Aufsatz entweder nur die männliche, nur die weibliche oder beide Formen nacheinander verwendet. Die
gewählte Form enthält somit keine Aussage über geschlechtsdifferenzierte Sprachverwendung. Andernfalls
wird an entsprechender Stelle gesondert darauf hingewiesen.
3
In dieser Ausarbeitung soll die Begrifflichkeit der Floskel enger definiert sein. Von Interesse sind hierbei jene sprachlichen Ausdrücke, in denen der Sprecher Bezug nimmt auf das von ihm selbst Gesagte und damit das Gesagte explizit kennzeichnet. Dies ist bei weitem nicht im Gebrauch jeder beliebigen landläufigen Floskel der Fall 4 , demnach besitzt nur ein ganz bestimmter Teil floskelhafter Äußerungen auch metakommunikativen Charakter.
Jörg Hagemann versucht in seiner Arbeit 5 das sprachliche Phänomen der Floskeln einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich zu machen. Im Zuge seiner begrifflichen Eingrenzung prägt er für in metasprachlicher Hinsicht relevante Floskeln den Ausdruck Diktumscharakterisierung.
Hagemann systematisiert verschiedene diktumscharakterisierende Ausdrücke und verortet sie je nach ihrer Realisierung entsprechend der Griceschen Konversationsmaximen. Die Tatsache, dass diktumscharakterisierende Ausdrücke oder Floskeln, obwohl schrift- und umgangssprachlich stark verbreitet, bisher einen eher randständigen Teilbereich in der metakommunikativen Forschung darstellen, führt zu der Frage, inwieweit die Schlussfolgerungen Hagemanns über die engen Grenzen seiner Untersuchung hinaus Geltung haben.
Der erste Teil dieser Ausarbeitung, welche sich in den Grundzügen an der Hagemannschen Darstellung orientiert, illustriert zunächst grundsätzliche Fragestellungen zum Problembereich der Metakommunikation, ihren Strukturen und Funktionen sowie ihrer Ausbildung und Entwicklung vom Kleinkindalter an. Im zweiten Teil des Aufsatzes werden exemplarisch konkrete Situationen betrachtet, in denen diktumscharakterisierende Ausdrücke zum Einsatz gelangen. Entsprechend den Untersuchungen Hagemanns erfolgt skizzenartig eine Zuordnung zu den Griceschen Konversationsmaximen. Der Aufsatz, welcher den zweiten Teil des Ausarbeitungskomplexes bildet, schließt inhaltlich nahtlos an die Ausführungen der drei weiteren Referenten zum Themenkomplex der Diktumscharakterisierung an. Diese widmen sich im Einzelnen jeweils detailliert dem kommunikativen Handeln, dem Aufbau und der Struktur von diktumscharakterisierenden Ausdrücken sowie dem Zusammenhang zwischen Diktumscharakterisierungen und Konversationsmaximen nach H. Paul Grice.
4 zu denken ist hier insbesondere an Floskeln, welche in Form von Füllwörtern realisiert werden, wie z.B.
„Alles klar?“ oder „macht nichts!“.
5 vgl. Hagemann, Jörg. Reflexiver Sprachgebrauch. Diktumscharakterisierung aus Gricescher Sicht.
4
2. Floskeln reflexiven Sprachgebrauchs als metakommunikative Elemente
2.1 Aspekte zur Metakommunikation
Bevor die Floskeln reflexiven Sprachgebrauchs als spezielle Form sprachreflexiven Handelns betrachtet werden, ist es hilfreich sich vorweg über grundsätzliche Aspekte von Metakommunikation im Klaren zu werden. Bezogen auf Heidegger 6 referiert Hagemann, dass es die Sprache selbst ist, die es Menschen überhaupt ermöglicht, eine beliebige Äußerung außerhalb von sich selbst zu stellen und sie als innerweltlich begegnenden Gegenstand auf ihre Angemessenheit hin zu beurteilen. Dementsprechend existieren Formen von Sprachverwendung, innerhalb derer die Sprache als Realitätsbereich ausdrücklich zum Thema gemacht wird. 7
Nach Habermas 8 ist jedes kommunikative Handeln gleichzeitig verständigungsorientiertes Handeln. Ein Hörer soll getätigte Äußerungen verstehen, was in der Folge zu einem Einverständnis zwischen Sender und Empfänger 9 führt. Nach Habermas Universalitätsthese werden mit jedem Sprechakt vier universale Geltungsansprüche erhoben. Diese können selbst Gesprächsinhalt sein. Im kognitiven Sprachgebrauch wird der Wahrheitsanspruch durch Bezugnahme auf die objektive Welt, im expressiven Sprachgebrauch der Anspruch der Wahrhaftigkeit durch Bezugnahme auf die subjektive Welt und im interaktiven Sprachgebrauch der Richtigkeitsanspruch durch Bezugnahme auf die soziale Welt thematisiert.
Hagemann kritisiert nun, dass Habermas nicht explizit den Verständlichkeitsanspruch und einen entsprechenden Sprachgebrauch erhebt. Nach seiner Auffassung müsse der Geltungsanspruch der Verständlichkeit als ein explizit im metakommunikativen Sprachgebrauch thematisierter benannt werden, da sich durch die Bezugnahme auf Sprache im metakommunikativen Sprachgebrauch die Sprache als ein eigener Realitätsbereich auszeichnet. 10 Schließlich nehmen entsprechend dieser These Sprecher ständig auf Sprache Bezug, da sie z.B. Silben und Wörter verwenden, welche bereits feste Bedeutungen tragen
6 vgl. Heidegger 1986, S.161, zit. in Hagemann, J. S. 21
7 siehe Hagemann, J. S. 21
8 Habermas, J. Theorie des kommunikativen Handelns.
9 Begrifflichkeit nach d. Kommunikationstheorie nach Watzlawick, P. u. Schulz v. Thun, F.
10 vgl. Hagemann, J. S. 22
5
oder auch grammatische Regeln befolgen, die Bestandteil einer bestimmten Sprache sind, und sich nicht erst durch ihren jeweiligen Gebrauch konstatieren. 11 Auf Sprache wird ebenfalls Bezug genommen, wenn ein Sprecher Gebrauch macht von einer sprachlich zum Ausdruck gebrachten Handlung, die mit der Äußerung zugleich vollzogen werden kann, einer so genannten performativen Formel: z. B. „Hiermit verspreche ich Dir, das Rauchen aufzugeben“. 12 Austin bemerkt hierzu, dass jede nichtexplizite illokutionäre Rolle einer Äußerung permanent explizit gemacht werden kann 13 , wofür ein spezieller Sprachgebrauch erforderlich ist. Die kommunikativen Intentionen der eigenen Sprechakte lassen sich so metakommunikativ durch die Verwendung performativer Verben deutlich machen.
Diktumscharakterisierende Ausdrücke als weitere Form metakommunikativen Sprachgebrauchs gelten nach Hagemann als besonders eindringliche Beispiele für Manifestationen des reflexiven Sprachgebrauchs in Form von herausgestellter Bezugnahme durch Sprache auf Sprache. 14
2.2 Metakommunikative Kompetenz und ihre Entwicklung
Nahezu jede Person macht im Laufe ihrer Entwicklung, insbesondere während der Phase des kindlichen Spracherwerbs, die Erfahrung, dass Sprache nicht allein Mittel der Kommunikation sein kann, sondern auch deren Thema bzw. Inhalt. Die sprachliche Kompetenz, über Kommunikation zu kommunizieren, entsteht nach den Untersuchungen von Wygotski, Bühler, Andresen u.a. erst allmählich und hängt eng mit der Bewusstseinswerdung von Kindern und Kleinkindern zusammen. Nach Wygotski 15 besteht das Bewusstsein aus diversen Funktionen, wie Gedächtnis, Denken, Sprache, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, die je nach Altersstufe unterschiedlich dominant ausgeprägt sind. Gegen Ende des Kleinkindalters löst sich die sensomotorische Einheit von Wahrnehmung, Handlung und Affekt allmählich auf. Die Sprache spielt in diesem Prozess, welcher sich bis ins Vorschulalter fortsetzt, eine wesentliche Rolle. Wygotski geht von drei Teilbereichen in der Umstrukturierung der Bewusstseinsfähigkeit aus. Die Stufe des allgemeinen Vorstellens und Denkens ist dann erreicht, wenn das Kind
11 vgl. Hagemann, J. ebd.
12 Beispiel nach Hagemann S. 122
13 nach Austin 1972, S. 86f, zit. i. Hagemann, J. S. 22
14 vgl. Rolf 1994 S. 170, zit. in Hagemann, J. S.23
15 vgl. Wygotski, L. Denken und Sprechen. / Theorie der menschlichen Bewusstseinsfunktionen. Das Spiel
und seine Rolle für die psychische Entwicklung des Kindes 1974 u. 1981
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sich unabhängig von einer konkreten Wahrnehmungssituation sprachlich äußert. Damit geht gleichzeitig eine Veränderung des Charakters, der Interessen und Bedürfnisse des Kindes einher, welche sich dahingehend ausprägt, dass einer spezifischen kommunikativen Situation und damit einer Gesamtheit von Handlungsmotiven, Handlungen und Personen ein Sinn gegeben wird, welcher determiniert ist von affektiven kindlichen Interessen. Dies ebnet schließlich den Weg zu schöpferischen Tätigkeiten, wie etwa der Fähigkeit reale kommunikative Situationen umzudeuten und kognitiv über diese hinaus zu gehen. 16 Trotz dieser Erkenntnisse existieren gegenwärtig nur wenige verlässliche Anhaltspunkte, in welchem Alter sich das reflexive Sprachverständnis genau herausbildet. Die Untersuchungen zur Spracherwerbsforschung kommen vorerst zu dem Schluss, dass ab dem Alter von ca. fünf Jahren Sprache zum Gegenstand der Betrachtung erhoben wird. Nach List besteht die Möglichkeit, bei Kindern im Alter von sechs Jahren erste metakommunikative Äußerungen zu provozieren, sofern diesen dabei klar ist, dass eine unmittelbare Notwendigkeit dafür besteht. 17 Die Bedeutung des Spiels für die Herausbildung metasprachlicher und metakommunikativer Entwicklung hat u.a. Andresen 18 analysiert. Besonderes Augenmerk richtet sie dabei auf das kindliche Fiktionsspiel. Darin werden eingebildete, illusorische realisierbare und nicht realisierbare Wünsche manifestiert. Obwohl dem Kind die Motive seiner Spieltätigkeit noch nicht bewusst sind, ist die Kreation einer fiktiven Situation bereits möglich durch die Trennung von optischem und semantischem Feld 19 . Kontextualisiertes und dekontextualisiertes Verhalten wechseln einander ab. Kinder sprechen dabei erstmals nicht nur aus ihren Rollen heraus, ergo Kommunikation, sondern auch über eingeführte oder vorhandene Rollen, Konventionen bzw. Motive, was den ersten sprachreflexiven Gehversuchen entspricht. Während des Fiktionsspiels erfolgt ein rascher, zum Teil übergangsloser Wechsel zwischen rollen- und metasprachlicher Handlung. Andresen unterscheidet mithin zwischen expliziter und impliziter Metakommunikation. Die explizite Sprachreflexion tritt in der Regel als externes handlungssteuerndes Element zutage, z.B. zur Klärung auf welche Art und Weise ein Spiel fortgesetzt wird. Implizite Metakommunikation erfolgt handlungssteuernd durch Entwicklung der weiteren
16 s. o.
17 entsprechend List 1992 S. 17, zit. i. Hagemann, J.
18 Andresen, H. Interaktion Sprache und Spiel. Zur Funktion des Rollenspiels für die Sprachentwicklung im
Vorschulalter. 2002
19 Beispiel: Im Spiel dient das Kinderbügeleisen als Telefonhörer.
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Arbeit zitieren:
Frank Kretschmann, 2003, Die Floskel als metakommunikativer Akt nach Hagemann, München, GRIN Verlag GmbH
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