Inhalt
Inhalt
1. Einleitung 1
2. Heavy Metal 3
2.1. Geschichtlicher Abriss des Genres 5
2.2. Pubertierende Proleten - Vorurteile und Klischees
gegen über Metal 9
3. Jugend, Jugendkulturen und Identität 16
3.1. Klärung des Begriffes Jugend 16
3.1.1. Jugend heute 18
3.1.2. Ausdifferenzierung der Jugendphase 19
3.1.3. Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase 22
3.1.4. Der integrierende Sozialisationsansatz
nach Hurrelmann 25
3.2. Identität und Selbstfindung 29
3.3. Jugendkulturen 33
4. Eine Jugendkultur namens Heavy Metal 37
4.1. Der „typische“ Heavy Metal-Fan 37
4.2. Der Stellenwert des Heavy Metal bei seinen
Anh ängern 40
4.3. Der geschlechtsidentitätsstiftende Charakter
des Heavy Metal 44
4.4. Die Auswirkungen des Heavy Metal auf die
Entwicklung des Einzelnen in der Jugendphase 47
5. Schlussfolgerung 52
6. Literaturverzeichnis 54
1. Einleitung
Heavy Metal - dahinter verbirgt sich eine schillernde (Jugend?-)Kultur, die einerseits auf den intensiven Zuspruch seiner Anhänger zählen kann und sich auf der anderen Seite jedoch konstant im Kreuzfeuer einer Vielzahl von Kritikern befindet. Diese oftmals unhaltbare Kritik wurzelt in der demonstrativen Unangepasstheit der Heavy Metal-Kultur - sowohl im musikalischen wie im optischen Sinne. Für Außenstehende beherbergt die Heavy Metal-Szene häufig hässliche und dumme Schwachköpfe, die zu lautstarkem Lärm regelmäßig jugendgefährdende Gelage abhalten. Der Heavy Metal „ist ein Synonym für Geschmacklosigkeit, Debilität und dumpfe Aggression“ (ROCCOR 1998, S.11). Da ich selbst seit Jahren Anhänger der Heavy Metal-Szene bin, wurde ich schon des Öfteren mit gängigen Vorurteilen wie etwa „Metal? Dann bist du Satanist, oder?“ oder ähnlichem konfrontiert. Trotz der gesellschaftlichen Ablehnung, die zumeist aus einer Unwissenheit über die Musik und der dahinter stehenden Lebensphilosophie resultiert, strahlt der Heavy Metal, nicht nur als musikalisches Genre, sondern auch als Lebensstil nach wie vor eine ungebrochene Faszination auf seine Anhänger aus. Dieser Leidenschaft kann (und will) auch ich mich bis heute nicht entziehen. In dieser Arbeit werde ich mich dem Phänomen Heavy Metal insbesondere im Hinblick auf seine Wirkung gegenüber Jugendlichen nähern. Die Jugendphase ist geprägt von einer Vielzahl von Umbrüchen. Durch das Einsetzen der Pubertät sieht sich der Heranwachsende mit neuen körperlichen und psychischen Erfahrungen konfrontiert. Ein zentrales Thema in dieser Zeit ist der Aufbau einer eigenen Identität. Für deren Entwicklung bedarf es ein stabiles Umfeld, in dem der Jugendliche sein Ich und die gesellschaftlich an ihn herangetragenen Rolle testen und modifizieren kann. Die Frage, die ich mir für diese Arbeit gestellt habe, soll deswegen lauten: Inwieweit kann der Heavy Metal als Jugendkultur positiven Einfluss auf die Entwicklung einer eigenen Identität von Jugendlichen haben?
Kann er seinen Anhängern einen gefestigten Rahmen bieten, in dem diese sich ausprobieren und sich spielerisch an die gesellschaftlichen Erwartungen annähern können?
Zur Beantwortung dieser Fragen werde ich zunächst für das weitere Verständnis das Genre Heavy Metal umreißen. Ein kurzer geschichtlicher Abriss wird die Entwicklung darstellen, die der Heavy Metal bis in die heutige Zeit durchgemacht hat. Danach gehe ich auf gängige Vorurteile ein, die das Bild des Heavy Metal und seiner Anhänger in der Öffentlichkeit noch heute prägen. Im zweiten Schritt nähere ich mich dem Komplex Jugend, Jugendkulturen und Identität. Hier soll die Frage geklärt werden, was heute unter dem Begriff Jugend verstanden wird. Ich skizziere die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Anforderungen, die sich in dieser Phase jedem Individuum stellen. Dazu zählen Entwicklungsaufgaben und der Aufbau einer eigenen Identität. Auch der Ausdifferenzierung der Jugendphase und der Forderung nach einer gesamtheitlichen Betrachtung eines Jugendlichen werde ich am Beispiel des integrierenden Sozialisationsansatzes Rechnung tragen. Den zweiten Abschnitt schließe ich mit der Betrachtung des Phänomens Jugendkulturen. Welche Bedeutungen und Funktionen haben sie in der Jugendphase.
Im dritten und letzten Kapitel führe ich die zuvor gewonnen Erkenntnisse zusammen. Hier wird die Frage geklärt, inwieweit der Heavy Metal konkrete Auswirkungen auf seine Anhänger hat und sie bei deren Entwicklungen in der Jugendphase unterstützen kann. Dazu ist es notwendig, ein ungefähres Bild der Szene zu zeichnen. Danach gehe ich auf den emotionalen Stellenwert des Heavy Metal ein, da er mehr als nur „lauten Lärm“ zu bieten hat. Er kann direkte Auswirkungen auf die Bildung der eigenen Geschlechtsidentität haben, auch wenn dies zum größten Teil nur auf die männlichen Anhänger zutrifft. Dieses Kapitel schließe ich mit einem Blick auf die Entwicklungsaufgaben ab, denn auch auf diese kann der Heavy Metal mit seiner Vielfalt direkt Einfluss nehmen. Es soll aufgezeigt werden, dass das vorherrschende, negative Image der Jugendkultur des Heavy Metal nicht gerecht wird und sich dieser Stil durchaus auch im positiven Sinne als identitätsstiftender Stil bezeichnen kann.
2. Heavy Metal
Was ist Heavy Metal? Die Beantwortung dieser Frage ist grundlegend für alle weiteren Ausführungen in dieser Arbeit. Oberflächlich gesehen handelt es sich um ein Genre der Rock-Musik, welches sich aus dem Hard-Rock der 70er Jahre entwickelt hat. Der Rock ‚n‘ Roll verlor nach schweren Schicksalsschlägen - wie dem Konzert der Rolling Stones in Altamont (USA, 06. Dezember 1969), bei dem es vier Tote zu beklagen gab, und der Auflösung der Beatles (1970) - an Bedeutung (vgl. CHRISTE 2004, S.19f). In diese Nische stößt der Heavy Metal - mit seinen Vorreitern Black Sabbath - und zieht seit damals Fans wie Kritiker gleichsam an. Der genaue Ursprung des Begriffes Heavy Metal (was aus dem Englischen übersetzt Schwermetall bedeutet) ist bis heute nicht eindeutig zu klären. Am weitesten verbreitet ist jedoch die Theorie, dass die Bezeichnung aus dem Song „Born To Be Wild“ (1968) der kanadischen Rockband Steppenwolf resultiert. In einer Passage wird dort der ‚heavy metal thunder‘ als Ausdruck des Gefühls beschrieben, wenn man alleine mit einem lautstarken Motorrad einen Highway befährt (vgl. WEHRLI 2005, S.16). In der heutigen Zeit gilt der Heavy Metal selbst als Oberbegriff für eine Vielzahl von verschiedenen Spielarten, von denen ich weiter unten ein paar exemplarisch aufführen werden. Eine genaue Begriffsklärung wird man wohl aber nirgends finden, da sich der Heavy Metal, wie eine Vielzahl anderer Genres, aus vorherigen Strömungen entwickelte. Es gibt kein genaues Datum der Entstehung. Es handelte sich hier eher um einen allmählichen Prozess, genauso wie bei der Einführung einer geeigneten Beschreibung für dieses neue musikalische Phänomen.
Betrachtet man den Heavy Metal aus Sicht der Musiktheorie, so ergibt sich folgendes Bild: „Musikalische Charakteristika sind die ausschließliche Vorherrschaft des 4/4-Takts, an den Blues angelehnte pentatonische Harmoniefolgen, einfache, durch intensives Wiederholen eingängige Riffs, ausgiebiger Gebrauch des Verzerrers, Dominanz der Gesangsparts und vor allem eine vibrierende Lautstärke.“ (GRAVES & SCHMIDT-JOOS 1990, zit. n. WEHRLI 2005, S.19) Die Lautstärke ist sowohl für Fans als auch für Kritiker eines des wesentlichen Merkmals von Heavy-Metal-Bands, die im Idealfall mit zwei Gitarren, einem elektrischen Bass sowie einem Schlagzeug bestückt sind. Die Besetzung kann natürlich variieren oder durch weitere Instrumente ergänzt
werden, zum Beispiel durch ein Keyboard. Ein weiteres markantes Kennzeichen im Gefüge einer Metal-Band ist der Gesang. Dieser zeichnet sich jedoch nicht immer als klarer Transportweg für die textlichen Botschaften aus, sondern kann bei extremen Spielweisen in ein animalisches Grunzen abdriften, so dass das Verstehen der Texte komplett unmöglich wird. Ein Beispiel dafür ist die amerikanische Death-Metal-Band Obituary. Die oftmals kreisch-ähnliche, gutturale, tiefe und böse anmutende Vertonung der Texte dient nicht der „Schönsingerei“, sondern als Transportmedium für die auszudrückenden Emotionen. Da diese oftmals einen negativen Ursprung haben, wäre hier ein klarer und heller Gesang unauthentisch. Doch man irrt, wenn man unter dem Banner des Heavy Metal nur die musikalischen Erzeugnisse wahrnimmt. Der Heavy Metal hat sich seit den 1970er Jahren zu einer eigenen Subkultur entwickelt. Er prägt seine Anhänger, gilt als Lebensstil, und formt die Einstellungen und Verhaltensweisen. Seit Beginn seines rasanten Aufstieges hat der Heavy Metal mit vielen Vorwürfen zu kämpfen. So wird ihm von hartnäckigen Kritikern immer wieder negativer Einfluss auf Jugendliche zur Last gelegt. Viele Kritiker vergessen auch, den Heavy Metal im Rahmen des vorhandenen sozialen Kontextes zu beurteilen. In der Regel, wie weiter unten noch beschrieben, beziehen sich die Gegenstimmen immer auf das reine Äußere der Fans und Musiker, ohne jeglichen musikalischen und biographischen Bezug. Wie bei anderen Kulturen auch liegt aber genau dort der Schlüssel zum Begreifen des Selbstverständnisses einer solchen Bewegung (vgl. ROCCOR 1996, S.100). Auch EGGELING (2003) verweist in seiner Studie über den Stellenwert des Heavy Metal bei Schülern, dass es sich beim Heavy Metal um eine subkulturelle Nische handelt, „(…), deren Bedeutung soziologisch, psychologisch, religiös und gesellschaftlich zu hinterfragen (…)“ ist (ebenda, S.30). Zu einem ähnlichen Ergebnis, aber im speziellen auf die Texte bezogen, kommt ELKE NOLTEERNSTING (2002). Sie betont, dass die Ausführungen immer vor dem Hintergrund betrachtet werden müssen bei dem sie entstanden sind, da sonst Fehlinterpretationen und damit einhergehend die Bildung von Vorurteilen und Klischees alle Türen geöffnet werden (vgl. ebenda, S.47). Nur ist dies bei vielen Kritikern nicht der Fall. Die unreflektierte Bloßstellung der Szene, der Fans und der Musiker steht dort im Vordergrund. Ein dieses Thema
abschließendes Zitat von RETO WEHRLI (2005) fasst diesen kleinen Komplex sehr treffend zusammen: „Die Texte des Genres haben sehr viel zu sagen für diejenigen, die bereit sind zuzuhören.“ (ebenda, S.35) ROCCOR betont in ihrer Dissertation (1996) ebenfalls, dass das Phänomen Heavy Metal und seine Musik nur schwer zu beschreiben ist, man muss es direkt erleben, hören und fühlen (vgl. ebenda, S.100). Das gilt natürlich nicht nur für diesen Musikstil sondern ist universell auf das ganze musikalische Universum anzuwenden.
2.1. Geschichtlicher Abriss des Genres
Die Szene des Heavy Metal ist in der heutigen Zeit bei weitem nicht mehr so überschaubar wie sie es noch in ihren Anfangstagen war. Deswegen ist es in meinen Augen zwingend notwendig, eine kurze geschichtliche Abhandlung über die Entwicklung der verschiedenen Unterspielarten des Heavy Metal zu erarbeiten, da sich dadurch auch ein differenzierteres Bild der unterschiedlichen Stile und Geisteshaltungen ergibt.
Wie bei der Herleitung des Begriffes so ist auch die Frage nach dem eigentlichen Begründer der Spielart Heavy Metal nur schwer bis gar nicht beantwortbar. Die musikalischen Wurzeln liegen im Hard-Rock, aus dem in den ausgehenden 1960er Jahren die extremere Spielweise des Heavy Metal hervorging. Bei der Bestimmung des Vorreiters herrscht Uneinigkeit zwischen zwei englischen Bands. Zum einen steht da die Liverpooler Gruppe Led Zeppelin, im Jahre 1968 gegründet, auf der anderen Seite die aus Birmingham stammenden Black Sabbath, gegründet 1969. Besonders unter Fans gelten Letztere als die wahren Vorreiter, verbanden sie damals doch als erste Band harte, auf Riffs (das sind kurze, sich wiederholende Akkordfolgen, die als prägendes Stilelement im Rock- und Metal-Bereich gelten) basierende Musik mit einem okkulten Image. Dieses Gemisch sollte die Metal-Szene nachhaltig prägen. Noch heute berufen sich viele junge Bands bei der Wahl ihrer Einflüsse auf die Band um Ozzy Osbourne. In dieser Zeit, die von dem Vietnamkrieg und politischen Missständen geprägt war, zeichneten Black Sabbath in ihren Texten ein hartes Bild der Realität. Von Kritikern mussten sie sich den Vorwurf von Kriegsverherrlichung vorwerfen lassen, jedoch war die eigentliche Intention,
Missstände aufzuzeigen und der Gesellschaft den Spiegel der Realität vorzuhalten (vgl. ROCCOR 1996, S.99). Aus dieser Zeit und auf Grund der damaligen Vorkommnisse - das Thema Krieg beherrschte das Zeitgeschehenstammt die immer noch weit verbreitete Assoziation von Heavy Metal und Krieg. Klarer wird allerdings das Bild, wenn man nach dem Musiker fragt, der den Lebensstil der gesamten Rock- und Heavy Metal-Szene prägte. Dort fällt immer wieder der Name Jimi Hendrix, der seine exzessive Ader in aller Öffentlichkeit auslebte. Er legte den musikalischen Grundstein für alle folgenden Gitarristen, lebte aber zudem getreu dem Motto Sex, Drugs und Rock ‚n‘ Roll, dem er letztendlich 1970 im Alter von nur 27 Jahren mit seinem Tod Tribut zollen musste. Dieser Lebensstil prägte alle kommenden Musikergenerationen, hat sich jedoch in der heutigen Zeit besonders im Punkt der Selbstzerstörung sehr stark abgeschwächt.
Neben den bereits erwähnten Led Zeppelin traten gegen Ende der 1960er Jahre die ebenfalls aus England stammenden Deep Purple auf den Plan. Waren sie zuerst noch in seichteren Pop-Rock-Gefilden unterwegs, so kam es durch die Verpflichtung von Ian Gillan (Gesang) und Roger Glover (Bass) zu einem härteren, ebenfalls auf Riffs basierenden Gesamtbild. Diese drei Bands ebneten den Weg für den Heavy Metal, der zunächst besonders in England ein Vielzahl von Bands hervorbrachte. Um diese Bands herum bildeten sich, auch in Deutschland, eine kleine, jedoch sehr innige Gemeinschaft der Fans. Diese waren sehr stark mit den Musikern verbunden, stammte man doch größtenteils aus dem gleichen Milieu (vgl. ROCCOR 1996, S.107). Weitere einflussreiche Bands dieser Zeit waren die Australier AC/DC, oder die Briten Judas Priest und Motörhead. Die erstgenannten sind rein musikalisch zwar nur bedingt dem Heavy Metal zuzuordnen, jedoch zogen sie Herrscharen von Fans an, da sie von ihrem Image her immer wie „die Jungs von der Straße“ wirkten, von welcher auch ihre Sympathisanten kamen. Judas Priest und Motörhead hingegen sind Vorreiter einer Bewegung, die im Nachhinein als New Wave Of British Heavy Metal (im weiteren Verlauf als NWOBHM abgekürzt) in die Geschichtsbücher eingehen soll.
Im Laufe der NWOBHM schossen besonders in allen wichtigen Industriezentren Englands junge Bands wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Die erste Generation von Heavy Metal-Fans griff selbst zu den
Instrumenten und gründeten Bands, mit denen sie sich von der Pike auf nach oben spielten. Wichtigste Vertreter waren Saxon, Iron Maiden, Diamond Head, Girlschool und die bereits oben erwähnten Motörhead und Judas Priest. Viele Bands von damals sind heute noch aktiv und üben mit veränderten Besetzungen und leicht modifizierten Sounds immer noch großen Einfluss auf die Szene aus. Wichtig zu erwähnen ist, dass die gesamte Bewegung der NWOBHM kaum politische Aussagen traf. Die Triebfeder war die Musik selbst, sie wurde als Gegenpol zur vorherrschenden Kommerzialisierung der Unterhaltungsindustrie gesehen. Dies drückt sich neben der Musik auch in einem „kompromisslosen Kleidungs- und Lebensstil“ aus. Die Kleidung wurde von der Farbe Schwarz, Leder, Nieten und Aufnähern der favorisierten Bands dominiert (vgl. ROCCOR 1998, S. 44). Die NWOBHM gilt als DIE Hochphase des Heavy Metal und legte den Grundstein für die Ausdifferenzierung und Auffächerung der Genres in den 1980er Jahren (vgl. ROCCOR 1996, S.113). Das erste große Beben trat mit dem Auftreten der Band Venom im Jahre 1981 auf. Die Engländer trieben die Einbettung provokanter Symbole in ihrem Image auf die Spitze, sie besangen den Teufel und die Hölle in Verbindung mit einem unheimlichen und bedrohlichen Sound. Dies rief natürlich eine hohe Zahl an Kritikern auf den Plan. Ihnen und dem auf sie zurückführenden Genre des Black Metal (eine so betitelte Platte veröffentlichten Venom im Jahre 1982) wurde Verherrlichung und Verführung zum Satanismus und Okkultismus vorgeworfen. Dass das Image nur Show und die Texte mit einem Augenzwinkern versehen war, dies interessierte die selbsternannten Sittenwächter gar nicht. Für sie war es die ideale Angriffsfläche dieser von Beginn an verschmähter Musikkultur. Bands mit einem ähnlich gelagerten musikalischen Schwerpunkt waren unter anderem Morbid Angel, Possessed und Bathory.
In der bis dato geschilderten Entwicklung der Metal-Szene spielten die USA nur eine untergeordnete Rolle, selten erreichten Bands einen ähnlich hohen Popularitätsstatus wie die europäischen Kollegen. Dies sollte sich aber zu Beginn der 80er Jahre ändern, als besonders Bands aus dem Bereich des Speed- und Thrash-Metal auf den Plan traten und auch „auf der anderen Seite des großen Teichs“ erste Erfolge einfuhren. Ich denke, dass ein Erfolgsrezept dieser Bands die deutliche Zunahme an Härte und Tempo war, die die
Musikgruppen der NWOBHM in diesem Punkt deutlich in den Schatten stellten. Erste Bands waren die Kanadier Anvil sowie die Amerikaner Metallica. Metallica legten im Jahre 1983 ihr Debüt „Kill `em All“ vor, das heute als Klassiker in diesem Genre gilt. Metallica ist eine der wenigen Bands, die im Laufe ihrer Karriere genre-übergreifend kommerziellen Erfolg verbuchen konnte. Dieser begann mit der Auskopplung des Songs „Nothing Else Matters“ aus dem selbstbetitelten Albums „Metallica“ aus dem Jahre 1990. Dieser Erfolg kostete sie allerdings den Verlust der Authenzität in der Metal-Szene. Viele Fans warfen der Band vor, ihre musikalische Ausrichtung am Gewinn zu orientieren anstatt ihren eingeschlagenen Kurs zu verfolgen (vgl. ROCCOR 1998, S.50f). Das, für die szeneinternen Verhältnisse, schon extreme Genre des Thrash-Metal wurde von einer Band aus Los Angeles noch weiter auf die Spitze getrieben. Sie nannten sich Slayer und polarisierten von Anfang an. Dies lag neben ihrem musikalischen Wahnsinn, der sich durch eine unbändige Wucht und Geschwindigkeit ausdrückte, auch in den teils sehr drastischen Texten begründet. In diesen besangen Slayer totalitäre Systeme, Folter und Mord. Die Lyrics wurden meistens aus der Ich-Perspektive dargestellt, was ihnen eine beängstigende Intensität verlieh. Wenn man aber bedenkt, dass der Sänger und Bassist Tom Araya aus Chile und Schlagzeuger Tom Lombardo aus Kuba kommen, so erhalten die dargestellten Missstände eine ganz andere Bedeutung. Von Verherrlichung kann keine Rede mehr sein. Das Anprangern durch explizite Darstellung stand im Vordergrund (vgl. ROCCOR 1996, S.114). Weitere wichtige Bands aus diesem Bereich sind unter anderem Exodus, Sepultura, Anthrax sowie das deutsche Dreigestirn Kreator, Sodom und Destruction.
ROCCOR (1996) beobachtete im Nachhinein die Entwicklung, dass die anfangs rudimentären instrumentalischen Kenntnisse sich zu einer ausgereiften, technischen und spielerischen Reife entwickelte (vgl. ebenda, S.116). Dieser Zugewinn an Fertigkeiten ebnete auch den Weg für weitere Genres im Bereich Heavy Metal. Da wären zum Beispiel die düster-extremen Genres des Death Metal und des Grindcore. ROCCOR (1998) beschreibt diese Sounds als „eine für Otto und Ilse Normalhörer ungenießbare Spielart“ (ebenda, S. 60), an die sich auch eingefleischte Metal-Fans nur langsam gewöhnten. Die Genres folgten der Maxime „Höher, Schneller, Weiter“ und reizten das
technisch Machbare weiter aus. Was beim ersten Höreindruck ein wirrer Soundbrei ist, entpuppt sich bei einer intensiven Analyse als enorm herausfordernde Spielweise, für die man die Instrumente extrem gut beherrschen muss. Der Sound war düster, beklemmend und besonders im Grindcore wahnwitzig schnell. Hinzu kam ein tiefes „Gegurgel“ als Gesang, die Lyrics waren ohne Hinzunahme des Booklets faktisch nicht mehr verständlich. Als Entwicklung gänzlich anderer Art kann der Progressive Metal verstanden werden. Dabei standen lange, komplexe und anspruchsvolle Songs im Vordergrund, die den Musikern hohe kompositorische Fähigkeiten abverlangten. Hier kamen die virtuosen Musiker voll auf ihre Kosten und bildeten mit einem klaren, meist sehr emotionalem Gesang einen beruhigenden Gegenpol zu den extremen Ausprägungen des Heavy Metal (vgl. ROCCOR 1996, 117).
2.2. Pubertierende Proleten - Vorurteile und Klischees gegenüber Metal
Von Beginn an war der Heavy Metal eine, wenn nicht sogar DIE, kontroverseste Musikkultur. Dies provozierte einen ständigen Zustrom an Kritikern, die den Heavy Metal, seine Fans und seine Musiker ständig angriffen und im schlimmsten Fall sogar für alles Elend auf der Welt verantwortlich machten. In der Regel waren alle Vorwürfe komplett an den Haaren herbeigezogen, entbehrten jeglichen beweisbaren Fundaments und dienten primär dazu, diese verschmähte Kultur weiter ins Abseits zu drücken. Erschwerend kommt hinzu, dass der Heavy Metal keine intellektuelle Lobby besitzt und somit allen Angriffen weitestgehend ungeschützt ausgeliefert ist (vgl. WEHRLI 2005, S. 16). Es mag wohl wenig verwunderlich sein, dass ein großer Teil der Kritiker aus stark religiös geprägten Lagern stammt. Einerseits kommen in dieser Musik viele, aus dem Christentum stammende, aber verfälscht eingesetzte Symboliken zum Einsatz. Andererseits spricht sich der Heavy Metal dafür aus, dass sich seine Anhänger kritisch mit dem Thema Religion auseinandersetzten sollen und dieser nicht blind hinterherlaufen dürfen. Da die Öffentlichkeit zumeist aber nur negative Schlagzeilen über diesen Musikstrom und seine „verruchten“ Anhänger zu hören bekommt, setzte sich bei der Allgemeinheit leider auch ein solches Bild durch. Dies macht den Abbau von Klischees und
Vorurteilen natürlich nicht leichter. Die Hartnäckigsten davon sollen im folgenden Abschnitt aufgeführt und widerlegt werden. Wie bereits aufgeführt, fordert ein Großteil der Szene seine Hörer dazu auf, kritisch in Bezug auf religiöse und weltanschauliche Strömungen zu reagieren. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass sich der Fan per se als Gegner dieser Punkte positionieren soll. Viel eher wird ein reflektierter Umgang gefordert, anstatt gewissen Ideologien blind nachzulaufen. Denen an diesem Punkt ins Spiel kommenden Gegner des Heavy Metal fehlt dieser reflektierte, hinterfragende Umgang jedoch gänzlich. Die meisten Schmähschriften wurden von Personen verfasst, die sich aus einem christlich-konservativen Lager heraus rekrutieren. Eine wissenschaftlich-analysierende Grundhaltung ist hier in der Regel nicht zu finden. In den meisten Fällen haben die Kritiker eine breitere Lobby hinter sich, so dass die - teils dilettantisch verfassten - Arbeiten eine weite Verbreitung finden und die Meinung der Öffentlichkeit stark prägen. Zu den hartnäckigsten Vorwürfen zählen sicherlich die Einbindung von Rückwärtsbotschaften, auch Backward Maskings genannt, in die Songs und Texte von Metal-Bands. Diese Theorie ist mitunter sehr abstrus und ohne jegliches wissenschaftliches Fundament, jedoch wird sie immer von der „Fachpresse“ ins Spiel gebracht, wenn es darum geht, den Heavy Metal zu denunzieren. Laut den Kritikern 1 werden in Liedern Botschaften rückwärts platziert, die subliminal (also unterschwellig) ihre Wirkung entfalten. Etliche Musiker sollen so versucht haben, einen satanischen Einfluss auf die jugendlichen Anhänger auszuüben. Manche sprechen sogar davon, dass der Teufel in Personalunion die Botschaften in den Songs platziert haben soll. Der Hörer soll im Unterbewusstsein beeinflusst und verdorben werden. Spielt man die Songs rückwärts in einer bestimmten Geschwindigkeit ab, so sei die Nachricht auch auf normalem Wege zu entschlüsseln. So weit zur Theorie, doch wie schaut es mit dem praktischen Nachweis aus? Es ist faktisch erwiesen, dass es Rückwärtsbotschaften in einer Vielzahl von Heavy Metal Stücken gibt, doch diese sind meist als ironische Reaktion auf die unhaltbaren
1 Wenn ich im weiteren Verlauf von Kritikern spreche, so beziehe ich mich auf die „Standardwerke“ zum Thema Kritik am Heavy Metal. Dazu zählen Ulrich Bäumers „Wir wollen nur deine Seele“ (1984), Michael Buschmanns „Rock im Rückwärtsgang“ (1987), Fernando Salazar Banols „Die okkulte Seite des Rock“ (1987) und Werner Glogauers „Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen durch Medien“ (1993). Diese Bücher haben alle gemein, dass sie gleiche Theorien aufgreifen, sich gegenseitig zitieren, jedoch selten bis nie wissenschaftlich arbeiten und ihnen jegliches empirisches Beweismaterial fehlt.
Arbeit zitieren:
Nils Friedel, 2007, Heavy Metal als Jugendkultur, München, GRIN Verlag GmbH
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