INHALT
1 Einleitung 1
2 Gesellschaftlicher und historischer Kontext: Violencia und Nueva Violencia in
Kolumbien 3
3 Gattungstheoretische Betrachtung: Noticia de un secuestro im Spannungsfeld
zwischen Journalismus und Literatur 7
3.1 Annäherungen an das Genre der (literarischen) Reportage 7
3.2 New non-fiction: New Journalism und non-fiction novel 15
3.3 Fact - fiction - “faction : Zur problematischen Unterscheidung zwischen
Faktizit ät und Fiktion in journalistischen und literarischen Texten 23
3.3.1 Fakt vs. Fiktion? Fiktionalisierung von Fakten durch narrative
Modellierung ? 25
3.3.2 Factual status vs. factual adequacy 28
3.3.3 Noticia de un secuestro: Fakten oder Fiktion? 29
4 Schlussbetrachtung 33
5 Bibliographie 39
1
1 Einleitung
Gabriel García Márquez‘ schriftstellerischen Wurzeln liegen im Journalismus: 1948 veröffentlichte er seine erste Kolumne unter dem Titel “Punto y aparte” in der kolumbianischen Tageszeitung El Universal. 1 Es folgte eine jahrelange Tätigkeit als Reporter und Auslandskorrespondent für diverse Zeitungen sowie als Korrespondent der kubanischen Presseagentur Prensa Latina 2 , bis ihm 1967 mit Cien años de soledad der literarische Durchbruch gelang. 3 1996 kehrt das Aushängeschild der lateinamerikanischen Boom-Generation erneut zu seinen journalistischen Wurzeln zurück und veröffentlicht mit Noticia de un secuestro eine genau recherchierte Rekonstruktion von realen Geiselnahmen durch die kolumbianische Drogenmafia unter Pablo Escobar zwischen August 1990 und Juni 1991. Diese versuchte, die Regierung unter Präsident César Gaviria Trujillo durch die Entführungen politisch unter Druck zu setzen. In den Gratitudes, die dem Werk vorangestellt sind, erklärt García Márquez, wie er dazu kam, ein Buch über die Geiselnahmen zu schreiben: Maruja Pachón y su esposo, Alberto Villamizar, me propusieron en octubre de 1993 que escribiera un libro con las experiencias de elle durante su secuestro de seis meses, y las arduas diligencias en que él se empeñó hasta que logró liberarla. Tenía el primer borrador ya avanzado cuando caímos en la cuenta de que era imposible desvincular aquel secuestro de los otros nueve que ocurrieron al mismo tiempo en el país. En realidad, no eran diez secuestros distintos —como nos pareció a primera vista— sino un solo secuestro colectivo de diez personas muy bien escogidas, y ejecutado por una misma empresa con una misma y única finalidad. (Gabriel García Márquez (1996): Noticia de un secuestro. Barcelona: Random House Mondadori, S. A. 1999. S. 7)
Die späte Feststellung, Maruja Pachón de Villamizars Geiselnahme nicht unabhängig von den anderen neun, zeitgleich ablaufenden Entführungen betrachten zu können, führte dazu, dass García Márquez fast drei Jahre an seinem Skript arbeitete und so viele Involvierte wie möglich befragte: Su dolor, su paciencia y su rabia me dieron el coraje para persistir en esta tarea otoñal, la más difícil y triste de mi vida. Mi única frustración es saber que ninguno de ellos encontrará en el papel nada más que un reflejo mustio del horror que padecieron en la vida real. Sobre todo las familias de las dos rehenes muertas -Marina Montoya y Diana Turbay—, y en especial la madre de ésta, doña Nydia Quintero de Balcázar, cuyas entrevistas fueron para mí una experiencia humana desgarradora e inolvidable. Esta sensación de insuficiencia la comparto con dos personas que sufrieron conmigo la carpintería confidencial del libro: la periodista Luzángela Arteaga, que rastreó y capturó numerosos datos imposibles con una tenacidad y una discreción absoluta de cazadora furtiva, y Margarita Márquez Caballero, mi prima hermana y secretaria privada, que manejó la transcripción, el orden, la verificación y el secreto del
1 Kurz nach der Veröffentlichung seiner ersten Artikel, Kolumnen und Erzählungen brach er sein Jurastudium ab.
2 Auf Initiative von Fidel Castro und Ernesto Che Guevara wurde 1959 kurz nach dem Sturz Batistas Prensa Latina gegründet, um ein Gegengewicht zur Macht der internationalen Medienkonsortien aufzubauen. García Márquez brachte früh seine Sympathie für die von Castro angeführte Revolution in Kuba zum Ausdruck - eine Haltung, die er auch noch Jahrzehnte danach verteidigte und die vielfach kritisiert wurde. Seine Freundschaft und Nähe zu Castro führte auch zum Bruch mit Mario Vargas Llosa, der García Márquez als “cortesano de Cuba” bezeichnete. Vgl. EUROPA PRESS (2003): “Le acusó de ser un ‘cortesano de Cuba’: El escritor Vargas Llosa recibe abucheos en Bogotá por sus críticas a García Márquez”, in El Mundo (España), 05.05.2003, http://www.elmundo.es/elmundo/2003/05/05/cultura/1052087071.html.
3 15 Jahre nach Veröffentlichung von Cien años de soledad erhielt García Márquez den Literaturnobelpreis “for his novels and short stories, in which the fantastic and the realistic are combined in a richly composed world of imagination, reflecting a continent's life and conflicts”. In: “The Nobel Prize in Literature 1982”, in: Nobelprize.org, http://nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1982/.
2
intrincado material de base en el que varias veces nos sentimos a punto de naufragar. (Noticia de un secuestro, S. 8)
García Márquez macht es sich zur Aufgabe, die Geiselnahmen so realistisch und detailgenau wie möglich zu rekonstruieren. In einem Interview mit der argentinischen Tageszeitung La Nación betont er:
Yo no inventé nada. Ya cuando Maruja Pachón y Alberto Villamizar me trajeron la idea de que escribiera la historia y el drama que vivieron durante los meses que duró el secuestro, me di cuenta de que no podía separarlos de los casos de Diana Turbay, Francisco Santos, Beatriz Villamizar, Marina Montoya y los otros cinco, que ya eran conocidos en toda Colombia. Así que me puse a investigar y a conversar con cada uno de los protagonistas para contar el cuento con rigor informativo y todo lujo de detalles. 4
Nichts habe er erfunden, Unstimmigkeiten mit den tatsächlichen Ereignissen sind entsprechend als Fehler zu verbuchen. Doch welchem Genre ist Noticia de un secestro zuzurechnen? Handelt es sich um eine non-fiction novel oder um eine (literarische) Reportage? Ist es ein journalistisches oder literarisches Werk? Oder eine hybride Form? Oder ist Nachricht von einer Entführung dem New Journalism zuzurechnen? Die vorliegende Hauptseminararbeit untersucht Noticia de un secuestro im Spannungsfeld zwischen Journalismus und Literatur und diskutiert die Gattungszugehörigkeit des Werks. Bezüglich der Einordung ergeben sich Problemstellungen auf unterschiedlichen Ebenen. Kapitel 3.1 nähert sich dem Genre der Reportage an und versucht, die literarische Reportage von der journalistischen abzugrenzen. Kapitel 3.2 befasst sich mit der sog. new non-fiction, zu der die nonfiction novel und der New Journalism gezählt werden - beides Grenzgänger zwischen Literatur und Journalismus. In Kapitel 3.3 wird die Einteilung von Fakt und Fiktion und in diesem Zusammenhang auch die Unterscheidung von journalistischem und fiktionalem Schreiben problematisiert. Dabei werden besonders Hybridphänomene - Gattungen, die Fakten und Fiktionen vermischen - betrachtet und diskutiert. Ähnlichkeiten und Wechselbeziehungen zwischen der literarischen Reportage und der non-fiction novel (und dem New Journalism) sollen aufgezeigt werden.
Im folgenden Kapitel werden die Geschehnisse in Noticia de un secuestro zunächst im gesellschaftlichen und politischen Kontext verortet, wobei Aspekte der kolumbianischen Sozial- und Literaturgeschichte aufgegriffen werden.
4 García Márquez in: Unbekannter Autor (1997): “Tres días en Barranquilla con Gabriel García Márquez: ‘El periodismo La Nación, es un oficio peligroso’”, in: 26.12.1997, publicado en edición impresa,
http://www.lanacion.com.ar/Archivo/Nota.asp?nota_id=83982.
3
2 Gesellschaftlicher und historischer Kontext: Violencia und Nueva Violencia in Kolumbien
Die Geschichte Kolumbiens wurde im 20. Jahrhundert wesentlich durch den politischen Machtkampf zwischen Konservativen (Partido Conservador Colombiano) und Liberalen (Partido Liberal Colombiano) geprägt - Spannungen, die bereits in den Bürgerkrieg von 1899 bis 1902 (Guerra de los Mil Días) mündeten. Die Konservativen gingen als Sieger hervor und regierten das Land bis 1930. Unter der Führung der Liberalen (1930-1946) wurden soziale und wirtschaftliche Reformen verabschiedet, bis die Spaltung der liberalen Partei (bei den Präsidentschaftswahlen 1946 traten zwei liberale Kandidaten an: Gabriel Turbay und Jorge Eliécer Gaitán) die Konservativen im Jahre 1946
wieder an die Macht brachte. 5 1947 wurde der äußerst populäre Gaitán Parteichef und einte die gespaltene liberale Partei. Die politischen Zuspitzungen sowie die landesweiten sozialen Konflikte und Unruhen der Nachkriegszeit - auch bedingt durch die großen Klassenunterschiede - eskalierten 1948 mit der Ermordung Gaitáns (sog. bogotazo) und lösten einen zehn Jahre andauernden Bürgerkrieg aus, der unter dem diktatorisch regierenden Präsidenten Gustavo Rojas Pinilla (1953-57)
fortgeführt wurde. 6 Die Jahre 1948-58 werden als erste Epoche der Violencia in Kolumbien betrachtet und gelten als prägend für die kolumbianische Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 7 Die Violencia lässt auch eine besondere Gattung des Romans entstehen: Die Gewalt der Repression und der ‚guerillas‘ ist das eigentliche Medium, das seit den 50er Jahren soziale Wirklichkeit und Literatur miteinander verbindet. Mit der Violencia entsteht eine kolumbianische Sondergattung des Romans, in der verschiedene Phasen unterschieden werden: Während die Romane, die 1947-1958 im Kontext der ausgebrochenen Violencia geschrieben werden (novelas en la violencia), dokumentarische Bilder dieser Zeit zu liefern versuchen, entwickelt sich die novela de la violencia (1959-1960) zu Formen der Fiktionalisierung der Gewalt, die fast generell auf das unmittelbare Dokument verzichten. Die Romane der ersten Phase sind eine Mischung aus Pamphlet und Autobiographie und schildern die Violencia als eine rein lokale Erscheinung. Generell zeichnen sich die Texte durch eine lineare Handlung und einen nüchternen Chronikstil ohne formale Experimente aus. In der zweiten Phase, die nach der Kubanischen Revolution beginnt, verarbeiten Linksintellektuelle die Violencia nun mit Hilfe experimenteller Erzählformen. 8
1958 einigten sich Liberale und Konservative nach dem Sturz von General Rojas Pinilla durch einen Generalstreik schließlich auf eine politische Koalition: Der Pakt der „Nationalen Front“ (Frente
5 Der Konservative Mariano Ospina Pérez gewann die Wahl.
6 Von 1950-53 übernahm Laureano Gómez das Präsidentenamt (bis zum Militärputsch von General Rojas Pinilla).
7 „Viele kolumbianische Texte seit 1950 sind von dem Anspruch geprägt, die nationale Tragödie der Violencia in ihrer ganzen Tragweite festzuhalten. (…) Schon die frühen Romane von García Márquez sind eine Antwort auf die erste Phase der Violencia-Literatur und eine ästhetische Erneuerung derselben. Anregend hierfür ist die Gruppe von Barranquilla, der er zunächst angehört. Bereits sein kurzer erster Roman La hojarasca (1955) imaginiert jenen Ort Macondo, der das Gravitationszentrum in der fiktiven Welt des Schriftstellers werden soll.“ In: VITTORIA BORSÒ & GERHARD WILD: „Die Literaturen Kolumbiens und Venezuelas 1920-1970: periphere Regionen gegen das Zentrum“, in: Lateinamerikanische Literaturgeschichte. Hrsg. v. Michael Rössner; unter Mitarbeit von Walter Bruno Berg, Vittoria Borsò, Hans Hinterhäuser, Dieter Ingenschay et al. 3., erweiterte Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler 2007. S. 324.
8 BORSÒ & WILD: „Die Literaturen Kolumbiens und Venezuelas 1920-1970: periphere Regionen gegen das Zentrum“, S. 323.
4
Nacional) verteilte die Macht paritätisch und führte zu einer relativ stabilen Demokratie mit regelmäßig wechselnden liberal-konservativen Regierungen bis in die 1980er Jahre. 9
Nueva Violencia: Drogenkartelle, Guerilla, paramilitärische Gruppen und Staatsgewalt
Die Violencia stellt keineswegs ein isoliertes Kapitel der modernen Geschichte Kolumbiens dar. Der ersten Epoche der Violencia (…) folgte die durch Drogenguerilla und das Eingreifen paramilitärischer Verbände verstärkte ‚Nueva Violencia‘ der letzten 30 Jahre des 20. Jhs. (…) Statt die Ursachen der Gewalt in den Mängeln der eigenen Politik zu suchen, behandelte die Regierung in dieser Zeit jede Form der Opposition als Indiz für versteckte Guerilla-Organisationen. 10
In den 1980er Jahren bildeten sich mehrere kartellartige Zusammenschlüsse in Bogotá, Cali, Medellín und an er Karibikküste (Barranquilla, Cartagena) heraus (sog. Columbian Connection), die den Kokainhandel industrialisierten und damit bald den internationalen Drogenmarkt beherrschten. Vor allem das Medellín-Kartell unter Gonzalo Rodríguez Gacha, den Ochoa-Brüdern und allen voran Pablo Escobar - dem wohl mächtigsten, reichsten und meistgesuchten Drogenkönig in der
Kriminalgeschichte 11 - wurde weltweit ein Begriff und hinterließ Kolumbien den negativen Ruf eines gefährlichen Landes, mit dem man neben García Márquez und Shakira bis heute auch Escobar assoziiert. Pablo Escobar ließ Politiker, Richter, Polizisten und Journalisten systematisch töten und entführen, um mit Mitteln des Terrors das amerikanisch-kolumbianische Auslieferungsabkommen von 1979 aus der Welt zu schaffen und ein Auslieferungsverbot in der kolumbianischen Verfassung zu verankern. In dieser Phase des Narcoterrorismo war Medellín die Stadt mit der welthöchsten Mordrate. Zwar versuchte der liberale Präsident Virgilio Barco Vargas (1986-90), die Drogenkartelle zu bekämpfen - auch mit Hilfe der USA -, doch eskalierte der Terror im Präsidentschaftswahlkampf von 1989 mit dem Mord an dem liberalen Kandidaten Luis Carlos Galán während einer
Wahlveranstaltung. 12
9 Liberale (1958-62, 1966-70) und konservative (1962-66, 1970-74) Präsidenten regierten jeweils im vierjährigen Wechsel das Land. Der Pakt bestand offiziell zwar nur bis 1974 (der Liberale Alfonso López Michelsen siegte bei den ersten freien Präsidentschaftswahlen), praktisch aber bis zum Ende der Präsidentschaft des Konservativen Belisario Betancur Cuartas (1982-1986). Vgl. VITTORIA BORSÒ: „Kolumbien und Venezuela: Violencia und Aufbau einer demokratischen Identität“, in: Lateinamerikanische Literaturgeschichte. S. 443.
10 BORSÒ: „Kolumbien und Venezuela: Violencia und Aufbau einer demokratischen Identität“, S. 443.
11 Das amerikanische Magazin Forbes führte Escobar 1989 auf Platz 7 der Reichsten der Welt und war kurzzeitig auch als Abgeordneter tätig. „Don Pablo“ begann seine kriminelle Karriere mit dem Verkauf von gestohlenen Grabsteinen und stieg Anfang der 1970er Jahre in den Kokainhandel ein. Obwohl er einmal mit kiloweise Kokain festgenommen wurde, konnte nie ein Prozess wegen Drogenbesitzes oder -handels gegen ihn eröffnet werden, da die Zeugen, die ihn belasten könnten, unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen. Auf seiner Hacienda Napoles unterhielt Escobar sogar einen Zoo mit Giraffen und Nilpferden.
12 “Colombia no había sido consciente de su importancia en el tráfico mundial de drogas mientras los narcos no irrumpieron en la alta política del país por la puerta de atrás, primero con su creciente poder de corrupción y soborno, y después con aspriaciones propias. Pablo Escobar había tratado de acomodarse en el movimiento de Luis Carlos Galán, en 1982, pero éste lo borró de sus listas y lo desenmascaró en Medellín ante una manifestación de cinco mil personas. Poco después llegó como suplente a la Cámara de Representantes por un ala marginal del liberalismo oficialista, pero no olvidó la afrenta, y desató una guerra a muerte contra el Estado, y en especial contro el Nuevo
5
Die Vereinbarungen des Auslieferungsabkommen von 1979 wurden erst durchgesetzt, als Escobar 1984 Betancurs Justizminister Bonilla erschießen ließ. Die von der Ausweisung an die USA bedrohten Kokainmilliardäre erklärten daraufhin dem kolumbianischen Staat im August 1989 den Krieg. Zusammen mit Gacha und den Ochoa-Brüdern gründete Escobar Los Extraditables - einen Verbund, der sich mit Vehemenz gegen die Auslieferung in die USA einsetzte. Ihr Motto: “Preferimos una tumba en Colombia a una celda en los Estados Unidos.” (Pablo Escobar in Noticia de un secuestro, S. 30) Eine neue Gewaltspirale begann 13 :
En los primeros dos meses del año de 1991 se habían cometido mil doscientos asesinatos —veinte diarios— y una masacre cada cuatro días. Un acuerdo de casi todos los grupos armados había decidido la escalada más feroz de terrorismo guerrillero en toda la historia del país, y Medellín fue el centro de la acción urbana. Cuatrocientos cincuenta y siete policías habían sido asesinados en pocos meses. El DAS había dicho que dol mil personas de la comunas estaban al servicio de Escobar, y que muchos de ellos eran adolescentes que vivían de cazar policías. (Noticia de un secuestro, S. 205)
Noticia de un secuestro schildert die Entführung von Angehörigen prominenter kolumbianischer Familien und Journalisten zwischen August 1990 und Juni 1991 - darunter die Journalistin Diana Turbay, Tochter des ehemaligen Präsidenten Julio César Turbay Ayala (1978-82), der aus einer
einflussreichen Verlegerfamilie stammende Francisco Santos Calderón 14 , zum Zeitpunkt der Entführung Redakteur bei El Tiempo und seit 2002 Vizepräsident Kolumbiens, Marina Montoya, Schwester eines hohen Regierungsbeamten, sowie Maruja Pachón de Villamizar, Journalistin, damalige Leiterin der staatlichen Filmgesellschaft Focine und Ehefrau des Politikers Alberto Villamizar, und Beatriz Villamizar de Guerrero, Alberto Villamizars Schwester. Zwei der Geiseln kamen ums Leben: Marina Montoya wurde von den Entführern erschossen, Diana Turbay kam bei einer Befreiungsaktion ums Leben. Nachdem das Auslieferungsgesetz gekippt und Escobar strafrechtliche Sonderbehandlung zugesichert worden war, wurden die übrigen Geiseln im Mai 1991
freigelassen. 15 Unter der Bedingung, nicht in die USA ausgeliefert zu werden, stellte sich Escobar und bezog ein selbstgewähltes, sogar eigens für ihn konstruiertes Luxusgefängnis (El Catedral), von wo aus er seinen Geschäften weiter nachging, bis er fliehen musste. 16 Zwar schloss die Verfassung von 1991 eine Reform des Justizsystems ein, welche die Voraussetzungen dafür schaffen sollte, die
Liberalismo. Rodrigo Lara Bonilla, su representante como ministro de Justicia en el gobierno de Belisario Bentancur, fue asesinado por un sicario motorizado en las calles de Bogotá. Su sucesor, Enrique Parejo, fue perseguido hasta Budapest por un asesino a sueldo que le disparó un tiro de pistola en al cara y no logró matarlo. El 18 de agosto de 1989, Luis Carlos Galán fue ametrallado en al plaza pública del minicipio de Soacha a diez kilómetros del palacia presidencial y entre dieciocho guardaespaldas bien armados.” (Noticia de un secuestro, S. 29)
13 Im November 1989 starben zudem über 100 Menschen bei einem Bombenanschlag auf ein Passagierflugzeug (Avianca 203), in dem César Gaviria Trujillo, späterer Präsident Kolumbiens (1990-94), sitzen sollte.
14 Sein Großonkel Eduardo Santos war zwischen 1938 und 1942 Präsident Kolumbiens.
15 Auf Vermittlung des populären Priesters Rafael García Herreros wurde ein Kompromiss gefunden.
16 Escobar ließ die Brüder Moncada und Galeano wegen Geldstreitigkeiten ins „Gefängnis“ kommen, um sie dort töten zu lassen. Beide leiteten Gruppierungen innerhalb des Medellín-Kartells, die sich nach dem Mord zu Los Pepes, “perseguidos por Pablo Escobar”, formierten. Nach dem Mord musste Escobar vor seinen Feinden fliehen.
6
Kartelle zurückzudrängen, doch blieb das öffentliche Leben in Kolumbien von brutalen Auseinandersetzungen zwischen Guerilla, Drogenkartellen, paramilitärischen Gruppen und Staatsgewalt bestimmt. Im Dezember 1993 wurde Escobar nach rund einjähriger Haft und mehreren Monaten Flucht bei einer gemeinsamen Operation von Polizei und US-amerikanischen Streitkräften
in Medellín erschossen. 17 Ein persönliches Treffen zwischen Gabriel García Márquez und Pablo Escobar kam nicht mehr zustande:
Pablo Escobar estaba todavía vivo en la cárcel cuando empecé la investigación y se que el tuvo noticias del libro que yo estaba escribiendo. Había resuelto discutirlo con el en persona solo cuando ya tuviera el primer borrador, pero murió antes. Estoy seguro de que yo me hubiera puesto en su lugar para ser justo con él. En un buen reportaje puede no haber buenos ni malos, sino hechos concretos para que el lector saque sus conclusiones. 18
„Gabo“ widmet Noticia de un secuestro allen Kolumbianern - “inocentes y culpables— con la esperanza de que nunca más nos suceda este libro” - und hofft
que no quedara en el olvido este drama bestial, que por desgracia es sólo un episodio del holocausto bíblico en que Colombia se consume desde hace más de veinte años. (Noticia de un secuestro, S. 8)
17 Bei seiner Beisetzung trauerten besonders die Menschen aus den Elendsvierteln Medellíns (als Financier sozialer Projekte und als Sponsor eines Fußballvereins war er unter der armen Bevölkerung sehr beliebt). Den größten Profit aus der Entmachtung des Medellín-Kartells zogen die Konkurrenten des Cali-Kartells, die den weltweiten Kokainhandel übernahmen.
18 Unbekannter Autor (1996): “Gabo cambia de oficio” - Entrevista exclusiva para Cambio 16, in: Cambio 16, 06.05.1996, http://www.sololiteratura.com/ggm/marquezgabocambia.html. -- In der Newsweek wurde García Márquez 1996 sogar unterstellt, Escobar in Noticia de un secuestro zu positiv, gar bewundernd, dargestellt zu haben.
7
3 Gattungstheoretische Betrachtung: Noticia de un secuestro im Spannungsfeld zwischen Journalismus und Literatur
In der Sekundärliteratur ist Noticia de un secuestro bisher bei weitem nicht die Beachtung geschenkt worden, die García Márquez‘ Bücher üblicherweise eingeräumt wird. In Kindlers Literatur Lexikon wird Noticia de un secuestro als „klassische Reportage“ bezeichnet. 19 Und auch in Nachricht von einer Entführung gibt es einen direkten Verweis auf das Genre:
Fue tanta su discreción, que su esposa no supo de aquellos viajes ni de sus resultados deplorables hasta cuatro años después cuando él lo contó por primera vez para este reportaje. (Noticia de un secuestro, S. 41)
Gattungstheoretisch ist Noticia de un secuestro nicht einfach einzuordnen, die Bezeichnungen für García Márquez‘ Werk variieren. Handelt es sich um eine non-fiction novel oder um eine (literarische) Großreportage? Doch zunächst: Was zeichnet die Reportage aus? Was ist der Unterschied zwischen einer Reportage und einer literarischen Reportage? Wie ist die Reportage mit Journalismus und Literatur verbunden? Welche Stilmittel und Techniken dürfen verwendet werden? Wie lassen sich die literarischen Gattungen und journalistischen Darstellungsformen unterscheiden? Und was verbindet sie? Um das Besondere der Reportage zu verstehen, ist es wichtig, ihren Ursprung und ihre Entwicklung zu betrachten.
3.1 Annäherungen an das Genre der (literarischen) Reportage
El placer de hacer una nota consiste en investigar. Si bien soy un escritor, siento y pienso como un reportero. El reportaje es la noticia completa: tiene el flash y todo el desarrollo de los acontecimientos. 20
Unter einer Reportage [frz.: Bericht, Berichterstattung] versteht man im Allgemeinen einen „aus der unmittelbaren Situation erwachsender, meist kurzer Augenzeugenbericht eines Ereignisses, der
dessen Atmosphäre festhält und weitervermittelt“ 21 . Die Reportage ist „eine mit dem modernen Journalismus verbundene und durch ihn verbreitete Darstellungsform“ 22 , die als journalistische Königsdisziplin gilt und von dem Anliegen getragen ist,
soziale Distanzen und institutionelle Barrieren zu überwinden, um hinter die Fassaden zu blicken. Sie versammelt Zeugenberichte, eigene Beobachtungen und Erlebnisse und bringt deren Inhalt in einer teils beschreibenden, teils erzählenden, teils schildernden Sprache den Lesern nahe. 23
19 LISA GRÜNEISEN (2010): „Gabriel García Márquez: Noticia de un secuestro“, in: Kindlers Literatur Lexikon, http://www.derkindler.de/index.php/leseproben/34.
20 García Márquez in: Unbekannter Autor (1997): “Tres días en Barranquilla con Gabriel García Márquez: ‘El periodismo es un oficio peligroso’”, in: La Nación, 26.12.1997.
21 „Reportage“, in: Der Brockhaus multimedial 2006 premium (DVD). Mannheim: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG 2006.
22 MICHAEL HALLER (2006): „Herleitungen: Zur Geschichte der Reportage“, in: Die Reportage. 5., überarbeitete Auflage. Praktischer Journalismus, Band 8. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH. S. 17.
23 HALLER (2006): „Zusammenfassung in fünf Thesen“, in: Die Reportage. S. 109.
Arbeit zitieren:
Jeanette Gonsior, 2011, Gabriel García Márquez’ "Noticia de un secuestro" im Spannungsfeld zwischen Journalismus und Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde: Gabriel García Márquez’ "Noticia de un secuestro" im Spannungsfeld zwischen Journalismus und Literatur ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde: neuer Titel erschienen: Gabriel García Márquez’ "Noticia de un secuestro" im Spannungsfeld zwischen Journalismus und Literatur
Jeanette Gonsior hat einen neuen Text hochgeladen
Gabriel Garcia Marquez: An Annotated Bibliography, 1947-1979
Margaret Eustella Fau, Gabriel Garcia Marquez, Unknown
0 Kommentare