Eberhard-Karls Universität Tübingen Institut für Politikwissenschaft Abteilung für Internationale Beziehungen Proseminar: Einführung in die IB SS 2001
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Der konstruktivistische Ansatz 4
III. Der konstruktivistische Ansatz bei der
Osterweiterung der EU 5
IV. Analyse der Osterweiterung anhand des
Konstruktivismus S. 6
IV.1 Ausgangspunkt des europäischen Erweiterungsgedanken 7
IV.2 Analyse der aufgestellten Hypothesen zur OE der EU 8
IV.2.1 Aus der Sicht der EU 8
IV.2.2 Aus der Sicht der MOEL S.10
IV.2.3 Ursachen für eine Rangordnung unter den Beitrittskandidaten S.12
V. Warum kommt es bei den Beitrittsverhandlungen zu
Verzögerungen bei der EU S.13
VI. Schluss S.15
VII. Literaturverzeichnis S.16
2
I. Einleitung
Der Zerfall der Sowjetunion hat Europa in Unordnung gebracht. Die westeuropäischen Staaten wurden von dieser Entwicklung überrascht. Diese Umwälzungen stellten den europäischen Integrationsprozess vor eine große Herausforderung. Die Europäische Union entwickelte sehr schnell ein neues Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Sicherstellung der Stabilität des Kontinents. Es spielte sicherlich auch ein wenig Euphorie bei den europäischen Westmächten mit, als sie nach ihrem „Sieg über den Kommunismus“ zunächst mit dem Versprechen, alle europäischen Staaten in die europäische Union aufzunehmen, reagierten. Die Teilung des Kontinents sollte durch die Erweiterung der Union endgültig überwunden werden. Diese Euphorie sollte bald gebremst werden. Zwar hatte niemand von einer bedingungslosen Integration der zentral- und osteuropäischen Staaten gesprochen, aber nur allmählich wurde klar, dass die Erweiterung für die beiden Seiten, die Europäische Union und die neuen postkommunistischen Beitrittsbewerber, ein Test auf Leib und Nieren werden würde.
Just zu dieser Zeit des Umbruchs verlangte man in der Politikwissenschaft, genauer in ihrem Teilbereich der Internationalen Beziehungen, nach einem neuen theoretischen Ansatz. Die bisherigen Theorien, die auf dem Rationalismusprinzip basieren, wie der Realismus, der Liberalismus und der Institutionalismus, wiesen in dieser Welt der Umbrüche einige Unschlüssigkeiten auf und schaffen es nur noch in Teilbereichen die Weltpolitik zu erklären. Besonders auf dem speziellen Gebiet der Osterweiterung der Europäischen Union (OE) können ein paar Hypothesen der oben genannten Denkschulen falsifiziert werden. Die Forschung versuchte nun mit dem Konstruktivismus durch einen soziologischen Ansatz 1 die Weltpolitik neu zu erklären.
Die vorliegende Arbeit soll anhand des Konstruktivismus die OE erklären, ihren Verlauf skizzieren, sowie den zu erwartenden Ausgang prognostizieren. Zunächst wird dazu in einem kleinen Abschnitt auf den Grundansatz des Konstruktivismus eingegangen. Danach soll es um die Verarbeitung des konstruktivistischen Ansatzes mit dem Thema der OE der EU gehen und, daran orientiert im Hauptteil meiner Arbeit, um die Überprüfung der konstruktivistischen Hypothesen hinsichtlich der OE.
1 Schimmelpfennig, Frank: Double Puzzle of EU Enlargement; unter: www.arena.uio.no/publications/wp99_15htm. S.10/61
3
II. Der konstruktivistische Ansatz
Der Konstruktivismus nimmt an, dass die soziale Welt durch gesellschaftliches Handeln und die Sinninterpretationen der Akteure konstruiert wird. Der Konstruktivismus sieht die soziale Welt und ihre Strukturen also nicht als objektiv gegeben, sondern als intersubjektiv konstituiert an. 2 Die Strukturen und Akteure konstituieren sich in der konstruktivistischen Grundannahme wechselseitig. 3 Nationalgesellschaftliche und internationale Strukturen konstituieren Akteure. Sie vermitteln ihnen eine soziale Identität und verschaffen oder beschränken sie dadurch in ihren Handlungsmöglichkeiten. Die Akteure reproduzieren und verändern diese Strukturen aber ihrerseits durch ihre Interaktionen und ihre Alltagspraxis. Akteurs- und Strukturbegriff sind im Konstruktivismus gleichermaßen offen. Alexander Wendt, der bei seinem vertretenen konstruktivistischen Ansatz als Hauptakteure speziell die Staaten in der internationalen Politik hervorhebt, vertritt dabei eine andere Strömung als andere Vertreter der konstruktivistischen Richtungen, die auch nicht-staatliche Akteure als entscheidend betrachten. Der realistisch geprägte Strukturbegriff von der „Anarchie“ in den internationalen Beziehungen wird von „Wendt“ folgendermaßen relativiert: „Anarchy is what states make of it“. 4
Die Identitäten, Interessen und Präferenzen der Akteure bilden sich durch die soziale Umwelt, wie z.B. die internationalen Strukturen. Das Zusammenspiel zwischen Identitäten und Interessen muß daher bei der Untersuchung eines Forschungsgegenstands eine entscheidende Rolle spielen. Staaten existieren als Teil einer internationalen Gesellschaft, die auf bestimmten normativen Grundlagen beruht, wie z.B. auf der Anerkennung staatlicher Souveränität in Bezug auf ein angebbares Territorium.
Das Handeln der Akteure ist als normgeleitet anzusehen. Soziale Normen sind intersubjektiv geteilte, wertgestützte Erwartungen angemessenen Verhaltens mit ausreichender „Kommunalität“ und „Spezifität“ 5 . Im Bereich der Auswirkung der Normen auf das Akteursverhalten stimmen auch die rationalistischen Denkschulen dem konstruktivistischen Ansatz zu. Diese Denkschulen gestehen den Normen aber nur einen regulativen Charakter zu. Damit wirken Normen nur als Beschränkungen oder Anreize auf das Handeln ein. Sie werden
2 Hopf, Ted: The Promise of Constructivism in International Relations Theory; in: International Security, Vol. 23, No.1/1998, S. 172/173.
3 Boekle, H./ Rittberger V./ Wagner, W.: Soziale Normen und normgerechte Außenpolitik - Konstruktivistische Außenpolitiktheorie und deutsche Außenpolitik nach der Vereinigung; in: Tübinger Arbeitspapiere zur Internationalen Politik und Friedensforschung Nr. 34, 1999. S. 81.
4 Rittberger, V.: Einführung in die Internationalen Beziehungen (VL/Sommersemsester 2001)
5 Boekle, H./ Rittberger V./ Wagner, W.: S. 76,
4
Arbeit zitieren:
Matthias Mißler, 2001, Die EU-Osterweiterung anhand des Konstruktivismus, München, GRIN Verlag GmbH
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