Aleviten waren historisch und auch gegenwärtig für einen säkularen Staat. Mit ihrer Haltung als traditionell oppositionelle religiöse Minderheit, haben sie kollektiv gegen die Leitkultur [3] orthodoxer Ströme, die ihrer Ansicht nach nicht rational genug sind, gegengehalten. Ihr Leben verbrachten sie bis vor kurzem noch generell in weit und höher gelegenen Landschaften. Die Entscheidung zu dieser noch schwierigen Lebensart war nicht ihre direkte Liebe zur höher gelegenen Gebirgen oder Landschaften, sondern eher die Flucht vor der meist fundamental sunnitischen Administration. Ihr Verhältnis war durch viele Ausschreitungen und Auseinandersetzungen in Vergangenheit und Gegenwart nicht immer freundschaftlich.
Forschungsgegenstand und Areal
Wie haben die Aleviten Ihre Kultur schützen können, was sind die Unterschiede gegenüber der Leitkultur im Land? Diesen Fragen sind Wir nachgegangen und beschlossen als Forschungsgruppe der Inönü Universität von Malatya, anfang 2009 in der Region im Kontext der Kulturwissenschaften neue Expeditionen durchzuführen. Als Vorstufe dieser Expeditionen wurde mit den Menschen in der Provinz Malatya und der Region Kontakte aufgenommen. Ziel war in erster Linie, Vorinformationen über die Siedlungen und das gegenwärtige kulturelle Leben der türkisch sowie kurdischen Aleviten zu sammeln, um danach eine geeignete Forschungsstrategie aufzubauen. Dass die Beschäftigung mit Aleviten und ihrer Kultur ein allgemeines Tabuthema im Land war und ist; die Tatsache, dass im Osten der Türkei die politische Lage gespannt ist, machte die Forschung für uns über die Kultur und ganz besonders über die Musik der Aleviten schwieriger, jedoch umso notwendiger.
Die Provinz Malatya, die im Osten der Türkei liegt, könnte man geographisch und historisch als Nachbarprovinz zu Nordmesopotamien einbetten. Zu den Nachbarprovinzen von Malatya gehört im Süden die Provinz Adıyaman deren Berühmtheit und Bekanntheitsgrad in der internationalen Szene ziemlich hoch eingestuft wird. Der Berg Nemrut in Adıyaman war zugleich Hauptsitz des Königreichs von Kommagene (163 v. Chr. - 74 n. Chr) [4] . Im Norden liegt die Provinz Sivas und im Westen die Provinz Kahramanmaraş. Die genannten Provinzen sind nicht nur als Hochburgen der Aleviten bekannt, sondern auch als Quellen der türkischen Volksmusik. Eine ziemlich große Mehrheit der Volksmusikvertreter in der Region kommen aus der alevitischen Gesellschaft [5] . Kurden stellen besonders in der Region Kahramanmaraş und Adıyaman die überwiegende Mehrheit und sprechen daher kurdisch im Dialekt der Gırmanci. Eine große Anzahl der türkischen und türkischstämmigen, ehemaliger Gastarbeiter der Bundesrepublik und Europa, stammen aus dieser Region.
Der Cem Ritus, ‘Ayin-i Cem’
Die Aleviten [6] sind in ihrer Lebensführung und Lebensauffassung liberal und sozial
eingestellt im Gegensatz zu den orthodox lebenden Sunniten. Sie unterscheiden sich ganz besonders darin, dass sie die Gleichberechtigung und Emanzipation der Frau in der Gesellschaft als Priorität sehen. Ihre Gebetsprache ist türkisch oder auch in einigen Dörfern kurdisch im Gegensatz zu der sunnitischen, die arabisch ist. Ihre Gebetsorte sind nicht die Moscheen, sondern ‘Cem’ Häuser, in denen sie sich meistens einmal in der Woche, Frauen und Männer sowie Jugendliche, treffen. Cem-Evi-Haus, das sie kurz in der Umgangssprache als ‘Cem’ bezeichnen. So werden alle Orte bezeichnet, wo sie zusammenkommen und ihren Ritus veranstalten. Wenn es keine Möglichkeiten eines Gebetshauses besteht, sucht man hierzu einen geeigneten Ort, den man provisorisch zu einem ‘Cem’ umdekoriert.
Der Ablauf des Cem Ritus besteht aus verschiedenen thematisierten und meist musikalisch begleitenden Kapiteln. Inhalte einzelner Kapitel sind meistens mündlich, oral überlieferte Handlungen, Mythen und Erzählungen sowie schriftlich aus dem Koran entnommenen Versen. Der Ritus beginnt zuerst mit den Berufungen der jeweiligen zwölf [7] Dienstherren. Jedem Dienstherren wird ein Aufgabenbereich zugeordnet. Der geistliche Führer des Rituals, der gleichzeitig den ersten Rang übernimmt, heißt bei den Aleviten namentlich ‘Dede’ [8] . Er ist Ranghöchster im Cem-Ritual und darf bestimmen, wer die weiteren elf Dienste besetzen soll.
Dreifaltigkeit bei den Aleviten
Der Ritus beginnt offiziell erst dann, wenn der Dede am Ritus-Ort eintrifft. Zu Ehren stehen alle Teilnehmer von Ihren Plätzen auf. Anschließend eröffnet der Dede mit einem kurzen Begrüßungsgebet. Als nächsten wichtigen Schritt und Akt werden drei Kerzen angezündet, deren Lichter den Ort des Ritus erhellen sollen. Das Licht dieser drei Kerzen wird zugleich als Synonym für Aufklärung und Wegweiser gezählt, zu deren Rolle auch gleichzeitig die bekanntlich drei wichtigsten Säulen der Aleviten gehören: Allah, Muhammed und Ali sind sinnbildlich am Ort des Ritus vertreten. Dass mit der Zahl drei und zugleich das Anzünden der drei Kerzen, Parallelen zur Dreifaltigkeitsregel des Christentums vorliegen, ist gar nicht zu übersehen [9] . Vielleicht war auch die Offenheit und Toleranz gegenüber allen anderen
Weltreligionen, Grund und Anlass, besonders der vertriebenen Armeniern im Land, bei den Aleviten Zuflucht und Geborgenheit zu finden. Darüber ist bisher nicht viel geschrieben und daher außeracht gelassen, viele Armenier waren ausschließlich in den alevitischen Dörfern willkommen. Bei den Aleviten lebten sie sich leicht und schnell ins soziale Leben, obwohl für sie fremd und nicht alltäglich.
Musik im Ritus
Dass die Musik seit dem Mittelalter schon ein wichtiger Bestandteil der abendländischen Kirche war, sich diese Kultur in vielen Formen und Varianten bis hin zum 21. Jh. in allen Kontinenten der Welt ausbreitete, ist bekannt [10] . Nicht so bekannt ist jedoch, dass innerhalb der islamischen Kultur eine Gruppe besteht, die durch Musik und über den Ritus hinaus sich in das weltliche Alltagsleben fest integrierte. Musik steht auch in keiner anderen Religion oder Religionsgemeinschaft so an vorderster Stelle wie bei den Aleviten. Eine Legitimation zu der allgemeinen Musik und dem Instrumentarium ist bei den orthodoxen islamischen Gruppen, bis auf den Ruf der Muezzin auf der Minarette, nicht erteilt und somit tabu. Bei zwei Elementen der Religionsausübung machte man aber von vornherein Zugeständnisse: Bei den Koran-Lesungen und dem Gebetsruf’ [11] . Generell gilt den Orthodoxen das Prinzip: alles außer der Menschenstimme wird als Sünde klassifiziert. Doch bei den Aleviten könnte man wohl das Gegenteil ausdrücken, denn ohne die Langhalslaute oder Bağlama mit der sie den ‘Sema-Tanz’ ausüben, wäre ihr Islam gar nicht möglich und daher unvorstellbar. Der Ablauf des Cem Ritus, besteht aus verschiedenen Kapiteln. Jedes Kapitel wird in variablen musikalischen Formen unterteilt thematisiert. Bei jedem einzelnen Kapitel ändern sich die Themen, parallel hierzu auch der Takt und die Geschwindigkeit des Rhythmus.
Arbeit zitieren:
Murat Bulgan, 2011, Die Aleviten - Musik und Ritus bei den Aleviten in der Türkei, München, GRIN Verlag GmbH
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