Inhalt
1. Einleitung 3
2. Das Waidwerk des deutschen Hochadels um 1900 4
3. Biographische Darstellungen der Jagd Friedrich Augusts III. 7
4. Fazit - Zwischen „Schützenkönigtum“ und maßvollem Jagen 11
5. Bibliographie 13
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1. Einleitung
„Ich entstamme einer Jägerfamilie“ 1 - So benannte Prinz Ernst Heinrich von Sachsen das erste Kapitel seiner jagdlichen Memoiren. Sein Vater - Sachsens letzter König Friedrich August III. - verbrachte, neben seinen Aufgaben als Regent, viel Zeit mit dem Jagen, was für seine Familie typisch war. Von 1350 bis 1800 waren die höchsten jagdlichen Ämter des Reiches an Wettiner vergeben. Auch die sächsischen Könige galten, jeder für sich, als begeisterte Jäger. Nur König Johann, der Großvater von Friedrich August III., hatte offenbar keine ausgeprägte Jagdleidenschaft. 2
„Maßvoll“ 3 und „treffsicher“ 4 wird der letzte regierende Wettiner genannt. Vor allem aber wird immer wieder beschrieben, dass er keine besonderen Ansprüche besaß, was das Jagen betrifft. Er soll besonders große und, aus heutiger Sicht, übertriebene Jagden gemieden haben. Allem Anschein nach, wurde Friedrich August III. auch weniger durch Zurschaustellung der Trophäen veranlasst dieser Tätigkeit nachzugehen, sondern eher durch die um 1900 allgemein bewusst gewordene, ökonomische Bedeutsamkeit des Waidwerks. Ihm wird - auch in anderen Bereichen seines Handelns - ein Hang zur Unkompliziertheit zugesprochen. Nicht die aufwändige Jagd, welche konventionell und elitär anmutet, war seine Passion, sondern die Pirsch. 5 Eine einfache, ruhigere Form des Jagens. Trotz seiner - im Vergleich zu anderen adligen Zeitgenossen - bescheidenen Art dem Waidwerk nachzugehen, erlegte Sachsens letzter König über 20.000 Stück Wild. 6
War Friedrich August III. in hochadligen Kreisen eine Ausnahme in Bezug auf die Jagd? Unterscheidet ihn essentiell etwas von seinen Zeitgenossen? Inwieweit war er ‚unkomplizierter’ und ‚besonnener’ als diese? War seine Art zu Jagen weniger ‚hochadelsüblich’? Um diese Fragen zu beantworten sollen im Folgenden grundsätzliche Theorien zu jagdlichen Gepflogenheiten seiner Zeit betrachtet werden, um diese mit den Aussagen der Biographen des Königs zu vergleichen. Auf diese Weise soll geklärt werden, ob die Eigenschaften, Beweggründe und Herangehensweisen, die seiner Tätigkeit als Jäger zugeschrieben werden, tatsächlich von besonderer Natur sind. Das Waidwerk des letzten sächsischen Königs soll auf diese Weise in das Gefüge der jagdlichen Gepflogenheiten der Monarchen seiner Zeit eingeordnet werden.
1 ERNST HEINRICH VON SACHSEN: Mein Jagdbuch. München 1970, S. 9.
2 Vgl. ebd., S. 9 - 11.
3 EGGERT, H. / KUBATZKI, R.: Ein König auf gut Sächsisch. Friedrich August III., Lebensbilder, Briefe,
Testamente, Dresden 2007, S. 180.
4 FELLMANN, W.: Sachsens letzter König. Friedrich August III., Berlin/ Leipzig 1992, S. 73.
5 Vgl. ebd., S. 74 - 78.
6 Vgl. EGGERT / KUBATZKI: Ein König auf gut Sächsisch, S. 180.
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2. Das Waidwerk des deutschen Hochadels um 1900
Neben dem sächsischen König beschäftigten sich auch zahlreiche andere Mitglieder namhafter Adelsgeschlechter mit der Jagd. 7 Neben den Fürsten Pless, den Habsburgern und den Wittelsbachern tritt vor allem der Name des letzten deutschen Kaisers auf. Wilhelm II. werden bis zum Jahre 1912 70.845 Abschüsse zugesprochen. 8 Jagen gehörte beim Hochadel dieser Zeit zum guten Ton. Wie aber hat sich die Jagd als so fester Bestandteil des Lebens am Hof etabliert? Warum ist gerade diese Tätigkeit von so großer Bedeutung für die Fürstenhäuser?
Jagd „bildete mit dem Forstwesen unübersehbar eine jahrhundertelange Traditions-, Perzeptions- und Leitwertesymbiose.“ 9 Hinzu kommt der symbolische Wert des Jagens, was nicht nur als Freizeitvergnügen und Ausgleich vom Alltag, sondern auch als gesellschaftliches Ereignis verstanden wurde. Das Waidwerk besaß rituellen Stellenwert. Es war zu jener Zeit etwas Kulturerhaltendes, gegenüber einer unsicheren und wankelmütigen Gesellschaft. Neben Leidenschaft, Abenteuerlichkeit und spielerischem Charakter der Jagd, wird in ihr sogar eine „Rückzugskultur“ gesehen. Schließlich verlor der Adel um 1900 an Einfluss in vielen anderen Bereichen, wie Kunst oder Politik. In der Natur und bei der Jagd suchten die Adligen Abstand von der sie allmählich verkennenden Umgebung, um ein erstrebenswertes nomadisches Leben geboten zu bekommen. 10
Der kulturellen Anmut des Waidwerks steht der Aggressionsabbau gegenüber, der ebenfalls als Beweggrund für diese Tätigkeit in Betracht kam. Zum einen war es die Geltung, die man sich als herausragender Schütze verschaffen wollte, die eine Art Wettkampf zwischen den Jagdteilnehmern hervorrief. „Rekordsucht“ veranlasste die Schützen zu „Schießwütigkeit“. 11 Diese Eigenschaft wird Kaiser Wilhelm II. zugeschrieben. Er galt „als ‚Schießer’, das heißt als massenweise, wahllos und ohne Mitleid mit der Kreatur tötender Jäger“, der „angesichts von Wildschaden wenig Verständnis für die Hege großer Wildbestände“ zeigte. 12 Angelehnt an den Aggressionsabbau ist die Jagd unter den Monarchen möglicherweise als etwas
7 Diese Tatsache besagt jedoch keineswegs, dass nicht auch andere Schichten der Gesellschaft jagdlich tätig
waren - Adel war nicht die Voraussetzung zum Jagen. Ebenso wenig muss eine spezifisch-adlige Form der Jagd
daraus geschlussfolgert werden. Vgl. TACKE, C.: „Die ‚Nobilitierung’ von Rehbock und Fasan. Jagd, ‚Adel’ und
‚Adligkeit’ in Italien und Deutschland um 1900“, in: HOLSTE, K. / HÜCHTKER, D. / MÜLLER, M. G. (Hrsg.):
Aufsteigen und Obenbleiben in europäischen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts. Akteure - Arenen -
Aushandlungsprozesse [REIF, H. (Hrsg.): Elitenwandel in der Moderne, Bd. 10], Berlin 2009, S. 223 - 226.
8 Ebd., S. 74. Vgl. EGGERT / KUBATZKI: Ein König auf gut Sächsisch, S. 180. Vgl. THEILEMANN, W. G.: Adel im
grünen Rock. Adliges Jägertum, Großprivatwaldbesitz und die preußische Forstbeamtenschaft 1866 - 1914
[REIF, H. (Hrsg.): Elitenwandel in der Moderne, Bd. 5], Berlin 2004, S. 72 - 73, der Wilhelm II. zwischen den
Jahren 1872 und 1913 „knapp 75.000 Stück gestreckten Wildes“ zuschreibt.
9 Ebd., S. 54.
10 Ebd., S. 60 - 61, 70 - 71, 80.
11 Ebd., S. 72.
12 TACKE: „Die ‚Nobilitierung’ von Rehbock und Fasan“, S. 243 - 244.
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Spielerisches anzusehen - einen ausgleichenden Zeitvertreib, beziehungsweise „eine befreiende Freude am gefahrvollen Spielen mit lebendigen Kreaturen“. 13 Abenteuerlichkeit, Ausgleich und damit verbundene Gefühle von Freiheit sind Gründe, die sich unmittelbar auf das Gemüt auswirken und so die Freude am Jagen wecken. In diesem Zusammenhang legte man ab der Zeit um 1900 auch Wert darauf, dass der ‚Gegner’ sich in einem ‚starken’ Zustand befindet. Rehböcke beispielsweise, wurden ab dieser Zeit ‚waidmännischer’ mit der Kugel 14 bejagt, da der Schrotschuss dem Tier infolge „naturwissenschaftlicher Einsichten“ 15 , nicht mehr gerecht war. Der Zweikampf sollte so einen ‚gerechteren’ Eindruck erhalten. 16 Diese Erhebung des Rehbocks in einen ‚höheren Stand’ hatte aber auch Auswirkungen auf das Ansehen der Schützen bezüglich ihres Selbstverständnisses. „In der ‚Nobilitierung’ des Rehbocks lässt sich ein - langfristig erfolgreicher - Versuch der Neudefinition von ‚Adligkeit’ erkennen. Nicht mehr der äußere Titel qualifizierte den Jäger als ‚weidgerecht’, sondern sein ‚innerer Adel’, sein Können, seine innere Einstellung, seine Liebe zu Wald und Wild.“ 17
Ein sehr wichtiger Punkt des hochadligen Jagdphänomens ist die Tradition. Die deutschen Herrscher gehörten seit jeher zu den aktiv jagenden Personen im Reich. Nicht nur der Adel der Moderne, sondern bereits der staufische Kaiser Friedrich II. befasste sich intensiv mit der Jagd - explizit mit der Falkenjagd. Der Stellenwert des Jagens im Mittelalter war bereits sehr hoch. Sie gehörte zur herrscherlichen Repräsentation ebenso wie zur Sozialisation mit weiteren Vertretern des Standes. Jagd war für ihn nicht nur Statussymbol, sondern auch Wissenschaft. Er gilt als Verfasser des circa 1245 fertig gestellten Buches „Über die Kunst mit Vögeln zu jagen“ (De arte venandi cum avibus). 18
Doch nicht nur die Tatsache, dass eine jahrhundertelange Jagdtätigkeit bei deutschen Herrschern nachvollziehbar ist, sorgt für eine Form von Tradition. Auch eine familieninterne Gegenwart des Waidwerks ist ein Grund für den Fortgang dieses Zeitvertreibs. Man wurde „in die Jagd hineingeboren: der Vater ist Jäger, vielleicht schon der Großvater und andere Ahnen auch. Für diese gehörten die Jagd und ihr ganzes Umfeld zum Leben, sie ist ein völlig
13 THEILEMANN: Adel im grünen Rock, S. 61.
14 Es handelt sich um die Art der Munition. Der Kugelschuss ist das Abfeuern eines Projektils; wohingegen der
Schrotschuss eine Art „Streufeuer“ mehrerer kleiner Partikel ist.
15 TACKE: „Die ‚Nobilitierung’ von Rehbock und Fasan“, S. 240.
16 Ebd., S. 240 - 241.
17 Ebd., S. 242. Diese neue Variante des Waidwerks wurde dem ‚Adel’, TACKE zufolge, von „revierlosen Jägern,
Jagdpächtern sowie unter politischen Druck geratenen staatlichen Oberförstern“ angeraten, da diese um den
Verlust ihrer Reviere und des Wildes besorgt waren. Anscheinend ist es ihnen gelungen diese ‚eaidgerecht’
anmutende Tradition zu erfinden und im Bewusstsein der ‚Adligen’ zu verankern. Siehe ebd., S. 244.
18 Vgl. HOUBEN, H.: Kaiser Friedrich II. (1194 - 1250). Herrscher, Mensch, Mythos, Stuttgart 2008, S. 140 -
150.
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Arbeit zitieren:
Patrick Marschner, 2010, Das Waidwerk Friedrich Augusts III. , München, GRIN Verlag GmbH
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