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Die drei Seiten der VGR
Traditionell wird in der VGR zwischen Entstehungsrechnung (Wie ist die Produktion bzw. das Einkommen ent-standen?), Verwendungsrechnung (Wofür wird die Produktion bzw. das Einkommen verwendet?) und Verteilungsrechnung (Wie wird die Produktion bzw. das Einkommen verteilt?) unterschieden, und dies sowohl auf gesamtwirtschaftlicher Ebene als auch in den einzelnen Sektoren der Volkswirtschaft.
Entstehungsrechnung
Ausgangspunkt der Entstehungsrechnung ist der Produktionswert zu Herstellungspreisen, d. h. die Umsätze (zu Marktpreisen) der Unternehmen (und Haushalte) werden um den Produkten direkt zurechenbare staatliche Einflüsse korrigiert. Gütersteuern wirken preiserhöhend, müssen daher abgezogen werden, und Gütersubventionen wirken preissenkend, müssen daher hinzugerechnet werden.
Zieht man nun vom Produktionswert (zu Herstellpreisen) die Vorleistungen ab, ergibt sich die Bruttowertschöpfung der Volkswirtschaft. Rechnet man dann die Gütersteuern wieder hinzu und zieht die Gütersubventionen wieder ab, ergibt sich das Bruttoinlandsprodukt.
Warum werden an dieser Stelle die Nettogütersteuern (d. h. Gütersteuern minus Gütersubventionen) wieder hinzugerechnet, wo wir sie doch gerade eben erst abgezogen haben? Der Grund liegt darin, dass für die Produktionssicht interessant ist, welcher Wert tatsächlich produziert wurde (zu Herstellungspreisen), für die Einkommenssicht jedoch interessanter ist, welche Markteinkommen (zu Marktpreisen) entstanden sind. Das Bruttoinlandsprodukt ist eine wichtige Kennzahl zum Vergleich verschiedener Volkswirtschaften. „Brutto“ bedeutet dabei dass dieser Wert noch Produktionswerte erhält, die zum Ersatz von defekten und ausgefallenen Produktionsanlagen (Ersatzinvestitionen = Abschreibungen) erstellt wurden. Durch Abzug der Abschreibungen vom Bruttoinlandsprodukt ergibt sich das Nettoinlandsprodukt.
Eine alternative Rechnung (die ebenfalls erlaubt ist) wäre, von der Bruttowertschöpfung erst die Abschreibungen abzuziehen, um zunächst die Nettowertschöpfung zu erhalten, und dann erst die Nettogütersteuern hinzuzurechnen, um zum Nettoinlandsprodukt zu gelangen.
Wichtig ist nur, dass das Nettoinlandsprodukt (inoffiziell auch als Inlandsprimäreinkommen bezeichnet) die Einkommenskennzahl der Entstehungsrechnung darstellt, die an die Verwendungs- und an die Verteilungsrechnung weitergegeben wird.
Verwendungsrechnung
Wie wird nun das Nettoinlandsprodukt (Inlandsprimäreinkommen) verwendet? Es kann für Konsum, Investitionen und Exporte verwendet werden. Und zusätzlich zur Verwendung stehen die importierten Güter zur Verfügung. Dies lässt sich durch folgende mathematische Darstellung verdeutlichen:
Nettoinlandsprodukt + Importe = Konsum + Investitionen + Exporte
Der Konsum kann weiter aufgegliedert werden in Private Konsumausgaben und Konsumausgaben des Staates. Verwirrend dabei ist, dass die Investitionen üblicherweise nicht weiter aufgegliedert werden, obwohl sowohl der Staat als auch die Haushalte (insbesondere seit die Selbstständigen den Haushalten zugerechnet werden) Investitionen tätigen. Tatsächlich werden nach dem (vielfach kritisierten) Ausgabenkonzept die Staatsausgaben als Konsum betrachtet (ein alternativer, aber noch unausgereifter Ansatz ist das Verbrauchskonzept), und z. B. Bildungsinvestitionen privater Haushalte werden eben der Einfachheit halber als Konsum betrachtet, denn wenn man ein interessant geschriebenes Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre liest, ist ja irgendwie auch Vergnügen mit dabei.
Eine alternative Darstellung der obigen Gleichung lässt sich mit Hilfe des Außenbeitrags bauen:
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Der Außenbeitrag ist die Differenz aus Exporten und Importen (EX - IM), man könnte ihn auch als Nettoexporte bezeichnen, aber das ist eine sehr deutsche Sichtweise, da der Außenbeitrag der Bundesrepublik Deutschland seit vielen Jahren positiv (und ziemlich hoch) ist. Nur in der Phase der Wiedervereinigung ging er etwas zurück. Es besteht für die Verwendungsrechnung auch die Möglichkeit, vom Bruttoinlandsprodukt auszugehen: Dann enthalten die Investitionen noch die Abschreibungen (Bruttoinvestitionen statt Nettoinvestitionen), sonst besteht kein Unterschied.
Die Zahlen der Verwendungsrechnung sind besonders interessant für die wissenschaftliche Analyse, welche Einflussfaktoren die Höhe von Produktion und Beschäftigung einer Volkswirtschaft bestimmen und wie wirtschaftspolitische Maßnahmen des Staates oder Wechselkursschwankungen auf sie wirken.
Verteilungsrechnung
Die Verteilungsrechnung auf gesamtwirtschaftlicher Ebene geht auch vom Nettoinlandsprodukt (Inlandsprimäreinkommen) aus und unterscheidet drei Gruppen von Einkommensbeziehern: Arbeitnehmer (im Inland entstandene Arbeitnehmerentgelte), Investoren (im Inland entstandene Gewinn- und Vermögenseinkommen) und den Staat (Nettoproduktionsabgaben).
Sie lässt ohne weitere, detaillierte Analyse nur recht grobe Aussagen über die Verteilungssituation in einer Volkswirtschaft zu, stellt aber den Ausgangspunkt dafür dar. Vor allem fehlt hier noch der Übergang vom Inlandskonzept zum Inländerkonzept, d. h. der Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt muss noch abgezogen werden. (Abgezogen? Auslandseinkommen der Inländer fließen zu, Inlandseinkommen der Ausländer fließen ab. Wie herum denn nun? Definiert ist der Saldo als Inlandseinkommen der Ausländer minus Auslandseinkommen der Inländer, also abziehen!)
In der sektoralen Analyse müssen dann noch die Einkommensabgaben an den Staat und die staatlichen Sozialleistungen berücksichtigt werden, um klarere Aussagen über die Einkommensverteilung in einer Volkswirtschaft machen zu können (man denke an die Kapitalismus-Kommunismus-Diskussion), und schließlich und endlich gibt es ja auch Arbeitnehmerhaushalte mit Gewinn- und Vermögenseinkommen (z. B. Manager mit Gehalt und Tantiemen).
Was also in der VGR als Verteilungsrechnung bezeichnet wird, ist nur ein grober erster Ansatz, aber eben auch der Ausgangspunkt für die weitere Analyse.
Konten der VGR
Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung dient der Ermittlung makroökonomischer Größen für eine Volkswirtschaft und bedient sich dabei eines einfachen Systems der doppelten Buchführung auf Konten, die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen. Für das Verständnis muss zunächst klar sein, dass wir eine „nationale“, d. h. die gesamte Volkswirtschaft (inklusive Staat und in Verflechtung mit dem Ausland) umfassende Betrachtung vornehmen (Nationale Funktionskonten), oder einzelne Sektoren der Volkswirtschaft (Unternehmen, Haushalte, Staat) genauer unter die Lupe nehmen können (Sektorale Funktionskonten). „Funktion“ bedeutet dabei Erfassung der Produktion, des Einkommens oder der Veränderung der Nettogläubigerposition gegenüber dem Ausland (Vermö- gensänderung).
Nationales Produktionskonto
Das Produktionskonto erfasst die Produktion und die Einkommensentstehung. Es lassen sich drei Darstellungsstufen unterscheiden, die Unterschiede bestehen nur in der Aufgliederung der einzelnen Positionen.
Nationales Produktionskonto (1)
Auf der rechten Seite werden alle im Inland produzierten Güter erfasst, der Produktionswert, und zwar entweder zu Marktpreisen (Umsätze), oder zu Herstellungspreisen, d. h. aus den Marktpreisen werden Gütersteuern und Gütersubventionen herausgerechnet. Die offizielle VGR macht das so. Auf der linken Seite werden die Vorleistungen und die Abschreibungen gegengebucht. Als Saldo ergibt sich das Nettoinlandsprodukt (Marktpreise) oder die Nettowertschöpfung (Herstellungspreise).
Die Nettowertschöpfung entspricht dem Wert der zusätzlich neu geschaffenen Güter.
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Abschreibungen
Saldo: Nettoinlandsprodukt NIP
Das Nettoinlandsprodukt ist das zusätzlich entstandene Einkommen, das als Arbeitnehmerentgelte, Zinsen für aufgenommenes Kapital oder für Gewinnausschüttungen verwendet werden kann.
Die Hersteller von Produkten, die als Vorleistungen in nachfolgende Produktionen eingehen, beziehen zwar auch ein Einkommen im Sinne einer Vermögensmehrung, aber dies stellt für andere Wirtschaftseinheiten Vermögensminderungen dar, sodass sich dies gesamtwirtschaftlich ausgleicht.
Ebenso müssen Abschreibungen verdient werden (einbehaltene Gewinne); sie dienen dem Ausgleich des verschleißbedingten Vermögensverlusts, stellen mithin gesamtwirtschaftlich auch keine Vermögensmehrung dar. Nur der Saldo des Nationalen Produktionskontos ist gesamtwirtschaftlich Einkommen im Sinne einer Vermögensmehrung.
Nationales Produktionskonto (2)
Die Vorleistungen lassen sich aufgliedern in Vorleistungen aus inländischer Produktion und aus dem Ausland bezogene Vorleistungen. Dementsprechend lässt sich der Produktionswert auf der rechten Seite des Kontos rechnerisch in verschiedene Komponenten aufgliedern, wodurch wir uns der Verwendung der Produktion zuwenden.
Nationales Produktionskonto (2)
Den inländischen Vorleistungen entspricht ein Produktionsanteil, ein weiterer wird für den Ersatz verschlissener Produktionsanlagen verwendet (Abschreibungen), der Rest verteilt sich auf Konsumgüter, Investitionsgüter und Exportgüter.
Diese drei Güterproduktionen stellen auf der Gegenseite Einkommen dar, wovon ein Teil ins Ausland abfließt als Gegenleistung für von dort bezogene Vorleistungen, der Rest ist Inlandsprimäreinkommen (= Nettoinlandsprodukt).
Nationales Produktionskonto (3)
Nehmen wir nun aus der Betrachtung die Vorleistungen ganz heraus, so gehen wir damit vom Begriff des Produktionswerts zum Begriff des Bruttoinlandsprodukts über. ZZZEXHIIHOFRDFKGHH 6HLWH
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Zu den im Inland produzierten Konsumgütern rechnen wir die importierten Konsumgüter hinzu und erhalten für die Verwendungsrechnung den Wert aller für den Konsum verwendeten Güter. Das Gleiche machen wir für die Investitionsgüter. Und dann ziehen wir mit der zusammengefassten Position Importe, die ausländische Konsumgüter, Investitionsgüter und Vorleistungen enthält, alles wieder ab, damit als Saldo links wieder das Nettoinlandsprodukt, d. h. das Inlandsprimäreinkommen übrig bleibt.
Hieraus ergibt sich die berühmte Gleichung der Verwendungsrechnung Y = C + I + AB, mit C für alle Konsumgüter (auch die vom Staat konsumierten), I für alle Investitionsgüter, AB als Außenbeitrag (Exporte minus Importe). Y ist das Bruttoinlandsprodukt, d. h. die Summe der rechten Seite.
Nationales Einkommenskonto
Das Nationale Einkommenskonto zeigt die primäre und sekundäre Einkommensverteilung und die Einkommensverwendung. Es wird aus dem Saldo des Nationalen Produktionskontos (Nettoinlandsprodukt) weiterentwickelt.
Nationales Einkommenskonto (1)
Auf die rechte Seite buchen wir zunächst das Inlandsprimäreinkommen (Nettoinlandsprodukt) als Saldo des Nationalen Produktionskontos ein. Weitere Einkommen fließen dem Inland aus dem Ausland zu, und zwar Arbeitnehmerentgelte und Gewinn- und Vermögenseinkommen, sowie Subventionen aus dem Ausland, d. h. von der EU. Auf der linken Seite buchen wir ans Ausland abfließende Einkommen gegen, und zwar Arbeitnehmerentgelte, Gewinn- und Vermögenseinkommen sowie Produktionsabgaben an das Ausland, d. h. an die EU. Was übrig bleibt, wird als Nationaleinkommen bezeichnet, es handelt sich um das Primäreinkommen der Inländer, und damit ist der Übergang vom Inlandskonzept zum Inländerkonzept vollzogen. Die Zu- und Abbuchungen stellen also den Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt dar, der früher (ohne die Abgaben und Subventionen) Saldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen hieß. Man beachte, dass die Summe (im Gegensatz zum Produktionskonto) keine begriffliche Bestimmung erfahren hat.
Exkurs: Nimmt man an dieser Stelle einmal den Staat als etwas Besonderes wahr und trennt ihn vom Rest der Volkswirtschaft, gelangt man zu dem Begriff des Volkseinkommens (der in den nationalen Konten nicht auftauchen kann, weil da der Staat mit drin ist). Dazu zieht man von dem Nettonationaleinkommen die Nettoproduktionsabgaben an den Staat (produktionsbezogene Steuern minus Subventionen) ab.
Man beachte, dass die Nettoproduktionsabgaben in zwei Komponenten zerlegt werden können: die produzierten Gütern direkt zurechenbaren Nettogütersteuern (Gütersteuern minus Gütersubventionen, bedeutsam für den Unterschied zwischen Marktpreisen und Herstellungspreisen, s. o.) und die sonstigen, d. h. nicht direkt zurechenbaren Nettoproduktionsabgaben. Zudem ist für den Unterschied zwischen Inlands- und Inländerkonzept die Unterscheidung zu treffen, ob diese Nettoabgaben dem Staat oder einer supranationalen Gebietskörperschaft wie
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Diplom-Volkswirt Manfred Wünsche, 2010, Begriffe und Konten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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