Julian J. Fitz Dekolonisation 13.4.2011
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 2
II.1 Historischer Prätext 3
II.1.a Besiedlung Sansibars und die Entstehung der Swahili-Kultur
3
II.1.b Die Ablehnung des Afrikanischen durch die Waswahili und die daraus
4
resultierende Einstellung zur Sklaverei
II.2 Weshalb und wie wurde die Kolonie Sansibar indirekt beherrscht? 5
II.2.a Definition der indirekten Kolonialherrschaft und Gründe für ihre
5
Anwendung
II.2.b Die Durchsetzung indirekter Kolonialherrschaft und Konflikte mit der
6
bestehenden auf Sklavenarbeit beruhenden Wirtschaftsordnung
II.3 Anachronistische Herrschaft und die finale Revolution 8
II.3.a Die Freiheit der Sklaven unterminiert die Legitimation der lokalen Eliten
8
und führt zu deren Machtverlust
II.3.b Eine nicht reformfähige anachronistische Regierung wird gestürzt
9
II.4 Die Volksrepublik Sansibar im Kontext des Ost-West Konflikts 10
II.4.a Die Gesellschaftliche Umgestaltung nach sowjetischem Muster
10
II.4.b Die Tansanische Union und der Afrikanische Sozialismus
12
III. Schlussfolgerung 13
Bibliographie 15
1
Julian J. Fitz Dekolonisation 13.4.2011
I. Einleitung
Der Kenianische Schriftsteller Binyawanga Wainaina beschreibt in einem seiner Essays, dass man immer Titel benutzen sollte wie 'Africa', 'Darkness' oder 'Safari', Untertitel können Wörter beinhalten wie 'Zanzibar', 'Massai', 'Zulu'” oder ähnliche den (westlichen) Lesern bekannte Begriffe. 1 Allein durch seinen Namen löst Sansibar schon eine mysteriöse und orientalische Konnotation bei vielen Menschen aus, welche nur wenige durch nähere Analysen und Untersuchungen zu ergründen versuchen. Dieses Verhalten ist für Wainaina nur allzu verständlich, da er anweist Afrika so darzustellen als wäre es ein Land 2 und man solle sich nicht durch genauere Beschreibungen aufhalten lassen [“get bogged down with precise descriptions”]. 1 Im Gegensatz zu diesen Aussagen möchte ich meiner Analyse so viel Tiefe und Differenziertheit wie möglich verleihen, jedoch ist mir bewusst, dass ich niemals vollständig in der Lage sein werde meiner eigenen Gedankenwelt und ihrem eurozentrischen Standpunkt zu entkommen.
In der folgenden Hausarbeit werde ich die Entwicklung Sansibars von einer feudal anmutenden Monarchie über die Zeit der britischen Kolonialherrschaft bis hin zur sozialistischen Revolution nach der Entlassung in die Unabhängigkeit analysieren. In weniger als einem Jahrhundert wurde aus dem unabhängigen Sultanat Sansibar, Objekt der Begierde mehrerer Kolonialmächte, 3 eine Volksrepublik nach marxistischem Muster, welche sich wenig später mit dem ebenfalls einen sozialistischen Kurs verfolgenden Tanganjika zur Union von Tansania vereinigte. Um diese Entwicklung zu verstehen ist es notwendig den Gesellschaftlichen Aufbau Sansibars - die Swahili-Mischkultur - zu kennen sowie die Entwicklungen während der Zeit des Protektorats unter indirekter Kolonialherrschaft. Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich mich der Frage widmen, wie und weshalb Sansibar indirekt beherrscht wurde und warum gerade diese Form des Kolonialismus hier zu einem gesellschaftlichen Umsturz führte. Die Erhaltung des Status Quo durch die langjährige Kolonialherrschaft ermöglichte erst eine revolutionäre Umwälzung wie sie in diesem Staat stattfand. Die britischen Kolonialherren hatten also wider Willen durch den Versuch der Erhaltung der Stabilität genau das befürchtete Gegenteil erreicht: einen gewaltsamen marxistischen Umsturz. Wesentlichen Anteil an der Revolution hatte die (de jure abgeschaffte) Sklaverei und der daraus resultierende große Prozentsatz unzufriedener Bevölkerung.
1 http://www.granta.com/Magazine/92/How-to-Write-about-Africa/Page-1
2 Vergleiche hierzu die Wahrnehmung deutscher Politiker: http://www.youtube.com/watch?v=zXTMKNw7HlE
3 JAMES, S. 262 f., sowie S. 280 f.
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Julian J. Fitz Dekolonisation 13.4.2011
II.1 Historischer Prätext
II.1.a Besiedlung Sansibars und die Entstehung der Swahili-Kultur
Die Geschichte Sansibars reicht bis in die Antike zurück. Genaue Daten sind nicht nachzuweisen, aber man geht davon aus, dass schon im 1. Jahrhundert n. Chr. Handelswege zwischen Sansibar und anderen Regionen des Indischen Ozeans existiert haben sollen. 4 Die ursprünglich autochthone Bevölkerung, welche vermutlich vom Festland aus den Archipel besiedelt hatte, stand somit schon früh in Kontakt mit einer Vielzahl anderer Kulturen, vor allem der Indischen und denen der Arabischen Halbinsel. Da diese frühen Kontakte stark auf reisenden Händlern beruhten, wird davon ausgegangen, dass diese frühen Entdecker und Seefahrer keine politischen Ziele verfolgten und es sogar häufig zu Mischehen mit der einheimischen Bevölkerung kam. 5 Im 8. Jahrhundert wurde schließlich der Islam durch arabische Seefahrer eingeführt, und wurde schnell zur gesellschaftlich herrschenden Religion. 6 Zu dieser Zeit wurde Sansibar auch zu einem immer wichtigeren, womöglich sogar zum wichtigsten Handelsknotenpunkt in Ostafrika. 7 Durch die beschriebene Mischung aus verschiedenen Kulturen Ostafrikas, Arabiens, Indiens oder Persiens und ihren jeweiligen Sprachen sowie durch die verbindende Gemeinsamkeit der Religion entstand eine genuin neue Kultur, deren Volk sich Waswahili nennt 8 und deren Sprache - Kiswahili - heute eine der meistgesprochenen afrikanischen Sprachen ist.
Nach einer Periode portugiesischer Herrschaft im 16. Und 17. Jahrhundert über fast ganz Ostafrika, einschließlich Sansibars, wurde der Archipel durch einen erfolgreichen Krieg gegen die Europäischen Kolonialherren Teil des Sultanats Oman, dessen Hauptstadt wenig später sogar nach Sansibar verlegt wurde. 9 Wegen eines Herrschaftsstreits lösten sich die ostafrikanischen Besitzungen aber wenig später vom Sultanat und wurden zu einer eigenständigen Monarchie unter einem arabischen Omani-Sultan. 10 Unter der Herrschaft der Sultane von Sansibar wurden die Inseln endgültig zu Ostafrikas wichtigsten Handelsschauplatz. 11 Um den Handel auszubauen, förderte der Sultan Zuwanderung aus Arabien und insbesondere Indien, da die Sikhs und Hindus aus Sindh und Punjab problemlos Geld verleihen und Kredite vergeben konnten, da sie anders als Muslime diesbezüglich keine religiösen
4 http://www.zanzinet.org/zanzibar/history/historia.html, caption Early History
5 http://www.zanzinet.org/zanzibar/history/historia.html, caption Early History
6 BAKARI, S. ii
7 OLIVER and ATMORE, S. 78
8 MOMANYI, S. 15-16
9 BEKHA, S. 92
10 OLIVER and ATMORE, S. 77 f.
11 OLIVER and ATMORE, S. 78
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Julian J. Fitz Dekolonisation 13.4.2011
Beschränkungen hatten. 12 Durch zahlreiche oftmals kreditfinanzierte Handelsreisen in das Innere des afrikanischen Kontinents konnten die Waswahili von ihrer Ausgangsbasis in Sansibar aus auch lange Zeit ein „informelles Reich“ bis zu den Großen Seen im Kongobecken aufrecht erhalten. 13 Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden aber diese Gebiete, die zuvor wirtschaftlich vom Sultanat abhängig waren, zu europäischen Kolonien. 14 Nach dem Helgoland-Sansibar Vertrag von 1890 zwischen Deutschland und Großbritannien wurde schließlich sogar das eigentliche Sultanat am 4. November desselben Jahres zu einem britischen Protektorat. 15 .
II.1.b Die Ablehnung des Afrikanischen durch die Waswahili und die daraus resultierende Einstellung zur Sklaverei
Obwohl die Swahili-Kultur eine Mischung aus verschiedensten Menschen mit unterschiedlichen Abstammungen und Hintergründen war, in der lange kaum rassistische Schranken bestanden, kann es durchaus verwundern, dass neben Gold, Elfenbein und Nelken auch Sklaven zu den natürlichsten Gütern gezählt wurden, die zu handeln den Waswahili fast so lange legitim erschienen hatte, wie ihre Kultur existierte. 16 Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Anzahl der Sklaven in Sansibar diejenige der freien Menschen erreicht, und sollte weiterhin rasch ansteigen. 17 Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich aufzeigen, dass Sklaven als normal akzeptiert und in verschiedenen Bereichen eingesetzt wurden. Die Vorstellung der Sklaverei unterscheidet sich hierbei aber von der Europäischen. Dennoch hatten ihre Überreste durchaus Einfluss auf die spätere Revolution im Lande.
Im Laufe der Entwicklung der Swahili-Kultur versuchten sich ihre Mitglieder von den als primitiv empfundenen Afrikanern des Festlandes abzusetzen. 18 Die Nichtafrikanische Abstammung wurde häufig als Argument der Andersartigkeit angeführt und noch heute bezeichnen sich viele Einwohner Sansibars als Shirazi und nehmen dabei Bezug auf eine Region Persiens, aus der viele Einwanderer Sansibars stammen sollen. 19 Dieses Verhalten ist nicht unbedingt ungewöhnlich und fand auch in anderen Zusammenhängen statt. So betonte die Tutsi-Oberschicht Ruandas lange Zeit ihre hamitische Abstammung und ihre angebliche Verwandtschaft mit den Äthiopiern, um sich von der
12 MARX, S. 41
13 ANSPRENGER, S. 72
14 ANSPRENGER, S. 72 f.
15 HAULE, S. 217
16 OLIVER and ATMORE, S. 78
17 ILIFFE, S. 244
18 KAPUSCINSKI, S. 85
19 http://www.zanzinet.org/zanzibar/history/historia.html, Abschnitt Ethnic Groups
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Arbeit zitieren:
Julian Fitz, 2011, Die Effekte der indirekten britischen Kolonialherrschaft über Sansibar und die Konsequenzen der anschließenden Entkolonialisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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