zusammenwirken und welche Konsequenzen dies für die Hauptfigur Patrick Bateman hat.
2. Theoretischer Bezugsrahmen
Vor der eigentlichen Analyse von American Psycho im Hinblick auf Konstruktionen von Männlichkeit und wie diese durch Medien vermittelt werden, soll zunächst der theoretische Bezugsrahmen der Arbeit dargelegt werden. Die Untersuchung von Medienformen und -funktionen verlangt zunächst nach einer präzisen Definition des Terminus „Medium“. Im Folgenden soll daher auf Siegfried Schmidts integratives Konzept des Mediums als „Kompaktbegriff“ mit vier Komponenten zurückgegriffen werden: Schmidt unterscheidet zwischen Medien als semiotischen Kommunikationsinstrumenten, Medientechnologien,
sozialsystemischen Institutionalisierungen und spezifischen Medienangeboten. In Bezug auf American Psycho sind besonders spezielle Medienangebote sowie deren Rezeption und Produktion von Belang. Im direkten Zusammenhang damit sollen auch im Text auftauchende Medientechnologien wie Film-, Fernseh- und Videotechniken untersucht werden, die maßgeblichen Einfluss auf die Produktion und Rezeption erstgenannter Medienangebote haben (Schmidt 2000: 93-95). Im Sinne Schmidts soll anhand des Textes gezeigt werden, wie Medien und ihre verschiedenen Komponenten „Raum- und Zeiterfahrung, Kontaktformen, Körpererfahrungen, Kommunikationsmöglichkeiten und -qualitäten“ (Schmidt 2000: 97) verändert haben, inwiefern sie „alltägliche Instrumente der
Wirklichkeitskonstruktion“ (Schmidt 2000: 100) sind und wie sich dies (in Bezug auf Konstruktionen von Männlichkeit) in der Literatur niederschlägt . Hinsichtlich der Frage, wie Medienangebote und -technologien Eingang in Ellis' Roman finden, soll mit Irina Rajewskys Definitionen von „Intermedialität“ und „intermedialen Bezügen“ gearbeitet werden: „Intermedialität“ meint bei Rajewsky „Mediengrenzen überschreitende Phänomene, die mindestens zwei konventionell als distinkt wahrgenommene Medien involvieren“ (Rajewsky 2002: 19). Unter diesem Begriff subsumiert sie die drei Bereiche „Medienkombination“, „Medienwechsel“ und „intermediale Bezüge“. Mit Blick auf Formen und Funktionen von Medienangeboten und -technologien in American Psycho ist ausschließlich der
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Bereich der intermedialen Bezüge relevant. Rajewsky definiert diesen wie folgt:
Verfahren der Bedeutungskonstitution eines medialen Produkts durch Bezugnahme auf ein Produkt (= Einzelreferenz) oder das semiotische System (= Systemreferenz) eines konventionell als distinkt wahrgenommenen Mediums mit den dem kontaktnehmenden Medium eigenen Mitteln; nur letzteres ist materiell präsent. Bezug genommen werden kann auf das fremdmediale System als solches oder aber auf ein (oder mehrere) Subsystem(e) desselben, wobei letzteres per definitionem auch ersteres impliziert. (Rajewsky 2002: 19)
Bei der Untersuchung des Romans soll der Frage nachgegangen werden, mit welchen literarischen Mitteln das Medium Text es vermag, Strukturen eines anderen Mediums (z.B. des Films) aufzugreifen und welche Funktionen dieser Prozess erfüllt (Rajewsky 2002: 25).
Allerdings weist Rajewsky dezidiert darauf hin - und auch dieser Hinweis soll in der Analyse von American Psycho berücksichtigt werden -, dass der Gebrauch intermedialer Bezüge in einem literarischen Text immer einen „'Als ob'-Charakter“ hat, d.h. der Autor gibt lediglich vor, beispielsweise mit filmischen Techniken zu arbeiten. Tatsächlich aber ruft er nur den Eindruck oder die Illusion des Filmischen im Leser hervor, um den sogenannten „intermedial gap“ zu überwinden, weshalb Rajewsky den Begriff „filmbezogene“ Schreibweise dem von ihr als inadäquat eingestuften Terminus der „filmischen“ Schreibweise vorzieht (Rajewsky 2002: 39 f., 57, 70, 88). Dies soll auch in der Untersuchung von Ellis' Roman so gehandhabt werden.
Weiterhin fasst Rajewsky unter dem Begriff der intermedialen Bezüge zwei Formen zusammen: die Einzel- und die Systemreferenz. Während es sich bei der Einzelreferenz um den Bezug eines Textes auf ein oder mehrere Medienprodukte handelt, meint die Systemreferenz den Bezug eines Textes auf ein semiotisches System, was „Bezüge auf bestimmte Genres bzw. Diskurstypen“ sowie „Bezüge auf ein anderes […] mediales System als solches“ beinhaltet (Rajewsky 2002: 72). Die Einzelreferenz weist somit immer auf die Systemreferenz hin, die sich wiederum in zwei verschiedene Referenzformen aufspaltet: einerseits die Systemerwähnung, d.h. das „Reden über“ ein Bezugssystem, andererseits die Systemkontamination, d.h. die „'Reproduktion' bestimmter Elemente und/oder Strukturen“ eines Bezugssystems (Rajewsky 2002: 79). Auch hier entscheidet Rajewsky zwischen einigen Unterformen, die allerdings der Klarheit halber erst in der Analyse konkreter Beispiele aus American Psycho zur Sprache kommen sollen.
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3. Patrick Bateman als „kranker Mann der 80er Jahre“ In American Psycho porträtiert Bret Easton Ellis das ausschweifende Leben des Yuppies und Mittzwanzigers Patrick Bateman: Umgeben von schönen Frauen und seinen Kollegen von der Wall Street verbringt er stets gut gekleidet, attraktiv gebräunt und perfekt frisiert seine Zeit in angesagten Restaurants und Clubs, im Sportstudio oder vor dem Videorecorder. Doch Patrick hat auch eine dunkle Seite: Er erniedrigt, verletzt und ermordet Obdachlose und in seinem Apartment tötet er Frauen nach dem Geschlechtsverkehr auf brutalste Weise - das alles hält er auf Video fest.
Bevor diese Arbeit sich der dunklen Seite Patrick Batemans widmet, wird sie zunächst seine Identität als Mann in den 1980er Jahren untersuchen: Welche Konstruktionen von Männlichkeit bot diese Zeit? Wie wird Männlichkeit darüber hinaus definiert? Welche Rolle spielen spezielle Medienangebote und -technologien hinsichtlich der Konstruktion von Männlichkeit im Roman? Ellis' Roman spielt um 1988 in New York, Patrick Bateman sah sich dementsprechend mit dem amerikanischen Männerbild der späten 80er Jahre konfrontiert, das zwischen dem Ideal des muskulösen männlichen Körpers wie dem eines Sylvester Stallones in Filmen wie Rambo und alternativen, androgynen Konstruktionen von Männlichkeit, verkörpert durch Popstars wie Prince oder Boy George, oszillierte. Zwischen diesen Extremen taten sich derweil immer mehr „Mischformen“ von Männlichkeit auf, das Bild des Mannes wurde zunehmend komplexer und vielfältiger (Erhart & Hermann 1997: 5). Elizabeth Badinter spricht in diesem Zusammenhang sogar von der „Verstümmelung“ des Mannes und davon, dass alte Konstruktionen von Männlichkeit „im Sterben“ liegen. Sie beschwört damit das Bild des „'kranke[n] Mann[es] der 80er Jahre“ herauf, den Patrick Bateman zu überwinden sucht (Horlacher 2006: 13, 25 f.). Viele Untersuchungen der noch jungen Men Studies weisen darauf hin, dass Männlichkeit nicht natürlich oder angeboren ist, sondern vielmehr gelehrt werden muss. Der meist diskutierte „Lehrer“ in dieser Sache ist der Vater oder eine Vaterfigur 1 . Beides findet sich in American Psycho bezeichnenderweise nicht. Ohne eine Leitfigur ist der Mann der Moderne nicht selten auf die Medien zurückgeworfen, in denen verschiedene Männerbilder auftreten und vermarktet werden. Der Konsument sieht sich einem Überangebot von
1 Zum „Erlernen“ der Männlichkeit und zur Rolle des Vaters siehe die Einschätzungen von Alfred Habegger, David Gilmore und Peter N. Stearns in Horlacher 2006: 14, 26 f.
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Männlichkeiten zur Identifikation gegenüber, das vor allem zwei Probleme aufwirft: Das Individuum weiß nicht mehr, was es bedeutet, ein Mann zu sein und fühlt sich in seiner Rolle als Mann nicht wohl (Horlacher 2006: 28, 30).
3.1 Grundmuster von Männlichkeit und ihre Umsetzung in American Psycho
Trotz der Veränderungen, denen Konstruktionen von Männlichkeit unterliegen, existieren „universelle Grundmuster von Männlichkeit“:
[…] der 'Zusammenhang zwischen erotischer und wirtschaftlicher Maskulinität', das Idealbild des unternehmerischen 'starken Mannes' […]. Sehr häufig ist 'Männlichkeit eng verknüpft mit zielstrebigem Schaffen', erscheint sie als Vereinigung disparater Elemente zu einem geordneten Ganzen, als eine Form, die dem Chaos auferlegt wird […]. Darüber hinaus existiert eine 'wahrscheinlich universal[e] Verbindung von Größe - gemessen an Muskulatur, Leistung oder Besitz […]. (Horlacher 2006: 60 f.)
Auf den ersten Blick scheint es, als erfülle Patrick Bateman diese Grundmuster: Er ist wohlhabend, also wirtschaftlich erfolgreich, womit auch gleichzeitig eine gewisse Attraktivität einhergeht. Außerdem trainiert er eisern seinen Körper und zeigt durch das Tragen teurer Markenartikel seinen Reichtum nach außen. Die entscheidende Leerstelle im Grundmuster seiner Männlichkeit zeigt sich allerdings in puncto Leistung: Der Roman zeigt Patrick niemals an der Arbeit. Wenn er in seinem Büro an der Wall Street sitzt, vereinbart er private Termine, schaut fern oder löst Kreuzworträtsel. Tatsächlich ist er nur bei Pierce & Pierce angestellt, weil die Firma seinem Vater gehört. Eine Tatsache, über die er nicht allzu gern redet, wie sich bei einem Date mit seiner Ex-Freundin Bethany zeigt:
“And you're at … P & P?“ she asks
“Yes,“ I say
She nods, pauses, wants to say something, debates whether she should, then asks, all in a matter of seconds: “But doesn't your family own-“
“I don't want to talk about this,“ I say, cutting her off. “But yes, Bethany. Yes.“ “And you still work at P & P?“ she asks. Each syllable is spaced so that it bursts, booming sonically, into my head. “Yes,“ I say, looking furtively around the room. “But-“ She's confused. “Didn't your father-“
“Yes, of course,“ I say, interrupting. “Have you had the foccacia at Pooncakes?“ (American Psycho 227)
Das Grundmuster „zielstrebigen Schaffens“ oder beruflicher Leistung erfüllt Patrick demnach nicht. Auch die „Vereinigung disparater Elemente zu einem geordneten Ganzen, als eine Form, die dem Chaos auferlegt wird“ zeigt sich in seinem Verhalten
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nicht, im Gegenteil: Durch seine Aggressivität und die Morde, die er verübt, begibt er sich erst in einen Sog des Chaos.
Doch mehr noch als gegen die Grundmuster von Männlichkeit „verstößt“ Patrick gegen die drei „Verhaltenskriterien des 'Erzeuger-Beschützer-Versorgers'“, die mit diesen Grundmustern einhergehen: „Die Anforderungen, Frauen zu schwängern, Abhängige vor Gefahren zu schützen und die Familie und Verwandtschaft zu versorgen.“ (Horlacher 2006: 61). Eine Vaterschaft scheint unvorstellbar und unerwünscht für Patrick, denn er hat fünf Abtreibungen zu verantworten, von denen er drei selbst mit Gewalt durchgeführt hat (American Psycho 367). Doch nicht nur die Gründung einer eigenen Familie liegt Patrick fern, auch die Sorge um Eltern und Geschwister scheint ihm fremd: Nur einmal besucht er seine Mutter im Pflegeheim, verhält sich dabei kalt und abweisend (American Psycho 351 f.). Seinem Bruder bringt er sogar unverhohlenen Hass entgegen und ihn amüsiert die Vorstellung, dass dieser sich mit einer Krawatte, die Patrick ihm schenken will, erhängen könnte (American Psycho 216). Das männliche Gebot des Schutzes Abhängiger vor Gefahren pervertiert Patrick schließlich in seinem Dasein als Serienmörder, dem sich jeder ausliefert, der sein Apartment betritt.
Eine Entsprechung findet Patrick eher im „männliche[n] Ideal des harten Mannes“ oder Machos, dem „'psychische[n] Krüppel', eher zum Sterben gemacht als dazu, zu heiraten'“, im einsamen Wolf, der außerhalb des Gesetztes steht (Horlacher 2006: 29). Aber auch diesen Typus erfüllt Patrick nicht in Reinform, in ihm steckt außerdem der Businessman der 80er Jahre, der sich durch „die 'immense Erhöhung [seiner] körperlichen Macht durch Technologie' auszeichnet“ (Horlacher 2006: 30). Im Roman erfüllen Medientechnologien eine Fetisch-Funktion: Patrick bestellt sich beispielsweise mehrere HiFi-Geräte, deren Funktionen und Leistung er im Detail beschreibt (American Psycho 294-296). Außerdem streitet er mit einem Bekannten darüber, wessen Stereoanlage den besseren Sound erzeugt und versucht so, seine soziale Stellung durch den Besitz neuester Medientechnologien zu behaupten (American Psycho 96 f.). Patricks Fixierung auf Technik wird hervorgerufen durch die Anpassung an medial vermittelte Normen, die im Folgenden genauer untersucht werden sollen.
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Arbeit zitieren:
Stephanie Lange, 2010, Konstruktionen von Männlichkeit und ihre Wechselwirkung mit Medienformen und -funktionen in Bret Easton Ellis' "American Psycho", München, GRIN Verlag GmbH
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