Inhaltsverzeichnis
1. Problemskizze. 3
2. Vorbetrachtung zu Schleiermachers terminologischem Konstruktionsprinzip. 5
2.1 Das Wesen der Frömmigkeit als Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit. 5
2.2 Drei Stufen des Bewußtseins. 8
3. Gottes Schöpferwirken. 9
3.1 Der Naturzusammenhang und seine Erhaltung. 9
3.1.1 Das Übel und das Böse in Gottes Schöpfung. 16
3.2 Die Allursächlichkeit Gottes 19
4. Gottes Erlösungswirken. 22
4.1 Vorherbestimmung in der erlösenden Weltregierung Gottes. 22
4.2 Gottes Liebe. 24
4.3 Gottes Weisheit. 26
5. Fazit und Ausblick. 29
6. Literatur. 31
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1. Problemskizze
Es gibt Zeiten im Leben eines jeden Menschen, in denen er sich im Staunen über die Welt grundlegende Sinnfragen über das Dasein stellt; der Christ fragt vielleicht konkreter, ob wirklich alles, was geschieht, so von Gott vorbestimmt sei und ob sein Segen auf der Welt liege. Die Schwierigkeit, angemessen von Gottes Vorsehung angesichts des farben- und facettenreichen, allzuoft aber auch tristen und unverständlich trüben Weltenlaufes zu reden, ist nicht nur sprichwörtlich seit biblischen Zeiten in verschiedenen Ansätzen sowohl klagend festgestellt 1 als auch denkerisch zu lösen versucht worden. Else Lasker-Schüler, nach einem Zeugnis Gottfried Benns die wohl „größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“ 2 , gibt ihrem Gebet in dem Gedicht An Gott diesen Ausdruck der Abhängigkeit - Schleiermacher würde sagen „schlechthinige Abhängigkeit“ - aller menschlichen Erfahrung von einem weltregierenden Gott, dessen Freiheitsgewährung und Allursächlichkeit nicht immer leicht zu verstehen sind:
1 Vgl. für die klagende, aber auch bewundernde Feststellung der göttlichen Vorsehung bzw. Fürsorge für seine Geschöpfe und Schöpfung nur beispielhaft Ps 44; 60; resp. Ps 65; 104.
2 ELSE LASKER-SCHÜLER, Die Gedichte 1902-1943, herausgegeben von Friedhelm Kemp, Frankfurt am Main 1997, 4.
3 A.a.O., 171.
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Auch Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher selbst hatte Schwierigkeiten, den Begriff der Vorsehung, zumal in seiner seit der altprotestantischen Orthodoxie klassisch gewordenen Prägung, unbesehen zu übernehmen, da er befürchtete, er stelle nicht scharf genug „die Beziehung jedes einzelnen Theiles auf den Zusammenhang des Ganzen“ heraus oder lasse „das göttliche Weltregiment [verstanden] als eine innerlich zusammenstimmende Anordnung“ 4 nicht eindeutig erkennbar werden. Er entwickelt sein Verständnis einer - sofern man unter dem genannten Vorbehalt so sagen kann 5 - göttlichen Vorsehung, indem er anhand der von ihm so genannten „schlechthinigen Abhängigkeit“ des unmittelbaren Selbstbewußtseins als Frömmigkeit im ersten Teil seiner Glaubenslehre, bes. §§ 36-39; 46-49 und §§ 54f., das Verhältnis des Menschen zu Gott als Schöpfer, worunter er Gott auch als die Schöpfung Erhaltenden versteht, näher bestimmt und dann über eine auf die Erlösung bezogene Lehre der göttlichen Eigenschaften 6 in den §§ 164-169 die Begründung für einen recht verstandenen Begriff der Weltregierung Gottes gibt. Diese Seminararbeit versucht nach einer grundlegenden Darstellung des Glaubens als „Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit“ als terminologischer Leitfaden der Glaubenslehre anhand der oben aufgezeigten Orientierungslinie zu erfassen, was genau nach Schleiermacher unter Schöpfung und ihrer Erhaltung zu verstehen ist. Dabei wird es in einem eigenen Abschnitt geboten sein, näher auf die Problematik des in der von Gott geordneten und in ihrem Sosein gewollten Welt erfahrbaren Übels - die Frage nach den „guten und […] bösen Brunnen“ 7 - einzugehen sowie anschließend zu betrachten, was innerhalb dieser Kategorien vor allem für den sich sowohl als schlechthin abhängig als auch partiell frei verstehenden Menschen der sogenannte „Naturzusammenhang“ austrägt für die Begriffe der göttlichen Allmacht und Allursächlichkeit. In einem letzten Schritt wird zu zeigen sein, wie der als Liebe und Weisheit verstandene Gott in der und durch die Erlösung erkannt werden kann und wie das Ziel der göttlichen Weltregierung, mithin der göttlichen Vorherbestimmung, nach Schleiermacher zu bestimmen ist. Formal werden dabei jedem einzelnen Gliederungspunkt knappe Grundüberlegungen über die Leitsätze der jeweils zu behandelnden Paragraphen vorangestellt.
4 FRIEDRICH SCHLEIERMACHER, Der christliche Glaube. Nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt, Zweite Auflage (1830/31). Zitiert wird im folgenden mit dem Siglum GL
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nach der von Rolf Schäfer herausgegebenen Studienausgabe, Berlin 2008 mit dem jeweiligen Paragraphen, seinem Unterabschnitt sowie den Seitenzahlen sowohl der Studienausgabe als auch, zur besseren Orientierung, des Originaldruckes von 1830 in eckigen Klammern; hier: GL
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§ 164.3; 497 [557].
5 Vgl. auch REINHOLD BERNHARD, Was heißt "Handeln Gottes"?: Eine Rekonstruktion der Lehre von der Vorsehung, Gütersloh 1999, 239, der deutlich unterstreicht, daß nach Schleiermacher im klassischen Vorsehungsbegriff „die Einbindung des einzelnen in den Zusammenhang des Ganzen nicht ausreichend zur Geltung komme“. Es scheint hier zunächst allerdings so, als verwerfe Schleiermacher„den Begriff der Vorsehung“ (ebd.) im Ganzen, was sich aus dem genannten Paragraphen u.a.a.O. in dieser Konsequenz jedoch nicht entnehmen läßt, zumal auch Bernhard schon in der Teilüberschrift zu dieser Thematik darauf hinweist, daß genau betrachtet die providentia individualis auf Schleiermachers Ablehnung stößt. 6 Vgl. GL 2 Zweiter Band, Dritter Abschnitt, 494 [553]. 7 Lasker-Schüler, Gedichte, 171.
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2. Vorbetrachtung zu Schleiermachers terminologischem Konstruktionsprinzip
Zur Bestimmung eines unmittelbaren Selbstbewußtseins des Menschen innerhalb des von Gott geordneten Weltenlaufes mitsamt dessen Naturzusammenhang führt Schleiermacher zu Beginn seiner Glaubenslehre eine grundlegende Wesensbestimmung dessen ein, was im folgenden unter dem Begriff der Frömmigkeit mitzudenken sein soll und zugleich als normative Grundlage des Glaubens dient. Er tut dies mittels einer „subjektivitätstheoretischen Bestimmung des schlechthinnigen Abhängigkeitsgefühls“ und erbringt damit „den Nachweis der konstitutiven Bedeutung des Gottesverhältnisses für das Selbstsein des Menschen“ 8 , indem seine Auffassung von Frömmigkeit einem exakten Verständnis von Gefühl in Abgrenzung zum Wissen oder zum Tun 9 entspricht unter Rücksichtnahme darauf, daß der Mensch mit seinem unmittelbaren Selbstbewußtsein nur gedacht werden kann in der Entwicklung seiner Frömmigkeit 10 hin zur Gottesbeziehung 11 .
2.1 Das Wesen der Frömmigkeit als Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit 12
Zum Zweck des Verständnis seiner Glaubenslehre „als Wissenschaft des christlichen Selbstbzw. als Selbstauslegung des christlichen Glaubensbewußtseins“ 13 setzt Schleiermacher schon im Leitsatz zu § 3 für die Bestimmung der Frömmigkeit die Begriffe „Gefühl“ und „Selbstbewußtsein“ in ihrer Wertigkeit gleich, damit sie einander durch ihre jeweilige Präzisierung - „Bestimmtheit des Gefühls“ bzw. „unmittelbares Selbstbewußtsein“ - dergestalt entsprechen, daß das Unmittelbare im Gefühl oder subjektiven Selbstbewußtsein als Ausdruck für dessen noch nicht vollzogene Reflexion dient. In dieser Konsequenz stellt er „jenes eigentliche unvermittelte Selbstbewußtsein [...], welches nicht Vorstellung ist sondern im eigentlichen Sinne Gefühl“ 14 weiter nicht nur jedem Wissen, verstanden als das objektive Bewußtsein um Gegenstände jeder Art und damit notwendig Reflexion, sondern auch jeder Praxis gegenüber. Sein Kernargument ist hier die Beobachtung, daß das Leben „aufzufassen [ist] als ein Wechsel von Insichbleiben und Aussichheraustreten des Subjects“ 15 . Wissen, Tun und Gefühl als die drei wesentlichen Eigenschaften des Menschen lassen sich diesen beiden das Leben als solches in ihrem Zusammenspiel konstituierenden Polen jeweils unter verschiedenem Gesichtspunkt zuordnen: Dem Aussichheraustreten entspricht das Wissen als Erkennen - und damit als ein Tun - und dem Insichbleiben das Wissen als Verstehen. Das Tun ist in
8 CHRISTINE AXT-PISCALAR, Ohnmächtige Freiheit. Studien zum Verhältnis von Subjektivität und Sünde bei August Tholuck, Julius Müller, Sören Kierkegaard und Friedrich Schleiermacher, Tübingen 1996, 177. 9 Vgl.GL
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§ 3, Leitsatz, 19f. [7]. 10 Vgl.GL
2
§ 5, Leitsatz, 40f. [24]. 11 Vgl.GL
2
§ 4, Leitsatz, 32f. [16].
12 Vgl. für das Folgende bes. Schleiermacher, GL 2 §§ 3-5.
13 HEIKO SCHULZ, Eschatologische Identität: Eine Untersuchung über das Verhältnis von Vorsehung, Schicksal und Zufall bei Sören Kierkegaard, Berlin/New York 1994, 38. 14 GL 2 § 3.2, 23 [9]. 15 GL 2 § 3.3, 25 [10].
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diesem Verhältnis seiner Natur nach stets eine Außenwirkung - also Aussichheraustreten - genau in dem Sinne, wie das Gefühl stets als nur von Außen hervorrufbares subjektives als Innenwirkung bezeichnet werden kann bzw. „ganz und gar der Empfänglichkeit angehört“ 16 . Durch Ausschluß gegenteiliger Annahmen folgert Schleiermacher nach dieser Feststellung, daß die Frömmigkeit allein unter diesen Begriff des Gefühls zu erfassen ist, da zum einen Wissen als vollendete Kenntnis dogmatischer Sätze schon erfahrungsgemäß nicht zwingend mit Frömmigkeit übereinstimmen muß und die Überzeugungskraft des (kennen-)gelernten Glaubens, da sie vernünftigerweise nur als Gewißheit aufgefasst werden kann, streng genommen nicht mit Wissen zusammenfällt, womit Frömmigkeit zwar „der Gegenstand jenes Wissens ist, daß aber dieses nur, sofern den Bestimmungen des Selbstbewußtseins eine Gewißheit einwohnt, kann entwikkelt werden“ 17 . Zum anderen ist - Schleiermacher begründet dies wieder empirisch - auch das Tun weder seinem Inhalte nach mit Frömmigkeit identisch, wenn sonst nicht auch Gräueltaten als ihrem Wesen nach fromm verstanden werden sollten, noch auch nach der Art seines Antriebes, denn dieser könnte nur, wenn er durch Frömmigkeit hervorgerufen würde, als fromm bezeichnet werden, was das zu Beweisende als Voraussetzung nähme. Es bleibt also nur, daß die Frömmigkeit dem Gefühl zugeordnet und ihr als solches eine Mittlerstellung zwischen Wissen und Tun zugewiesen wird, die recht eigentlich auch den jeweiligen Grund des aus ihr Hervorgehenden ausmacht: Es bedarf immer einer „dazwischentretenden Bestimmtheit des Selbstbewußtseins“ 18 , also des Gefühls oder der Frömmigkeit, damit aus Wissen Tun und vice versa werden kann, weil „das Wissen darin [sc. in der dazwischentretenden Bestimmtheit des Selbstbewußtseins] noch nicht und das Thun darin nicht mehr die Frömmigkeit an und für sich“ 19 und umgekehrt ist.
Um nun das besondere der Frömmigkeit als Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit in positiver Abgrenzung zu anderen Gefühlen hervorzuheben, führt Schleiermacher eine Unterscheidung innerhalb des Selbstbewußtseins zwischen dem Bewußtsein partieller Abhängigkeit und partieller Freiheit ein, die jedoch beide dem schlechthinnigen Abhängigkeitsgefühl untergeordnet sind, um mittels dieser Bestimmung die Beziehung des Selbstbewußtseins zur (Mit-)Welt darzustellen. Auf dieser Grundlage folgert er auf die Beziehung des Selbstbewußtseins zu Gott, den er als „mit gesezte[s] Woher unseres empfänglichen und selbstthätigen Daseins“ 20 definiert. Weil das Selbstbewußtsein seinem Wesen nach seine Bestimmung und Beeinflussung auch von Außen erfährt, bestimmt es sich selbst nicht allein, sondern unterliegt ebenso der Veränderlichkeit in
17 GL 2 § 3.4, 29 [13]. 18 GL 2 § 3.5, 31 [16]. 19 GL 2 § 3.5, 32 [16]. 20 GL 2 § 4.4, 39 [22].
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seinem Sein mit sich selbst und mit anderen; Schleiermacher nennt dies „Selbstthätigkeit“ resp. „Empfänglichkeit“ und verdeutlicht diese beiden Eigenschaften in der Gegensätzlichkeit von Freiheits- und Abhängigkeitsgefühl. Der Unterschied wird allerdings in einer für Schleiermacher nicht ungewöhnlichen Gesamtschau als Einheit begriffen, wenn das mitgesetzte Andere als von Empfänglichkeit und Selbsttätigkeit in gleicher Weise bestimmt betrachtet wird wie das Subjekt und „das aus beiden [sc. Abhängigkeits- und Freiheitsgefühl] zusammengesezte Gesammtselbstbewußtsein das der Wechselwirkung des Subjectes mit dem mitgesezten Anderen“ 21 ist. Aus diesem Grund sieht sich der Mensch als Akteur in der Welt - im „Gesammte[n] Außeruns als Eines“ 22 stets von dieser Wechselwirkung bestimmt. Die Gesamtschau auf das Subjekt in Interaktion mit anderen ist allerdings auch der Grund dafür, warum Schleiermacher in Hinblick auf das Selbstbewußtsein bezogen auf die Welt (!) sagen kann, es gebe weder schlechthinniges -verstanden als „absolutes“ - Freiheits-, noch ein solches Abhängigkeitsgefühl 23 , da diese Interaktion in Wirkung und Gegenwirkung von Subjekt und Objekt aufeinander in abwechselnder Folge und ohne nachzuzeichnenden Anfang das eine wie das andere ausschließen muß. Erweitert man allerdings den Blick und sieht hinter die gesetzten Eigenschaften Empfänglichkeit und Selbsttätigkeit, so begründet sich die Annahme eines schlechthinnigen Abhängigkeitsgefühls schon darin, daß das „unser ganzes Dasein begleitende […] Selbstbewußtsein […] das Bewußtsein [ist], daß unsere ganze Selbstthätigkeit […] von anderwärtsher ist“ 24 . In diesem Sinne löst sich der Unterschied zwischen Empfänglichkeit und Selbsttätigkeit, also auch zwischen partiellem Abhängigkeits- und partiellem Freiheitsgefühl in der Einheit auf. Solcherart abhängig weiß sich der Mensch aber, wie oben dargestellt, nicht von der durch Zeitlichkeit, Vergänglichkeit und Wechselwirkungen charakterisierten Welt, sondern von ihr abgesehen allein von Gott, und zwar ohne ein irgendwie bestimmtes vorheriges Wissen um Gott. Schleiermacher setzt hier voraus, daß Gott, weil er zugleich ein kommunizierbarer Begriff für den Menschen ist, eine ursprüngliche gegebene bzw. geoffenbarte Vorstellung 25 sei. Sie wird allein durch das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit als Gefühl des „von anderwärtsher“ Gewordenseins begründet, so daß jede konkrete Fassung dieser Vorstellung in ein Wissen wesentlich nur als Folge dieses Gefühls hervortreten kann. Schlechthinnige Abhängigkeit ist nach Schleiermacher mithin auch immer direkte Gottesbeziehung, weil sie „die Grundbeziehung ist, welche alle anderen in sich schließen muß“ 26 .
22 GL 2 § 4.2, 36 [19].
23 Vgl. GL 2 § 4.2, 36 [20]: „schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl aber […] oder schlechthiniges Freiheitsgefühl […] giebt es in diesem ganzen Gebiete nicht“, wobei Schleiermacher hier die Welt als „Gebiet“ bezeichnet. 24 GL 2 § 4.3, 38 [22]. 25 Vgl. GL 2 § 4.4, 39f. [22f.]. 26 GL 2 § 4.4, 40 [23].
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2.2 Drei Stufen des Bewußtseins
In § 5 seiner Glaubenslehre bestimmt Schleiermacher nun das Verhältnis des auf Gott bezogenen Selbstbewußtseins oder der schlechthinnigen Abhängigkeit zum auf die Welt bezogenen Selbstbewußtsein näher und führt zu diesem Zweck drei Abstufung innerhalb des unmittelbaren Selbstbewußtseins ein, um „die Bedingungen des Wirklichwerdens des schlechthinnigen Abhängigkeitsgefühls“ 27 aufzuzeigen: die niedrigste oder „thierische“ Stufe wird dadurch charakterisiert, daß in ihr „das gegenständliche und das in sich zurükkgehende, oder Gefühl und Anschauung, nicht gehörig auseinander treten“ 28 , d.h. noch nicht zwischen Subjekt und Objekt unterschieden wird. Auf der zweiten, mittleren Stufe wird dieser Unterschied im Selbstbewußtsein erkannt; sie wird bestimmt von den oben geschilderten Wechselwirkungen sowie vom Gefühl partieller Abhängigkeit bzw. Freiheit und umfaßt alles, was die dritte Stufe noch nicht konstituiert, also „das Gesammtgebiet der Erfahrung im weitesten Sinne des Wortes […] so wie […] alle aus den Beziehungen mit der Natur und dem Menschen sich entwikkelnden Bestimmtheiten des Selbstbewußtseins“ 29 . Auf der höchsten Stufe, auf der das Selbstbewußtsein sich als schlechthin abhängig weiß, löst sich jeder Gegensatz wieder auf in der Weise, daß „alles, dem sich das Subject auf der mittleren Stuffe entgegensezte, als mit ihm identisch zusammengefaßt wird“ 30 . Innerhalb dieser Stufe gibt es keine Differenzierungsmöglichkeiten; sie kann allerdings nur zeitlich zusammen mit der zweiten, das Sinnliche und Gegenständliche erfassenden hervor- bzw. zu ihr hinzutreten und ist folglich ebenso geprägt von Wechselwirkungen. Würden beide allerdings nicht zugleich auftreten, so Schleiermacher, könnte ein Fortbestehen des höchsten Selbstbewußtseins nicht angestrebt und mithin auch keine Forderung nach Frömmigkeit aufgestellt werden. Vielmehr steht das höchste Selbstbewußtsein mit dem sinnlichen Selbstbewußtsein in Verbindung, genauer: handelt es sich um ein „Bezogensein beider aufeinander“ 31 , wobei beide jedoch nicht miteinander identisch sind, da sonst das eine das andere aufheben würde. Wenn sich nun aus dem sinnlichen Selbstbewußtsein als desjenigen um teilweisige Abhängigkeit und Freiheit durch das Bestreben der Frömmigkeit das höchste Selbstbewußtsein schlechthinniger Abhängigkeit entwickelt, stellt dieses aufeinander Bezogensein die Vollendung des Selbstbewußtseins dar. In diesem Sinne „sind freilich auch die verschiedenen Gestaltungen des sinnlichen Selbstbewußtseins in den mannigfaltigsten Mischungen von Freiheitsgefühl und Abhängigkeitsgefühl darin ungleich, wie sie das Hinzutreten des höheren Selbstbewußtseins mehr oder weniger hervorlokken oder begünstigen“ 32 . 27 Axt-Piscalar, Freiheit, 188. 28 GL 2 § 5.1, 42 [25]. 29 Ebd. 30 GL 2 § 5.1, 43 [26]. 31 GL 2 § 5.3, 46 [29]. 32 GL 2 § 5.5, 51 [34].
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