Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften
Institut für Kommunikationswissenschaft
Hausarbeit
Gilt oder gilt nicht?
Zur Validität des Laborexperiments
Seminar:
Methoden zur Erforschung psychologischer Phänomene
der öffentlichen Kommunikation
(Wintersemester 2010/11)
vorgelegt von:
Nico Dietrich
2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung...3
2. Das Experiment...4
2.1 Allgemeines ...4
2.2 Rein oder raus? Labor- und Feldexperiment ...7
3. Eine Frage der Validität? ...9
3.1 Validitätsmaße ...9
3.2 Die Validität des Laborexperiments ...11
4. Fazit und Ausblick ...17
5. Literaturverzeichnis ...18
3
1.
Einleitung
Ende 2009 sprachen sowohl die Universität als auch die Eidgenössische Technische
Hochschule Zürich ein Verbot für Tierversuche aus. Daraufhin meldeten sich im No-
vember 2010 die Wissenschaftler in der sog. Basler Deklaration zu Wort. Tierversu-
che seien, so die Forscher, auch in der Grundlagenforschung weiterhin unabdingbar.
Man wolle zukünftig verstärkt mit der Öffentlichkeit in Dialog treten, um den Stellen-
und Erkenntniswert der Versuche deutlich hervorzuheben. S
TEFAN
T
REUE
, Direktor
des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen, spricht davon, dass die Öffentlichkeit
zu falschen Vorstellungen über Tierversuche neige. Gleichzeitig betonen die Wissen-
schaftler auch ,,die Richtigkeit der gesetzlichen und ethischen Forderungen" (A
B-
BOTT
, 2010).
Methodisch betrachtet handelt es sich bei den kontroversen Versuchen um Experi-
mente, genauer um Laborexperimente. Diese sind aber nicht nur in der Medizin und
in den Naturwissenschaften unerlässlich, sie bilden auch eine wesentliche Stütze der
Sozial- und Verhaltenswissenschaften, um Theorien zu überprüfen und kausale Zu-
sammenhänge aufzuzeigen. Laboratoriumsexperimente, wie sie A
TTESLANDER
(2008)
nennt, sollen auch Gegenstand dieser Arbeit sein. Nach einer kurzen allgemeinen
Abhandlung zum sozialwissenschaftlichen Experiment, sollen Labor- und Feldexpe-
riment näher vorgestellt werden. Als zentraler Punkt wird die Frage nach der Validität
gestellt. Dabei sollen aufbauend auf aktueller methodologischer Literatur vor allem
interne und externe Validität thematisiert werden. Weiterhin sollen Bedeutung, Be-
einflussung und das Verhältnis beider Dimensionen zueinander diskutiert und dabei
nach Möglichkeit auch auf Originalbeiträge zurückgegriffen werden. Abgerundet
werden die Ausführungen durch ein kurzes Fazit sowie einen Ausblick.
Der Umfang dieser Arbeit erlaubt es leider nicht, auf alle Aspekte des sozialwissen-
schaftlichen Experiments und im Speziellen des Laborexperiments einzugehen und
wird sich insbesondere bei der Betrachtung möglicher Fehlerquellen auf die we-
sentlichsten Punkte beschränken. Weiterhin müssen sich die Ausführungen ebenfalls
aus Platzgründen auf eine methodologisch-theoretische Sichtweise beschränken. Für
praxeologische Erläuterungen sei an dieser Stelle auf die entsprechende Forschungsli-
teratur verwiesen.
4
2. Das Experiment
2.1 Allgemeines
Die Ursprünge des Experiments als ,,als Form wissenschaftlicher Erkenntnis" (Z
IM-
MERMANN
, 1972, 15) reichen nach E
KKART
Z
IMMERMANN
bis in die Renaissance zu-
rück. Innerhalb der Sozialforschung geht die Etablierung desselben unter anderem auf
W
ILHELM
W
UNDT
, der sich der experimentellen Psychologie verschrieben hatte und
mit der Gründung des ersten Psychologischen Instituts 1879 in Leipzig den Grund-
stein für die moderne Psychologie legte, zurück. Der Begriff des Experiments stellt
einen in der Gesellschaft weit verbreiteten Terminus dar, der zumindest auf den
ersten Blick auch für Laien leicht verständlich erscheint. Meist wird Experiment
bzw. experimentieren mit ausprobieren, testen oder versuchen gleichgesetzt
1
. Diese
Auslegung deckt sich auch mit der Etymologie des Wortes. Abgeleitet vom lateini-
schen experimentum bzw. vom altfranzösischen esperment lautet die Übersetzung
jeweils Test, Versuch und Beispiel (Online Etymology Dictionary, 2011). Z
IMMER-
MANN
weist den Experiment-Begriff als ,,reich an Konnotationen" (Z
IMMERMANN
,
1972, 32) aus und führt fünf verschiedene Verwendungsformen an
2
. Auch in der Psy-
chologie sticht das Experiment zwischen Befragung, Beobachtung und Inhaltsanalyse
durch seine Bekanntheit vermeintlich hervor. Allerdings ist das ,,wissenschaftliche
Experiment [...] streng genommen keine Methode der Datenerhebung [...], sondern
bezeichnet lediglich eine bestimmte Form der Untersuchungsanlage." (B
ROSIUS
et al.,
2009, 208, Hervorhebung im Original). Zunächst gilt es daher, im empirischen For-
schungsprozess die adäquate Untersuchungsanlage festzulegen und sich infolgedes-
sen für eine (oder mehrere) Methode(n) zur Datenerhebung zu entscheiden. Die Un-
tersuchungsanlage, auch Design genannt, gliedert sich in Kontroll-, Zeit- sowie Erhe-
bungsdimension. Die Frage, ob experimentell oder nicht-experimentell vorgegangen
werden soll, ist Gegenstand der Kontrolldimension, während die anderen Dimensio-
nen nach Längs- oder Querschnittdesign (Zeit) sowie Primär- oder Sekundäranalyse
(Erhebung) unterscheiden. S
CHEUFELE
und E
NGELMANN
raten dazu, sich zunächst für
1
Ab und an findet sich der Begriff mit negativen Konnotationen. Wenn beispielsweise von ,,herumex-
perimentieren" gesprochen wird oder ,,keine Experimente" im Sinne von Maßnahmen mit unvorher-
sehbarem Ausgang unternommen werden sollen.
2
Der Begriff gestaltet sich so weit reichend, dass mitunter sogar ganze politische und / oder gesell-
schaftliche Phänomene als Experiment bezeichnet werden. Beispielsweise wird in der Medienbericht-
erstattung gelegentlich sogar die Gründung der DDR oder die Einführung des Sozialismus als Experi-
ment charakterisiert. Spiegel online bezeichnete die Einführung der ersten ausschließlich für das iPad
konzipierten Zeitung The Daily ebenso als Experiment (vgl. H
ÄDER
,
2010; R
EIßMANN
, 2011).
5
eine Erhebungs- und Zeitdimension zu entscheiden und sich letztlich der Kontrolldi-
mension zu widmen (vgl. B
ROSIUS
et al., 2009; S
CHEUFELE
& E
NGELMANN
, 2009).
Abhängig von der jeweiligen Forschungsfrage lassen sich also Befragung, Beobach-
tung und Inhaltsanalyse wahlweise als Experiment oder Nicht-Experiment umsetzen.
Z
IMMERMANN
definiert Experiment als eine ,,wiederholbare Beobachtung unter kon-
trollierten Bedingungen, wobei eine (oder mehrere) unabhängige Variable(n) derartig
manipuliert wird (werden), daß eine Überprüfungsmöglichkeit der zugrundeliegenden
Hypothese [...] gegeben ist" (Z
IMMERMANN
, 1972, 37). Diese Definition bindet das
Experiment implizit an die Methode der Beobachtung. Interessanterweise reflektiert
aber Z
IMMERMANN
selbst die auf W
UNDT
zurückgehende Anschauung, das Experi-
ment sei eine Beobachtung, kritisch und wirft ihr Ungenauigkeit vor. Eine konkretere
Beschreibung liegt von C
OOK
und C
AMPBELL
vor, die unter Experiment ,,any
experimenter-controlled or naturally occurring event (a `treatment') which intervenes
in the lives of respondents and whose probable consequences can be empirically
assessed." (C
OOK
& C
AMPBELL
, 1976, 224), verstehen. Die charakteristische
Operationalisierung von Ursache und Wirkung in unabhängige (Ursache) und
abhängige Variable(n) (Wirkung) stellt dabei eine der fünf Grundbedingungen bei
A
TTESLANDER
dar. Eine nicht unwesentliche Rolle spielen auch sog. Dritt- oder
Störvariablen, auf die später noch zurückzukommen sein wird (vgl. A
TTESLANDER
,
2008; C
OOK
& C
AMPBELL
, 1976; Z
IMMERMANN
, 1972).
Der größte Vorteil des experimentellen Designs liegt darin, dass wissenschaftliche
Experimente Untersuchungsanordnungen sind, ,,mit denen Kausalzusammenhänge
überprüft werden" (B
ROSIUS
et al., 2009, 209) können
3
. Nach E
SCHWEILER
et al. stel-
len sie die ,,strengste Form der Überprüfung kausaler Hypothesen dar" (E
SCHWEILER
et al., 2007, 1). Das Ziel experimenteller Designs kann folglich darin gesehen werden,
,,Bedingungen herzustellen, die eine kausale Interpretation der empirischen Befunde
erlauben." (W
ALDMANN
, 2002, 18). Auch wenn M
ICHAEL
H
ÄDER
sie als ,,Krone der
Erkenntnis" (H
ÄDER
, 2010, 340) bezeichnet, soll an dieser Stelle betont werden, ,,dass
man mit Hilfe von Experimenten nicht automatisch zu richtigen Erkenntnissen
kommt" (W
ALDMANN
, 2002, 17), da natürlich auch der theoretische Hintergrund eine
wesentliche Rolle spielt. Gelegentlich liest man, das Experiment sei der Königsweg
3
Kausale Zusammenhänge lassen sich nicht nur mit Experimenten sondern beispielsweise auch durch
Panel-Befragungen ableiten. Allerdings ist hierfür wesentlich mehr Zeit und Aufwand einzuplanen.
Des Weiteren eignet sich eine Befragung (wie auch das experimentelle Design) nur für bestimmte
Forschungsfragen.
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