Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Das Linguistische Kategorienmodell. 4
2.1 Kategorien. 4
2.2 Unterscheidungsansätze und Eigenschaften 6
2.3 Empirische Prüfung 9
3. Defizite und Grenzen 11
3.1 Problemfälle. 11
3.2 Grenzen des Modells. 14
4. LCM in der Forschung. 15
5. Zusammenfassung. 17
6. Literaturverzeichnis 18
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1. Einleitung
Ob in Kochrezepten, Zeitungen, im Fernsehen oder beim Umgang mit unseren Mitmenschen, Sprache ist überall. Sprache bestimmt unseren Alltag. Eine Welt ohne Sprache (und Schrift) ist unvorstellbar. Sprache ist dabei in erster Linie ein Mittel zur Kommunikation. Sprache verrät neben Alter, Herkunft und Bildung aber noch wesentlich mehr über den Sprecher. Beispielsweise manifestieren sich Stereotype und Vorurteile auch über die Wortwahl. Einen bekannten Ansatz zur Erforschung dieser „linguistischen Stereotype“ stellt der Linguistic Intergroup Bias (LIB), der im Wesentlichen auf die Forschungen von MAASS et al. zurückgeht, dar. Zum LIB existiert mittlerweile eine Fülle von Arbeiten in verschiedensten Bereichen, sodass es unnötig erscheint, sich auch in diesem Text damit zu befassen. Stattdessen widmet sich die vorliegende Arbeit mit dem Linguistic Category Model (LCM) einer wesentlichen Grundlage des LIB. Das LCM wurde von GÜN SEMIN und KLAUS FIEDLER anhand einer systematischen Aufbereitung früherer Befunde im Jahr 1988 entwickelt und in der Folgezeit noch erweitert. Der Grundgedanke des Modells besteht in der Bildung verschiedener Wortklassen, denen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden können. Aus der Verwendung verschieden klassifizierter Wörter wiederum lassen sich Rückschlüsse auf kognitive Prozesse des Sprechers ziehen. Das LCM wurde von seinen Begründern mehrfach getestet und gilt in der Wissenschaft als allgemein anerkannt, zumal auf seiner Grundlage mehrere neue Konzepte entstanden. Kritische Betrachtungen zum LCM findet man dagegen kaum. Diese Arbeit wird sich daher einer kritischen Auseinandersetzung mit dem linguistischen Ka-tegorienmodell widmen. Zunächst ist es dafür notwendig, die einzelnen Kategorien als auch mögliche Unterscheidungskriterien vorzustellen. In der Folge wird kurz auf die empirische Prüfung und die zugeschriebenen Eigenschaften eingegangen, bevor einige Problemfälle in Bezug auf das LCM diskutiert und seine Grenzen aufgezeigt werden. Abschließend folgt noch ein kurzer Überblick über die auf Basis des Modells begründeten Konzepte sowie eine Zusammenfassung der Erkenntnisse. Es soll noch darauf hingewiesen werden, dass der Umfang dieser Arbeit begrenzt ist und somit nur die wesentlichsten Punkte angesprochen werden können. Weiterhin muss angemerkt werden, dass die vorgebrachten Kritikpunkte mehrheitlich nicht (empirisch) belegbar sind, da es sich um eigene Überlegungen des Autors handelt.
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2. Das Linguistische Kategorienmodell
2.1 Kategorien
Linguistische Konzepte spielen in interpersonalen Beziehungen eine wichtige Rolle und waren bereits im Vorfeld Gegenstand sozialpsychologischer Forschung. SEMIN und FIEDLER kritisieren aber, dass „they have not been subjected to a more systematic analysis with regard to their psychological implications as linguistic categories.“ (SE- MIN &FIEDLER, 1988, 558). Die Autoren beschäftigten sich daher vor allem mit der Konstruktion eines „general framework for the cognitive implications of linguistic categories“ (ebd.). Basierend auf den Forschungen von BROWN und FISH (1983) sowie von SEMIN & GREENSDALE (1985) entwickelten SEMIN und FIEDLER mit dem Linguistischen Kategorienmodell (LCM) eine übergreifende Systematik. Beim LCM handelt es sich um ein „model of interpersonal language that has been designed to analyze communicative acts.“ (ANOLLI et al., 2006, 238f.), bei dem „[t]he intriguing empirical regularities underlying […] refer to differences between word classes beyond the meaning of specific words.“ (FIEDLER, 2008, 182). Diese dem LCM zugrunde liegende Differenzierung verschiedener Kategorien soll im Folgenden kurz beschrieben werden.
Die beiden Sozialforscher konzentrieren sich in ihren Arbeiten auf Verben und Adjektive. Während letztere sich auf Eigenschaften von Personen beziehen, beschreiben Verben stets Handlungen oder mentale Zustände. Verben wiederum werden in der Originalversion des LCM von 1988 in drei verschiedene Klassen unterteilt. Deskrip-
tive Handlungsverben (descriptive action verbs, DAV 1 ) referieren auf eine singuläre, durch Dritte eindeutig beschreibbare Handlung. Weiterhin nennen die Autoren interpretative Handlungsverben (interpretative action verbs, IAV), die ebenfalls einzelne Handlungen charakterisieren, welche leicht verifizierbar sind. IAVs „nevertheless also involve something more than a description.“ (SEMIN & FIEDLER, 1998, 559) und erlauben neben einer Handlungsbeschreibung auch eine Interpretation derselben. Der wesentliche Unterschied zwischen DAVs und IAVs liegt in ihrer Referenz. Deskriptive Handlungsverben wie küssen oder treten weisen stets „one physically invariant feature“ (MAASS et al., 1989, 982) auf. Das heißt, aus der Wortbedeutung geht bereits das bei der Handlungsausführung beteiligte Körperteil hervor (hier: Mund bzw. Fuß). Ist eine solche Zuordnung nicht möglich, die Referenz auf eine Einzelhandlung aber
1 Der besseren Übersichtlichkeit wegen werden die jeweiligen Abkürzungen auch im weiteren Textverlauf verwendet.
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dennoch gegeben, handelt es sich um interpretative Handlungsverben (z. B. helfen). Als dritte Klasse wird die situative Beschreibung von Personen genannt. Eine „concrete reference to a specific behavior episode or event“ (SEMIN & FIEDLER, 1988, 559) ist bei Zustandsverben (state verbs, SV) nicht mehr zu erkennen. Stattdessen beziehen sie sich auf psychologische Zustände zwischen einer oder mehreren Personen (z. B. hassen). Sie referieren zwar auf eine bestimmte Person, lassen sich aber durch Unbeteiligte nicht eindeutig erkennen. Die letzte Stufe des Modells bilden dann schließlich die Adjektive (ADJ), die eine „classification of Person A in relation to others.“ (ebd.) ausdrücken.
Wie aus der Beschreibung der vier Kategorien bereits ersichtlich geworden sein sollte, unterscheiden sich die einzelnen Stufen vor allem durch ihre Abstraktheit. Lassen sich DAVs noch treffsicher einer konkreten Handlung zuordnen, bieten IAVs bereits mehr Interpretationsspielraum. SVs dagegen besitzen keine klare Handlungsreferenz mehr und Adjektive bezeichnen Eigenschaften von Personen, was sie hochgradig abstrakt werden lässt.
Das beschriebene Ausgangsmodell wurde in den Jahren nach seiner Veröffentlichung noch spezifiziert und mit den sog. stative action verbs (SAV) um eine weitere Kate-gorie ergänzt. Diese neue Klasse geht auf die von BROWN und FISH (1983) getroffene
Unterscheidung zwischen stimulus-experiencer- und experiencer-stimulus-Verben 2 zurück. Ein Beispiel für erstgenannte stellt der Satz A regt B auf. dar. A ist hierbei Stimulus und B Experiencer. Bei experiencer-stimulus-Verben gestaltet sich die Rei-
henfolge genau entgegengesetzt. In A mag B. ist B Stimulus und A Experiencer 3 . Ein „clear semantic criteria to distinguish between these two types.“ (SEMIN & FIEDLER, 1991, 6) liegt aber nicht vor. Die Autoren zählen nun experiencer-stimulus-Verben zur Kategorie der SVs, wogegen stimulus-experiencer-Verben die neue Gruppe der SAVs bilden. Als Begründung wird angeführt, dass letztere „refer to an implicit action frame by the sentence subject that leeds to the experience of a state in the object of a sentence“ (ebd.). Letztlich handelt es sich bei SAVs um Handlungsverben, die sich ähnlich wie IAVs verhalten, deren Referenz sich aber auf psychologische Zustände bezieht. Während diese Zustände bei SVs bereits vorhanden sind (z. B. mögen), entstehen sie bei SAVs erst durch eine andere Handlung, die den Sprecher erst
2 Da es an einer adäquaten deutschen Übersetzung mangelt, werden die englischen Begriffe verwendet.
3 Diese Unterscheidung kann nur unter sehr restriktiven Bedingungen auf die deutsche Sprache übertragen werden, da deutsche Verben wesentlich mehr Merkmale aufweisen als englische und die Wortstellung im deutschen Satz mehr Variationsmöglichkeiten bietet als im Englischen.
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im Augenblick ihrer Ausführung überrascht, verwundert, aufregt etc. Hierzu sei noch ein Beispiel gegeben: In A regt sich auf, dass B krank ist. kann aufregen als SAV verstanden werden, da es sich um eine psychologische Konsequenz (Aufregung) einer Handlung bzw. eines Zustands (des Krankseins) handelt. Aufgrund der erschwerten Identifizierung von SAVs - für eine Inhaltsanalyse wären Kodierer mit sprachwissenschaftlichen Grundkenntnissen von Vorteil - werden in vielen Untersuchungen nur die vier älteren Kategorien genutzt.
Weiterhin spezifizieren SEMIN und FIEDLER die Kategorie der Adjektive noch eingehender. Je nach dem von welcher Verbklasse das Wort abgeleitet wurde, unterscheiden sie DAV-, IAV-, SAV- und SV-Adjektive. Adjektive, die sich nicht von Verben ableiten lassen (z. B. freundlich oder introvertiert), fallen unter die Kategorie „genuine adjectives“ (SEMIN & FIEDLER, 1991, 7) (vgl. BROWN & FISH, 1983; MAASS et al., 1989; SEMIN & FIEDLER, 1988).
2.2 Unterscheidungsansätze und Eigenschaften
In der Regel, so SEMIN und FIEDLER, sei es „sufficient to discriminate between terms on an intuitive level.“ (SEMIN & FIEDLER, 1988, 559). Die Forscher sind sich der Existenz von Grenzfällen aber dennoch bewusst und schlagen einige Differenzierungskriterien vor. So wird nochmals ein wesentlicher Unterschied zwischen DAVs / IAVs und SVs beschrieben. Erstere beziehen sich in der Regel auf Handlungen mit klar festgelegtem Anfang und Ende. Bei SVs dagegen ist eine zeitliche Verortung nicht erkennbar und spielt auch keine Rolle. Kann dennoch keine klare Unterscheidung vorgenommen werden, ist der sprachliche Kontext heranzuziehen. Viel schwieriger gestaltet sich die Unterscheidung von DAVs und IAVs, da sich beide auf eine offen-kundig beobachtbare Handlung beziehen und die Interpretierbarkeit der IAVs ein sehr schwammiges Kriterium darstellt. Die Ungenauigkeit kommt erstmalig zum Ausdruck, als die Autoren ausführen, dass auch „many DAVs […] an interpretative component“ (ebd.) besitzen. Insofern scheint eine Differenzierung in großen Teilen davon abhängig zu sein, was der Kodierer unter „interpretierbar“ versteht. Mit der Evaluation der Handlung wird ein weiteres Unterscheidungskriterium diskutiert. IAVs können demzufolge eine wertende Komponente beinhalten, wogegen dies bei DAVs nicht der Fall sei. Als Beispiele werden helfen (positiv konnotiert) und betrügen (negativ konnotiert) genannt. Wie die Autoren selbst bemerken, existieren mit küssen oder treten aber auch DAVs, die eine implizit wertende Komponente beinhalten, sodass auch
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Arbeit zitieren:
Nico Dietrich, 2011, Vier gewinnt - Ein kritischer Blick auf das Linguistic Category Model, München, GRIN Verlag GmbH
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