Julia Leib: Matriarchat bei den Hopi?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Die Geschichte der Hopi 3
3. Soziale Organisation bei den Hopi 5
3.1 Matrilinearität und Matrilokalität 7
3.2 Das Verwandtschaftssystem 9
3.3 Haushalt, Lineage, Klan und Phratrie 11
4. Wirtschaftsweise und Subsistenz 13
5. Politik und Religion 15
6. Zusammenfassung - ein Welt der Frauen? 17
7. Literaturverzeichnis 19
8. Abbildungsverzeichnis 20
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Julia Leib: Matriarchat bei den Hopi?
1. Einleitung
Die Hopi sind eine der wenigen indianischen Gruppen, die heute noch so leben wie vor hundert Jahren. (Edward S. Curtis)
Die Hopi gehören zu den Pueblo-Indianern im Südwesten Noramerikas. Die heute etwa 18.000 Menschen umfassende Bevölkerung verteilt sich auf 12 Dörfer 1 (pueblos), die sich auf bzw. unterhalb der drei Tafelberge (mesas) des 1.800 bis 2.000 Meter hoch gelegenen Colorado-Plateaus im Nordosten des heutigen US-Bundesstaates Arizona befinden. Die Dörfer existieren teilweise seit
Jahrhunderten, andere gibt es erst seit etwa 1910. Das Land ist typisch für den semiariden Südwesten. Breite Sandflächen wechseln ab mit Felsspitzen und phantastisch geformten Mesas, die abrupt aus der Wüste aufsteigen. Sie selbst nennen sich Hopitu, „die friedfertigen Menschen“, und sie waren auch immer friedliebend. Die Sprache der Hopi ist aus verschiedenen Sprachen zusammengesetzt, der Hauptzweig ist dabei das Shoshonische. Auch angesichts einschneidender gesellschaftlicher Veränderungen
2
, mit denen die Hopi seit Beginn der Reservationszeit im Jahre 1882 konfrontiert wurden, hat sich ihr traditionelles Werte- und Normsystem bis heute weitgehend erhalten
3
.
Die Hopi gelten als matrilokale Gesellschaft, in der den Frauen ein höherer Wert beigemessen wird als den Männern, und in der Töchter besonders erwünscht sind. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man gar zu dem Schluss kommen, dass es sich hierbei um eine Herrschaft der Frauen handelt. Doch haben Frauen tastsächlich die Autorität und Macht in allen Bereichen inne? In der Ethnologie wurden immer wieder Gesellschaften gesucht, die allen Kriterien eines Matriarchats gerecht werden 4 . Ziel dieser Arbeit ist es daher, der Frage nachzugehen, ob man im Fall der Hopi von einem Matriarchat sprechen kann, oder ob ihr Geschlechterverhältnis nicht vielmehr gleichberechtigt ist und Frauen nur aufgrund der ökologischen Umstände zentrale Positionen inne haben. Die folgende Untersuchung stellt eine Rekonstruktion der Hopi-Gesellschaft im späten 19. Jahrhundert dar, bevor sie durch massive wirtschaftliche und politische Änderungen einem Wandel unterworfen war. Die Ergebnisse spiegeln folglich nicht die Gesellschaft der Hopi von heute wider. Eine Ideologie der Überlegenheit von Frauen hat jedoch auch noch heute Bestand.
1 „A Hopi pueblo, or village, is often a single large apartmentlike building divided into many rooms, in which families
reside“ (Peoples 1988:234).
2 Hierzu zählen der Einstieg in die Geldwirtschaft, die Lohnarbeit, die Einführung der englischen Sprache als Schul-
und Verwaltungssprache, die Bevorzugung der Kleinfamilie mit eigenständigem, neutralem Wohnsitz sowie der
Missbrauch von Alkohol und Drogen.
3 Siehe hierzu Stappert 2006:152
4 Ein Besipiel dafür stellen die Irokesen dar, welche oftmals als Gesellschaft mit einem Matriarchat angesehen wurden.
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2. Die Geschichte der Hopi
Wann genau die Vorfahren der heutigen Hopi ihre ersten Siedlungen auf den Mesas errichteten ist unklar, erste eindeutige Spuren finden sich jedoch im 13. Jahrhundert 5 . Ihre Bevölkerung wuchs an, und vom 14. bis zum 16. Jahrhundert wurde das Land der Hopi neben den Zuni-Acoma und den Rio Grande Pueblos eines der drei Zentren der Pueblo Kultur. Durch den Einfluss von Immigration entstanden Dörfer mit 500 bis 1000 Einwohnern. Das Leben der Hopi vor dem Eintreffen der Europäer war von drei Aspekten geprägt: ihre hoch spezialisierte Landwirtschaft, ihr außerordentliches künstlerisches Talent sowie ihr Bergbau und das Nutzen von Kohle 6 zu einer Zeit in der ihre Verwendung in London durch einen königlichen Erlass verboten war. Als im Jahr 1540 die Spanier mit General Francisco Vásquez de Coronado von Süden her einmarschierten, lebten die Hopi in 9 Dörfern auf den Mesas und bauten Mais, Bohnen und Melonen an. Die Spanier waren in dem Land der Hopi niemals zahlreich, der Kontakt mit ihnen reduzierte sich auf wenige militärische Expeditionen, gefolgt von einigen Franziskanischen Mönchen. In den Dörfern, die in Kontakt mit den Spaniern traten, wurden die Hopi unterworfen. Ihre Kivas wurden verschüttet und ihre Zeremonien verboten. Die Unterdrückung der Hopi und anderer Pueblo-Indianer 7 führte 1680 schließlich zum Pueblo-Aufstand: „In 1680, however, the Pueblo Indians, for the first and only time, acted together. Every Pueblo rose, and the Spaniards were driven from New Mexico with great loss of life to both clergy and laity 8 “. Zwischen dem 10. und 13. August 1680 töteten die Hopi alle Mönche in ihren Dörfern und zerstörten die Kirchen und Missionsgebäude. Nach der Revolte verlegten die Dörfer der ersten und zweiten Mesa ihren Standort zwecks besserer Verteidigung vom Fuß der Mesa auf dessen Spitze, auch wenn sie somit das Wasser weiter tragen mussten. Die Spanier kamen zwar zurück, sie wurden jedoch von den Hopi vertrieben 9 . Nur das Dorf Awatovi konvertierte zum Christentum und wurde daraufhin 1700 von den anderen Pueblos angegriffen und zerstört. Die Hopis konnten weiter isoliert auf ihren Mesas leben. Ihre tapfere Haltung gegenüber der Rückkehr der Spanier trägt noch heute Früchte: „They live in enjoyment of their own indigenous culture when so many American Indian groups have lost all or most of theirs 10 “.
5 Für eine detailliertere Beschreibung der Vorgeschichte siehe Brew 1979
6 „By the 1900s [the coal deposits] would become important to three interest groups: to Hopis for economic stability; to
energy companies’ for strategic development plans and profit; and to Euro-Americans as one of the motors of a modern
lifestyle” (Clemmer 1995:15).
7 „Zwischen den Häuptlingen [wurden] Botschaften ausgetauscht, und zum verabredeten Zeitpunkt starteten sie einen
gemeinsamen Angriff auf die Eroberer“ (Curtis 1997:66).
8 Brew 1979:521
9 „Spain’s presence had impacts in three areas of Hopi life: cultural ideology; the regional balance of political power;
and material conditions“ (Clemmer 1995:31).
10 Brew 1979:522
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In der Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten die Hopi noch immer zu den weniger bekannten und abgelegenereren Indianervölkern der Vereinigten Staaten 11 . Sie konnten den Einfluss der Spanier überwinden und ihre Kultur nahm so gut wie keine europäischen Züge an. Ab 1850 brachte die amerikanische Expansion viele Menschen, zunächst Soldaten, in das Land der Hopi. Das Ergebnis dieser Kontakte waren z.B. katastrophale Pocken Epidemien, die hunderte von Hopi töteten. Bereits 1824 wurde das „Bureau of Indian Affairs“ gegründet und in 1864 mit John H. Moss der erste „Hopi Indian agent“ ernannt. Am 16. Dezember 1882 bekamen die Hopi ein eigenes Reservat 12 zugeteilt, das jedoch kleiner war als ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts blieben die Menschen praktisch unabhängig von jeder Regierungsautorität. 1894 wurden die ersten staatlichen Schulen im Hopi-Gebiet eröffnet und die englische Sprache als Schulsprache festgelegt. Einige Familien mussten jedoch gezwungen werden, ihre Kinder in die Schulen zu bringen. 1924 waren die Hopi unter den „American Indians“, die vom Kongress offiziell zu Bürgern der Vereinigsten Staaten erklärt wurden. Die größte Änderung im Leben der Hopi kam 1934 mit dem „Indian Reorganization Act“, durch den eine zentrale politische Instanz eingerichtet wurde und welcher die Hopi offiziell zu einem Stamm erklärte. Trotz der einschneidenden gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen, konnten die Hopi ihre traditionelle Kultur und Lebensweise bis heute erhalten 13 .
11 Weitere Informationen finden sich bei Dockstader 1979.
12 „President Arthur signed an executive order establishing a formal reservation bounded by rectangualr limits. A
section of approximately 55 by 70 miles was set aside for the use of Hopis and other Indians” (Dockstader 1979:526).
13 The Hopi continued to follow a way of life that, in most respect, was perhaps nearer to an aboriginal way of existence
than that of any other Indian tribe in the United States” (Dockstader 1979:532).
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3. Soziale Organisation bei den Hopi
„The concept of tribe when applied to Hopi is misleading, for the Hopi‚ do not form a tribe in the ordinary sense of the word 14 ’“. Die soziale Organisation 15 bei den Hopi enthält eine gewisse Anzahl an bedeutenden ineinander greifenden sozialen Gruppen, von denen die einen benannt und die anderen unbenannt sind. Zu den benannten Gruppen gehören die Dörfer, die Klane und die einzelnen Gesellschaften. Die Haushalte, Lineages und Phratrien gehören dagegen zu den unbenannten Gruppen. Den größeren Siedlungsbereichen wurden amerikanische Namen gegeben: First (East) Mesa, Secons (Middle) Mesa, und Third (West) Mesa 16 . Die Hopi selbst beziehen sich oft auf eine Mesa, indem sie das wichtigste Dorf auf dieser nennen. Die kleinste Ebene der sozialen Organisation stellen die Haushalte dar, welche die essentiellen Kerngruppen in der Hopi-Gesellschaft sind. Demgegenüber stellen die Mesas die größte Ausdehnung der sozialen Beziehungen dar. Betrachtet man die politische Organisation, so fällt auf, dass „one village at each mesa exercised political leadership totally independent of the other two mesas. A second village constituted a ‘daughter village’ whose political form and process was dependent on and subsidiary to the primary village 17 ”.
Auf der ersten Mesa sind die wichtigsten Zeremonien in den Händen des „Mutterdorfes“ Walpi, und Sichomovi ist in einer Art kolonialer Beziehung und in Bezug auf religiöse Initiierung abhängig von Walpi. Im Gegenzug dient Sichomovi als ein Reservoir an zur Verfügung stehender Bevölkerung für Zeremonien. Die andere Satelitengemeinschaft auf der ertsen Mesa, Tewa Village, wurde in historischen Zeiten geschaffen und beherbergte Immigranten der Tewa, welche die Hopi vor Einmischungen andere Stämme schützen sollten.
Abbildung 3: (links) Dörfer auf der ersten Mesa in 1950, (mitte) Anordnung der Häuser in Walpi, (rechts) Fotografie
14 Connelly 1979:539
15 „Social organization - that is, the patterned ways people relate to one another as members of groups and as holders of
statuses“ (Peoples 1988:225).
16 Siehe hierzu Connelly 1979. Diese Namen werden auch in dieser Arbeit verwendet werden.
17 Clemmer 1995:56
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Arbeit zitieren:
Julia Leib, 2009, Matriarchat bei den Hopi?, München, GRIN Verlag GmbH
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