Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Theoretische Vorbemerkungen und Grundlagen 2
2.1 Kind, Kindheit und Kindheitsbilder- bzw. Perspektiven 2
2.2 Was ist ein Kind? 3
2.3 Was ist Kindheit heute? 4
2.4 Kindheitsbilder aktuell und warum/ zu welchem Zweck gibt es sie? 7
3. Der hessische Bildungs- und Erziehungsplan und das Berliner Bildungsprogramm
im Vergleich 13
3.1 Was ist ein Bildungsplan und was ist dessen Zweck? 13
3.2 Der hessische Bildungs- und Erziehungsplan - ein Kurz-Portrait 17
3.3 Das Berliner Bildungsprogramm - ein Kurz-Portrait 19
3.4 Vergleich der Bildungspläne unter besonderer Berücksichtigung auf
den Umgang mit Migrantenkinder bzw. Kinder mit Migrationshintergrund. 21
3.4.1 Allgemeine Aspekte der Entstehung und Einführung 21
3.4.2 Allgemeine Handlungsanforderungen bzw. allgemeine pädagogische
Prinzipien 22
3.4.3 Pädagogisches Bildungsverständnis 22
3.4.4 Migrantenkinder bzw. Kinder mit Migrationshintergrund 23
4. Resümee und Ausblick 27
5. Literaturverzeichnis 31
6. Internetverzeichnis 33
1. Einleitung
Die Diskussionen, die seit Anfang der 1990er Jahre über Kinder, Kindheit und Bilder von Kindern geführt wurden, intensivierten sich nach dem ersten PISA-Schock 2001. Doch die Kultusminister dachten kurioser Weise nicht in erster Linie an eine Schulreform oder über Möglichkeiten nach, wie man Unterricht besser, effektiver und vielleicht auch kindgerechter gestalten könnte. Sie überlegten, ob man in Deutschland Bildungspläne nach skandinavischem Vorbild einführen sollte. Es ging also um Bildung von Anfang an und darum, die Zukunft der Nation zu sichern, denn durch den Geburtenrückgang der letzten Jahrzehnte, werden Kinder eine immer wertvollere und wichtigere Ressource. Diese zukunftswichtige - und nun auch gesellschaftliche - Aufgabe, wollte man nicht der Beliebigkeit der verschiedenen Einrichtungen, deren Konzepten und MitarbeiterInnen überlassen, weshalb man eine gewisse Norm bzw. eine Orientierung geben wollte und ab 2003 anfing, in den einzelnen Bundesländern Bildungspläne einzuführen.
Diese Arbeit hat die Aufgabe, den hessischen Bildungs- und Erziehungsplan und das Berliner Bildungsprogramm hinsichtlich ihres Umgangs mit Migrantenkindern oder Kinder mit Migra-tionshintergund zu vergleichen, da die heutige Kinderpopulation zu einem Drittel aus diesen Kindern besteht. Da frühkindliche Forschung über multikulturelle Kindheit erst langsam in den Blick gerät, soll untersucht werden, ob die Bildungspläne Unterschiede zwischen autochthonen und nicht autochthonen Kindern machen und wenn ja welche, bzw. an welchen Stellen respektive in welchen Bildungsbereichen. Dabei beschränkt sich der Vergleich und auch die ganze Arbeit, auf die vorschulische Kindheit, da sich Bildungspläne an diese Altersgruppe richten - trotz des Novums des hessischen Bildungsplans, der sich an Kinder von 0-10 Jahren richtet.
Im ersten Teil der Arbeit möchte ich die Aktualität der Debatten und Literatur, um das was Kindheit heute ausmacht und welche Kindheitsbilder es gibt, aufgreifen und somit die Basis für den zweiten Teil legen, denn die Entwicklung und Einführung der Bildungspläne ist von diesen Erkenntnissen, Strömungen und Perspektiven beeinflusst. Ich werde zuerst eine kurze Definition des Begriffs Kind geben, bevor ich mich einer Skizze über die Entwicklung der Kindheit und ihrer heutigen Bedeutung widme. Anschließend werde ich verschiedene Bilder von Kindheit nachzeichnen, um zu klären, wie Kindheit aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen oder konstruiert wird und welchen Zweck und Nutzen sie für Kinder, Gesellschaft und Wirtschaft hat oder haben soll.
Im zweiten Teil der Arbeit kläre ich, was ein Bildungsplan ist, welchen Zweck und Nutzen er hat und wie er legitimiert wird. Zentrale und wichtige Grundsatzfragen, wie die, ob Bildungspläne allgemein die Praxis verbessern, oder ob sie einen allgemeingültigen Rahmen abstecken 1 und eine bestimmte Qualität sichern wollen, bzw. ob sie anregen oder normieren wollen 2 , können aus Platzgründen in dieser Arbeit nicht beantwortet werden, obwohl deren Be-antwortung sehr wichtig ist, um sich klar zumachen in welche Richtung es zukünftig gehen soll. Außerdem zeichne ich je ein Kurzportrait des hessischen Bildungs- und Erziehungsplans und des Berliner Bildungsprogramms, um grob darzustellen was die Kernaussagen, Ziele und Herangehensweisen der beiden Pläne sind und somit die Rahmenbedingungen für die Arbeit und den Leser zu klären. Bevor die beiden Pläne hinsichtlich ihres Umgangs mit Migrantenkindern oder Kindern mit Migrationshintergrund analysiert und verglichen werden, erfolgt ein kurzer allgemeiner Vergleich der Pläne, denn es ist wichtig zu wissen, welchen Ansatz und welches Bild vom Kind die beiden Pläne haben, da sich daraus ihre Praxis ableitet. Es soll dahingehend analysiert und verglichen werden, ob die Pläne unterschiedliche Bilder von autochthonen und nicht autochthonen Kindern haben, oder ob sie Unterschiede in der pädagogischen Arbeit mit Migrantenkindern oder Kindern mit Migrationshintergund vorsehen. Im letzten Teil der Arbeit wird der Umgang der Bildungspläne mit Migrantenkindern oder Kindern mit Migrationshintergrund diskutiert und dargestellt, und aktuelle Forschungsstände bzw. ggf. auch Forschungslücken mit einbezogen und aufgezeigt.
2. Theoretische Vorbemerkungen und Grundlagen
2.1 Kind, Kindheit und Kindheitsbilder- bzw. Kindheisperspektiven
Die folgenden drei Teilabschnitte beschäftigen sich mit den Fragen, nach dem was Kind und Kindheit ist und was es für Bilder von Kindheit gibt. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich sowohl die Fragen was Kind und Kindheit ist, als auch was es für Bilder von Kindheit gibt, in dieser Arbeit nur grob und skizzenhaft beantworten kann, da sie erstens nicht den Hauptteil dieser Arbeit darstellen werden und zweitens eine ausführliche Beantwortung den Rahmen sprengen würde. Trotzdem sind alle drei Teilabschnitte sehr wichtig für diese Arbeit, um im späteren Verlauf den Bogen zu den Bildungsplänen zu spannen, da sie (die Bildungspläne) sich an Kindern, Kindheit und den vorherrschenden und teilweise konstruier-
1 Diskowski,„Bildungspläne für Kindertagesstätten“, S. 57
2 Diskowski, „Neuer Schwung für die Bildungsdebatte“, S. 20
ten Bildern über sie orientieren oder in sie eingreifen. Demzufolge, können und werden die drei Teilabschnitte auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Dies möge man beim Lesen berücksichtigen und mir nachsehen.
2.2 Was ist ein Kind?
Was ist ein Kind? Dieser spannenden Frage soll im hiesigen Teilabschnitt nachgegangen werden, um eine Orientierungshilfe für den Leser und mich abzustecken und sich möglichst genau vor Augen zu halten, wovon man spricht. Eine Definition kann nur insofern gelingen, als dass sie die aktuellen Diskussionen respektive Definitionen berücksichtigt und keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder für alle Zeiten geltend zu sein erhebt. Oder anders gesagt, ist eine Definition vom Kind in gewisser Weise ein vorläufiger Endpunkt in einem sich ständig weiter wandelnden Prozess. Denn genauso wie sich die Gesellschaft und die Kultur oder kulturellen Einflüsse in einem ständigen Wandel und in Wechselverhältnissen befinden, unterliegen auch die Vorstellungen, Sichtweisen und Diskussionen von dem, was ein Kind oder was Kindheit ist, einem ständigen Wandel von Einflüssen 3 . Aus medizinischer Perspektive kann man konstatieren, dass ein Kind ein Mensch ist, „…der biologisch von bestimmten Personen, den biologischen Eltern, abstammt und sich in der Lebensphase der Kindheit befindet. In den ersten Lebensjahren auch als „Kleinkind“ [Neugeborenes, Säugling; Anm. des Verfassers] bezeichnet, ist jemand Kind, bis er/sie das Jugendalter erreicht hat.“ 4
Aus juristischer Perspektive betrachtet und auf das deutsche Recht bezogen, ist als Kind eine Person zu verstehen, die das vierzehnte Lebensjahr noch nicht erreicht hat 5 . Als Ausnahme muss allerdings beachtet werden, dass Kind auch derjenige ist, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat - allerdings im Sinne der Pflege und Erziehung als Pflicht, aber auch als Recht der Eltern 6 .
Der französische Historiker Ariès definierte Kinder - im Unterschied zu Erwachsenen - als erziehungs- und sozialisationsbedürftige Wesen 7 . Nach dieser Formulierung sind Kinder noch keine vollwertigen Menschen, die erzogen und sozialisiert sind, sondern Wesen ohne Erziehung und Sozialisation und demzufolge auch ohne Empathie, soziales oder Handlungsbewusstsein. Es liegt also an den Erwachsenen, die Kinder zu erziehen und zu sozialisieren. Dieter Baacke, ehemaliger Erziehungswissenschaftler der Universität Bielefeld, führt an die- 3 Baacke,„Die 0-5 jährigen“, S. 73
4 DocCheck Flexikon
5 SGB VIII, § 7, S. 1172
6 Grundgesetzbuch, Artikel 6, S. 42
7 vgl. Baacke, „Die 0-5 jährigen“, S. 70, zitiert nach Ariès, „Geschichte der Kindheit“, 1975
ser Stelle die These an, ob Kinder nicht vielleicht kompetenter und selbständiger sind, als wir ihnen zugestehen, um sie ausreichend bemuttern und/oder bevatern, also erziehen zu können. Dieser These müsste wissenschaftlich nachgegangen werden, damit wir nicht weiter mit Kind und Kindheit als Art „Erfindung“ umgehen und deren Beschreibung, Einschätzung und Deutung nicht alltagssprachliche oder wissenschaftliche Überbauten bleiben 8 .
2.3 Was ist Kindheit heute?
Im folgenden Teilabschnitt werde ich mich der Frage widmen, was Kindheit heutzutage ist bzw. was als Kindheit angesehen wird oder werden soll. Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass es sich hier nur um eine grobe Darstellung von Kindheit handelt und daher nicht alle Dimensionen von Kindheit ausbuchstabiert werden können.
In der aktuellen Literatur wird seit einigen Jahren lebhaft diskutiert, was unter Kindheit heutzutage zu verstehen ist bzw. welchen Zweck sie hat 9 . Außerdem werden immer wieder Versuche unternommen Kindheit zu definieren, um ein klares eindeutiges Bild von Kindheit zu bekommen. Rechtlich betrachtet steht fest, dass Kindheit den Zeitraum ab der Geburt bis zum Erreichen des vierzehnten Lebensjahres umfasst 10 . Kindheit schließt also folgende Lebensphasen ein: Neugeborenes, Säugling/Baby, Kleinkind und Kind. Im Wörterbuch der Pädagogik wird Kindheit allgemein wie folgt definiert: „Kindheit meint sowohl eine soziale Tatsache als gleichzeitig auch eine von Geschichten und Kultur geprägte Auffassung vom Kind („Bild des Kindes“). K. als soziale Tatsache erstreckt sich von der Geburt bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres (rechtlich) bzw. bis zum Beginn der Geschlechtsreife (entwicklungs-theoretisch)… K. als „Konstruktion“ ist abhängig von dem Bild, das Erwachsene von der Erziehung, Stellung und Funktion des Kindes in der Gesellschaft haben, und ist durch historisch gewachsene Vorstellungen bestimmt, die einmal Folge eines komplexen gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses und zum anderen Ertrag pädagogischer Ideen über K. sind.(…)Bemerkenswert ist die Feststellung, dass es K. in der Geschichte nicht immer gegeben hat und es erst mit dem Wandel der Familienstruktur und unter sozialen und ökonomischen Bedingungen der moderneren ->Industriegesellschaft zur „Entdeckung“ der K. kam.“ 11
Die „Kindheit“ wie wir sie heutzutage kennen, ist also eine, die sich seit Beginn der Industrialisierung und durch wechselnde Einflüsse aus Modernisierung, pädagogischen Ideen, historischen Vorstellungen und Gedanken über die Stellung und Funktion von Kindheit und Kindern
8 Ebenda., S. 71
9 vgl. Kränzl-Nagl/Wintersberger, „Über die Bilder von Kindheit“, 1998; Baacke, „Die 0-5 jährigen“, 1999; Mills/Mills, „Perspectives of childhood“, 2000; Honig, „Kindheiten“, 2006; Mierendorff/Kränzl-Nagl, „Kindheit im Wandel“, 2007; Schorb, „Kindsein heute“, 2007; Leu (Hrsg.), „Kinder in Deutschland“, 2011
10 Jugendschutzgesetz, § 1; vgl. Mierendorff/Kränzl-Nagl, „Kindheit im Wandel“, S. 4
11 Böhm, „Wörterbuch der Pädagogik“, S. 353f
sowie den Wert, dem Kindheit für die Zukunft beigemessen wird, geformt hat und weiter formt. Weiterhin ist Kindheit aus der Phase der physischen Hilfsbedürftigkeit und Unselbstständigkeit herausgetreten, und seit der jüngsten „anthropologischen Wende der Pädagogik“, so das Wörterbuch der Pädagogik, ist das Kind-Sein eine eigenständige, anerkannte und mehr beachtete Lebensphase des Menschen 12 . Kindheit, wie wir sie heute in Deutschland kennen und gestalten, kann als die „beste“ Kindheit die es je gab, angesehen werden. Besser formuliert ist sie die (ab-)gesichertste i.S. von Eindämmung der Kindersterblichkeit durch gesundheitliche Maßnahmen, den Schutz vor materieller Verelendung durch sozialpolitische Maßnahmen aufgrund angestiegenen wirtschaftlichen Wachstums und Wohlstandes, der familienergänzenden Institutionen (vorschulische Bildung und Ausbau der schulischen Bildung), durch Kinderwohlfahrtsgesetze und Kinderrechte sowie veränderte Erziehungsvorstellungen von Eltern und professionellem Fachpersonal 13 . Die Anerkennung als eigene Lebensphase ist auch politisch immer mehr abgesichert, wie z.B. die Umwandlung des Jugendwohlfahrtsgesetzes in das Kinder- und Jugendhilfegesetz aus dem Jahre 1990 zeigt 14 . Böhm weist jedoch auch auf die Gefahren hin, denen Kindheit und somit auch Kinder ausgesetzt sind. Diese Gefahren sieht er vor allem in der Dominanz der Erwachsenen über die Kinderwelt, bedingt durch Leistungsdruck und Konkurrenz, institutionalisierte Ersatzerziehung oder in der rechtlich fixierten Abhängigkeit des Kindes von seinen Eltern 15 .
Die Soziologie definiert Kindheit dagegen lediglich als den ersten, mit der Pubertät abschließenden Lebensabschnitt 16 . Eine mögliche Begründung für die recht dürftige Definition lässt sich im Einführungsreferat der Arbeitsgruppe „Soziologie der Kindheit“ der Soziologin Helga Zeiher, das sie im Rahmen des 27. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im April 1995 hielt, finden. Dort sagte sie, dass die Soziologie lange Zeit nur den Erwachsenen im Blick hatte, nicht aber die Kindheit. Diese überließ man der Psychologie und der Erziehungswissenschaft, die dann Schutz-, Vorbereitungs- und Sozialisationsphasen für Kinder konstruiert und normiert haben 17 .
Heutige Kindheit ist vielfach durch Scolarisation (Verschulung) 18 , Institutionalisierung und Pädagogisierung, also durch immer stärker durchkonstruierte, „vom Leben“ separierte Einrichtungen geprägt. Zudem organisiert sich die Familie zunehmend um den jetzigen (20./21 Jhd.) Mittelpunkt - das Kind - und misst ihm ein Übermaß an Fürsorge und Schuldgefühlen
12 Ebenda.; vgl. Alanen, „Kindheit als generationales Konzept“, 2005
13 vgl. Ebenda.
14 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
15 Böhm, „Wörterbuch der Pädagogik“, S. 354
16 Hartfiel/Hillmann, „Wörterbuch der Soziologie“, S. 374f
17 vgl. Baacke, „Die 0-5 jährigen“, S. 73, zitiert Zeiher, „Die Entdeckung der Kindheit in der Soziologie“, 1995
18 Ebenda., S. 34; vgl Kränzl-Nagl/Wintersberger, „Über die Bilder von Kindheit“, S. 8
Arbeit zitieren:
Daniel Rahn, 2011, Kindheiten, Kinderbilder und Bildungspläne, München, GRIN Verlag GmbH
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