Gordon Wagner (GOTTLOSE) ETHIK IM MODERNEN ATHEISMUS.
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Inhalt
1. Einleitung: Gegenstand und Aufbau der Arbeit 3
2. Was ist Ethik und warum ethisch leben? 4
3. Ethik und Religion 6
4. Ethik und Atheismus 9
5. Fallbeispiele 10
5.1 Von Speziesmus und Vegetarismus 10
5.2 Von Schwangerschaftsabbruch und Euthanasie 13
6. Konklusion 17
Literaturliste 20
Abstract 21
1. Einleitung: Gegenstand und Aufbau der Arbeit
Ein weit verbreitetes Argument für den Glauben an einen Gott (und damit für die Aufrechterhaltung der Religion) lautet, verkürzt dargestellt, wie folgt: „If there is no god, why be good?“ 1 . Der berühmt-berüchtigte Evolutionsbiologe und Atheist Richard Dawkins bemerkt dazu: „I suspect that quite a lot of religious people do think religion is what motivates them to be good [which] seems to me to require quite a low self-regard to think that, should belief in God suddenly vanish from the world, we would all become callous and selfish hedonists, with no kindness, no charity, no generosity, nothing that would deserve the name of goodness“ Religiöse Äußerungen und Verlautbarungen zum sittlichen Leben sind auch im 21. Jahrhundert noch keine Seltenheit; das Oberhaupt der katholischen Kirche - der Papst - etwa bekommt regelmäßig eine Plattform für seine teilweise sehr zweifelhaften Ansichten, und dies in den angesehenen Tageszeitungen der Nation. Man erinnere sich hierbei etwa an des Papstes „lebensferne Botschaft“ 3 (zum Kondom-Verbot) auf seiner Afrika-Reise im März 2009. In dieser Arbeit möchte ich nun einige Gründe dafür darlegen, dass eher das Gegenteil des von Dawkins zitierten Textausschnittes der Wahrheit nahe kommt: Es ist nicht die Gottlosigkeit, sondern oftmals Gott (bzw. die Religion) selbst, der (die) viele von uns davon abhält, ein ethisch korrektes Leben zu führen. Zunächst ist hierbei zu klären, was denn unter „Ethik“ bzw. „einem ethisch korrekten Leben“ zu verstehen ist. Bei meiner Argumentation greife ich dabei hauptsächlich auf Werke und Beispiele des australischen Philosophen Peter Singer zurück, insbesondere auf „Practical Ethics“ von 1979 sowie das 1993 erschienene „How Are We to Live?“.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit - und der Kürze wegen - konzentriere ich mich im Folgenden auf zwei von Singer näher behandelte Themenkomplexe: zum einen den Speziesmus (und die daraus folgenden Konsequenzen) und zum anderen auf die oftmals sehr umstrittenen Fälle der Euthanasie und des Schwangerschaftsabbruches.
Schließlich stelle ich die Frage, ob Religion bzw. eine religiös motivierte Lebensweise grundlegend sinnvoll ist, wenn es darum geht, möglichst ethisch korrekt zu leben. Könnte ein atheistischer Lebensstil eine hinreichende Alternative sein?
1 Dawkins, Richard: „The God Delusion“, S. 259 2 Ebd.
3 http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,613964,00.html
2. Was ist Ethik und warum ethisch leben?
Der Begriff Ethik stammt aus dem Griechischen und kann grundlegend mit Sittenlehre 4 übersetzt werden. Oder, etwas komplexer formuliert: „die philosophische Teildisziplin, die nach dem rechten Handeln fragt und somit über Moral (Werte, Normen, Gesetz) und ihre Begründung nachdenkt. Ethik ist somit Moralphilosophie“ 5 . Laut Peter Singer sei Ethik grundlegend „ein Produkt des sozialen Lebens, das die Funktion hat, Werte zu fördern, die den Mitgliedern der Gesellschaft gemeinsam sind“ 6 . Singer zitiert hierbei den U.S.-amerikanischen Psychologen A.H. Maslow, nach dessen Auffassung „die Menschen ein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung [hätten], was eine Entwicklung hin zu Mut, Freundlichkeit, Wissen, Liebe, Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit impliziert. Wenn wir dieses Bedürfnis erfüllen, fühlen wir uns heiter, froh, voller Schwung, zuweilen euphorisch und insgesamt glücklich“ 7 . Allerdings betrachtet Singer die Daten, auf denen Maslows Untersuchungen basieren, „bestenfalls als anregend […]. Die Natur des Menschen ist so vielfältig, dass zu bezweifeln ist, ob eine Verallgemeinerung bezüglich der Art des Charakters, der zum Glück führt, jemals für alle Menschen gelten kann“ 8 .
Des weiteren „[enthält] der Begriff der Ethik die Vorstellung von etwas Größerem, als es das Individuum ist“ 9 . Jedoch hat Singer hier nicht etwa einen Gott im Sinn, denn für ihn „ist die Ethik nicht etwas, das nur im Kontext der Religion verständlich wäre […]. Einige Theisten sagen, Ethik komme nicht ohne Religion aus, denn gut bedeute im Grunde nichts anderes als was Gott billigt“ 10 . Singer lehnt dies ab und verweist hierbei zunächst auf Platon und Kant und schlussfolgert dann: „es genügt, dass die alltägliche Beobachtung unserer Mitmenschen klar zeigt, dass ethisches Verhalten nicht den Glauben an Himmel und Hölle verlangt“ 11 . Er verbindet ethisches Handeln zwar u.a. mit Eigeninteresse, jedoch werde „[oft] gesagt, die Verteidigung der Moral durch einen Appell an das Eigeninteresse verrate ein Missverständnis dessen, worum es sich bei der Ethik überhaupt handelt“ 12 . Singer macht allerdings deutlich, dass „the current orthodoxy about self-interest and ethics paints a picture of ethics as something
4 Laut Langenscheidts Fremdwörter-Buch
5 Kunz: „Lexikon. Ethik, Religion“, S. 49
6 Ebd., S. 409
7 Ebd., S. 414
8 Ebd., S. 415
9 Singer: „Praktische Ethik“, S. 26
10 Ebd., S. 18
11 Ebd., S. 19
12 Ebd., S. 408
external to us, even as hostile to our own interests [which] is to be found in traditional religious ideas that promise reward or threaten punishment for good and bad behaviour” 13 . Als nächstes soll erläutert werden, was ethisch leben denn eigentlich bedeutet: „The nature of ethics is often misunderstood. Ethics cannot be reduced to a simple set of rules, like ‘do not tell lies’, ‘do not kill’, or ‘do not have sexual relations except with someone to whom you are married’. Rules are useful for educating children” 14 . Singer benutzt an dieser Stelle die Analogie zu einem Kochrezept: “Just as no cookbook will ever cover all the circumstances in which you may need to produce a palatable meal, so life itself is too varied for any finite set of rules to be an absolute source of moral wisdom” 15 .
Es stellt sich schließlich die Frage, warum wir eigentlich ethisch leben bzw. handeln sollten. Dies zu beantworten scheint elementar und „von existenzieller Bedeutung. Ob man ethisch lebt oder nicht […], das ist nicht nur ein intellektuelles Problem, sondern eine Frage auf Leben und Tod. Und weil es sich hier um eine lebenspraktische Frage handelt, genügt auch nicht eine rein intellektuelle oder theoretische Antwort“ 16 . Peter Singer verbindet die Frage nach der Moral mit der noch größeren und bedeutungsschwangeren Frage nach dem Sinn (des Lebens): „Das Leben als ganzes hat keinen Sinn. […] Die meisten von uns wären nicht in der Lage, glücklich zu sein, wenn sie mit voller Absicht darangingen, sich allein zu vergnügen, ohne sich um jemand andern oder sonst etwas zu kümmern. Die Vergnügungen, die wir uns damit verschaffen würden, erschienen uns bald leer und schal“ 17 . Daran inhaltlich anschließend heißt es bei Redner:
„Zur Rechtfertigung eines ethischen Lebens können wir heute allenfalls Folgendes vorbringen (und das ist vielleicht nicht eben viel): Es lohnt sich, Kinder ethisch zu erziehen, weil man ihnen damit die beste Möglichkeit gibt, ein sinnvolles Leben zu führen. […] Die Ethik eröffnet uns nicht nur ein sinnvolleres, sondern auch ein würdigeres Leben. Zu den wichtigsten Aufgaben einer ethischen Erziehung 18 gehört die Vermittlung der Fähigkeit, das eigene Leben und sich selbst ernst zu nehmen“ .
Auch wird hier der Vergleich mit der Kunst und der Ästhetik gezogen, die das Leben oft wert- und sinnvoller erscheinen lässt; zudem sei ein ethisch lebender Mensch imstande, „Autonomie, Freiheit und Individualität zu entwickeln“ 19 . Hierbei gäbe es keine Einschränkungen in Bezug auf Stand oder Alter eines Individuums. Im Gegenteil, denn „die ethische Le-bensform steht jedermann offen: Alle können ein ethisches Leben führen - Arme und Reiche, Mächtige und Schwache, Begabte und weniger Begabte, kluge und weniger kluge Menschen.
13 Singer: “How Are We to Live?“, S. 18
14 Ebd., S. 171
15 Ebd.
16 Redner: „Wie kann man moralisch leben?“, S. 334f.
17 Singer: „Praktische Ethik“, S. 418f. 18 Redner: „Wie kann man moralisch leben?“, S. 339ff.
19 Ebd., S. 343
Unter fast allen Lebensumständen lässt sich noch eine Spur von ethischer Bedeutung, von Sinn finden“ 20 .
Singer nun schließt die Frage, ohne jedoch fähig zu sein, eine (endgültige) Antwort zu finden; seiner Meinung nach „werden [wir] wahrscheinlich immer die Sanktionen des Gesetzes und des gesellschaftlichen Druckes brauchen, um zusätzliche Gründe gegen ernsthafte Verletzungen ethischer Anforderungen vorzubringen. [Andererseits werden diejenigen], die nachdenklich genug sind, [um die Frage zu stellen], am ehesten die Gründe anerkennen, die sich für das Einnehmen des ethischen Standpunktes anführen lassen“ 21 .
3. Ethik und Religion
Unter Religion versteht man im Allgemeinen den „menschlichen Glauben und das Vertrauen auf eine höhere Macht [und außerdem] zum einen die Bindung an ein höheres Wesen im Sinne von Glauben, Verehrung, Günstigstimmung und zum zweiten die Verpflichtung auf diesen Glauben durch Einhaltung von Regeln“ 22 . Das in dieser Arbeit zentrale Thema ist der ethische Aspekt, insbesondere von Religion; die entscheidende Frage hier ist zunächst, ob Religion elementar oder auch nur ansatzweise wichtig ist, um ein ethisch korrektes Leben in unserer modernen Welt zu führen. Milde ausgedrückt heißt es bei Redner wie folgt: „Wer an Gott glaubte, glaubte auch an die Bedeutung seiner Gebote; wer auf einen Erlöser baute, der akzeptierte auch den von ihm gewiesenen Heilsweg. Strenggläubige solcher Art haben auch heute kein Problem mit der Rechtfertigung der Ethik, doch wird diese Form des Glaubens mehr und mehr unvereinbar mit den säkularen Tendenzen des modernen Denkens, vor allem mit der Wissenschaft. […] Die meisten Menschen akzeptieren aber keine religiöse Rechtfertigung der Ethik mehr, und es wäre ein vergebliches Unterfangen, sie zuerst zum Glauben an Gott und zur Religion bekehren zu wollen, um sie anschließend für das ethische Leben zu 23 gewinnen“ .
Eindeutiger noch und schärfer in der Wortwahl formuliert es der deutsche Philosoph Michael Schmidt-Salomon in dem von ihm verfassten „Manifest des evolutionären Humanismus“: „Dass wir Menschen ohne verbindliche ethische Richtlinien dastehen würden, wenn Gott nicht existierte, ist selbst heute noch ein von Theologen gern verbreitetes Gerücht“ 24 . Um darzulegen, dass der Glaube per se nichts mit ethischem Handeln zu tun hat, greift Schmidt-Salomon auf eine Argumentationsfigur von Sokrates zurück, die „im Kern auf zwei einfachen Fragen [beruht]: 1. Sind Gottes Gebote deshalb gut, weil Gott sie gebietet? 2. Wenn ja, wäre es dann
20 Redner: „Wie kann man moralisch leben?“, S. 341
21 Singer : „Praktische Ethik“, S. 423
22 Kunz (Hrsg.): „Lexikon. Ethik, Religion“, S. 158 23 Redner: „Wie kann man moralisch leben?“, S. 336
24 Schmidt-Salomon: „Manifest des evolutionären Humanismus“, S. 65
Arbeit zitieren:
Gordon Wagner, 2010, (Gottlose) Ethik im modernen Atheismus, München, GRIN Verlag GmbH
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