Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung. 1
2. Konzentration und Agglomeration in der Literatur. 2
2.1 Weltwirtschaftliche Integration und Konzentration 2
2.2 Weltwirtschaftliche Integration und Agglomeration. 3
3. Theorie zur Erklärung von Konzentration und Agglomeration. 5
3.1 Definition von Konzentration. 6
3.2 Definition von Agglomeration. 7
3.3 Zentripetale Einflüsse auf die Konzentration und Agglomeration. 7
3.4 Zentrifugale Einflüsse auf die Konzentration und Agglomeration 11
3.5 Konzentration und Agglomeration von Dienstleistungen 13
3.6 Theoretische Modelle zu Konzentration und Agglomeration 15
3.7 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Agglomeration und Konzentration 21
3.8 Konzentration und Agglomeration bei weltwirtschaftlicher Integration. 23
4. Empirie zu Konzentration und Agglomeration. 25
4.1 Empirische Methoden und bisherige Studien. 25
4.2 Berechnung der Konzentration in ausgewählten europäischen Ländern. 29
4.3 Ergebnisse der Berechnungen zur Konzentration 31
4.4 Interpretation der Ergebnisse zur Konzentration. 36
4.5 Berechnung zur Agglomeration in der Schweiz. 38
5. Fazit. 40
Literaturverzeichnis. II
Anhang. VI
Anhang A: Locational Gini Koeffizienten VII
Anhang B: Details zu den Berechnungen der Konzentration. IX
Anhang C: Verwendete Datensätze. X
Anhang :D Resultate der Berechnungen zur Konzentration XII
Anhang E: Resultate der Berechnungen zur Konzentration (nur 2. Sektor) XV
Anhang F: Resultate der Berechnungen zur Agglomeration der Schweiz XVII
- I -
Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
1. Einleitung
In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat das Volumen des internationalen Handels stetig zugenommen. Handelsschranken wurden abgebaut und die Kosten für den Transport von Gütern nahmen ab. Aus wirtschaftsgeographischer Sicht ist es interessant, die Auswirkungen dieser gesteigerten weltweiten Integration zu analysieren. In der herkömmlichen Wirtschaftstheorie werden Länder grundsätzlich als dimensionslose Punkte modelliert, die Frage der optimalen Aufteilung von Unternehmen und Produktionsfaktoren innerhalb eines Landes wird somit nicht gestellt. Es waren deshalb meist Geographen, die sich mit dieser Thematik beschäftigt haben (siehe z.B. von Thünen, [1850] 1910; Christaller, 1933; Lösch, 1940). Es gab aber auch einige Nationalökonomen wie Alfred Weber (1909), die sich bereits vor fast 100 Jahren Gedanken zum optimalen Standort von Industrien machten. Erst Paul Krugmans Geography and Trade (1991a) führte jedoch dazu, dass sich deutlich mehr Ökonomen für die Wirtschaftsgeographie begeistern liessen. So fällt es auf, dass in den vergangenen 15 Jahren viele Arbeiten von Ökonomen zu wirtschaftsgeographischen Theorien veröffentlicht wurden. In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, welchen Einfluss eine weltwirtschaftliche Integration eines Landes auf die Konzentration einzelner Branchen in gewissen Regionen dieses Landes hat und wie sich die Grösse von Agglomerationen im Zuge einer solchen ökonomischen Öffnung verändert. Diese Aspekte werden bei aussenwirtschaftlichen Überlegungen oft vernachlässigt, obwohl sie für die Entwicklung eines Landes eine wichtige Rolle spielen. Konkret ist es für die Schweiz beispielsweise interessant, wie sich ein EU-Beitritt auf die Verteilung der Branchen auswirken würde und welchen Einfluss eine solche Integration auf die Agglomerationen hätte. Ein spezielles Augenmerk wird auf die Dienstleistungen gerichtet, denn viele Publikationen vor allem zur Konzentration analysieren lediglich den industriellen Sektor. Vor dem Hintergrund, dass in den westlichen Ländern der 3. Sektor in der Regel über die Hälfte des Bruttoinlandproduktes ausmacht, ist diese Vernachlässigung unbedingt zu überdenken.
Diese Arbeit ist so aufgebaut, dass im nächsten Kapitel einige Studien zu Konzentration und Agglomeration aufgezeigt werden. Es zeigt sich, dass in der Literatur teilweise widersprüchliche Implikationen auftreten. Der dritte Teil umfasst die theoretische Herleitung des Einflusses von Integration auf die Entwicklung von Konzentration und
- 1 -
Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
Agglomeration. Es werden dazu einige Theorien analysiert und auf ihre Anwendung im vorliegenden Fall untersucht. Das vierte Kapitel beinhaltet wichtige empirische Erkenntnisse bisheriger Studien sowie die eigene Berechnung der Konzentration in einigen europäischen Ländern. Zusätzlich wird die Veränderung der Agglomeration in der Schweiz an zwei Beispielen aufgezeigt. Das Fazit fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.
2. Konzentration und Agglomeration in der Literatur
Für die Wirtschaftspolitik eines Landes ist es wichtig zu wissen, ob die Konzentration einzelner Branchen in gewissen Regionen bei einer wirtschaftlichen Öffnung der Grenzen zu- oder abnimmt. Zusätzlich ist es interessant, ob die Agglomerationen resp. Städte bei einer solchen Integration in den Weltmarkt grösser oder kleiner werden. Je nach Resultat können Strukturprobleme frühzeitig erkannt und allfällige Massnahmen darauf ausgerichtet werden.
In diesem Kapitel werden erst einige zentrale Theorien zur Konzentration von Branchen in gewissen Regionen erläutert, die zum Teil zu widersprüchlichen Aussagen bezüglich des Ergebnisses bei gesteigerter Integration kommen. Im Weiteren wird auf einige empirische Studien eingegangen, die ebenfalls nicht immer zu gleichen Resultaten kommen. Im zweiten Teil dieses Kapitels wird in einige theoretische und empirische Arbeiten zu Agglomerationen eingeführt, die verschiedene Implikationen bei wirtschaftlicher Integration aufweisen.
2.1 Weltwirtschaftliche Integration und Konzentration
Paul Krugman ist wie bereits angesprochen ein Vorreiter bei der Analyse von geographischer Konzentration. In Krugman (1991b) erarbeitet er ein formales Modell, das inzwischen als das Core Model der Wirtschaftsgeographie bekannt ist (vgl. Brakman et al., 2001). Dabei kommt er zum Schluss, dass abnehmende Transportkosten eindeutig zu stärkerer geographischer Konzentration führen (siehe auch Krugman, 1998). In einer anderen Publikation leitet er hingegen zusammen mit Anthony Venables (Krugman und Venables, 1995) ein Zentrum/Peripherie-Modell her, dass zu einem anderen Ergebnis kommt: Bei abnehmenden Transportkosten wird die Konzentration zwar auch verstärkt, jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt. Bei weiter sinkenden Transportkosten verteilen
- 2 -
Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
sich die verschiedenen Branchen dann wieder gleichmässig über die Regionen. Dieses Phänomen wird als U Kurven Effekt bezeichnet (vgl. Brülhart, 1998b). Abnehmende Transportkosten stehen in der Literatur oft als Approximation für zusätzliche wirtschaftliche Integration, denn die ökonomische Öffnung eines Landes hat tiefere Transportkosten über die Landesgrenze zur Folge.
Um die verschiedenen theoretischen Implikationen zu testen, werden empirische Studien verwendet. Marius Brülhart kommt bei verschiedenen Untersuchungen zum Schluss, dass die Konzentration in Europa in den letzten 30 Jahren tendenziell zugenommen hat (Brülhart, 1998b; 2001a; 2001b; Brülhart und Torstensson, 1998; Brülhart und Traeger, 2005). Amiti (1997) kommt bei ihren Berechnungen ebenfalls zu einer zunehmenden Konzentration in Europa. Midelfart-Knarvik et al. (2000) kommen zum Ergebnis, dass die europäische Konzentration in den 1970er Jahren ab- und in den 80er und 90er Jahren zugenommen hat. Die Empirie zu den USA gibt ein ziemlich eindeutiges Bild ab: Gemäss Kim (1995) nahm die Konzentration von 1860 bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu, flachte dann ab und sank kontinuierlich seit 1930. Die abnehmende Konzentration in den letzten Jahrzehnten deckt sich mit den Berechnungen von Krugman (1991a) und Dumais et al. (2002).
Unter der Annahme, dass die Transportkosten während den letzten Jahrzehnten stetig abnahmen, stärkt somit die Konzentration in den USA die U Kurven Effekt Theorie, während Europa entweder dem Core Modell von Krugman (1991b) folgt oder sich auf der U Kurve noch im Bereich von zunehmender Konzentration befindet. Eine allgemeingültige Antwort ist damit aber noch nicht gegeben.
2.2 Weltwirtschaftliche Integration und Agglomeration
Die Analyse des Einflusses von weltwirtschaftlicher Integration auf Agglomerationen ist in der Literatur oft eng verbunden mit der Konzentration. Häufig wird kein Unterschied gemacht zwischen Regionen und Agglomerationen. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es aber, Konzentration (die sich auf ganze Regionen bezieht) und Agglomeration (die sich auf Städte beschränkt) zu trennen. Daher ist es von grosser Bedeutung, die Annahmen und Ziele der jeweiligen Studien genau zu betrachten.
Gemäss Mills (1967) ist die Stadt- resp. Agglomerationsgrösse ein Trade-off zwischen zunehmenden internen Skalenerträgen und Transportkosten. Bei konstanten Skalenerträgen gäbe es dabei keine Städte, denn jeder Haushalt hätte quasi eine eigene Fabrik im Garten,
- 3 -
Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
um Transportkosten zu sparen (backyard capitalism). Andererseits würde die Absenz von Transportkosten gemäss Mills zu einer einzigen Weltstadt führen, um die zunehmenden Skalenerträge voll auszuschöpfen (world megalopolis).
Henderson (1974) geht bei grossen Städten jedoch vom Nachteil aus, dass die Wohnkosten hoch sind und der Berufsverkehr stockend ist. Er nimmt deshalb nicht an, dass eine einzige Weltstadt die beste Lösung sei. Der Vorteil der internen Skalenerträge führt in seinem Modell dazu, dass sich sämtliche Agglomerationen auf genau ein Gut spezialisieren. Dieses eine Gut pro Stadt wird dann zwischen den Agglomerationen gehandelt, so dass in sämtlichen Städten viele Güter angeboten werden, jedoch nur ein Gut produziert wird. Damit umgeht man die oben genannten Nachteile von Grossstädten, kann aber trotzdem von zunehmenden Skalenerträgen profitieren.
Tabuchi (1998) ergänzt das Modell von Henderson (1974) mit dem Modell von Krugman (1991b) und erhält je nach gewählten Parametern entweder einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Transportkosten und Agglomeration oder eine u förmige Kurve, ähnlich wie bei der Theorie zur Konzentration. Der eindeutige Verlauf folgt aber gerade dem umgekehrten Pfad als bei Mills (1967). Abnehmende Transportkosten führen bei Tabuchi (1998) also von Grossstädten hin zu Gleichverteilung. In der Empirie zu Agglomerationen und Städten sind sich sämtliche Experten in einem Punkt einig: Die Einwohner- und Beschäftigtenzahl in praktisch allen Agglomerationen der Welt wuchs in den letzten 100 Jahren. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn die Erdbevölkerung hat ebenfalls zugenommen. Die Gründe, weshalb gewisse Städte schneller wachsen als andere, sind nicht eindeutig und bedürfen einer Erklärung. Speziell der Einfluss von Transportkosten auf die Grösse der Agglomerationen ist für die vorliegende Arbeit interessant.
Combes und Lafourcade (2005) haben eine ausführliche empirische Studie über regionale Unterschiede in Frankreich durchgeführt. Sie benützen Daten über die Transportkosten zwischen 341 französischen Bezirken. Dabei kommen sie zum Ergebnis, dass die Grösse der Agglomerationen in Abhängigkeit von abnehmenden Transportkosten deutlich zugenommen hat.
Glaeser et al. (1992) berechnen für die USA, dass es für die Entwicklung einer Stadt negativ ist, wenn sie auf wenige Industrien spezialisiert ist. Umgekehrt wachsen diejenigen Agglomerationen schneller, die eine hohe innerstädtische Konkurrenz und Diversität aufweisen. Die Autoren begründen diese empirischen Erkenntnisse damit, dass für
- 4 -
Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
bestehende Städte die intra-industriellen Spillovers nicht so wichtig seien wie die inter- industriellenSpillovers.
Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass es für den Einfluss der Transportkosten auf die Grösse der Agglomeration vor allem empirisch deutlich weniger Studien gibt als für die Entwicklung von Konzentration. Dies hängt wohl damit zusammen, dass die Transportkosten zwischen Agglomerationen schwieriger zu berechnen sind als diejenigen zwischen Regionen und vor allem Ländern.
3. Theorie zur Erklärung von Konzentration und Agglomeration
In diesem Kapitel werden die beiden zentralen Begriffe dieser Arbeit - Konzentration und Agglomeration - definiert. Im Gegensatz zu Fujita und Thisse (1996) werden die Begriffe nicht gleichgesetzt. Im Gegenteil, die Differenzierung ist eine wichtige Aufgabe dieser Arbeit und es gilt, die beiden Definitionen sorgfältig voneinander zu trennen. Zur Erklärung von Konzentration existieren unzählige Arbeiten und diverse Ansätze. Ein Punkt, in dem sich die meisten Wissenschaftler einig sind, ist derjenige, dass die Vergangenheit einen Einfluss auf die gegenwärtige geographische Aufteilung der Branchen hat. Dieses Phänomen ist unter dem Begriff „history matters“ bekannt (siehe z.B. Krugman, 1991a, S. 20). So haben frühere, teilweise zufällige Entwicklungen zur Folge, dass sich heute gewisse Branchen in bestimmten Regionen durchgesetzt haben. Die heute starke Stellung auf dem Pharmamarkt beispielsweise verdankt die Region Basel der Herstellung von Farbstoffen und später von Chemikalien im 18. und 19. Jahrhundert, auf Basis deren sich die Pharmabranche entwickeln konnte. Es gibt unzählige weitere Beispiele, wie die Vergangenheit einen grossen Einfluss auf die heutige Konzentration und Agglomeration gehabt hat (siehe z.B. Arthur, 1990). Cronon (1991) teilt die Vorteile von Standorten in first nature und second nature auf. Ersteres bezieht sich auf die naturgegebenen Vorteile, während second nature die menschlichen Einflüsse beschreibt. Ähnlich verhält es sich mit Agglomerationen. Überall auf der Welt existieren Städte. Zum Teil können sie mit natürlichen Vorteilen erklärt werden (z.B. Basel direkt am Rhein), manchmal scheinen aber andere Einflüsse eine grössere Rolle zu spielen (Zürich liegt an keinem derart grossen Wasserweg wie Basel, ist aber heute die grössere Stadt). In der vorliegenden Arbeit soll aber weniger der Frage nachgegangen werden, weshalb gewisse
- 5 -
Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
Branchen gerade in den jeweiligen Regionen spezialisiert sind und weshalb sich Agglomerationen an gewissen Standorten gebildet haben, sondern eher, welche Gründe dafür sprechen, dass sich eine beliebige Unternehmung in der Nähe der Konkurrenz resp. in einer Agglomeration niederlässt. Andererseits gibt es sicher auch Einflüsse, die genau das Gegenteil bewirken. Die Eruierung dieser Einwirkungen und der Einfluss von stärkerer weltwirtschaftlicher Integration auf Konzentration und Agglomeration in der Theorie stehen deshalb im Zentrum dieses Kapitels.
Um allfällige Unklarheiten zu den verwendeten Begriffen zu vermeiden erläutern die ersten beiden Abschnitte dieses Kapitels diejenige Definition von Konzentration und Agglomeration, die in der vorliegenden Arbeit verwendet wird. Während in den darauf folgenden beiden Teilen der Arbeit die zentripetalen und zentrifugalen Kräfte sowohl für Konzentration als auch für Agglomeration analysiert werden, wird im fünften Unterkapitel auf das Problem der Einbindung der Dienstleistungsindustrie in die bestehenden Theorien eingegangen. Abschnitt 3.6 fasst das konkrete Vorgehen und die daraus resultierenden Ergebnisse der wichtigsten Modelle zur Konzentration und Agglomeration zusammen. Das darauf folgende Unterkapitel zeigt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der theoretischen Ansätze zur Erklärung von Konzentration und Agglomeration, worauf in Abschnitt 3.8 die theoretischen Folgerungen der verschiedenen Modelle auf die Konzentration und Agglomeration bei sich weltwirtschaftlich integrierenden Ländern aufgezeigt werden.
3.1 Definition von Konzentration
Konzentration ist ein sehr umfassender Begriff, der in der Ökonomie und speziell in der Wirtschaftsgeographie für verschiedene Erklärungen verwendet wird. So wird darunter z.B. eine Situation mit wenigen grossen Firmen verstanden, die jeweils hohe Marktanteile aufweisen (siehe z.B. Curry und George, 1983). Im Rahmen dieser Arbeit wird jedoch von einer anderen Definition ausgegangen: Konzentration beschreibt die überproportionale Häufung einer Branche innerhalb gewisser Regionen eines Landes. Falls also eine bestimmte Branche nur in einer Region vorhanden ist, dann handelt es sich um eine komplett in dieser Region konzentrierte Branche. Das Gegenteil von Konzentration wäre eine vollkommen proportionale Gleichverteilung der verschiedenen Branchen über die Regionen. In diesem Fall würden sämtliche Regionen den gleichen Anteil ihrer Beschäftigten in einer Branche besitzen. Dabei spielt die Grösse der verschiedenen
- 6 -
Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
Regionen keine Rolle. Wie bereits ersichtlich wurde, wird in der vorliegenden Arbeit von einer Konzentration auf der Ebene von Regionen ausgegangen, und nicht auf Länder-Ebene wie z.B. bei Brülhart (2001a). Dies ist ein wichtiger Punkt, denn viele Publikationen versuchen, die Konzentration zwischen Ländern und nicht innerhalb eines Landes zu erklären 1 . Weiter wird im Gegensatz zu Brakman et al. (2001) kein Unterschied zwischen Konzentration und Spezialisierung gemacht. Diese Begriffe werden in dieser Arbeit als Synonyme verwendet.
3.2 Definition von Agglomeration
Es gibt diverse Definitionen für Agglomerationen. Oft wird eine gewisse Anzahl Einwohner einer Stadt oder Umgebung als Voraussetzung für eine Agglomeration verwendet. In der Definition, die in dieser Arbeit verwendet wird, geht es jedoch nicht so sehr um absolute Zahlen, sondern mehr um die ökonomische Bedeutung einer Stadt. Sobald ein Ort der wirtschaftliche Mittelpunkt vieler Menschen darstellt, wird er als Agglomeration angesehen. Der Unterschied zur Konzentration liegt darin, dass es bei Agglomerationen nicht um die relative Wichtigkeit von einzelnen Branchen geht, sondern um sämtliche wirtschaftliche Aktivitäten unabhängig von der Branche. Dabei kann es vorkommen, dass zwei Regionen wirtschaftlich genau gleich aufgebaut und daher nicht spezialisiert sind, jedoch in beiden Regionen einige grosse Agglomerationen vorhanden sind. Umgekehrt wäre es auch denkbar, dass eine relativ unwichtige Branche vor allem in einem kleinen Ort produziert. Dabei tritt Konzentration, aber nur eine kleine Agglomeration auf. Ein Beispiel hierzu wäre die amerikanische Teppich-Industrie, die grösstenteils in Dalton angesiedelt ist, das knapp 30'000 Einwohner zählt. Wichtig für den weiteren Verlauf dieser Arbeit ist die Unterscheidung insofern, da bei Konzentration zum Teil andere Kräfte einfliessen als bei Agglomeration.
3.3 Zentripetale Einflüsse auf die Konzentration und Agglomeration
Marshall (1920) erörterte bereits vor fast einem Jahrhundert drei Vorteile für Industrien, sich an wenigen Orten zu konzentrieren. Diese sind inzwischen als „Marshallian externalities“ (Fujita und Thisse, 1996, S. 5) bekannt:
1 Krugman (1991, S. 70) schreibt dazu: „[T]here is no reason to suppose that political boundaries define the relevant unit over which external economies apply“. Er meint aber auch, dass Nationen nicht vernachlässigt werden dürfen: „Nations matter [...] because they have governments whose policies affect the movements of goods and factors“ (S. 71f).
- 7 -
Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
Erstens stellt der Wissensfluss (Knowledge Spillover) ausserhalb der einzelnen Unternehmen, aber innerhalb einer Region und innerhalb eines Wirtschaftszweiges eine Kraft dar, die Konkurrenten in die Nähe voneinander zieht 2 . Das Silicon Valley ist ein aktuelles Beispiel dazu. Dort werden die neusten Ideen teilweise auch ausserhalb der eigenen Firma besprochen und so weiterentwickelt. Für Informationstechnologie-Unternehmen ist es deshalb äusserst interessant, dort eine Niederlassung zu haben, um nicht die neusten Trends in der Branche zu verpassen.
Zweitens hat eine geographische Konzentration den Vorteil, dass Zwischenprodukte (Intermediate Inputs) kostengünstiger und auf die jeweilige Branche zugeschnitten eingekauft werden können 3 . In der Nähe einer konzentrierten Branche kann sich daher eine Zulieferindustrie etablieren, welche die Konzentration der ursprünglichen Branche weiter verstärkt. Die Schweizer Uhrenindustrie als Beispiel beherbergt neben der Fertigstellung von Uhrenprodukten auch eine Grosszahl von Unternehmen, die vorgelagerte Uhrenbestandteile herstellen.
Das dritte Argument von Marshall betrifft die Möglichkeit, in einer spezialisierten Region eher spezifisch ausgebildete Arbeitnehmer zu finden. Für spezifisch ausgebildete Arbeitnehmer ist es ihrerseits interessant, sich in der Region niederzulassen, deren Unternehmen diese spezifischen Fähigkeiten nachfragen (Labor Market Pooling) 4 . Als Beispiel dazu dient wiederum das Silicon Valley, denn ein IT-Unternehmen findet dort sicherlich einfacher neue Spezialisten als an einem Ort, an dem bisher keine solchen Firmen ansässig waren. Umgekehrt ist es für einen arbeitslosen Informatiker attraktiv, in die Nähe des Silicon Valley zu ziehen, weil er dort relativ gute Jobchancen hat. Diese drei genannten Aspekte beziehen sich auf die Grösse der jeweiligen Branche in einer Region und sind unabhängig von der Grösse der Agglomeration als Ganzes. Sie sind also für eine einzelne Unternehmung extern, für die gesamte Branche an diesem Ort aber intern. Zudem lässt sich festhalten, dass diese Einflüsse zwar mehrheitlich bei Industrie-, aber teilweise auch bei Dienstleistungs-Unternehmen vorhanden sind. Silicon Valley beispielsweise beinhaltet zweifellos einige Produktionsstätten, aber ist wohl eher dank seinen Dienstleistungen bekannt und erfolgreich.
2 Marshall (1920, S. 271) drückte dies folgendermassen aus: „The mysteries of the trade become no mysteries; [...] if one man starts a new idea, it is taken up by others and combined with suggestions of their own; and thus it becomes the source of further new ideas.“
3 „[S]ubsidiary trades grow up in the neighbourhood, supplying it with implements and materials, organizing its traffic, and in many ways conducing to the economy of its material“ (Marshall, 1920, S. 271).
4 Marshall (1920, S. 271) dazu: „Employers are apt to resort to any place where they are likely to find a good choice of workers with the special skill which they require; while men seeking employment naturally go to places where there are many employers who need such skill as theirs.“
- 8 -
Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
Neben diesen externen Skalenerträgen führt ein weiterer wichtiger Punkt zu Konzentration, derjenige der zunehmenden internen Skalenerträge. Sie kommen dann vor, wenn ein Produkt oder eine Dienstleistung in der Entstehung Fixkosten und konstante (oder abnehmende) Grenzkosten verursacht. In diesem Fall tendiert eine Unternehmung dazu, möglichst wenige Niederlassungen zu haben, um die Produktionskosten zu minimieren. Zunehmende interne Skalenerträge führen zwar nicht direkt zu Konzentration, da sie die Nähe zur Konkurrenz nicht voraussetzen. Gepaart mit den externen Skalenerträgen von Marshall ergeben sich aber Vorteile daraus, die möglichst wenigen Standorte in der Nähe von verwandten Firmen zu haben. Diese internen Skalenerträge treten sicherlich bei Industriebetrieben auf, deren Produktionsstätten hohe Fixkosten verursachen. Bei Dienstleistungs-Anbietern gibt es einige Branchen, die ebenfalls starke interne Skalenerträge aufweisen, wie z.B. Call-Center oder die Administration von Finanzdienstleistern. Für diese Teile der Ökonomie ist es von Vorteil, nur wenige Standorte zu wählen und dadurch Fixkosten einzusparen. Andererseits gibt es viele Dienstleistungs-Branchen, die nur wenige fixe, ortsgebundene Kosten verursachen, wie zum Beispiel Berater- oder Reinigungsfirmen. Für diese Wirtschaftszweige besteht ein kleinerer Anreiz, sich an einem Ort zu konzentrieren.
Die Erklärung von Agglomeration geht bis auf Johann Heinrich von Thünen zurück, der bereits 1850 die geographischen und ökonomischen Aspekte der Produktion von Gütern zusammenführte (siehe von Thünen, [1850] 1910). Gemäss Duranton und Puga (2000) können die agglomerationsfördernden Kräfte in drei Kategorien eingeteilt werden: Die erste Erklärung basiert wie bei der Begründung von Konzentration auf Marshall (1920). Neben den externen Skalenerträgen, die soeben beschrieben wurden und die intern für die einzelnen Branchen sind, gibt es auch externe Skalenerträge, die extern für sämtliche Branchen an einem Ort wirken. Dies bedeutet mit anderen Worten, dass nicht nur die Nähe zu Unternehmungen der eigenen Branche zählt, sondern dass Firmen allgemein Vorteile haben, in der Nähe von Unternehmungen produzieren zu können. Diese Vorteile können verschieden ausgeprägt sein, sie reichen von branchenübergreifendem Knowledge Spillover über den leichteren Zugang zu branchenunspezifischen Zwischenprodukten bis hin zur erleichterten Suche nach unspezifisch ausgebildeten Arbeitskräften (siehe Marshall, 1920). Zudem ist eine gewisse Infrastruktur schon vorhanden, wenn andere Unternehmen bereits an einem Ort ansässig sind.
- 9 -
Dominik Fischer Masterarbeit Mai 2007
Der zweite Ansatz geht laut Duranton und Pugas (2000) ebenfalls von erleichtertem Zugang zu Halbfertigprodukten bei Agglomerationen aus. Dadurch kann die Endproduktion produktiver arbeiten und in einer Agglomeration können höhere Löhne bezahlt werden (siehe z.B. Ethier, 1982). Dies zieht wiederum weitere Arbeitskräfte an. Von Helsley und Strange (1990) stammt der dritte Erklärungsansatz. Dieser zielt auf eine optimale Paarung (Matching) von Arbeitnehmern und Firmen ab. Dadurch ist eine höhere Spezialisierung der Arbeitskräfte möglich und es können ebenfalls höhere Löhne bezahlt werden.
Sämtliche drei genannten Vorteile von Agglomerationen nehmen mit zunehmender Grösse zu. Sie sind auch alle selbstverstärkend, d.h. die Vorteile einer Agglomeration ziehen zusätzliche Arbeitskräfte und Firmen an, die wiederum die Vorteile der Agglomeration verstärken. Arthur (1990) nennt dieses Phänomen „positive feedback“.
Zusätzlich zu diesen externen Skalenerträgen von Agglomerationen führen analog zur Erklärung von Konzentration die internen Skalenerträge dazu, dass sich die Firmen an möglichst wenigen Standorten niederlassen möchten. Der Vorteil einer Produktion in einer Agglomeration ist die Einsparung von Transportkosten, da ein Teil der Erzeugnisse gleich innerhalb der Agglomeration abgesetzt werden kann. Für bestimmte Produkte oder Dienstleistungen besteht zudem generell nicht sehr viel Nachfrage, so dass sich deren Angebot einzig in grossen Städten lohnt. Dies führt dazu, dass die Bewohner von Agglomerationen eine grössere Produktevielfalt vorfinden, was für die meisten Leute zu einem höheren Nutzenniveau führt.
Frey (1990, S. 57) hält fest, dass „für den einzelnen Bewohner die Vorteile mit zunehmender Stadtgrösse degressiv zunehmen“. Dies ist einerseits auf Produzentenseite damit zu erklären, dass die externen Skalenerträge einer zusätzlichen Unternehmung mit zunehmender Grösse der Agglomeration immer geringer ausfallen. Andererseits nimmt der Grenznutzen der Bevölkerung mit zunehmender Agglomerationsgrösse ab, denn die zusätzliche Produktevielfalt ist auf einem bereits hohen Niveau nicht mehr so entscheidend wie bei einer kleineren Agglomeration. So bietet Paris beispielsweise nicht viel mehr Angebot als Zürich, Zürich verfügt aber über eine deutlich grössere Produktevielfalt als Olten.
- 10 -
Arbeit zitieren:
Dominik Fischer, 2007, Die Entwicklung von Konzentration und Agglomeration in sich weltwirtschaftlich integrierenden Ländern, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
VWL - Fallstudien, Länderstudien: Die Entwicklung von Konzentration und Agglomeration in sich weltwirtschaftlich integrierenden Ländern ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
VWL - Fallstudien, Länderstudien: neuer Titel erschienen: Die Entwicklung von Konzentration und Agglomeration in sich weltwirtschaftlich integrierenden Ländern
Dominik Fischer hat einen neuen Text hochgeladen
International Trade, Wage Inequality and the Developing Economy
A General Equilibrium Approach
Rajat Acharyya, Sugata Marjit
Arbeitnehmermitwirkung in einer sich globalisierenden Arbeitswelt / Em...
Liber Amicorum Manfred Weiss
Armin Höland, Christine Hohmann-Dennhardt, Marlene Schmidt, Achim Seifert
Islam und Staat in den Ländern Südostasiens
Islam and State in Southeast A...
Fritz Schulze, Holger Warnk
0 Kommentare