„A la vue de cet temple, l'esprit se sent écrasé, l'imagination surpassée; on regarde, on admire, et, saisi de respect, on reste silencieux; car où trouver des paroles pour louer une œuvre architecturale qui n'a peut-être pas, qui n'a peut-être jamais eu son équivalent sur le globe.“ (Mouhot 1868, 194) Mit diesen bewegten Eindrücken, welche der Forschungsreisende Henry Mouhot bei seiner „Entdekkung“ Angkors 1860 in sein Notizbuch kritzelte, lag er nicht daneben: die Ruinenstadt könnte der grösste urbane Komplex der Vorindustrialisierung sein (Stone 2006, 1364).
Das Gebiet von Angkor befindet sich rund 20 km nördlich des fischreichen Tonle-Saps, des grössten Süsswassersees Südostasiens, im heutigen Kambodscha und umfasst rund 3000 km 2 (Evans et al. 2007, 14277). Archäologische Funde bezeugen eine Besiedlung im Neolithikum, ab dem 6. Jhdt. ist sie schriftlich bezeugt. In der Zeit zwischen dem 8. und dem frühen 16. Jhdt. war Angkor Sitz unter verschiedenen Dynastien Hauptstadt des Khmer-Königreiches, welches zu seiner Blütezeit über weite Teile des südostasiatischen Festlands herrschte. Der Bau von Angkor Wat - einem repräsentativen Kolossalbau, der es bis auf die Nationalflagge Kambodschas geschafft hat - markiert um 1150 die Blütezeit des Khmer-Reiches. Sämtliche heute noch erhaltenen rund 100 Tempel, 80 Strassen und Kanäle sowie zwei grosse und mehrere Tausend kleine Bassins (Evans et al. 2007, 14279f) wurden zwischen etwa 800 und 1220 errichtet, obwohl diese Zeit von ununterbrochenen und zum Teil heftigen inneren und äusseren Unruhen geprägt war. Während die Kultstätten bis 1180 vorwiegend hinduistischen Gottheiten geweiht waren, werden die letzten 40 Jahre dieser Periode durch einen Wechsel zum Buddhismus sowie durch eine exzessive Bautätigkeit charakterisiert. Deren Ende markiert ein Bruch, nach welchem nur noch Gebäude aus Holz errichtet wurden, die heute nicht mehr erhalten sind. Das Khmer-Reich wich allmählich der militärischen und wirtschaftlichen Konkurrenz durch das neu gebildete Königreich Siam und Phnom Phen verschwand im 16. Jhdt. in Bedeutungslosigkeit. (Die Ausführungen des vorangegangenen Abschnitts beruhen, sofern nicht anders vermerkt, im Wesentlichen auf Freeman et al. 2003, 8-13 u. 30-32.)
Aufgrund der hochentwickelten Baukunst und einzigartigen Ästhetik der Bauwerke blieb schon dem Entdecker Mouhot nur zu rätseln, was das einst glänzende Kultzentrum in die völlige Verwahrlosung geführt hat: die Zerstörungswut von Barbaren oder vielleicht gar ein Erdbeben (Mouhot 1868, 188)? Angesichts so viel geballter Kultur fiel einigen frühen Forschern auch keine bessere Erklärung ein, als dass die Erbauer Angkors nicht derselben Ethnie entstammen könnten, welche Kambodscha damals bevölkerte, und auf ebenso geheimnisvolle Art aufgetaucht wie wieder verschwunden sein sollen (Co- edès 1947,25-29). Obwohl zumindest solche Thesen mit nationalistischem und sozialdarwinistischem
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Hintergrund bereits in der frühen Forschung nicht nur Anklang fanden, blieb der Niedergang der Metropole lange Zeit ein Mysterium, das immer noch nicht als endgültig geklärt gilt. Davon zeugt auch die lange Liste an Erklärungsversuchen, welche im Laufe der Zeit aufgegriffen wurden, wobei besonders Naturkatastrophen-Szenarien (Coedès 1947, 30) vom Erbeben über die Sintflut bis zu einem dramatischen Klimawandel die Phantasien der frühen Forscher beflügelten. Letztere sahen immerhin bereits einen Landnutzungswandel (Coedès 1947, 30: „[pour...] justifier l'aspect désertique ou forestier qu'ont aujourd'hui des régions autrefois peuplées et cultivées.“) als unmittelbare Ursache für den Kollaps Angkors nach 1220. Massive Veränderungen der landwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit scheinen seither in der Forschung weitgehend unbestritten gewesen zu sein, während es für deren mittelbare Ursache auch heute noch neben zahlreichen eher kulturhistorischen verschiedene naturwissenschaftlich-geographische Erklärungsansätze gibt. Bis in die 1990er Jahre beschränkte sich ein Grossteil der wissenschaftlichen Untersuchungen auf die Tempel, während deren grossflächiges Umland vernachlässigt wurde (Evans et al. 2007, 14277). Danach rückten bereits in den 1950ern ent-standene Theorien in den Vordergrund, welche sich mit einem Versagen des ausgedehnten Bewässerungssystems beschäftigen, welches die Ruinen umgibt (vgl. z.B. Engelhardt 1995). Erst der Einsatz von Fernerkundung und GIS erlaubten in den letzten Jahren die flächendeckende Kartierung des Gebiets. Dabei kamen unzählige zuvor unentdeckt gebliebene Strukturen zutage, welche Theorien stützen, die eine selbstverschuldete Umweltdegradierung als Ursache anführen (Evans et al. 2007). Diese möchte ich im Folgenden nachvollziehen.
Heute ist die Ruinenstadt UNESCO-Weltkulturerbe und beliebtes Ziel für Touristen (und leider auch für organisierten Kunstraub) (Freeman et al. 2003, 43f). Im betrachteten Gebiet gibt es aus der Sicht eines heutigen Touristen vor allem rund zwei Dutzend restaurierte und leicht zugängliche, kolossale Tempel sowie diverse rechteckige Wasserreservoirs, von denen das grösste 2.2 x 8 km Seitenlänge misst (Sto- ne 2006,1365) zu bestaunen. Verborgen bleiben einem mehrere Tausend weitere Relikte, die entweder kaum mehr als solche erkennbar, sehr abgelegen, schwer zugänglich (und sogar gefährlich - die roten Khmer hatten das Gelände vermint) oder vollständig von Vegetation oder Nutzflächen bedeckt sind (Evans et al. 2007, 14278f erläutert auch deren Detektion mithilfe von Radartechnik). Das Gebiet ist, mit Ausnahme der nur wenige Kilometer von Angkor Wat liegenden Stadt Siem Reap, dünn, aber recht flächendeckend besiedelt. Grössere zum Teil saisonal trockenliegende Flächen dienen der landwirtschaftlichen Nutzung; ausserdem umgeben Angkor unterbrochene Flächen immergrünen Urwalds, der im Verhältnis zum für die Region typischen Primärwald artenarm scheint (Penny et al. 2006, 601). Klimatisch ist das Gebiet wesentlich vom saisonalen Monsun mit 1500 mm Jahresniederschlag und hohen
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Arbeit zitieren:
Remo Wasmer, 2009, Buddha, die Sintflut oder Phnom Phen, München, GRIN Verlag GmbH
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