Freie Universität Berlin Otto-Suhr-Institut Wintersemester 1999/2000
HS 15149: Widerstand gegen den Nationalsozialismus 1939-1945 Forschungsstand und -perspektiven
Die Darstellung der Tätigkeit des ZK der KPD in Moskau während des Zweiten Weltkrieges in der DDR-Geschichtsschreibung
eingereicht von:
Antje Krüger
(Die Hausarbeit wird als Klausurersatzschein unter Prüfungsbedingungen geschrieben.)
I
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 1
2. DIE DDR-GESCHICHTSWISSENSCHAFT 2
2.1. Der ursprüngliche Ansatz der Geschichtswissenschaft 2
2.2. Die Realisierung des Ansatzes 3
2.3. Der SED-Geschichtsbeschluß 5
3. DIE DARSTELLUNG DES ZKs DER KPD IN MOSKAU
VON 1939-1945 IN DER DDR-GESCHICHTSSCHREIBUNG 6
3.1. Die Regierungszeit von Wilhelm Pieck 1949-1960
Die KPD als „einzig wirkliche Widerstandskraft“ 6
3.2. Die Regierungszeit von Walter Ulbricht 1960-1973
„Die KPD und ihr Zentralkomitee“ 8
3.3. Die Regierungszeit von Erich Honecker 1973-1989
„Das ZK der KPD und die Solidarität der Sowjetunion“ 13
4. NACH 1989 - FORSCHUNG ÜBER FORSCHUNG 16
5. SCHLUSSFOLGERUNG 18
Literaturverzeichnis 20
II
1. EINLEITUNG
Anfang des Jahres 1935 verlegte das Zentralkomitee der in Deutschland verbotenen Kommunistischen Partei seinen Sitz vom Exil in Paris nach Moskau. Über das, was dort in den folgenden zehn Jahren bis zum Frühjahr 1945 geschah, gibt es bis heute nur wenige gesicherte Erkenntnisse. Viele Geschehnisse dieser Zeit liegen nach wie vor im Dunkeln. Es ist beispielsweise kaum erforscht, welche Betätigungsmöglichkeiten das ZK der KPD in Moskau wirklich hatte, wie die Verbindungen zu den illegal operierenden Parteimitgliedern in Deutschland konkret aussahen oder wie umfangreich der Einfluß der Parteiführung im Exil über die Parteigruppen im Land war. Auch die Ausmaße Stalinscher Säuberungspolitik in den Reihen der KPD sind weitgehend unbekannt. Personelle Entscheidungen innerhalb des Zentralkomitees können noch heute schlecht nachvollzogen werden. Die Liste der offenen Fragen ist lang. Das hat mehrere, in Ost- und Westdeutschland zum Teil unterschiedliche Gründe. In der Bundesrepublik Deutschland blieb der Widerstand der KPD nicht nur in der Forschung, sondern auch im öffentlichen Diskurs jahrzehntelang Randthema. An der ideologischen Mauer des Kalten Krieges scheiterte jeder Versuch, sich dem Thema zu nähern. Eine offizielle Würdigung des kommunistischen Widerstandes und die Unterstützung von Forschungsprojekten wäre nach damaliger Einschätzung einer Anerkennung der DDR-Führungen unter Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht - beide ehemals Mitglieder des ZKs der KPDgleichgekommen. Erst in den späten 60-er Jahren wurde mit einer, wenn auch zaghaften und oft einseitigen, Aufarbeitung des kommunistischen Widerstandes begonnen. Die Forschung beschränkte sich zum größten Teil auf die Auswertung von Gestapoakten; Erinnerungen und Nachlässe kommunistischer Widerstandskämpfer fanden bei westdeutschen Historikern wenig Beachtung. Ein Zugang zu anderen Quellen war ihnen indes kaum möglich. Denn über einen Teil des KPD-Archivs wachte Moskau. Der andere befand sich in der DDR unter Aufsicht der SED, die sich als legitime Nachfolgerin und Erbin der KPD sah und entschied, wer Akteneinsicht erhielt und wer nicht.
War der kommunistische Widerstand in der BRD lediglich Randthema, stand er in der DDR im Vordergrund von Forschung, Lehre und gesellschaftlichem Leben. Dabei suggerierte die Geschichtsschreibung „Allwissen“ über die Geschehnisse in Deutschland und im Exil während des Nationalsozialismus. Die Darstellungen des ZKs der KPD in Moskau beruhen in großem Umfang auf Berichten der damals führenden Mitglieder Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck und anderer überzeugter und „linientreuer“ Kommunisten. Nach den Vorgaben der SED wurde ein glattes Bild der Moskauer Geschehnisse gemalt, das keine Fragen mehr zuließ und jegliche weitere Forschung unterband. Die Quellen in Moskau oder in den Archiven der SED waren zudem nur bedingt einsehbar, so daß eine unabhängige Recherche zu diesem Thema ohnehin unmöglich war.
Wie und wann es in der DDR zur Herausbildung des Mythos über die Rolle des ZK der KPD in Moskau kam, wer dessen Entstehung maßgeblich beeinflußt hat und welche Ziele damit verfolgt wurden, soll in den folgenden Ausführungen untersucht werden. In chronologischer Reihenfolge wird analysiert, ob und wie sich die Darstellung der Moskauer Zeit der KP-Führung während des Zweiten Weltkrieges in der DDR-Geschichtsschreibung geändert hat. Wo liegen dafür die Ursachen?
1
Darüber hinaus wird auf den Umgang mit diesem Thema nach dem Fall der Mauer eingegangen. Gegenwärtige Forschungsdefizite sollen aufgezeigt werden, wobei es im Rahmen dieser Arbeit selbstverständlich nicht möglich ist, Antworten auf die vielen offenen Fragen zu geben, die sich heute zum realhistorischen Geschehen in Moskau stellen.
2. DIE DDR-GESCHICHTSWISSENSCHAFT
Will man das Wesen politischer und gesellschaftlicher Vorgänge in der DDR verstehen, so muß man sich auf die allgegenwärtige Schizophrenie dieses Landes einlassen. DDR-Realität war gekennzeichnet vom Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Viele der politischen und gesellschaftlichen Ansätze in der DDR hatten ursprünglich durchaus ihre Berechtigung. Sie waren im historischen Kontext vor allem der frühen Jahre der Republik erklär- und zum größten Teil nachvollziehbar. Die Art ihrer Umsetzung jedoch karikierte oft schon bald den eigentlichen Ansatz, verkehrte ihn ins Gegenteil und/oder führte ihn ad absurdum. Berücksichtigt man diesen Spagat zwischen Idee und Realisierung jedoch nicht, so kann nur ein einseitiges und unverständliches Bild der DDR entstehen, das vorschnell verurteilt, wo Differenzierung von Nöten wäre. Dies trifft auch auf die DDR-Geschichtswissenschaft zu. Es soll deshalb hier versucht werden, sowohl den ursprünglichen Ansatz dieser Wissenschaft und die Motivation von Historikern und Parteigenossen herauszuarbeiten als auch das, was im Laufe der Jahre daraus gemacht wurde.
2.1. Der ursprüngliche Ansatz der Geschichtswissenschaft
Die Entstehung der DDR barg für ihre Gründungsväter die erstmalige Chance, auf deutschem Boden eine Gesellschaftsform zu errichten, die in ihrer Art neu war. Diese Neuartigkeit sollte sich in allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen widerspiegeln. So wurde auch auf dem Gebiet der Wissenschaft tabula rasa gemacht und mit eigenen Methoden neu angefangen. Vor allem die
Gesellschaftswissenschaften und in besonderem Maß die Geschichtswissenschaft sollten einen „neuartigen Wissenschaftstypus“ repräsentieren. 1 Kennzeichnend dabei war die extrem enge Zusammenarbeit zwischen der SED und den Historikern. „Es gehört zu den wohl seltenen Ausnahmen, daß sich eine Staatsführung so gründlich, so intensiv und langdauernd mit einer einzigen Wissenschaftsdisziplin befaßte.“ 2 Diese Zusammenarbeit entsprach zumindest in der ersten DDR-Generation den
1 vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha: Legitimation eines neuen Staates - Parteiarbeiter an der historischen Front. Geschichtswissenschaft in der SBZ/DDR 1945 bis 1961, Berlin, 1997, S. 342
2 Haun, Horst: Der Geschichtsbeschluß der SED 1955. Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden, 1996, S.6
2
Interessen beider Seiten. Viele Historiker waren selbst SED-Mitglieder oder aber der Partei eng verbunden. 3 Die Vorstellungen der SED-Führung über die Ansätze und Grundzüge der neuen Geschichtswissenschaft gingen wenigstens zu Zeiten der „Grundsteinlegung“ derselbigen konform mit den Vorstellungen der Wissenschaftler. Entgegen der weitverbreiteten Meinung waren „viele DDR-Historiker nicht einfach nur ausführende Figuren auf dem Schachbrett der SED-Führung ..., sondern [griffen] selbst aktiv ins strategische, taktische und propagandistische Spiel mit [ein].“ 4 Die DDR-Geschichtswissenschaft sollte sich bewußt von der „bürgerlichen“ Geschichtswissenschaft abgrenzen und ganz im Sinne der neuen, „besseren“ Gesellschaft stehen. Wissenschaftstheoretisch geschah dies in erster Linie durch die ausschließliche Anwendung marxistisch-leninistischer Wissenschaftskonzepte. Inhaltlich sollte der kapitalistischen „Miserentheorie“ vor allem die Darstellung des Fortschritts in der Gesellschaft entgegengestellt werden. Und praktisch kam der Geschichte eine ganz konkrete Aufgabe zu - die Erziehung zum sozialistischen Menschen. Das Zusammenspiel von Politik und Geschichte wurde also mit Einwilligung der Historiker gezielt für die Geschichtsschreibung der DDR angestrebt. Absicht war es, die neue, sozialistische Gesellschaft gemeinsam zu gestalten.
Hauptschwerpunkt dabei war die Erforschung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Denn erstmalig wurde in der deutschen Geschichte durch die Machtübernahme der Arbeiter 5 ihnen selbst die Chance zuteil, sich ihrer eigenen Geschichte von Staats wegen zu widmen und sie so aus dem Randgebiet herauszuholen, in das sie bisher mangels politischem Interesse gedrängt worden war.
2.2. Die Realisierung der Ansätze
Schon wenige Jahre nach der Gründung der DDR nahm jedoch der die Kontrolle der Politik auch in der Geschichtsschreibung überhand. Parteibeschlüsse gaben die Linie vor, nach denen Historiker zu forschen hatten. Doch selbst das war nicht genug. Denn nach Ansicht der SED setzten die Wissenschaftler in ihrer „selbständigen“ Arbeit die Forderungen der Partei nicht mit der nötigen Vehemenz um. So kritisierte beispielsweise Walter Ulbricht: „Viele Mängel unserer Geschichtswissenschaft erklären sich aus dem falschen Verhältnis von Genossen Historikern zu den Parteibeschlüssen. Von diesen Genossen werden Parteibeschlüsse sozusagen als Sache der Tagespolitik betrachtet und nicht als wissenschaftliche Dokumente, die auf neue Fragen des Klassenkampfes, auf neue Probleme des sozialistischen Aufbaus eine Antwort geben und die damit auch für die schöpferische wissenschaftliche Arbeit neue Probleme stellen und die Richtung weisen.“ 6
3 vgl. ebenda, S.342
4 ebenda, S. 344
5 Daß diese Machtübernahme vor allem auf Betreiben der Sowjetunion hin geschah und an der Mehrzahl der Arbeiter vorüber ging, wird im Text nicht berücksichtigt, da es für die Erklärung der Hervorhebung der Geschichte der Arbeiterklasse in der Forschung nur bedingt von Belang ist. Wichtiger ist hierbei das Selbstverständnis der SED-Führung.
6 Ulbricht, Walter: Zum „Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“. Referat auf der 16. Tagung des ZK der SED vom 26. Bis 28. Juni 1962. Dietz Verlag, Berlin (Ost), 1963, S.28f (im folgenden zitiert als Ulbricht: Referat 16.Tagung)
3
Arbeit zitieren:
Antje Krüger, 2000, Beschlossene Geschichte - Die Darstellung der Tätigkeit des ZK der KPD in Moskau während des Zweiten Weltkrieges in der DDR-Geschichtsschreibung, München, GRIN Verlag GmbH
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