Inhalt:
1. Einleitung 1
2. Sehnsucht und kontrastierende Symbolik im Werk Eichendorffs 3
2.1 Die „alte, schöne Zeit“ - Heimweh und Fernweh 10
2.2 Morgen, Morgenröte und Licht versus Nacht und Dunkelheit 14
2.3 Symbolik des Raumes und der Landschaft. 20
2.4 Die Polarität der Frauenfiguren 25
3. Ausblick 30
4. Quellen
4.
4.
1. Einleitung
„…und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“
Die einprägsame Zeile aus dem Gedicht Wünschelrute 1 des Spätromantikers Joseph von Eichendorff trifft dessen Leben und Werk im Kern und in der Seele: „Dieses schlafende Lied […] ist ja für Eichendorff die gesungene Paradiessprache, ist das Innerste, die Seele der Dinge.“ 2 Vor allem durch seine klaren und eindringlichen Gedichte erreicht Eichendorff die Menschen auch heute noch: Der wohl “unmittelbarste Zugang zu Eichendorff ist die Faszination seiner Lyrik. Es gibt kaum einen Dichter, der so leicht seelische Saiten in uns anrührt, der mit seinem vielberufenen Zauberwort Empfindungen, unbewusste Regungen weckt, der Wünsche und Einsichten wachzurufen, geheimnisvolle Schauer auszulösen vermag.“ 3 Der Dichter wird oft missverständlich oder vereinfacht interpretiert: Als Dichter des Vaterlandes, der Heimat und des Heimwehs hat er sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt, und nicht selten wird die Tatsache belächelt oder kritisiert, dass in seinen Gedichten, Erzählungen und Romanen immer dieselben Motive und Kontraste wiederkehren, aus denen seine Welt besteht: „Heimweh und Rückkehr […], ebenso wie Aufbruch und Fremde, Einsamkeit und Morgen, Wald, Frühling, Abendrot, Sehnsucht und Mondnacht, das Wandern und das Singen.“ 4 - Die aufgezählten Themen und Motive gehören unbestreitbar zum „lyrischen Generalrepertoire Eichendorffs.“ 5 , dennoch ist damit das Geheimnis um einen der bekanntesten Dichter der Romantik längst nicht gelöst. „Mit Eichendorffs Namen verbindet sich für viele die Vorstellung heiterer Landschaften, geheimnisvoller Dämmerungen und Nächte, beschwingter, sorgloser Menschengestalten, die sich in verwilderten Gärten leicht dahin und dorthin bewegen - oder auf großen Schiffen singend über einen Strom dahingleiten: Kinder einer zwar etwas ausschweifenden, aber im ganzen harmlos-unschädlichen poetischen Phantasie; verklärt vom Glück der gegenwärtigen Stunde, mitunter angerührt von süßer Wehmut; und wenn einer einmal durch ernstere Erschütterungen angefochten ist, so weiß jeder im Voraus: Das geht vorbei, und am Ende ist ‚alles, alles gut‘. […] Es galt lange als unfein und als Verstoß gegen die ästhetischen Spielregeln, sich durch Reflexion am Genuss dieser Sprache stören zu lassen oder gar nach der Befindlichkeit ihrer Botschaft zu
1 „Wünschelrute“. In: Joseph von Eichendorff. Gedichte. S.32.
2 Lüthi, Hans J.: Dichtung und Dichter bei Eichendorff. S.70.
3 Nehring, Wolfgang: Spätromantiker. S.76.
4 Koopmann, Helmut: Heimweh, Rückkehr. In: Interpretationen. Gedichte von Joseph von Eichendorff. S.50.
5 Ebd.
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fragen. Wenn wir uns etwas gründlicher auf das Werk Eichendorff einlassen, erkennen wir bald, dass dieses Bild nicht stimmt. Wir finden in seinen Versen und den Prosaarbeiten vielmehr Elemente von evozierender, ja gefährlicher Art; Stellen, in denen die Welt gar nicht ausgeglichen und gesichert erscheint, sondern brüchig und zweideutig.“ 6 Eichendorff war also entgegen aller Klischees und Vorurteile kein melancholischer, christlich verklärter Dichter der Heimat und des Volksliedes. Er kannte und fürchtete die Abgründe der menschlichen Seele sowie die triebhaften Instinkte, und strebte daher in seinem Werk immer zum Hellen und Klaren, fast könnte man dieses Streben als eine Art der Eigentherapie umschreiben. Dabei wird der Dichter getragen von der Sehnsucht nach dem zuvor bereits genannten Urzustand, einer universellen Geborgenheit der Seele: Wer sich auf Eichendorff einlässt wird bald feststellen, dass das Gefühl, welches vornehmlich durch die Eichendorffsche Lyrik am stärksten angesprochen wird, das der Sehnsucht ist. Das Werk des Dichters wird von einem unstillbaren Verlangen nach einem kaum fassbaren und kaum begreiflichen oder beschreibbaren Zustand getragen, und diese Sehnsucht, welche kaum ein Mensch explizit in Worte fassen kann und welche dennoch jedem Rezipienten der Gedichte und Erzählungen eindeutig verständlich ist, da jeder sie schon einmal gefühlt hat, ist es, welche den Kern des Eichendorffschen Geheimnisses ausmacht. Obwohl es weder eindeutig die Heimat, noch das Fernweh, noch die Kindheit oder eine Person ist, auf welche sich die dichterische Sehnsucht richtet, scheint es doch in vielen Fällen ein wenig von all dem zu sein. Der Dichter sehnt sich nach einem Urzustand, dessen Gefühl und Erinnerung in der Seele eines jeden Menschen gespeichert ist. Hans Lüthi spricht an dieser Stelle von der „irrationalen Seinserfahrung vom schlafenden Liede, dem Urgrunde aller Dinge“ 7 . Erstaunlicherweise begegnet dem Leser aber gerade im Werk Eichendorffs, welcher so sehr nach dem Einklang und dem „Urgrunde“ der Dinge strebte, eine starke Polarität: „Der gläubige, katholische Eichendorff Eichendorff [besaß] ein dualistisches, von christlichen Dichotomien geprägtes Weltbild […], das sich in Gegensatzpaaren wie Venus und Maria, Lebenslust und Melancholie, Wanderlust und Sesshaftigkeit, Heimat und Fremde fortsetzte.“ 8
Ziel dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, dass der Spätromantiker Eichendorff trotz der auffälligen Polarität seines Werkes letzten Endes nach Balance und Einheit strebte, nach eben diesem
6 Hajek, Siegfried: Der Wanderer, Der Philister, Der Scheiternde. Grundfiguren bei Eichendorff. S.42.
7 Lüthi, Hans J.: Dichtung und Dichter bei Joseph von Eichendorff. S.71.
8 Interpretationen. Gedichte von Joseph von Eichendorff. S.11‐12. 2
„Urgrunde“. Abschließend soll gezeigt werden, aus welchem Grund das Werk Eichendorffs trotz oder auch gerade durch die immer wiederkehrende Motivik seiner Lyrik und seiner Erzählungen und trotz der für den modernen Rezipienten oft nicht mehr zeitgemäßen Religiosität des Dichters auch noch im 21.Jahrhundert von großer Geltung ist.
2. Sehnsucht und kontrastierende Symbolik im Werk Eichendorffs
In unzähligen Gedichten und Erzählungen des deutschen Lyrikers und Schriftstellers Joseph von Eichendorff rauscht der Wald geheimnis- und verheißungsvoll und erregt die Tiefen der Seele seiner Figuren sowie die seiner Leser. „Es war als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst […]“ Diese sehnsuchtsvollen Zeilen beschreiben einen kurzen, herbeigesehnten Moment der Einheit zwischen den Gegensätzen, der Einheit von Himmel und Erde. Dieser Urzustand scheint der Ursprung aller Seelen zu sein, ihre Heimat, von der sie kommen und zu der sie nach dem Tode zurückkehren werden. Der Mensch, durch seine Körperlichkeit und sein Menschsein beschränkt, ist sich dieser Heimat nur ahnungsvoll bewusst, sie äußert sich durch eine scheinbar unerklärliche Sehnsucht. Am ehesten lässt sich diese Heimat wohl mit einer universellen Geborgenheit beschreiben, und die Sehnsucht nach der Heimat der Seele lässt sich implizit und explizit in jedem der eichendorffschen Werke wiederfinden. Daneben umfasst sein Werk ein ganzes Spektrum an Symbolen und Kontrasten, welche jedoch alle letzten Endes auf eine höhere Einheit hinweisen. Diese Symbole und Kontraste finden sich vor allem in der Natur, die eichendorffsche Welt besteht wird durch eine starke Verbindung zwischen der Natur und der menschlichen Seele charakterisiert. Die Natur besitzt wie der Mensch eine Seele, im Grunde handelt es sich um eine Seele, welche von Natur und Mensch geteilt wird. Daher ist die Verbindung Eichendorffs zur Natur keine Verbindung so wie sie Bauern vielleicht besitzen, keine rationale Verwurzelung mit dem Boden und dem Land, welches man bestellt und von dem man lebt und abhängig ist. Es handelt sich auch nicht um eine objektiv-wissenschaftliche Verbindung zur Natur, bei der der Mensch die Natur genau beobachtet und im Detail beschreibt, um sie erfassen zu können und ihre Vorgänge zu verstehen. Die Natur ist vielmehr wie eine magische Welt voller Zeichen, welche im Wechselspiel mit der Seele des Dichters liegen. Aus diesem Grunde wurde das Werk Eichendorffs und sein Sprachgebrauch in der Sekundärliteratur
3
oftmals als „Hieroglyphenschrift“ 9 bezeichnet, als eine Sprache voller magischer Zeichen und Symbole, eine Art Geheimsprache, die von der Natur ausgeht und von dem Dichter Eichendorff verstanden und gesprochen wird: „Im Lubowitzer Paradies fand die Seele des jungen Eichendorff die ihr gemäße Welt, die zauberhafte Natur antwortete dem fragenden, offenen Inneren des heranwachsenden Menschen, der in ununterbrochener Beziehung zu ihr stand, ihre Sprache verstand und ihre magischen Tiefen kannte. Die von den ersten Romantikern formulierte und geforderte Beziehung des Dichters zu der Natur besaß Eichendorff aus organischer Entwicklung und tiefem eigenem Erleben.“ 10 Wie kaum ein anderer besitzt der Dichter eine „innige Erlebnisfähigkeit und Naturverbundenheit.“ 11 Die Enge eines Zimmers oder Hauses bedeutet für den Dichter das Verharren und Eingeschlossen-Sein der Seele, die Weite der Berge, Wälder und Felder dagegen beflügeln ihn, immer wieder ist dies deutlich spürbar. Die Werke Eichendorffs sind von Figuren durchzogen sind, welche aus der Heimat in die Ferne ausziehen, welche sich nach der Ferne sehnen und von dort aus die Heimat vermissen: Die Heimat, der Ort an den ein Mensch gehört und mit dem er starke Emotionen verbindet, ist immer wieder Objekt der Eichendorffschen Sehnsucht. Auf das Heimweh und das Fernweh, welche untrennbar miteinander verbunden sind, wird in Kapitel 2.1 genauer eingegangen werden. Obwohl Eichendorff eine spürbare Liebe für das Helle und das Klare empfand, ist sich der Dichter durchaus bewusst, dass das Leben und die Seele auch ihre dunklen Seiten aufweisen. Seine Dichtung und sein gesamtes Werk werden gekennzeichnet von Gegensatzpaaren und oft scheinbar unversöhnlichen Kontrasten. Eichendorff scheint diese Kontraste immer wieder aufzuzeigen, um sie dann zu versöhnen, wie zum Beispiel in seinem bekannten Gedicht Mondnacht 12 , in dem ein „Kuss“, eine kurzer Moment der Vereinigung zwischen den Gegensatzpaaren Himmel und Erde herbeigesehnt wird. Der Himmel ist dabei das Erstrebenswerte, das Leben auf der Erde nur ein Zustand, welcher zwar auf der einen Seite genossen werden darf, auf der anderen Seite muss jedoch der Weg ins Paradies im Blick behalten werden. Nur wer sich nicht in Ichbezogenheit verliert oder einem irdischen Wahn wie Geld, Macht, Philistertum oder Schönheit verfällt, erlangt dieses erstrebenswerte Heil. Daher ist für Eichendorff die Entscheidung eines jeden Menschen für oder gegen das Heil sehr wichtig. Wer
9 Köhnke, Klaus: Hieroglyphenschrift.
10 Lüthi, Hans J.: Dichtung und Dichter bei Joseph von Eichendorff. S.67.
11 Sauter‐Bailliet, Theresia: Die Frauen im Werk Eichendorffs. S.122.
12 „Mondnacht“. In: Joseph von Eichendorff. Gedichte. S.83. 4
einem Zauber erliegt, der „Gefahr, in den Bann der Erde und der irdischen Schönheit zu geraten, ihnen zu huldigen anstatt sie zu läutern“ 13 , der ist verloren. Die Polarität und Kontrasthaftigkeit des Eichendorffschen Werkes mutet fast schon barock an: Eichendorff fühlt sich im Zusammenhang mit „jener katholischen Darstellung und Verklärung von Glauben und Kult durch die irdische Schönheit der Künste, wie sie im hohen Mittelalter zum ersten Mal voll ausgebildet war, und im Barock, der zeitlich ja noch nahe lag, noch einmal machtvoll aufblühte.“ 14 Auch im Barock dominierte der Gegensatz zwischen Leben und Tod, dem flüchtigen Leben auf der Erde und dem umso bedeutenderen Leben nach dem Tod. Waren im Barock jedoch die Welt und die Natur in all ihrer Schönheit zumeist schlicht ein Zustand, welcher überwunden werden musste, da er vergänglich ist, so ist bei Eichendorff die Natur ein Ort der Wunder und Geheimnisse, in dem sich die ganze Schönheit und Wahrheit der Welt und der Seele widerspiegeln: „Es entspricht Eichendorffs Naturverbundenheit und der romantischen Naturauffassung, wenn die Natur in allen ihren Äußerungsformen in Beziehung zum menschlichen Leben gesehen wird. So stößt man überall im romantischen Sprachgebrauch, selbst in theoretischen Abhandlungen, auf Bilder und Vergleiche aus dem Bereich der Natur.“ 15 Trotz aller Ruhe und allen Friedens, welche der Dichter durch die Natur zu empfinden vermag, scheinen ihn doch die Kontraste des Lebens einerseits zu beunruhigen und andererseits zu faszinieren. Sie sind es, welche ihn inspirieren, und deren Überwindung er immer wieder in seinen Werken beschreibt. Sie scheinen ihn zu einer Sehnsucht zu veranlassen, der Sehnsucht nach eben dieser Vereinigung, der Balance und dem inneren Einklang. Diese Sehnsucht ist es, welche seine Werke für viele Leser so ansprechend macht, denn sie scheint tief in der menschlichen Seele verankert zu sein: Der Glaube an und die Hoffnung auf einen Urzustand, in dem Natur und Seele, Diesseits und Jenseits, und alle denkbaren Gegenpole noch vereint waren. Daher stammt das unerklärbare Verlangen des Menschen nach Einssein und nach Jenseits, wie es in Eichendorffs Gedicht Mondnacht ausgedrückt wird. Immer wieder liegen gegensätzliche Pole in dem Werk des Dichters im Widerstreit, welche er jedoch mit aller Kraft auszugleichen versucht: „Man hat es „im Eichendorffschen Werk wohl mit Spannungen, sogar mit Gegensätzen zu tun, aber mit solchen, die letztlich auf eine Einheit zurückweisen.“ 16 Denn die Balance zu
13 Sauter‐Bailliet, Theresia: Die Frauen im Werk Eichendorffs. S.114.
14 Wehrli, René: Eichendorffs Erlebnis und Gestaltung der Sinnenwelt. S.53.
15 Ebd.
16 Schwarz, Peter Paul: Aurora. Zur romantischen Zeitstruktur bei Eichendorff. S.168. 5
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Viktoria Groepper, 2011, Sehnsucht und Symbolik bei Eichendorff, München, GRIN Verlag GmbH
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