Universit ät Rostock
Philosophische Fakultät
Institut für Germanistik
Hauptseminar : Entlehnungsvorgänge im Deutschen
Verfasser der Hausarbeit: Anna Hermann
Datum : 28.03.2011
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Lateinische Lehnwörter im Deutschen. 2
2.1 Entlehnungen zur Zeit des römischen Reiches (etwa 1. Jhd. v. Chr. bis 5. Jhd. n. Chr.) 3
2.2 Entlehnungen zur Zeit der Christianisierung (etwa 6. bis 9. Jhd.) 5
2.3 Entlehnungen zur Zeit des Humanismus (etwa 15. bis 16. Jhd.) 6
2.4 Entlehnungen zur Bildung von Kunstwörtern (vorwiegend 19. Jhd.) 7
3. Sprachpurismus in Deutschland. 9
3.1 Der Sprachpurist Joachim Heinrich Campe 10
3.1.1 Motive 11
3.1.2 Konzeption 12
4. Empirische Untersuchung 18
4.1 Textkorpus 18
4.2 Leitfragen und methodisches Vorgehen 19
4.3 Untersuchungsergebnisse. 21
4.4 Erklärung der Untersuchungsergebnisse 24
5. Fazit. 27
6. Literaturnachweis 28
6.1 Primärliteratur 28
6.2 Sekundärliteratur 28
Anhang 30
Zu 4.3: Untersuchungsergebnisse ohne eindeutigen lateinischen Ursprung. 30
Zu 30
Universität Rostock Philosophische Fakultät Institut für Germanistik Hauptseminar: Entlehnungsvorgänge im Deutschen Verfasser der Hausarbeit: Anna Hermann Datum: 28.03.2011
1. Einleitung
Der Sprachpurismus hat in Deutschland eine lange, programmatische Tradition, die sich bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Die einzelnen puristischen Konzeptionen unterscheiden sich dabei teilweise stark in ihrer Motivik und auch in der Behandlung fremdsprachlicher Lexeme. Diese Hausarbeit gibt am Beispiel von Joachim Heinrich Campe einen Einblick in die sprachpuristischen Bemühungen um lateinische Lehnwörter, die das Deutsche sowohl qualitativ als auch quantitativ im Vergleich zu anderen Gebersprachen am meisten beeinflusst haben. Dazu werden zunächst die einzelnen Entlehnungsschübe aus dem Lateinischen erläutert. Daran schließt sich eine Erklärung Campes sprachpuristischer Motive und seines Konzepts an. Daraufhin sollen durch eine stichprobenartige empirische Analyse, auf Grundlage von Campes Wörterbuch der deutschen Sprache, seine theoretischen Grundlagen innerhalb der praktischen Umsetzung überprüft werden. Der Fokus liegt dabei auf den Entlehnungen lateinischen Ursprungs. Auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse erfolgt dann eine kritische Bewertung Campes sprachpuristischer Konzeptionen.
1
Universität Rostock Philosophische Fakultät Institut für Germanistik Hauptseminar: Entlehnungsvorgänge im Deutschen Verfasser der Hausarbeit: Anna Hermann Datum: 28.03.2011
2. Lateinische Lehnwörter im Deutschen
In der Geschichte der deutschen Sprache besitzen Entlehnungen eine bedeutende Rolle. „Sie geben Auskunft über geistige, kulturelle, zivilisatorische, technische Beziehungen eines Volkes zu anderen Völkern“ (Schweikle 1987 2 : 226 f.).
Eine Möglichkeit der Wortschatzerweiterung durch Entlehnungen stellen die direkten Wortentlehnungen dar. Es wird zwischen Fremd- und Lehnwörtern unterschieden, wobei erstere die Lautung, Akzentuierung, Schreibung und Morphematik der Gebersprache weitgehend beibehalten. In der Regel wird nur die Flexion der Fremdwörter an das Deutsche angeglichen. Lehnwörter gehen aus Fremdwörtern hervor, sind allerdings so weit an die Nehmersprache angeglichen, dass ihr fremder Ursprung meist nicht mehr erkennbar ist (vgl. ebd.: 227).
Eine zweite Möglichkeit bilden die Lehnprägungen, bei denen im Gegensatz zu den Wortentlehnungen keine fremdsprachlichen Formative aus einer werden. 1 Gebersprache übernommen Bei der untergeordneten
Lehnbedeutung wird eine fremde Bedeutung an ein heimisches Formativ gebunden, ohne dieses zu verändern. Dem gegenüber steht die Lehnbildung, die in Lehnschöpfung und Lehnformung unterteilt wird. Bei ersterer werden neue Formative aus bereits vorhandenen, heimischen Morphemen gebildet, die dann die Bedeutung des Fremdwortes annehmen. Formal abhängiger sind die Lehnformungen, die Übersetzungen von Fremdwörtern darstellen. Während die Lehnübersetzungen eine Glied-für-Glied-Übersetzung unter der Berücksichtigung der deutschen Wortbildungsregeln bezeichnen, stellen die Lehnübertragungen lediglich eine Teil-Übersetzung dar, bei denen der nichtübersetzte Teil durch andere heimische Morpheme bzw. Lexeme ersetzt wird (vgl. ebd.: 232-234; Meibauer 2007 2 : 331).
Diachron betrachtet lassen sich bestimmte Entlehnungsphasen voneinander abgrenzen, in denen vermehrt Lexeme aus einer bestimmten Gebersprache in das Deutsche entlehnt wurden. Der lateinisch-deutsche Sprachkontakt wird dabei als der längste und intensivste beschrieben (vgl. Besch/Wolf 2009: 87). Bis heute existieren etwa 550 Wörter im Deutschen, die auf das Lateinische zurückgehen (vgl. Polenz 2009 10 : 14 f.). Besch/Wolf unterscheiden zwischen drei großen Kontaktperioden: Entlehnungen zur Zeit des römischen Imperiums, der Christianisierung und des Humanismus (vgl. Besch/Wolf 2009: 87 f.), wobei meiner Ansicht nach aber eine weitere Entlehnungsphase
1 Eine Übersicht über die verschiedenen Formen der Lehnprägungen ist bei Schweikle 1987 2 : 233 zu finden.
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ergänzt werden muss, nämlich die Bildung von Kunstwörtern mittels lateinischer Wörter bzw. Wortbestandteilen. Diese Phase geht zwar nicht auf einen direkten Kontakt beider Völker zurück, womit auch die Nichtberücksichtigung bei Besch/Wolf erklärt werden kann, hat aber bis heute eine große Bedeutung innerhalb des deutschen Wortschatzes und sollte daher nicht außer Acht gelassen werden.
Im Weiteren erfolgt eine chronologische Beschreibung der vier lateinischen Entlehnungsphasen. In Hinblick auf die spätere empirische Untersuchung werden dabei nur die lexikalischen Entlehnungen berücksichtigt.
2.1 Entlehnungen zur Zeit des römischen Reiches (etwa 1. Jhd. v. Chr. bis 5. Jhd. n. Chr.)
Die lateinischen Entlehnungen innerhalb dieser Phase gehen auf die engen Berührungen zwischen den Römern und Germanen „durch Handel, Gefangenschaft, Hilfsdienst oder Ansiedlung, vor allem im römischen Besatzungsgebiet Germaniens“ (Polenz 2009 10 : 14) zurück. Bereits vor der Zeitenwende standen das Nordalpenvorland und das linksrheinische Gebiet unter römischer Besatzung, ab dem 1. Jahrhundert nach Christus wurde auch das rechtsrheinische Gebiet von den Römern besetzt (vgl. Besch/Wolf 2009: 88). Dies führte zwangsweise auch zu einem gegenseitigen sprachlichen Austausch, wobei der Einfluss des Lateinischen auf das Germanische wesentlich größer als andersherum war (vgl. Polenz 2009 10 : 14). Dies resultiert aus einem Kulturgefälle zwischen beiden Völkern: Germanien kann im Vergleich zum römischen Reich als eine Art Entwicklungsland beschrieben werden, was zahlreiche Übernahmen römischer Sachkultur und der dazugehörigen Bezeichnungen zur Folge hatte (vgl. Besch/Wolf 2009: 88). Bis heute ist der lateinische Sprachkontakt innerhalb folgender Denotatsbereiche ersichtlich (vgl. ebd.: 88-90; Polenz 2009 10 : 15 f.):
Kriegswesen:
(1) lat. pilum nhd. Pfeil (2) lat. campus nhd. Kampf (3) lat. palus nhd. Pfahl Staats- und Rechtsleben: (4) lat. Caesar nhd. Kaiser (5) lat. carcer nhd. Kerker (6) vulgärlat. toloneum nhd. Zoll
Universität Rostock Philosophische Fakultät Institut für Germanistik Hauptseminar: Entlehnungsvorgänge im Deutschen Verfasser der Hausarbeit: Anna Hermann Datum: 28.03.2011 Handel: (7) lat. pondo nhd. Pfund (8) lat. moneta nhd. Münze (9) lat. cista nhd. Kiste Garten- und Weinbau: (10) lat. fructus nhd. Frucht (11) lat. vinum nhd. Wein (12) lat. ceresia nhd. Kirsche Hausbau: (13) lat. murus nhd. Mauer (14) lat. pilarium nhd. Pfeiler (15) lat. tegula nhd. Ziegel das Innere des Hauses: (16) lat. fenestra nhd. Fenster (17) lat. camera nhd. Kammer (18) lat. cocina nhd. Küche Monatsnamen: (19) lat. Martium nhd. März (20) lat. Julium nhd. Juli (21) lat. Septembrem nhd. September
Neben diesen direkten Wortentlehnungen sind in jener Phase auch Lehnübersetzungen feststellbar: Wochentagsbezeichnungen:
(22) lat. Jovis dies (nach römischen Gott Jupiter) nhd. Donnerstag (nach germanischen Gott Donar)
Eine Vielzahl der lateinischen Entlehnungen dieser Phase lassen sich relativ sicher diesem Entlehnungsschub zuordnen. Zum einen sind die Denotatsbereiche ein grundlegendes Indiz, zum anderen aber auch das Faktum, dass durch Lautveränderungen in der Nehmersprache Rückschlüsse auf das Alter der Entlehnungen möglich sind. So wird die zweite Lautverschiebung im Deutschen auf das sechste bis siebte Jahrhundert datiert. Demnach müssen zuvor entlehnte Wörter von der Lautverschiebung betroffen sein, später entlehnte nicht (vgl. Besch/Wolf 2009: 93). Die Beispiele (1), (3), (7), (8), (14) und (15) weisen Merkmale der zweiten Lautverschiebung
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auf und müssen daher vor dem sechsten bzw. siebten Jahrhundert entlehnt worden sein. Während bei
Pfeil, Pfahl, Pfund
und
Pfeiler
das im Wortanlaut zu
2.2 Entlehnungen zur Zeit der Christianisierung (etwa 6. bis 9. Jhd.)
Diese Entlehnungsphase geht auf die Zeit der Missionierung der germanischen Stämme in Mitteleuropa durch die Römer zurück. Aus dieser Situation gingen im Dienste der Kirche die ersten schriftlichen Notierungen in der heimischen Sprache hervor, die als „Beobachtungsbasis für die Auswirkungen
Stammesdialekten“ deutschschreibenden Mönche setzten sich zu jener Zeit mit dem lateinischen Wortschatz und dem christlichen Weltbild auseinander (vgl. Polenz 2009 10 : 37). So entstanden zum einen Hilfsmittel zum Verständnis von Latein, wie Glossen und kleine Wörterbücher, zum anderen aber auch Hauptstücke der christlichen Lehre, wie das Vaterunser, das Credo und erste kleine Übersetzungen der lateinischen Bibel (vgl. Besch/Wolf 2009, 91). Zumindest auf fachsprachlicher Ebene erfolgten die ersten Schritte des sprachinhaltlichen Hineinwachsens der deutschen Sprache in die antike Geisteswelt. Man kann diese Phase sogar als „ein[en] erste[n], fruchtbare[n] Anfang deutscher Wissenschaftssprache“ (Polenz 2009 10 : 38) verstehen. Die Anzahl der direkten Wortentlehnungen innerhalb dieser Entlehnungsphase im Vergleich zur Vorangegangenen ist eher gering und lässt sich grob auf folgenden Denotatsbereich beschränken (vgl. ebd.:37; Besch/Wolf 2009: 93): äußerliche Sachbereiche des kirchlichen Lebens: (23) mlat. clostrum nhd. Kloster (24) lat. schola nhd. Schule (25) lat. scribere nhd. schreiben
Die Entlehnungen aus dieser Phase weisen kaum noch Merkmale der zweiten Lautverschiebung auf und falls doch, so sind diese Lexeme den Anfängen dieser Kontaktperiode zuzuordnen. Neben diesen Wortschatzerweiterungen sind vermehrt Wortschatzumdeutungen durch Lehnprägungen nach lateinischem Vorbild festzustellen (vgl. Polenz 2009 10 : 36 f.):
Universität Rostock Philosophische Fakultät Institut für Germanistik Hauptseminar: Entlehnungsvorgänge im Deutschen Verfasser der Hausarbeit: Anna Hermann Datum: 28.03.2011 Heilslehre und Glaubensleben:
(26) lat. superfluitas nhd. Überfluss (= Lehnübersetzung) (27) lat. oboedientia nhd. Gehorsam (= Lehnübertragung) (28) lat. deus nhd. Gott (= Lehnbedeutung 2 )
Häufig traten bei der Übertragung des christlichen Inhalts der lateinischen Wörter auf die heimischen Lexeme Schwierigkeiten auf, weshalb oftmals von den Mönchen unterschiedliche Lehnprägungen für ein und denselben Zeicheninhalt realisiert wurden. So waren bereits in mittelhochdeutscher Zeit nur noch ein Drittel der Lehnprägungen aus dieser Kontaktperiode vorhanden (vgl. ebd.: 38).
2.3 Entlehnungen zur Zeit des Humanismus (etwa 15. bis 16. Jhd.)
Ab dem 13. Jahrhundert erfolgte eine Zurückdrängung des Lateinischen als Gebersprache - meist in kleineren Schritten, gelegentlich auch in größeren Schüben (vgl. Besch/Wolf 2009: 73). Die Zeit des Humanismus kann allerdings als eine „Wiederentdeckung und Wiederbelebung antiker Sprache und Kultur“ (ebd.: 94) verstanden werden.
Der Humanismus im engeren Sinne bezeichnet eine Epoche der philologischkulturell-wissenschaftlichen Bewegung. Die christliche Lebensgestaltung wird zu jener Zeit zurückgedrängt, an ihre Stelle treten die antike Philosophie, Literatur und Kultur. Nach den Vereinfachungen und Vergröberungen des Mittelalters tritt unter Vernachlässigung der Muttersprache die klassisch-antike Sprachform des Lateins und des Griechischen in den Vordergrund. Die deutsche Sprache wird mit dem antiken Vorbild verglichen und dahingehend verbessert (vgl. ebd.: 93 f.). Latein gilt „als Sprache der neuen weltlichen Bildung“ (Polenz 2009 10 : 87) und erlangt auf diese Weise eine kulturelle Vorherrschaft innerhalb des geistigen Lebens, vor allem im Bereich der Wissenschaften und des Rechtwesens. 3 Dies führte so weit, dass auch in der mündlichen Rede der Gelehrten eine lateinisch-deutsche Mischsprache entstand (vgl. ebd.: 88).
Die Entlehnungen sind vorwiegend direkte Wortentlehnungen und lassen sich folgenden Denotatsbereichen zuordnen (vgl. Besch/Wolf 2009: 94 f.):
2 Zur Erklärung: Die frühere Bezeichnung Gott implizierte Polytheismus und ein neutrales Geschlecht.
3 So erfolgte beispielsweise die Lehre in den deutschen Universitäten erst ab 1687 auf Deutsch, zuvor auf Latein (vgl. ebd.).
Universität Rostock Philosophische Fakultät Institut für Germanistik Hauptseminar: Entlehnungsvorgänge im Deutschen Verfasser der Hausarbeit: Anna Hermann Datum: 28.03.2011 „Höhere Schule“ und Universität: (29) lat. censura nhd. Zensur (30) lat. professor nhd. Professor (31) lat. matricula nhd. Matrikel Staatswesen: (35) mlat. monarcha nhd. Monarch (36) lat. aristocratia nhd. Aristokratie (37) lat. democratia nhd. Demokratie Rechtssprache: (38) lat. actus nhd. Akte (39) lat. iurista nhd. Jurist (40) lat. arrestum nhd. Arrest verschiedene Fachwortschätze: (41) lat. octavus nhd. Oktave (42) lat. dissonantia nhd. Dissonanz (43) lat. multiplicare nhd. multiplizieren
Wie an den Beispielen ersichtlich ist, wurden die Lehnwörter im Gegensatz zu den früheren Kontaktphasen kaum an das Deutsche assimiliert. Es liegt also nicht nur ein Sprachkontakt, sondern ebenso eine Sprachadaption vor (vgl. ebd.: 95).
2.4 Entlehnungen zur Bildung von Kunstwörtern (vorwiegend 19. Jhd.)
Auch nach der Phase des Humanismus, zu einer Zeit, in der das Deutsche bereits als Gelehrtensprache etabliert ist, kommt dem Lateinischen dennoch eine große Bedeutung zu: So werden nämlich lateinische Wörter bzw. Wortbestandteile genutzt, um Internationalismen zu bilden. Diese haben „infolge ihrer Verwendung in mehreren Sprachen einen übernationalen Charakter“ (Heller 1966: 35), indem sie sich in ihrer Bedeutung und dem Formativ gleichen bzw. ähneln. 4 Sie sind also Ausdruck der internationalen
4 Volmert verweist darauf, dass unter einer gleichen Bedeutung keine vollständige Synonymie zu verstehen ist. Vielmehr ist ein äquivalentes Semem - ein Intersemem - von Bedeutung, um von einem Internationalismus sprechen zu können. In wie vielen Sprachen ein Internationalismus vorhanden sein muss, um als solcher zu
Arbeit zitieren:
Anna Hermann, 2011, Sprachpuristische Bemühungen um lateinische Lehnwörter im Deutschen am Bsp. von Joachim Heinrich Campes "Wörterbuch der deutschen Sprache", München, GRIN Verlag GmbH
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