unter Berücksichtigung heutiger Erkenntnisse sind und ob sie eventuell heute anders gedeutet werden können. Als Ausgangsthese steht die Behauptung im Raum, Graciáns Ansichten im Discreto seien auf die heutige Zeit nicht mehr übertragbar, da die moderne Verhaltensforschung seine Beobachtungen widerlege oder zumindest in erheblichem Maße einschränke, so dass man diese umdeuten muss. Es steht dabei also vor allem die Frage der Aktualität und des Nutzens Graciáns Ansichten in der modernen Welt im Mittelpunkt. Die Frage, ob diese These tatsächlich zutrifft, soll nach der Analyse in der Zusammenfassung der Ergebnisse beantwortet werden. Natürlich muss dabei immer der historische Kontext berücksichtigt werden, der einen Vergleich schwer macht und eine Wertung ausschließt. Nach einer kurzen Vorstellung des behandelten Werkes Graciáns erfolgt zunächst eine Auflistung der wichtigsten betreffenden Stellen des Discreto anhand von konkreten Zitaten, die Graciáns Ansichten zu angeborenen und erlernbaren Verhaltensweisen verdeutlichen und in Bezug setzen. Dabei wird deutlich gezeigt, welche Faktoren er als angeboren und welche als für jeden erlernbar ansieht, welche Voraussetzungen jeweils gegeben sein müssen und welche Umstände den Entwicklungsprozess eines Menschen beeinflussen. Anschließend erfolgt ein Einblick in die Ergebnisse moderner Verhaltensforschung, der sich allerdings nur auf das Wesentliche beschränken wird und einige Grundlagen erläutert. Besonders wird die Problematik der sogenannten „Anlage-Umwelt“ Debatte aufgezeigt, anhand der ein Vergleich zu Graciáns Standpunkten vollzogen werden kann. Die Ergebnisse dieser beiden Teile werden dann miteinander verglichen und es werden eventuelle Unterschiede oder Übereinstimmungen herausgearbeitet. Mit Hilfe dieser gewonnenen Erkenntnisse ist dann eine Beantwortung der Ausgangsthese möglich, die in einer abschließenden Zusammenfassung realisiert wird.
1.2 Vorstellung des El Discreto
Im Jahre 1646 veröffentlicht der Jesuit Baltasar Gracián sein Werk El Discreto, das zunächst unter dem Titel “El Varón Discreto“ (Batllori, Baltasar Gracián en su vida y en sus obras, S.119) erschien und sich aus insgesamt 25 einzelnen “realces“ (Batllori, Baltasar Gracián en su vida y en sus obras, S.122) zusammensetzt, die Miguel Batllori thematisch in folgende Untergruppen einteilt. Zum einen gäbe es diejenigen, welche von persönlichen Eigenschaften handelten, dann diejenigen, die sich mit den sozialen Eigenschaften beschäftigten und schließlich die “realces“, die negative Eigenschaften vorstellten, die es zu vermeiden gilt.
Lediglich die letzten drei “realces“ könne man nicht in eine dieser Gruppen einteilen, da sie eigene, nicht verallgemeinerbare Themen behandelten (Batllori, Baltasar Gracián en su vida y en sus obras, S.122). Generell soll Gracián das Discreto als eine Einteilung seiner eigenen Lebensreise in drei Abschnitte gesehen haben. Es gäbe den ersten Abschnitt, in dem mit den Toten geredet würde, den zweiten, der dazu genutzt würde mit den Lebenden zu sprechen und letztlich den dritten Abschnitt, der dazu verwendet würde, mit sich selber zu sprechen. In genau diesem letzten Abschnitt habe Gracián sich laut eigener Aussage befunden (Batllori, Baltasar Gracián en su vida y en sus obras, S.119). Graciáns Werk zielt im Wesentlichen darauf ab, den vollkommenen Menschen darzustellen, mit “Discreto“ ist jedoch nicht der Held im Allgemeinen gemeint, sondern speziell der höfische, soziale Held (Batllori, Baltasar Gracián en su vida y en sus obras, S.120). Gracián gibt in gewisser Weise Anleitungen zur Erlangung der Vollkommenheit und nennt die Verhaltensweisen, die es zu beachten und einzuhalten gilt. So nennt Ángel Ferrari Graciáns Werk “producto de la sindéresis” (Batllori, Baltasar Gracián en su vida y en sus obras, S.120), ein Buch also, das das Produkt der Vernunft darstelle.
2. Graciáns Ansichten und die moderne Verhaltensforschung
2.1 Naturgegebene Eigenschaften und selbstbestimmtes Handeln bei Gracián - konkrete
Textbeispiele
In seinem Werk El Discreto stellt Baltasar Gracián, wie bereits erwähnt die Eigenschaften des vollkommenen Menschen dar. An zahlreichen Stellen stellt sich dabei allerdings die Frage, welche dieser Eigenschaften laut Gracián bereits angeboren und von Natur aus festgelegt und welche dagegen erlernbar sind und sich durch gezielte Einübung erwerben lassen. Zunächst fällt bei der Lektüre des El Discreto auf, dass für Gracián viele Faktoren notwendig sind, um Vollkommenheit zu erlangen. Einige, gewisse Punkte sind dabei bei jedem Menschen von Natur aus festgelegt, wodurch verschiedene Menschen auch verschiedene Voraussetzungen besitzen, Vollkommenheit zu erlangen. Unter anderem stellt Gracián in Realce II, “Del Señorío en el decir y en el hacer“, fest, dass es eine gewisse natürliche Überlegenheit gäbe, die “natural superioridad que señalamos por singular realce al Héroe“ (Gracián, El Discreto, S.244) , die beispielsweise ein Held besitze. An diesem Punkt wird zum ersten Mal deutlich, dass Gracián durchaus eine Unterscheidung macht, zwischen erlernbaren Fähigkeiten und
angeborenen Eigenschaften. Diese Beobachtung kann man an vielen Stellen seines Werkes verfolgen, unter anderem auch gegen Ende des Buches, wenn er schreibt “Hay hombres de todos géneros, unos para primeros y otros para segundos“ (Gracián, El Discreto, S.330). Explizit weist er hier darauf hin, dass es geborene Siegertypen gäbe, die durch die Natur dazu bestimmt worden seien, die Ersten zu sein. Dieser Eindruck verstärkt sich im weiteren Verlauf der Lektüre, Gracián erwähnt in Realce 15, dass einige Personen immer richtig handeln würden, ohne darüber im Vorfeld nachdenken zu müssen, während Anderen, trotz der Anstrengung ihres Geistes, Nichts gut gelinge (Gracián, El Discreto, S.301). Es scheint so, als sähe Gracián diese verschiedenen Voraussetzungen als durch die Natur festgelegt an, was er an späterer Stelle auch explizit so benennt. In Realce 18, “De la cultura y aliño“, fällt in diesem Zusammenhang der Satz “Hállanse hombres naturalmente aliñados, en quienes parece que el aseo no es cuidado, sino fuerza;“ auf (Gracián, El Discreto, S.319). Hier beschreibt Gracián ganz präzise, dass es Menschen gäbe, die von Natur aus bereits so veranlagt seien, dass sie eines Tages zwangsläufig Vollkommenheit erlangen würden. Mit dem Ausdruck “naturalmente“ betont er sogar noch einmal in aller Deutlichkeit, dass diese Eigenschaft eine angeborene sei. Eine wichtige Rolle in Graciáns Überlegungen zur Erlangung der Vollkommenheit spielt außerdem der Zeitfaktor. Die Zeit habe, so Gracián, Einfluss auf die Entwicklung jedes Menschen, nur sei der Fortschritt individuell. Während Einige sich sehr schnell weiterentwickelten, seien Andere so veranlagt, dass sie nie gänzlich vollkommen werden könnten: “El mal es que algunos nunca llegan a estar del todo hechos, ni llegarán jamás a ser cabales“ (Gracián, El Discreto, S.312.). Gracián sieht also für jeden Menschen ein gewisses Entwicklungspotenzial, entscheidend für die Schnelligkeit und Intensität des Fortschrittes sind aber scheinbar Voraussetzungen, die jedem Einzelnen von Natur aus mitgegeben wurden.
Für Gracián gilt es als sicher, dass, je nach Persönlichkeit des Menschen, verschieden lange Zeitspannen zur Erlangung der Vollkommenheit anfallen, heißt es doch anschließend “También tengo observado que anda muy desigual el tiempo en hacer los sujetos“ (Gracián, El Discreto, S.313). Auch hier finden wir also wieder ein Merkmal dafür, dass Gracián es als erwiesen ansieht, dass durch eigene Initiative des Menschen zwar ein Fortschritt erreicht werden könne, dieser jedoch stark abhängig von der angeborenen Entwicklungsfähigkeit des Einzelnen sei. Diese These Graciáns wird dann in Realce 21 noch einmal verdeutlicht und in anderer Form dargestellt. Sinngemäß heißt es hier, dass die Intelligenz eines Menschen eine entscheidende Rolle dabei spiele, etwas Bestimmtes zu erreichen: “Tanto necesita la
Arbeit zitieren:
Daniel Schiller, 2010, Erlernte und angeborene Fähigkeiten in Graciáns "El Discreto" – Ein Vergleich zu aktuellen Standpunkten der Verhaltensforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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