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1. Einleitung
Am 25. März 2010 kam das Drama „Remember Me“ unter der Regie von Allen Coulter in die deutschen Kinos. Er handelt von dem 21-jährigen Tyler Hawkins, der an der New York University studiert. Den Selbstmord seines älteren Bruders, an dem er seinem erfolgreichen Vater Charles die Schuld gibt, kann er nicht verkraften. Tyler trifft auf Ally Craig, eine Kommilitonin aus bürgerlichem Haus, die bereits mit 11 Jahren ihre Mutter auf grausame Weise verlor und seither unter dem Schutz ihres Vaters Neil steht, der als Polizist arbeitet. Nach anfänglichen Widerständen verlieben sich beide ineinander, doch ihr aufblühendes Glück soll bald auf tragische Weise erschüttert werden.
Die Intention der vorliegenden Arbeit liegt in der Darstellung der Entwicklung der Protagonisten Tyler und Ally, welche geprägt von ihrer Vergangenheit eine selbstbestimmte Wandlung durchleben, von sich wieder und wieder mit ihrem Schmerz Quälenden und nach dem Sinn des Lebens Suchenden, hin zu mutigen jungen Menschen, die die Bedeutung des Zitats „Fast alles was du tust, ist letzten Endes unwichtig, aber es ist sehr wichtig, dass du es tust“ für sich vollziehen. Die Entwicklung der Figuren wird schließlich in stufenweiser Darstellung, unter Zuhilfenahme des Dramaturgie Modells von Michaela Krützen, erfolgen. Die Figurenanalyse dient dabei den formalen Gesichtspunkten wie Charakterisierung, Figurentypen und Rollen, Casting und Setting, dem Herstellen von Bezügen der inneren Gefühle und Empfindungen der Figuren sowie der äußeren Einflüsse, denen sich die Protagonisten ausgesetzt sehen und die oft im Kontrast zur inneren Empfindsamkeit stehen. Schließlich müssen und werden diese Widerstände durch die Zusammenführung der Protagonisten überwunden. Diese Arbeit thematisiert ebenso die zum Gesamtverständnis nötigen Analysen der Handlung sowie der Bauformen und die genrespezifischen Aspekte des Films. 2. Die Entwicklung der Protagonisten Tyler Hawkins und Ally Craig Die Gesamtdarstellung der Entwicklung der Hauptfiguren erfolgt unter fortlaufendem Bezug zu den Nebenfiguren, um die Komplexität der einzelnen Beziehungsgefüge, welche sich stark auf die vergangenen und - bis zum Eintritt der Wende - gegenwärtigen Handlungen auswirken, zu verdeutlichen. Mit dem Eintritt der Wende wechselt auch die Wirkung von Nebenfiguren auf die
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Handlung der Protagonisten, welche mit ihren neuen Erkenntnissen nun diejenigen werden, die die zukünftigen Handlungen der Nebenfiguren, allen voran Charles und Neil - den Vätern von Tyler und Ally - und Caroline, Tylers jüngerer Schwester, bestimmen.
2.1 Die Ausgangssituation der Protagonisten
Das Opening des Films beginnt mit einem Sprung in das Jahr 1991. Die damals elf Jahre alte Ally Craig ist mit ihrer Mutter an einer New Yorker U-Bahnstation in Brooklyn, als die beiden von zwei bewaffneten Männern ausgeraubt und Allys Mutter vor ihren Augen erschossen wird. In der Folge wird der Zuschauer an den nächsten und bleibenden Handlungsort geführt, in das Jahr 2001. Bereits der erste Auftritt der Protagonisten dient ihrer Charakterisierung. Tyler und Ally charakterisieren sich selbst als diejenigen, die sie zu sein vorgeben, das heißt: durch ihr Verhalten und ihr normales Auftreten, welches jeder andere Mensch im alltäglichen Leben ebenfalls so zeigen würde. Diese Art der Darstellung, die sog. Selbstcharakterisierung, ermöglicht es dem Publikum sich selbst ein Urteil über die Handelnden zu bilden. Gleichzeitig dienen die Rollen auch der Zuordnung von sozialen Verhaltensschemata. 1 Tyler seinerseits ist sowohl chaotisch, was bereits die erste Vorstellung seiner Person, mit der Darstellung der heruntergekommenen Wohnung, seiner Gleichgültigkeit bezüglich der Beantwortung des Telefonats, denn er fällt mit Zigarette und Bier durch das Fenster in die Wohnung als auch rebellisch. Dies zeigt sich vor allem im Umgang mit seinem Vater, den er als Einzigen auf dem Friedhof nicht begrüßt. Sein Vater Charles seinerseits verkörpert perfekt die typische Rolle des erfolgreichen Anwalts, der, nach den Empfindungen seiner Kinder, die Arbeit seiner Familie vorzieht. Caroline versteht nicht, warum ihr Vater ihr nicht zuhören will, was sie Tyler gegenüber äußert [11.30 min]. Auch Tyler missversteht seinen Vater. Die Vater-Sohn-Problematik ist entscheidend für die Entwicklung Tylers, schließlich löst sie seine Lebenskrise aus. Tyler ist sehr gefühlsbetont, noch 6 Jahre nach dem Freitod seines Bruders Michael geht er in das Schnellrestaurant, welches er stets mit ihm zu besuchen pflegte und notiert seine Gedanken als Monologe an Michael in ein Tagebuch. Darin äußert er sich zu einer griechischen Sage, welche Michael ihm einst erzählte [23.15 min]. In dieser verbannte ein griechischer Gott seine Kinder in die
1 Vgl. FAULSTICH, W.: Grundkurs Filmanalyse, München 2002. S. 97f.
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Unterwelt, woraufhin sein jüngster Sohn ihn mit einer Sichel kastrierte. Tyler beschreibt die Sage als drastisch und doch ist sie für ihn selbst nachvollziehbar. Das Missverstehen von Vater und Sohn kann bereits am Verständnis Tylers für die griechische Sage festgeschrieben werden. Charles als Gott, der alles hat und eine heile Welt für seine Kinder bietet, die er plötzlich zum Einsturz bringt und seine Kinder damit metaphorisch betrachtet in die Unterwelt schickt. Daraus geht zweifelsfrei hervor wie konträr Tylers Empfindungen zu denen seines Vaters sind. Dem Wohlstand, dem Chauffeur, der luxuriösen Villa hat er sich entzogen und sich für ein Leben in Brooklyn, einem Arbeiterstadtteil von New York entschieden. In seinem ersten Gespräch mit Ally [28.00 min] beschreibt er sich selbst als „unentschlossen“, denn er besucht zwar Kurse an der Universität ist aber nicht für ein Studium eingeschrieben. Seine Rebellion gegen das von seinem Vater vorgegebene Leben resultiert vor allem aus der Abneigung gegen dieses, so wendet sich Tyler gegen den tendenziellen Materialismus und die daraus resultierende „heile Welt“, die für ihn mit dem Tod seines Bruders eingestürzt ist. Diese bewusste Abwendung und Abneigung verkörpert Tyler in seinem Lebensstil, seiner Wohnung, seinen Fortbewegungsmöglichkeiten - er hat selbst kein Auto - und seinem beruflichen Streben, lediglich als Gasthörer an der Universität teilzunehmen. Tyler gibt Charles und seinem Lebensstil die Schuld am Tod von Michael, er denkt er habe ihn dazu getrieben, er habe zu wenig Zeit mit ihnen verbracht, sei nicht tatsächlich für die Familie dagewesen und habe seine berufliche Karriere immer über das Wohl der Familie gestellt, welches in Äußerungen wie „…du bist auf so tragische Weise blind, dass der Rest deiner Kinder sich sicher auch erhängt, ohne dass du es mitbekommst“ [71.30 min] deutlich wird. Die These, dass Tyler Charles und seinem Lebensstil die Schuld am Freitod seines Bruder an dessen 22. Geburtstag gibt, wird ferner dadurch gestützt, dass Tyler Ally gegenüber diesen in Zusammenhang mit dem beruflichen Einstieg Michaels in die Kanzlei des Vaters und damit die Aufgabe seiner musikalischen Ambitionen bringt. Tyler: „Er hat sich umgebracht.“ Ally: „Wann?“ Tyler: „An seinem 22. Hatte gerade erst bei meinem Vater angefangen.“ Ally: „Ich dachte er war Musiker.“ Tyler: „Ja, das war er. Aber damit hat er kein Geld verdient. Mein Dad ist recht durchsetzungsfähig“ [44.20min]. All dies führt schließlich zu Tylers widersprüchlicher Persönlichkeit, unrasiert und ungepflegt, aber intelligent lebt er als verlorener Gasthörer in Brooklyn. Zumindest durch seine Gasthörerschaft an
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der Universität verschließt er sich nicht gänzlich dem elitären Kreis, was konträr zum verbleibenden Teil seiner Persönlichkeitsmerkmale betrachtet werden kann. Noch im Rahmen seiner Selbstcharakterisierung wird Ally zum zweiten Mal in die Handlung eingeführt. Nach dem ersten Blick auf sie als Kind entsteht nun ein genaueres Bild von ihr. Als engagierte junge Frau, die sich in ihrem Studium durch aktive Mitarbeit auszeichnet, fällt sie auch Tyler das erste Mal ins Auge [11.00 min]. Sie stammt aus bürgerlichem Hause. Neil, ihr Vater, beschützt seine Tochter so gut er nur kann, er fährt sie stets zur Universität, selbst wenn dies unnötig wäre und gibt ihr Geld für das Taxi. Er kontrolliert seine Tochter, was sicher geprägt durch seinen Beruf als Polizist und den Mord an seiner Frau verursacht wurde. Ally ist ihrerseits geprägt durch den Schicksalsschlag ihrer Kindheit, so fährt sie seither nicht mehr U-Bahn und geht mit sozialen Kontakten recht sparsam um. Der extremen Fürsorge ihres Vaters hat Ally sich unterworfen. Tyler hat es schwer sie für sich zu gewinnen, erst will sie nicht einmal mit ihm reden [28.00 min], dann nicht mit ihm ausgehen [31.00 min] und auch seinen Abschiedskuss verschmäht sie, zumindest zunächst [37.00 min]. Das Verhalten Allys kann durchaus als Weigerung verstanden werden. Die Protagonistin will die Person, die sie ändern wird, nicht in ihr Leben lassen und damit das Abenteuer nicht antreten. 2 Es lässt sich konstatieren, dass sich beide Hauptfiguren in einen Mangel, resultierend aus dem Tod des Bruders bzw. der Mutter, befinden und durch das unterschiedlich ausgeprägte, wie auch gegensätzliche Fehlverhalten ihrer Väter, verbleiben. Die Arten der Bewältigung des Mangels unterscheiden sich jedoch bei Tyler und Ally. Er erkennt und formuliert die Missstände, ohne sich tatsächlich in die Position zu begeben, um diese zu ändern „Michael, du weißt welcher Tag mir bevorsteht. (…) Du meintest mal, Fingerabdrücke, die man auf den Seelen anderer hinterlässt, verblassen nicht. Gilt das für jeden, oder war es nur poetischer Scheiß?“ [9.40 min], während sie ihr Bedürfnis nach Veränderung zu verdrängen versucht, indem sie beispielsweise Tyler gegenüber zunächst sehr ablehnend gegenüber steht. 3 Einen Großteil ihrer Freizeit verbringt sie vermutlich mit ihrem Vater. Es ist zu sehen, wie Ally zu Hause ist und ihren Abend mit Neil plant [31.00 min]. Es gibt noch zahlreiche andere Ausschnitte, in
2 Vgl. KRÜTZEN, M.: Die Dramaturgie des Films, Frankfurt am Main 2006. S. 166.
3 Ebd. S. 141.
Arbeit zitieren:
Katja Neumann, 2010, Untersuchungen zur Entwicklung der Figuren im Drama „Remember Me“ , München, GRIN Verlag GmbH
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