Der Autor
Michel Beger, Jahrgang 1986, studiert im Rahmen seiner Laufbahnausbildung als Offizier in der Bundeswehr an der Helmut-Schmidt-Universität/ Universität der Bundeswehr Hamburg Bildungs- und Erziehungswissenschaften mit den Studienschwerpunkten Berufspädagogik, Personalmanagement und Soziologie.
Danksagung
Danken möchte ich vor allem Prof. Arnd-Michael Nohl und Dr. Ulrike Selma Ofner, die mich besonders bei der strukturellen und analytischen Arbeit berieten und mir zur Seite standen. Ein besonderer Dank gilt Beatrix Hösterey, Leiterin der Interkulturellen Bildung Hamburg e.V., und ihren Mitarbeiterinnen Dr. Renate Morell und Monika Siegert, welche mir die Kontakte zu den Interviewpartnern möglich machten.
Zuletzt danke ich natürlich den Interviewpartnern selbst, ohne deren Unterstützung und Engagement diese Arbeit nicht zustande gekommen wäre. An dieser Stelle auch großen Respekt für ihren Mut, sich trotz teilweise erheblicher deutschsprachlicher Schwierigkeiten einem deutschen Interview zu stellen.
INHALTSVERZEICHNIS
1. ZUR EINFÜHRUNG 5
2. IMMIGRATION UND ARBEITSMARKT IN DEUTSCHLAND UNTER
SPRACHTHEORETISCHEN BEDINGUNGEN 6
2.1. Arbeitsmigration und „Gastarbeiterdeutsch“ 6
2.2. Sprachtheoretische Grundlagen unter individuellen und
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen 11
3. STAND DER FORSCHUNG 19
4. FELDFORSCHUNG 23
4.1. Die interviewten MigrantInnen 23
4.2. Das narrativ fundierte Interview: theoretische Grundlagen und
praktische Herausforderungen im Umgang mit MigrantInnen 27
4.3. Die dokumentarische Methode 29
5. ERFAHRUNGEN MIT DER DEUTSCHEN SPRACHE AUF DEM
ARBEITSMARKT 31
5.1. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt - oder „Ich hatte mit dem Meister
erst mit Handzeichen kommuniziert dan hat er langsam erzählt“ 31
5.2. Rechtliche Exklusion bei der Nicht-Anerkennung des
ausl ändischen Bildungstitels - oder „ohne wenn und aber
mindestens Deutsch C2“ 34
5.3. Der sprachliche Umgang in interkulturellen Arbeitsgesprächen -
oder „Ich verstehe nicht, können Sie nochmal sagen?“ 37
5.4. Klassifizierung und Diskriminierung - oder „Sie hat mich so richtig
zur Schnecke gemacht“ 42
5.5. Die Kompensation von sprachlichen Fähigkeiten durch fachliche
Kompetenzen - oder „Manchmal ist es auch nicht nur das
Verstehen“ 48
5.6. Abschließende Betrachtung 54
6. FAZIT UND AUSBLICK 57
7. LITERATURVERZEICHNIS 59
8. ANHANG 62
9. SELBSTÄNDIGKEITSERKLÄRUNG GEMÄß DER PRÜFUNGSORDNUNG 63
4
1. ZUR EINFÜHRUNG
Menschen mit Migrationshintergrund besitzen auf dem Arbeitsmarkt enorme immer öfter thematisierte Schwierigkeiten, wie die rückläufige Ausbildungsbeteiligung oder erhöhte Arbeitslosenzahlen zeigen. Doch zeichnen sich solche Probleme nicht unbedingt nur vor dem Horizont einzelner Ursachen ab. Sie unterliegen vielseitigen Faktoren. Einer dieser ist die Sprache des Aufnahmelandes - in diesem Fall Deutschland. Wittgenstein formulierte dazu treffend, inwieweit die Sprache bestimmend für gesamtgesellschaftliche Prozesse wirkt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ 1 Zweifelsohne ist eine Kompetenz in der Sprache des Aufnahmelandes wichtig und Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Übergang in das berufliche Leben und die damit verbundenen positiven Erfahrungen. Diese Sprachkompetenz eröffnet Möglichkeiten mit der Umwelt in Kontakt zu treten, um so nicht zuletzt Zugang zu Bereichen der Einheimischen zu bekommen. Die Sprache als gemeinsames Medium bietet die Chance mit einheimischen Kollegen, Vorgesetzten und Klienten zu kommunizieren und zusammen zu arbeiten. In dieser Studie werde ich genau darauf eingehen. Ich werde dabei verschiedene Erfahrungshorizonte aufzeigen, die MigrantInnen während ihrer beruflichen Zeit wahrgenommen haben. Es geht mir also darum darzustellen, wie MigrantInnen sprachliche Erfahrungen wahrnehmen und ob und inwieweit Merkmale der Sprache für deren Rolle auf dem Arbeitsmarkt vorhanden sind. Ich werde weiterhin diese Erfahrungen - soweit dies möglich ist - in theoretische Grundlagen und bestehende empirische Forschungen einordnen. Schließlich soll dann die Frage be-antwortet werden, inwieweit die deutsche Sprache als Zweitsprache von MigrantInnen den beruflichen Alltag bestimmt oder nur zweitrangig eine Rolle spielt, wobei ich auch auf dabei entstehende Effekte eingehen werde. Diese Arbeit hat dabei nicht die Absicht spezifische Typenbildungen vorzunehmen, welche die untersuchten MigrantInnen repräsentativ darstellen, sondern einzig die Erfahrungen herauszukristallisieren und mit theoretischen Ansätzen und anderen empirischen Studien zu vergleichen.
Ich beginne zunächst mit einer allgemeinen Darstellung des Themas „Arbeitsmigration“ und beziehe dieses nach einem anfänglichen historischen Exkurs auf den sprachlichen Aspekt und dessen Zusammenwirken mit dem Arbeitsmarkt (2.). Um diese Studie verorten zu können, werde ich danach eine Skizzierung bestehender Forschungen und Studien vornehmen (3.). Im Anschluss daran stelle ich die hier vorliegende Studie vor und gehe dabei zunächst auf die Biografien der Interviewten ein, um dann das narrativ fundierte Interview und die dokumentarische Methode zu erläutern (4.). Daran anknüpfend stelle ich die Ergebnisse der Interviews anhand fünf markanter Punkte vor: der Einstieg in den Arbeitsmarkt (5.1.); die rechtliche Exklusion bei der Nicht-Anerkennung des ausländischen Bildungstitels (5.2.); der sprachliche Umgang in interkulturellen Arbeitsgesprächen (5.3.); Klassifizierung und Diskriminierung (5.4.) und die Kompensation von sprachlichen Fähigkeiten durch fachliche Kompetenzen (5.5.). In einer abschließenden Zusammenfassung möchte ich Vergleichshorizonte
1 Wittgenstein 2003, S.86 (Hervorhebungen im Original)
5
zu anderen Studien herstellen (5.6.) und schließlich in einem Fazit einen Ausblick auf die weitere Forschung geben (6.).
2. IMMIGRATION UND ARBEITSMARKT IN DEUTSCHLAND UNTER SPRACH-THEORETISCHEN BEDINGUNGEN
Im ersten Kapitel dieser Arbeit soll zunächst zum eigentlichen Thema hingeführt werden. Da eine Gesamtdarstellung des Themas „Migration“ bezogen auf Deutschland einen zu weiten Bogen spannen würde, werde ich dies direkt von Beginn auf eine Darstellung eines kurzen historischen Exkurses in die Arbeitsmigration in Deutschland beschränken. Ich werde dabei anhand kurzgeschilderter Fallbeispiele die Bedeutung der Sprache für die ArbeitsmigrantInnen und die einheimischen Unternehmen aufzeigen (2.1.). Danach werde ich den Begriff „Sprache“ thematisch einbinden und theoretisch fundiert klären (2.2.).
2.1. Arbeitsmigration und „Gastarbeiterdeutsch“
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ist Deutschland hauptsächlich als Emigrationsland zu verstehen. Vor allem durch die massenhaften Auswanderungen auf den amerikanischen Kontinent oder die Arbeitswanderung nach Frankreich, Holland und in die Schweiz stieg Deutschland zu einem der wichtigsten Emigrationsländer der Welt auf. 2 Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist Deutschland durch den wirtschaftlichen Aufschwung nun für viele Bewohner der Nachbarstaaten zunehmend attraktiver geworden. Der wirtschaftliche Aufschwung im Zuge der Reichsgründung 1871 und der damit verbundene Ausbau neuer Technologien, wie die Dampfmaschine und deren Nutzung vor allem in rheinisch-westfälischen Kohlebergwerken, sorgte dafür, dass erstmals in der Geschichte des Landes Arbeitskräfte - vor allem billige - benötigt wurden. Durch die zunehmend aufkommende Armut im Osten Europas gelangte Deutschland unter einer verstärkten Ost-West-Bewegung zu einem „der wichtigsten Immigrationsländer in Europa“ 3 . Im Wesentlichen wurden hierbei polnische Arbeiter aus dem durch Preußen besetzten polnischen Gebiet der Masuren angeworben. Viele der Angeworbenen kamen aber auch aus Gebieten, die von Russ-land oder Österreich-Ungarn besetzt waren. Ganz deutlich machen diese Anwerbung die Fakten der damaligen Jahre: während um 1890 gerade einmal - doch beachtliche - 30.290 ausländische Arbeitskräfte in Deutschland lebten, stieg die Zahl im Jahr 1907 auf 800.000 Arbeiter, die nun nicht mehr nur aus Polen, sondern weitestgehend aus Ost- und Südeuropa, Italien und Holland kamen. Drei Jahre später wurden einschließlich der Familienangehörigen 1.250.880 Ausländer in Deutschland gezählt und zum Beginn des ersten Weltkrieges sogar bereits zwei Millionen. Nach dem Krieg wurden zunächst die durch das Rückkehrverbot betroffenen Polen und Kriegsgefangene zu Arbeiten eingesetzt. Mitte der zwanziger Jahre ging die Zahl der gesamtausländischen Arbeiter dann jedoch durch Aufhebung des Verbotes und
2 vgl. Mecheril 2004, S.27
3 Mecheril 2004, S.27
6
Freilassung der Gefangenen auf 174.000 und Anfang der dreißiger Jahre auf 100.000 zurück. Im Zuge des zweiten Weltkrieges intensivierte sich der Einsatz von „Fremd-„ und „Zwangsarbeitern“ 4 , um die deutsche Kriegswirtschaft zu ermöglichen und in Gang zu halten. 5
Die Nachkriegszeit stellt nach Paul Mecheril (2004) den Beginn des wissenschaftlichen Diskurses dar. Dabei unterscheidet er drei Typen der Migration, die für Deutschland in der Nachkriegszeit prägend sind: Zuwanderung von AussiedlerInnen, Flucht und Arbeitsmigration. Letztere soll an dieser Stelle ausschließlich betrachtet werden. Arbeitsmigration ist dort anzutreffen, wo „Arbeitskräfte nachgefragt und angeboten werden“ 6 und wo einheimische Arbeitskräfte nicht eingesetzt werden sollen oder können. In solchen Fällen wird auf ArbeitsmigrantInnen zurückgegriffen. Um dieser Forderung nachzukommen schwenkte auch die Politik ein und schloss von 1955 bis 1968 Anwerbeverträge mit Italien, Spanien, Griechenland, Türkei, Portugal, Tunesien, Marokko und zuletzt mit Jugoslawien. Die Absicht dahinter war mit den ausländischen Arbeitskräften jene „konjunkturell und demographisch bedingten Engpässe auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt“ 7 zu kompensieren, sodass arbeitsmarktbezogene Probleme gelöst werden konnten. Die dies bezeichnende Rotationspolitik befristete die Arbeitsverhältnisse und zielte so darauf ab, einerseits die Beheimatung der MigrantInnen in Deutschland zu verhindern und andererseits „aufgebrauchte“ Arbeitskräfte durch neue ersetzen zu können. Es ging, so Mecheril (2004), schlicht und einfach um die Erledigung weitestgehend schlecht bezahlter und wenig attraktiver Arbeit, nicht aber um den Arbeiter und die Arbeiterin selbst. Es waren weder Bildungs- noch psychosoziale Angebote vorgesehen, welche den „Gastarbeitern“ 8 bspw. durch einen Deutschkurs eine Eingliederung in die hiesige Gesellschaft hätte ermöglichen können. 9 Gerade aber in Bezug zu Deutschkursen waren anfangs die Betriebe stark daran interessiert, dass die Arbeiter die deutsche Sprache konnten. So führten diese neben Sprachführern in der jeweiligen Landessprache auch spezielle Fachsprachführer für bestimmte Bereiche ein und veranstalteten sogar in Zusammenarbeit mit Volkshochschulen deutsche Sprachkurse. Die Resonanz seitens der ArbeitsmigrantInnen war nicht wie gewünscht - wie sich auch weiter unten in einem anderen Beispiel noch einmal dokumentieren wird - und so wurden Anreize „ideeller und materieller Prämierungen“ 10 geschaffen, welche zu einer höheren Teilnahme an den Kursen führen sollten.
Mit dem Ende der Anwerbepolitik 1973 sollte langfristig die nicht-deutsche Beschäftigung verhindert werden. Tatsächlich ergab sich aber durch den Nachzug von Familien bis zum
4 Münz/ Seifert/ Ulrich 1999, S.42
5 vgl. Meinhardt 2005, S.31 ff.
6 Mecheril 2004, S.32
7 Münz/ Seifert/ Ulrich 1999, S.46
8 zur Diskrepanz und der Mehrdeutigkeit des Begriffes „Gastarbeiter“ vgl. Mecheril 2004, S.34 f.
9 vgl. Mecheril 2004, S.32 ff.
10 Herbst/ Weber 1961, S.44 f.
7
Jahr 1995 eine Zahl von 7,2 Millionen in Deutschland lebenden Menschen, die keinen deutschen Pass besaßen. 11
Seit den 1990’er Jahren orientiert sich das politische Lager zunehmend wieder an der Notwendigkeit von Zuwanderung. Wiederum aus ökonomischen Gründen, aber mit einer anderen Zielgruppe, nämlich Hochqualifizierten. Mit ihnen soll die Wettbewerbsfähigkeit gesichert und die Wirtschaft innoviert und nicht zuletzt auch der alternden einheimischen Bevölkerung entgegengewirkt werden. Aus dieser Orientierung der Politik hat sich mittlerweile ein eigenständiger internationaler Wettbewerb gebildet, in dem die qualifizierte Arbeitskraft - neuerdings bezeichnet als das Humankapital - die Ressource darstellt, welche für den notwendigen ökonomischen Erfolg steht. Arbeitsmigration und Sprache
Man nehme zunächst ein geregeltes Leben in einem beliebigen Land daher. Nun reißt man dieses Leben aus diesem Land heraus und „verpflanzt“ es in ein anderes Land, weit vom Ur-sprungsland entfernt und unterlässt anfänglich jegliche Bemühung der sprachlichen Bildung dieses Lebens. Das Ergebnis ist neben völliger Orientierungslosigkeit das Fehlen von Möglichkeiten, Probleme, Bitten oder Fragen zu äußern. Die Arbeitsmigration sorgte dafür, dass die MigrantInnen in all ihren Lebensbereichen - Beruf, Freizeit, Familie, Nachbarschaft - abgeschottet von Kommunikationsmöglichkeiten waren. Hinzu kommt, dass sprachliche Bildung nur marginal selbstständig gefördert werden konnte, da es in den Anfangszeiten durch die Nichtvermietung deutscher Vermieter an Ausländer zum Zwang kam, unter Landsleuten zu leben, wodurch die Muttersprache im Wesentlichen die Erstsprache abbildete. Der Aufenthalt in einem Aufnahmeland ist also vor allem durch das Fehlen und den Verlust von Kommunikationsanlässen charakterisiert.
Die Entwicklung der deutschen Sprache bei der „Gastarbeitergeneration“ (d.h. die erste Ein-wanderergeneration) hat sich weitestgehend funktional und pragmatisch vollzogen. Zu fehlenden Deutschkursen seitens der staatlichen Obrigkeit kam noch erschwerend hinzu, dass sich die ArbeitsmigrantInnen die deutsche Sprache selbstständig, informell und damit jenseits von formaler Richtigkeit beibrachten. Ein Ausschnitt eines Interviews einer Sozialarbeiterin, welche als Arbeitsmigrantin nach Deutschland kam, die keine formale deutsche Sprachausbildung durchlief und sich daher durch fragen, hören und anhand eines Wörterbuches verständigt hatte, soll dazu kurz ihre Erfahrung schildern:
„(...) was ich damals gelernt habe, sitzt so tief drin, ich kann meine (3) also (2) Sprache nicht viel ändern (2). Das merke ich selber. Also das (4) wenn ich von Anfang an systematisch gelernt hätte, hätte ich vielleicht viel (2) viel besser sprechen, viel besser schreiben und so weiter (gelernt, d.V.). Beim
12 Sprechen geht das, aber beim Schreiben habe ich noch Schwierigkeiten.“ Maas (2005) führt dazu den Begriff „Pidgin“ an. Der Begriff „Pidgin“ bezeichnet eine rudimentäre Sprechweise von sprachlich unterschiedlichen Personen - in diesem Fall Arbeitsmigran- 11vgl. Mecheril 2004, S.35 ff.
12 Behrensen/ Westphal 2009, S.36 (Hervorhebungen im Original)
8
tInnen unterschiedlicher Herkunftsnationen. Auf Basis des Deutschen als Grundsprache entwickelt sich aus Jargon, Mundart und Teilen der Heimatsprache jedes Einzelnen eine grammatikalisch stark vereinfachte und auf das Notwendigste reduzierte Sprachform, die nur wenigen Zwecken dient. Dennoch konnte die „Gastarbeitergeneration“ mit diesem Elementardeutsch mehrere Jahrzehnte lang im Alltag und Beruf mit Deutschen und unter weiteren ArbeitsmigrantInnen kommunizieren. Die Bewertung dessen ist jedoch kritisch zu betrachten, denn gerade letzter Fakt - das Zurechtkommen mit dieser Sprachform - legte es den ArbeitsmigrantInnen nicht unbedingt nahe, die deutschen Sprachkenntnisse zu erweitern. So kam es entlang eines „Fossilisierungsprozesses“ zur Verfestigung dieses Sprachniveaus, das sich deutlich mehr an „materialen Zwängen der Reproduktion im Alltag“ 13 als am Spracherwerb orientiert. Nicht zu Unrecht meint Maas (2005), denn perfekte Deutschkenntnisse waren damals für die pragmatische Ausrichtung nicht erforderlich und entsprachen auch nicht den realistischen Einstellungen und Erwartungen. Zudem galt das Deutsche unter den ArbeitsmigrantInnen im informellen Bereich, wie dem intimen Familienleben oder der Öffentlichkeit, gerade einmal als Nebensprache, sozusagen als Mittel zum Zweck, wenn es darum ging, vielleicht doch einmal mit Einheimischen in Kontakt treten zu müssen. Dort also, wo kein entsprechender Horizont der Partizipation an sozialer Praxis vorhanden war, konnten und können entsprechende Sprachformen nicht erwartet werden. 14 Die Entwicklung einer rudimentären Deutschkompetenz stellt zumindest in Ansätzen ein förderliches Verständnis am Arbeitsplatz dar. Wie sieht es aber in solchen Fällen aus, in denen so gut wie keine deutsche Sprache vorhanden ist. Anfang der achtziger Jahre schreibt Willi Thol (1983) dazu aus seinen fünfundzwanzigjährigen Erfahrungen während der Ausländerbetreuung in einem Industriebetrieb Folgendes:
„Wir boten (…) im unmittelbaren Anschluss an die Arbeitszeit und unmittelbar vor Arbeitsbeginn (…) preisgünstigen Deutschunterricht an, versprachen sogar volle Rückzahlung der Kursgebühren nach Teilnahme von 100 Unterrichtsstunden. Leider „verdiente“ sich keiner (…) diese Rückzahlung. Also mussten wir, um ein Mindestmaß an Verständigung bei der Arbeit, vor allem bei Arbeitseinweisungen und Hinweisen auf Unfallschutz, zu erreichen, unsere Meister veranlassen, ein paar (…) Worte [in der Herkunftssprache der ArbeitsmigrantInnen; MB] zu lernen. (…) Die Verständigung blieb anfangs recht und schlecht. Offensichtlich waren beide Seiten zuwenig motiviert, die ihnen jeweils fremde Sprache
15 zu lernen.“
Anhand dieser Schilderung zeigt sich der fehlende Drang nach einer neuen gemeinsamen Sprache sowohl bei den ausländischen als auch bei den deutschen Arbeitskollegen. Die ArbeitsmigrantInnen scheuen sich die deutsche Sprache zu erlernen, scheinbar, weil es für sie einerseits ungeachtet der Rückzahlung finanziell zu teuer und anderseits zu unsinnig erscheint eine Sprache zu lernen, die ihnen außer in der Arbeit sonst nirgendwo dient. Soziale und integrative Aspekte werden ausgeblendet, möglicherweise auch in Hinblick darauf, dass die befristeten Arbeitsverträge einen längeren Aufenthalt in Deutschland nicht möglich machten. Auf der Seite der „Meister“ sieht man, dass möglicherweise die Abneigung gegenüber den fremdländischen Kollegen vorhanden ist. Die fremde Sprache wird ignoriert und damit
13 Maas 2005, S.105
14 vgl. Maas 2005, S.104 ff.; Oksaar 2003, S.117 ff. 15 Thol, 1983, S.8
9
auch die ArbeitsmigrantInnen selbst. Besonders in Bezug auf Unfallprävention, die durch das Erlernen der fremden Sprache seitens der „Meister“ erreicht werden sollte, kann dies schwerwiegende Folgen haben, wie das folgende Beispiel zeigt:
„Durch ein Mitgliedsunternehmen der StBG wurde im Mai 2002 eine Halle abgerissen. Ein dort beschäftigter Russe trat bei der Arbeit auf dem Hallendach durch zwei Platten und stürzte ab. Er schlug auf, bevor das Höhensicherungsgerät ansprach, weil er die Sicherungsleine nicht entsprechend nachgestellt hatte. Nach den Unterlagen des Unternehmens wurde zwar eine Unterweisung zur Anwendung der Persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz durchgeführt; bei der Unfalluntersuchung stellte sich jedoch heraus, dass der Verunglückte praktisch kein Deutsch spricht - die Ehefrau musste
16 übersetzen - und die Vorgesetzten sprachen kein Russisch.“
Der Unfall in diesem Bericht zeigt, welche Auswirkungen eine fehlende (deutsche) Sprache haben kann. Der Verunglückte, der „praktisch kein Deutsch spricht“ und die Vorgesetzten, die seine Herkunftssprache nicht können, bilden die weiter oben angeführten Erfahrungen von Thol (1983) hervorragend ab. Aus welchen Gründen hier die Sprache nicht gekonnt wird, soll an dieser Stelle gleichgültig sein. Fakt ist aber, dass eine gemeinsame Sprache am Arbeitsplatz - je nach Art der Arbeit - auch über Leben und Tod entscheiden kann. Die offen-kundige Sprachbarriere ist wohl das größte Problem, um solche Unfälle präventiv zu vermeiden. Unterweisungen, Schulungen oder Sicherheitsanweisungen verlieren ihre Bedeutung, wenn die Inhalte derer nicht verstanden werden können.
Dieses Beispiel stellt nur eines von vielen weiteren dar, in denen keine gemeinsame Sprache vorhanden ist und somit Missverständnisse entstehen. Besonders die erste Generation von MigrantInnen hatte und hat es schwer mit schlechten Sprachkenntnissen im Beruf Fuß zu fassen. Betrachtet man dagegen die zweite Generation, so stellt sich diese Situation gravierend anders dar:
„Unser Betrieb unterhielt damals (…) eine Kinderkrippe und zwei Kindergärten. Dort gelang die Verständigung und das Eingewöhnen schnell und vortrefflich (…). (…) die ehemaligen Kindergarten-Kinder - die zweite Generation also - stehen heute ihren Mann, haben in jedem Fall Hauptschulabschluss, teilweise sogar im A-Zug. Einige besuchten erfolgreich die Realschule. Diese Ausländer sind heute auch beruflich konkurrenzfähig. Wir finden sie nach abgeschlossener Ausbildung als Facharbeiter bei uns, in Bankberufen, in Büros und Verkaufsstätten. Ein Teil hat sich sogar selbstständig ge-
17 macht, kleine Gaststätten (Pizzerien) übernommen oder Handelsgeschäfte eröffnet.“ Anhand dieses Beispiels soll die Situation der ArbeitsmigrantInnen erster Generation in Bezug auf Sprache kontrastiert werden. Die zweite Generation, die bereits im Vorschulalter mit der deutschen Sprache in Berührung kommt, hat wesentlich bessere Chancen sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Sprache bildet hier die wesentliche Prämisse ab, um erstens erfolgreich eine schulische Laufbahn zu absolvieren und darauf aufbauend zweitens auf dem Arbeitsmarkt partizipieren zu können. Es kann daraus geschlussfolgert werden, dass die ArbeitsmigrantInnen erster Generation aufgrund fehlender Sprachkenntnisse in der neuen Landessprache auch eine geringere Bildung und damit weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten. Besonders in der Zeit steigender Arbeitslosigkeit nach dem Wirtschaftswunder
16 Ehnes/ Schrandt 2007
17 Thol 1983, S.9
10
in Deutschland mussten viele MigrantInnen in ihr Herkunftsland zurückkehren, da sie durch ihre fehlenden deutschen Sprachkenntnisse keine Arbeit finden konnten. Die genannten Fakten deuten bereits auf die wesentliche Rolle der Sprache für eine erfolgreiche Teilhabe am Arbeitsmarkt hin. Es hat sich gezeigt, dass keine gemeinsame Sprache in Verbindung mit anderen Faktoren, wie den befristeten Verträgen oder Motivationsproblemen, von betrieblichen bis hin zu wirtschaftlichen Problemen oder sogar zu schwerwiegenden physischen Schäden führen kann. Welchen Stellenwert der Sprache für den Arbeitsmarkt konkret zugesprochen werden kann, möchte ich nun im Folgenden noch weiter thematisieren.
2.2. Sprachtheoretische Grundlagen unter individuellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
Diese Arbeit bezieht sich in ihrem Kern auf das Verhältnis von MigrantInnen, der deutschen Sprache als Sinnbild für Sprache allgemein und den jeweiligen Erfahrungen in der Arbeit. Daher halte ich es an dieser Stelle für angemessen, diese drei Punkte in Verbindung zu setzen, um die darin enthaltenen Verknüpfungen herauskristallisieren zu können. Zunächst wird es jedoch nötig sein, den Begriff „Sprache“, über den bereits im letzten Abschnitt gesprochen wurde, zu definieren und verschiedene Ausprägungen aufzuzeigen. Dabei möchte ich vor allem bereits Bezug zum Thema „Migration“ nehmen, da eine detaillierte Betrachtung der Sprache im Allgemeinen ausufernd wäre.
Der Begriff „Sprache“ ließe sich in vielerlei Verständnissen beschreiben und definieren. Im Zuge dieser Arbeit wird es aber vorrangig von Bedeutung sein, diesen Begriff aus gesellschaftlicher Sicht zu betrachten und seine Wirkung auf dem Arbeitsmarkt in den Blick zu nehmen. Dennoch halte ich es für unumgänglich zunächst einen kurzen Exkurs in die Linguistik einzuschlagen, um den Grundcharakter der Sprache zu verdeutlichen. Sprache - ein linguistisches Verständnis
Aus linguistischer Sicht ließe sich „Sprache“ am besten wie folgt definieren: Die „Sprache“ ist ein Sammelsurium von interpersonalen Zeichen, welche jedes für sich eine Signifikation, d.h. einen Inhalt besitzt, welcher für viele Interpreten übereinstimmt, während für einen Einzelnen bestimmte Signifikationsunterschiede existieren können. Diese Zeichen müssen von den jeweiligen Interpreten herstellbar und in Sachen Signifikation für die Hersteller als auch für andere Interpreten identisch sein. Entscheidend ist dabei auch, dass die Signifikation für verschiedene Situationen relativ konstant sein muss, damit das einzelne Zeichen als Teil einer Zeichenfamilie auftreten kann. Um solche Zeichenfamilien bilden zu können ist es elementar, dass sich die Zeichen untereinander zu einem System wechselseitig verbundener Zeichen konstituieren können, welche allerdings in der Art und Weise der Kombinationen eingeschränkt sind. Nur so ist die Vielfalt komplexer Zeichenprozesse möglich. 18 Mit anderen Wor-
18vgl. Morris 1981, S.113 f.
11
ten: Der Symbolcharakter der Sprache setzt voraus, dass die Inhalte der Zeichen den an der Kommunikation teilhabenden Personen bekannt und identisch sind. Eine Kommunikation ist demnach nur dann möglich, wenn ein Symbol für die Kommunikationsteilnehmer die gleiche Bedeutung hat. Nur wenn also unter einem Zeichen/ Symbol das Gleiche verstanden wird, kann auch die Zeichenfamilie und letztlich die Signifikation verstanden werden. Sprache und Individuum
Betrachten wir nun folgend „Sprache“ in einem eher erziehungs- und gesellschaftswissenschaftlichen Verständnis, stellt diese zunächst einen beliebigen Lerngegenstand dar. Els Oksaar (2003) beschreibt „Sprache“ in diesem Sinne als ein „typisch psychosoziales Phänomen“ 19 , das abhängig von einem biologischen und sozialen Rahmen existiert und sich entwickelt. Als Medium für kognitive und verhaltensrelevante Prozesse des Menschen, stellt sie somit „das wichtigste Ausdrucks- und Kommunikationsmittel“ 20 für die in der Gesellschaft lebenden Menschen dar. „Sprache“ kann demnach nicht isoliert betrachtet werden, sondern muss auf das Individuum, seine Gruppe und die Gesellschaft, die es umgibt, bezogen werden, um die soziale Realität abbilden zu können.
Eine Sprache, wie sie in einem Land gesprochen wird, ist jedoch nicht immer identisch, sondern unterliegt einer Dynamik. Oksaar (2003) schreibt dazu, dass sich solche Veränderungsprozesse der Sprache und die damit einhergehenden unterschiedlichen Varianten nicht einfach auf das Individuum beziehen lassen, sondern in Zusammenwirken mit seinem „Idiolekt“, d.h. „seinem gesamten sprachlichem Repertoire und seinen individuellen Realisierungsweisen des Sprachsystems“ 21 , zu betrachten sind. Dieser Idiolekt wird durch den Erwerb weiterer Sprachen einerseits vergrößert, andererseits aber auch modifiziert und damit in seinem Verwendungsradius beeinflusst. Solche Veränderungen deuten sowohl auf die „spontane Tätigkeit des Individuums“ 22 als auch auf die Beeinflussung durch diejenigen hin, denen das Individuum ausgesetzt ist. In besonderem Maße spielt sich dies von Oksaar Beschriebene bei MigrantInnen ab, die in Deutschland eine neue Sprache erlernen. Durch den Zuwachs der Kenntnisse über die deutsche Sprache vergrößert sich demnach der Idiolekt der MigrantInnen und wirkt sich somit auf die Erst- sowie auf die neu erlangte Zweitsprache aus.
Maas (2005) entwickelt dazu drei Dimensionen, in denen die Sprachpraxis variieren kann. Die Sprachnutzung ist demnach „abhängig von den beteiligten Sprechern (Hörern), (…) von der sprachlich zu bewältigenden Situation (…) [und; MB] von der Sprachstruktur im weiteren Sinne, mit der die Praxis artikuliert wird“ 23 . Diese Dimensionen korrelieren mit situativen Fak-toren, welche Maas entlang zweier weiterer Dimensionen betrachtet: 1. öffentlich-intim; 2. in-formell-formell. Im Fall der informellen Sprachpraxis in der Öffentlichkeit, bspw. auf dem
19 Oksaar 2003, S.16
20 Oksaar 2003, S.16
21 Oksaar 2003, S.21
22 Oksaar 2003, S.21
23 Maas 2005, S.102
12
Markt oder der Straße, im Vergleich mit der informellen im Intimbereich, wie Familie oder Freunde, wird schnell klar, dass sich Variationen deutlicher in letzterem ausprägen. Die formell öffentliche Sprachpraxis erstreckt sich nach Maas auf gesellschaftliche Institutionen und hier insbesondere auf die Schriftsprache, die im Gegensatz zum informellen intimen Bereich die geringsten Variationen erfährt, da diese einer festen Norm unterworfen ist. 24 Als Beispiele für Variationen nennt Oksaar (2003) zum einen gerade für MigrantInnen das Lernen aus Fachjargon, dem Einfluss von Anglizismen oder dem heruntergebrochenen Deutsch in einer Deutscher-Ausländer-Kommunikation („Du gehen da!“). Zum anderen fällt dies auch im Anredeverhalten, so Oksaar, auf. Die zunehmende Etablierung des „Du“ statt des „Sie“ in der Anrede hat neben Verhaltensänderungen auch Dynamisierungen sozialer Strukturen zur Folge. Ein „Du“ eines Deutschen gegenüber eines Ausländers muss nicht von letzterem erwidert werden, d.h. die durch das „Du“ aufgebaute Beziehungsstruktur muss „nicht automatisch reziprok“ 25 sein (Einen solchen Fall werde ich unter 5.3. bearbeiten.). Sowohl Oksaar (2003) als auch Maas (2005) zeigen mit diesen Ausführungen die Dynamik auf, welche die Sprache in bestimmten Situationen bzw. Sektoren besitzt und wie sie sich in diesen verändert.
Schreiben, Sprechen und Kommunikation
Die Sprache ist in der Lage Äußerungen auf zwei unterschiedlichen Ebenen Ausdruck zu verleihen. Um auf diese Ebenen Bezug zu nehmen, wende ich mich in aller Kürze Utz Maas (2005) zu. Maas differenziert bei Sprache zwischen gesprochener und geschriebener. Während die geschriebene Sprache an ein visuelles Medium geknüpft ist und sich daher entweder an eine distanzierte Kommunikation oder an Praktiken bindet, die monologischen Charakter besitzen, wie das Lesen oder das Aufschreiben von Notizen, beruht die gesprochene Sprache einerseits auf dem differenzierten „Umgang mit den leiblichen Ressourcen“ 26 , d.h. den kognitiven und genetischen Voraussetzungen, die letztlich in der Sprachfähigkeit münden, andererseits wird sie in der direkten Interaktion mit einem Gesprächspartner situativ kontrolliert entwickelt. Die Gemeinsamkeit zwischen geschriebener und gesprochener Sprache liegt einzig im Wissen über die Sprache und deren Umgang. Die Schriftsprache hebt sich zudem durch die Intention hervor, Neues von Bekanntem abzugrenzen und zugänglich zu machen. 27 Der gesprochenen Sprache - also dem Sprechen - wird in dieser Arbeit mehr Bedeutung zukommen als der Schriftsprache. Daher halte ich es für richtig an dieser Stelle einen Moment zu verweilen und diese Ebene etwas genauer zu betrachten. Sprechen ist eine Form des menschlichen und damit sozialen, also zwischenmenschlichen, Verhaltens, bei dem durch die Erzeugung von Phonemen eine Einzelsprache verwirklicht wird. Charakterisiert ist das Sprechen dabei durch „Zielverfolgung und Befolgung sozialer Konventionen“ 28 .
24 vgl. Maas 2005, S.102 f.
25 Oksaar 2005, S.21
26 Maas 2005, S.112
27 vgl. Maas 2005, S.112
28 Battacchi/ Suslow/ Renna 1997, S.67
13
Arbeit zitieren:
B.A Bildungs- und Erziehungswissenschaftler Michel Beger, 2011, Sprache und Beruf - Eine dokumentarische Analyse der praktischen Erfahrungen mit der deutschen Sprache als Zweitsprache von Menschen mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag GmbH
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