Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1. Diskussion von Foucaults Heterotopologie mit Blick auf die Visio Tnugdali. 2
1.1. Zentrale Punkte von Foucaults Heterotopologie und Diskussion. 3
1.2. Kontext des Konzepts. 6
2. Die Struktur des Weges durch das Jenseits 8
2.1. Wegstruktur exemplarisch anhand der ersten Station im Fegefeuer. 8
2.2. Von der Hölle in den Himmel - die Abfolge der Jenseitsbereiche. 10
3. Die Struktur und der Aufbau des Wegs als Funktionsweise der Heterotopie
Jenseits ’ 12
Zusammenfassung und Schlusswort 14
Abstract 15
Bibliographie. 16
Quelle 16
Sekund ärliteratur. 16
1
Einleitung
Als Heterotopie wird in der Medizin die Bildung von Gewebe am falschen Ort bezeichnet […]. Entsprechend ließe sich eine Heterotopie im Sinne Foucaults als das Andere im Gesellschaftskörper charakterisieren: ein Ort, der in einem besonderen Verhältnis zur Gesamtgesellschaft steht. An einem solchen Ort können ganz andere Regeln herrschen als die gewohnten. Vielleicht werden dort geheimnisvolle Rituale gepflegt oder die gängigen Vorstellungen vom ‚normalen’ Leben auf den Kopf gestellt […]. […] Gegenstand der Heterotopologie können Orte sein, die von einer Gesellschaft errichtet wurden, um das Anormale besser kontrollieren und bestenfalls disziplinieren zu können. […] Wann immer von Heterotopie die Rede ist, haben wir es mit einem Raum der Möglichkeiten zu tun, d. h. mit einem Ort, in dem besondere Kräfteverhältnisse sowie ungewöhnliche Konstellationen der (Gegen-)Macht wirksam sind, die eine außergewöhnliche Erfahrung ermöglichen. 1
Äusserst treffend formuliert Chlada in obigem Zitat die Grundzüge von Foucaults Konzept der Heterotopien: Nicht nur macht er die schwer fassbare Andersheit der Heterotopien mit dem Beispiel des Gewebes verständlicher, sondern fasst auch deren Funktion in einem Satz zusammen - Heterotopien können als Orte der Disziplinierung verstanden werden. Dies ist zugleich das Bindeglied zu Tundalus Jenseitsweg, 2 das den Anstoss zu dieser Arbeit gegeben hat: Besonders im Fegefeuer und der Hölle steht die Disziplinierung von Sündern im Mittelpunkt. Daher soll in dieser Arbeit analysiert werden, inwiefern sich der Aufbau und die Struktur von Tundalus Weg im Fegefeuer heterotopologisch interpretieren lassen. Der Gewinn daraus wird sein, dass dadurch nicht bloss die ‚Andersheit’ der Orte, sondern vor allem textuelle Mechanismen der Macht bzw. Disziplinierung ersichtlich werden. Bevor eine Analyse vorgenommen werden kann, muss zuerst Inhalt und Kontext von Foucaults Konzept der Heterotopien diskutiert werden, um die für die Textanalyse relevanten Punkte herauszuarbeiten. Die Untersuchung wird dann die Struktur und den Aufbau des Weges durch das Fegefeuer anhand einzelner exemplarischer Stationen zum Gegenstand haben, um dies danach unter dem Gesichtspunkt der vorgängig herausgearbeiteten Punkte von Foucaults Heterotopologie anzuschauen. Daraus sollen die spezifischen Mechanismen der Disziplinierung, die sowohl innerhalb des Textes wie auch über diesen hinaus wirksam sind, aufgezeigt werden.
1. Diskussion von Foucaults Heterotopologie mit Blick auf die Visio
Tnugdali
In diesem Kapitel soll es darum gehen, Foucaults Konzept der Heterotopien zu erläutern, sowie zu diskutieren, inwiefern es für die Textanalyse und die vorliegende Fragestellung brauchbar ist.
1 Chlada 2005, S. 8.
2 Ich beziehe mich auf die folgende Ausgabe der Tundalusvision: Wagner, Albrecht (Hg.): Visio Tnugdali. Lateinisch und altdeutsch. Erlangen 1882. Im Folgenden werde ich mich darauf nur noch mit Versangaben beziehen.
2
1.1. Zentrale Punkte von Foucaults Heterotopologie und Diskussion
Foucaults Konzept der Heterotopien gründet im Interesse, Raum gesellschaftlich zu untersuchen, da Raum die Gesellschaft und Kultur immer reflektiere. 3 So gibt es seiner Ansicht nach Platzierungen, die sich auf alle anderen Platzierungen in einer Art und Weise beziehen, dass sie „die von diesen bezeichneten oder reflektierten Verhältnisse suspendieren, neutralisieren oder umkehren.“ 4 Es gebe zwei Arten dieser Orte, die mit allen anderen Orten in Beziehung und trotzdem in Widerspruch zu diesen stehen: Die Utopien und die Heterotopien. 5 Foucaults Konzept besagt nun, dass es nebst den oben genannten Utopien, die Platzierungen ohne realen Ort sind und die entweder die perfekte Gesellschaft oder die Kehrseite davon repräsentieren, auch Räume gibt, die tatsächlich realisierte Utopien sind - die Heterotopien. Im Gegensatz zu den Utopien sind Heterotopien keine unwirklichen Räume, sondern reale, in der Gesellschaft wirksame Orte. In diesen Gegenplatzierungen werden „die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet[.]“ 6 Das heisst, dass die Heterotopien, wenngleich sie real sind und die gesellschaftlichen Bedingungen reflektieren, doch nicht nach deren Regeln funktionieren. Sie sind „gewissermassen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.“ 7 Diese Orte seien ganz andere als alle Plätze, die sie reflektieren oder von denen sie sprechen. Der Sinn dieses Konzeptes bestehe darin, dass dadurch die Analyse solcher ‚anderen’ Räume möglich wird. 8 Das Jenseits im Mittelalter ist zweifelsohne ein Ort ausserhalb aller Orte, doch eine genaue Ortung ist schwierig, da es sich beim Jenseits um einen nicht-irdischen Ort handelt. Wie soll er also auf der Erde verortet werden können? Da z.B. der Ablasshandel 9 sowie die zahlreichen Jenseitsberichte aber darauf schliessen lassen, dass das Jenseits in der Mentalität des Mittelalters doch eine Art Realitätsstatus hatte, kann nicht davon ausgegangen werden, dass eine Ver-ortung ganz unmöglich ist. Dinzelbacher schreibt zu dieser Problematik: [A]llgemeine Glaubensgewissheit war es, daß die unsterbliche Seele in Räumen weiterexistieren werde, die den noch Lebenden üblicherweise verborgen sind, und daß sie in jenen Räumen Lohn oder Strafe für ihr Erdendasein empfangen werde. […] Genauso allgemein verbreitet war die Vorstellung, daß jene Räume keineswegs transzendent seien (wie sich heutige Christen die andere Welt denken), sondern daß sie konkrete Regionen dieser unserer Welt seien, unsichtbar zwar, aber materiell. 10
3 Foucault, Michel: Andere Räume. In: Barck, Karlheinz et. al. (Hgg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig 1992. In diesem Kapitel der Arbeit werde ich mich auf diesen Essay nur noch mit Seitenzahlen beziehen, andere Werke werden genannt.
4 S. 38.
5 Vgl. S. 38f.
6 S. 39.
7 S. 39.
8 Vgl. S. 39f.
9 Zur Auswirkung und Funktion der Vorstellung des Fegefeuers im Mittelalter vgl. z.B. Le Goff, Jacques: Die Geburt des Fegefeuers. Stuttgart 1984.
10 Dinzelbacher 1984, S. 61.
3
Das Jenseits wurde also als materiellen, physischen Ort gedacht, dessen genaue Verortung nur deshalb nicht möglich ist, weil der Raum des Jenseits den noch Lebenden bis auf einige Ausnahmen verborgen ist. Das Jenseits wurde also gar nicht als auf dieser Erde gedacht - die Vorstellung vom Jenseits war die eines unirdischen Raumes. 11 Foucault nennt im Folgenden sechs Grundsätze für die Beschreibung von Heterotopien. Im ersten Grundsatz stellt er die These auf, dass es wahrscheinlich keine einzige Kultur auf der Welt gebe, die keine Heterotopien habe - sie seien „Konstanten jeder menschlichen Gruppe.“ 12 Da gemäss Foucault wahrscheinlich jede Kultur der Welt Heterotopien besitzt, wird vermutlich auch die mittelalterliche Kultur etablierte Heterotopien aufzuweisen haben. Dies könnte - und das soll über die Analyse der Wegstruktur in der Visio Tnugdali in den folgenden Kapiteln gezeigt werden - das Jenseits sein. 13
Der zweite Grundsatz besagt, dass jede Heterotopie innerhalb einer Gesellschaft auf eine ganz bestimmte Art und Weise funktioniert, aber dieses Funktionieren sich im Laufe der Geschichte dieser Gesellschaft bei der gleichen Heterotopie ändern kann. Eine Heterotopie kann also umfunktioniert werden. Dies kann auch vom Jenseits ausgesagt werden: Offensichtlich hat es heutzutage, in der Zeit des Atheismus, ein anderes Funktionieren als im Mittelalter. 14 Im dritten Grundsatz heisst es, dass Heterotopien an einem einzigen Ort verschiedene Platzierungen vereinen können, die an sich nicht vereinbar sind. Ein Beispiel dafür ist das Kino, in dessen Raum sich an der einen Wand eine (zweidimensionale) Leinwand befindet, auf die wiederum dreidimensionale Räume projiziert werden, oder die traditionellen Gärten der Perser. Diese waren geheiligte Räume, rechteckig und aus vier Teilen bestehend, die jeweils die vier Teile der Welt repräsentierten, mit einem noch sakraleren Ort in der Mitte, dem symbolischen Nabel der Welt. Die ganze Pflanzenwelt des Gartens musste sich in diesen Mikrokosmos einordnen - im Garten erreichte die Welt ihre symbolische Perfektion. Auch dies könnte auf das Jenseits zutreffen, da die Aufteilung in Hölle und Himmel, also in Schlecht und Gut, als symbolische Perfektionierung der Welt angesehen werden kann. 15
11 Vgl. dazu: „ Vier unirdische, d.h. nicht auf unserer Erde gelegene Regionen gibt es, in die mittelalterliche Visionäre eintreten: Himmel, Purgatorum, Hölle und schließlich zwar nicht genau definierte, offenbar aber nicht in dieser Welt befindliche Räume.“ (Dinzelbacher 1981, S. 90).
Da die Verortung den allgemeinen Raum des Jenseits betrifft und nicht auf einzelne Aspekte angewandt werden kann, erachte ich die oben angeführte Diskussion des Punktes als ausreichend und werde ihn in der Analyse aussen vor lassen.
12 S. 40.
13 Vgl. S. 40.
14 Vgl. S. 41f.
15 Vgl. S. 42f. sowie zur Perfektion der Aufteilung Dinzelbacher 1999, S. 171.
4
Arbeit zitieren:
Allegra Schiesser, 2010, Inwiefern kann die Wegstruktur in der "Visio Tnugdali" heterotopologisch interpretiert werden?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik: Inwiefern kann die Wegstruktur in der "Visio Tnugdali" heterotopologisch interpretiert werden? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik: neuer Titel erschienen: Inwiefern kann die Wegstruktur in der "Visio Tnugdali" heterotopologisch interpretiert werden?
Allegra Schiesser hat einen neuen Text hochgeladen
Persönlichkeitsentfaltung durc...
Werner Rautenberg, Rüdiger Rogoll
Cours d'analyse de l'École Royale Polytechnique. I partie. Analyse alg...
Augustin-Louis Cauchy
Professional UML using Visual Studio .NET: Unmasking VISIO for Enterpr...
Unmasking Visio for Enterprise...
Andrew Filev, Tony Loton, Kevin McNeish
Wege zu einer erfolgreichen Familien- und Bevölkerungspolitik
Beiträge zur Jahrestagung 200...
Jürgen Flöthmann, Charlotte Höhn
0 Kommentare