In der Zeit zwischen Ende des 18. und dem 19. Jh. entwickelte das Bürgertum ein besonderes Verhältnis zu Sprache und Bildung, das Identität stiftend für die Gruppe des Bürgertums wirkte und das hier unter der Bezeichnung ‚bürgerliches Sprachprojekt’ näher beschrieben werden soll. Da das bürgerliche Sprachprojekt aber nicht gesondert vom historischen Kontext und vom Begriff des ‚Bürgertums’ betrachtet werden kann, müssen die schwer fassbare Gruppe des Bürgertums und die historischen Faktoren, die zur Entwicklung des Sprachprojektes gehören, zuerst geklärt werden. Dies werde ich im folgenden ersten Kapitel versuchen. Danach werde ich auf das bürgerliche Sprachprojekt selbst, dessen konstitutive Merkmale und die Wirkung auf die Gruppe des Bürgertums eingehen. Im Anschluss daran sollen diese Merkmale und Wirkung anhand einiger weniger typischer Beispiele veranschaulicht und verdeutlicht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das ‚Bürgertum’ und der historische Kontext
3. Das bürgerliche Sprachprojekt – Sprache, Bildung und soziale Distinktion
4. Konkrete Beispiele
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das sogenannte „bürgerliche Sprachprojekt“ im 18. und 19. Jahrhundert und analysiert, inwiefern Sprachgebrauch und Sprachbewusstsein maßgeblich zur Identitätsstiftung und sozialen Abgrenzung des Bürgertums gegenüber dem Adel sowie der Unterschicht beitrugen.
- Historische Einordnung des Begriffs Bürgertum und seiner sozialen Heterogenität
- Die Rolle der Sprache als politisches Machtinstrument im Kontext der Aufklärung
- Sprache und Bildung als konstitutive Merkmale zur Etablierung sozialer Barrieren
- Analyse praktischer Fallbeispiele: Literatur, Vereinswesen und zeitgenössische Sprachideale
Auszug aus dem Buch
4. Konkrete Beispiele
In diesem letzten Punkt soll anhand von drei konkreten Beispielen aufgezeigt werden, wie sich das bürgerliche Sprachprojekt im zeitgenössischen Leben auswirkte. Zuerst möchte ich dazu die bekannte linguistische Anekdote der ‚Liebe im Dativ’ anführen und erläutern, inwiefern diese Beispiel typisch ist für das bürgerliche Sprachprojekt. Danach möchte ich zur Illustration der Wichtigkeit von Sprachfähigkeit und Sprachbewusstsein für die Teilnahme am öffentlichen Leben einen Auszug aus dem 'Buch für den denkenden Mittelstand' anführen, und zu guter Letzt den Auszug aus der Abrechnung eines Vereins erläutern, der die Notwendigkeit der Kenntnis literarischer Werke prägnant aufzeigt.
Die Erzählung Lindaus ‚Die Liebe im Dativ’ (Lindau 1869) zeigt die Grundzüge des bürgerlichen Sprachprojektes sehr treffend auf. Ein junger Mann sieht im Berliner Bahnhof eine umwerfend schöne junge Dame und verfällt ihr auf den ersten Blick. Er folgt ihr und fährt mit dem Zug nach Trebbin, wo er sie endlich anspricht. Als er ihr seine Liebe gesteht und sie fragt, ob sie ihn auch liebt, antwortet sie: „Aber ich kenn Ihnen ja noch gar nicht!“ Daraufhin verlässt der junge Mann Trebbin und kehrt nie wieder dorthin zurück. Diese Erzählung veranschaulicht, dass der junge Mann, zuerst verliebt, auf die Antwort der jungen Dame mit unmittelbarer Abwendung von ihr reagiert. Offensichtlich ist ihm etwas an der Äusserung mehr als zuwider, sonst würde er sich nicht derart schnell von der Geliebten abwenden: Ausschlaggebend dafür ist der falsch, nicht den bürgerlichen Normen der Richtigkeit nach verwendete Dativ.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des bürgerlichen Sprachprojekts und dessen Verknüpfung mit dem historischen Kontext sowie dem Selbstverständnis des Bürgertums.
2. Das ‚Bürgertum’ und der historische Kontext: Beleuchtung der sozialen Vielschichtigkeit des Bürgertums und der historischen Faktoren wie Aufklärung und Industrialisierung, die eine neue Identitätsbildung erforderten.
3. Das bürgerliche Sprachprojekt – Sprache, Bildung und soziale Distinktion: Untersuchung der Sprache als Mittel der sozialen Ausgrenzung und als kulturelles Kapital, das den Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe regulierte.
4. Konkrete Beispiele: Veranschaulichung der theoretischen Erkenntnisse anhand literarischer Anekdoten, pädagogischer Texte des 19. Jahrhunderts und Dokumenten aus dem Vereinsleben.
5. Fazit: Zusammenführende Betrachtung, wie das bürgerliche Sprachprojekt durch Sprachnormierung eine Identität schuf und soziale Barrieren gegenüber dem Adel und der Unterschicht aufbaute.
Schlüsselwörter
Bürgertum, Sprachprojekt, Sprachbewusstsein, soziale Distinktion, Aufklärung, Bildung, Hochsprache, Identität, Sprachfähigkeit, soziale Barriere, Sprachkultur, öffentliches Leben, Bürgertum des 19. Jahrhunderts, Klassenschranken, Sprachnormen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Bürgertum des 18. und 19. Jahrhunderts Sprache und Bildung nutzte, um eine gemeinsame Identität zu stiften und sich gegenüber anderen sozialen Schichten abzugrenzen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der historische Wandel des Bürgertums, die Bedeutung der Sprache in der Aufklärung sowie der Zusammenhang zwischen Sprachkultur und sozialem Ausschluss.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Begriff des „bürgerlichen Sprachprojekts“ zu definieren und zu zeigen, dass Sprachfähigkeit ein zentrales Instrument der sozialen Distinktion und Identitätsbildung war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine sozialgeschichtlich orientierte Analyse, die auf Literaturrecherche und der Interpretation historischer Quellen und Anekdoten basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Kontextualisierung, die Analyse von Sprache als Medium der sozialen Abgrenzung und die Fallstudien zu Sprachkultur und Brief- bzw. Tagebuchkultur.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Besonders prägend sind die Begriffe Sprachbewusstsein, soziale Distinktion, bürgerliche Öffentlichkeit, Hochsprache und kulturelles Kapital.
Warum wurde in der Arbeit die Anekdote „Die Liebe im Dativ“ gewählt?
Diese Anekdote dient als konkretes Beispiel, um zu verdeutlichen, wie eine fehlerhafte Kasusverwendung innerhalb des bürgerlichen Milieus zum sofortigen sozialen Ausschluss führen konnte.
Welche Rolle spielte der Verein im Kontext des bürgerlichen Sprachprojekts?
Vereine fungierten als Orte, an denen durch das Zirkulieren von Literatur und gemeinsames Diskutieren die eigene Sprachfähigkeit und Bildung unter Beweis gestellt und kultiviert wurde.
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- Allegra Schiesser (Author), 2009, Das bürgerliche Sprachprojekt , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171888