Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Das Bürgertum’ und der historische Kontext. 2
3. Das bürgerliche Sprachprojekt - Sprache, Bildung und soziale Distinktion. 4
4. Konkrete Beispiele. 5
5. Fazit 7
Bibliographie 9
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1. Einleitung
In der Zeit zwischen Ende des 18. und dem 19. Jh. entwickelte das Bürgertum ein besonderes Verhältnis zu Sprache und Bildung, das Identität stiftend für die Gruppe des Bürgertums wirkte und das hier unter der Bezeichnung ‚bürgerliches Sprachprojekt’ näher beschrieben werden soll. Da das bürgerliche Sprachprojekt aber nicht gesondert vom historischen Kontext und vom Begriff des ‚Bürgertums’ betrachtet werden kann, müssen die schwer fassbare Gruppe des Bürgertums und die historischen Faktoren, die zur Entwicklung des Sprachprojektes gehören, zuerst geklärt werden. Dies werde ich im folgenden ersten Kapitel versuchen. Danach werde ich auf das bürgerliche Sprachprojekt selbst, dessen konstitutive Merkmale und die Wirkung auf die Gruppe des Bürgertums eingehen. Im Anschluss daran sollen diese Merkmale und Wirkung anhand einiger weniger typischer Beispiele veranschaulicht und verdeutlicht werden.
2. Das ‚Bürgertum’ und der historische Kontext
Das so genannte ‚Bürgertum’ ist genauer betrachtet nicht die homogene soziale Gruppe, die der Begriff suggeriert. Es gibt unter dieser Bezeichnung verschiedenste Gruppierungen, die z.T. grosse Unterschiede aufweisen: So gibt es z.B. Unterschiede in Bezug auf die Konfession, auf die Region, sowie in Bezug auf die Stadt- oder Landsituiertheit (vgl. Linke 1996, S. 19). Es lassen sich zudem drei Perspektiven auf den Prototyp des ‚Bürgers’ ausmachen:
Der Stadtbürger, […] für den der zünftig organisierte Handwerksmeister als Prototyp stehen kann, beeinflusst zwar noch bis ins zweite Drittel des 19. Jahrhunderts die Vorstellung vom >Bürger<, andererseits wird dieses Bild aber bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch das Bild vom Wirtschaftsbürger (mit dem Prototyp des Manufakturbesitzers oder Bankunternehmers) sowie durch das des Bildungsbürgers (mit dem Prototyp des akademisch gebildeten Beamten) konkurrenziert und […] schliesslich abgelöst. (Linke 1996, S. 19)
Daraus wird ersichtlich, dass der Begriff ‚Bürgertum’ eine Vielfalt von Facetten beinhaltet, die es schwierig machen, von einem einheitlichen Konzept aus zu gehen. Es gibt jedoch kulturelle Parameter, die rechtfertigen, warum diese verschiedenen sozialen Gruppen unter ‚Bürgertum’ zusammengefasst werden. Dazu gehören Werte wie Toleranz, Kompromissfähigkeit und Freiheitsliebe, die Auffassung von Familie als Ort der Geborgenheit, und nicht zuletzt die positive Bewertung von Bildung und der Kenntnis literarischer und musikalischer Werke und der bildenden Kunst. Die genannten Parameter drücken somit die Bürgerlichkeit als Kultur eher als ein Kulturverhalten oder eine
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Befindlichkeit aus und weniger als Kulturbesitz (Vgl. Linke 1996, S. 22f.). Zu diesen Parametern können auch der Sprachgebrauch und das Sprachbewusstsein gezählt werden. Die Tatsache, dass das Bürgertum zwar aus verschiedensten sozialen Gruppierungen besteht, diese aber unter dem Dach des Sprachgebrauchs und Sprachbewusstseins eine gemeinsame Identität finden, kann auch unter dem Begriff des ‚bürgerlichen Sprachprojektes’ genannt werden.
Die neue Wichtigkeit des Bürgertums und die daraus entstehenden Entwicklungen resultieren aus einigen bekannten Faktoren. So führt ersten die Aufklärung und deren geistiges Gut in Bezug auf die Politik zu einer Abwertung des Adels und damit im selben Zug zu einer Aufwertung des Bürgertums. Der Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit wird vom Bürgertum umgesetzt, indem räsoniert wird, also Argumente für oder gegen eine Sache vorgebracht werden. So werden nicht mehr einfach Befehle ausgeführt, sondern es wird reflektiert mit Angelegenheiten umgegangen. Dieses Räsonieren führt auch zu einer bedeutenderen Rolle der Sprache im politischen Umgang, denn Räsonieren und Argumentieren bestehen im Wesentlichen aus Sprache. Nur wer sich sprachlich gewandt ausdrücken kann, erreicht mit seinen Argumenten das gewünschte Ziel. Sprache ist also (auch) politische Macht. (Vgl. Linke 1996, S. 49f.) Ebenso führt die wirtschaftliche Umstrukturierung weg von der Agrargesellschaft zu einer immer mehr industrialisierten Gesellschaft (v.a. im 19. Jh.) zu einer grösseren wirtschaftlichen Bedeutung des Bürgertums. Auch genannt werden kann die Urbanisierung, die veranlasst, dass sich die Gruppe der Bürger in Städten ballt und auch zu deren Erstarkung beiträgt. Diese historischen Faktoren veranlassen die Entwicklung eines neuen bürgerlichen Selbstbewusstseins, das v.a. nach einer Abgrenzung vom Proletariat und den Bauern (gegen unten) verlangt, aber auch vom Adel (gegen oben) (vgl. Linke 1996, S. 20). Diese Abgrenzung geschieht durch Merkmale, die stark mit der Aufklärung zu tun haben, nämlich durch Bildung und Sprache (vgl. Gessinger 1980, S. 5). Ich möchte im nächsten Kapitel näher auf das Verhältnis zwischen Sprache und der sozialen Distinktion des Bürgertums eingehen, das Verhältnis von Bildung und Abgrenzung hingegen möchte ich nur im Rahmen des Einflusses auf die Sprache streifen, da die Bildung zwar auch, aber nur indirekt, zum bürgerlichen Sprachprojekt gehört.
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Arbeit zitieren:
Allegra Schiesser, 2009, Das bürgerliche Sprachprojekt , München, GRIN Verlag GmbH
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