Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1. Das Schüsselmodell’ 2
2. Jobs im Sinne des Schüsselmodells’ in der konversationellen Erzählung „Autopanne“ 6
2.1. Die Autopanne - eine konversationelle Erzählung? 6
2.2. Jobs in der Autopanne. 8
Fazit. 13
Bibliographie 14
1
Einleitung
Das von Hausendorf und Quasthoff entwickelte Modell zur Analyse konversationeller Erzählungen bietet den Vorteil, dass alltägliche Erzählungen in Gesprächen, wie die vorliegende unter dem Titel Autopanne, in Bezug auf ihre Interaktionsmechanismen untersucht werden können. Das Modell bietet ein Schema der grundlegenden Aufgaben der Erzählung, die in der narrativen Interaktion erfüllt werden müssen. Anhand dieses Modells - Schüsselmodell genannt aufgrund seiner schüsselartigen graphischen Darstellung - soll die Alltagserzählung Autopanne auf die Jobs hin untersucht werden. Zuerst werde ich daher das Schüsselmodell erläutern, um danach darzulegen, warum der Gesprächsausschnitt mit dem Thema der Autopanne überhaupt als konversationelle Erzählung gelten kann. Schliesslich werde ich versuchen, die Jobs des Schüsselmodells in der Erzählung Autopanne zu verorten.
1. Das ‚Schüsselmodell’
Im Zuge einer Studie zur Sprachentwicklung und Interaktion entwickelten Hausendorf und
Quasthoff ein Beschreibungsmodell für Erzählungen in Gesprächen. 1 Der Ansatz ist interaktiv orientiert, das heisst auf Erzählen in Gesprächen als narrative Interaktion ausgerichtet. Da das Erzählen interaktiv gestaltet ist, muss auch die Erzählung unter diesem Gesichtspunkt beschrieben werden. Daher werden Erzählungen in Gesprächen als konversationelle Erzählun-gen bestimmt, als Diskurseinheiten 2 ,
die sich inhaltlich auf ein singuläres, für die Beteiligten und/ oder den Zuhörer ungewöhnliches Erlebnis in der Vergangenheit bezieh[en], an dem der Sprecher mindestens als Beobachter beteiligt war, und die formal die Charakteristika eines der narrativen Diskursmuster […] aufweis[en]. (Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 11).
Das Modell wurde in der empirischen Untersuchung der erhobenen Daten, die aus n Erzählungen bestehen, induktiv entwickelt und basiert auf der Annahme, dass sich das Erzählen in Gesprächen „als die schrittweise Erfüllung erzählspezifischer Bedingungen interaktiver Natur beschreiben läßt.“ (Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 127). Bedingungen werden hier als Aufgaben in der narrativen Interaktion verstanden, die von irgendwelchen Gesprächsteilnehmern irgendwann erfüllt werden müssen. Das Erfüllen dieser Aufgaben wird daher im sprachlichen Verhalten ersichtlich und kann analysiert werden. Das Modell Hausendorfs und Quasthoffs
1 Ich beziehe mich hier auf Hausendorf, Heiko und Quasthoff, Uta M.: Sprachentwicklung und Interaktion. Eine linguistische Studie zum Erwerb von Diskursfähigkeiten. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1996.
2 Eine Klärung des Begriffs bietet Quasthoff 1980, S. 29.
2
soll jedoch nicht nur der Beschreibung dienen, sondern auch oder gerade effektive Regularitäten narrativer Interaktion darstellen. Die Rekonstruktion der Regularitäten, also der „erzählinteraktionsspezifischer Erwartbarkeiten“ (Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 128), kann auf drei verschiedenen Ebenen geschehen: Auf der Ebene der Aufgaben, die interaktiv konstituiert sind, auf der Ebene der Mittel, die pragmatische konstituiert sind, und schliesslich auf der Ebene der Formen, die syntaktisch-lexikalisch konstituiert sind. Die Ebenen beleuchten jeweils unterschiedliche Aspekte des Interaktionsprozesses. Die Ebene der Aufgaben, im Folgenden Jobs genannt, fokussiert auf die Gesamtheit der Interaktionsteilnehmer, die Ebene der Mittel auf die einzelnen Teilnehmer in ihrer jeweiligen Rolle (Sprecher- bzw. Zuhörerrolle), und die Ebene der Formen auf die SprecherIn und ZuhörerIn gesondert. 3 Durch die verschiedenen Aspekte ergeben sich auch unterschiedliche Zugänge der Ebenen zur Struktur des Interaktionsprozesses. Die Jobs beziehen sich nämlich auf die gemeinsam hergestellte interaktive Struktur, die Mittel hingegen auf die Textstrukturen der semantischen Kohärenz und Handlungszüge der interaktiven Organisation, und die Formen schliesslich auf die sprachliche Oberfläche. Grob umzeichnet würde ich die drei Ebenen also so unterscheiden, dass die Formen die sichtbaren sprachlichen Äusserungen sind, die ein Mittel zum Zweck der Aufgabenerfüllung sind. Ein Mittel ist demnach eine Art hinter der Äusserung liegende und mit dieser verknüpfte Funktion, welche die einzelnen Äusserungen verknüpft und die daher auch die einzelnen interaktiven Beiträge organisiert. Wenn z.B. eine Frage wie ‚Was hast du denn letzte Nacht geträumt, dass du so geschrieen hast?’ gestellt wird, so entspricht die sprachliche Äusserung der Ebene der Form, die Beschreibung als Frage jedoch der Ebene der Mittel. Die Frage erfüllt nämlich sowohl den Zweck, Kohärenz herzustellen, indem in der Antwort auf die Frage eingegangen werden muss, als auch die interaktive Organisation - auf
eine Frage muss eben eine Antwort folgen. 4
Nun lassen sich über die oben genannten Ebenen der Formen und Mittel die dahinter liegenden Jobs erschliessen, die in der Interaktion erfüllt werden. Diese stellen Hausendorf und Quasthoff als Schema in Form einer Schüssel dar - daher die Bezeichnung ‚Schüsselmodell’. Die Schüssel mit ihren drei Seiten und zwei Eckpunkten stellt die fünf in einer narrativen Interaktion zu bewältigenden Jobs dar, nämlich Darstellung von Inhalts- und/ oder Formrelevanz, Thematisieren, Elaborieren/ Dramatisieren, Abschliessen und Überleiten. Bei der Be-
3 Vgl.Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 127 ff.
4 Vgl. Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 128 ff.
3
wältigung der Job gilt, dass die oben genannte Reihenfolge „den Status einer allgemeinen interaktiv hochgradig erwartbaren Regularität [hat].“ (Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 133). 5
Abbildung 1: Schüsselmodell der „Jobs zur gesprächsstrukturellen Organisation von (narrativen) Diskurseinheiten. (Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 134).
Die Form der Schüssel verdeutlicht, dass eine konversationelle Erzählung vom turn-by-turntalk abgegrenzt ist sowohl hinsichtlich der Diskurswelt (Diskurswelt der Sprechsituation beim
turn-by-turn-talk vs. Diskurswelt der ‚Geschichte’ 6 bei der narrativen Diskurseinheit) als auch hinsichtlich der besonderen Bedingungen des Sprecherwechsels bei der narrativen Interaktion. Die Schüsselform „macht auf die Prozesse des Überganges (bzw. der Vermittlung) von einer Ebene zur anderen aufmerksam.“ (Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 134). Die Seiten der Schüssel, Darstellung von Inhalts- und/ oder Formrelevanz sowie Überleiten, und die beiden Eckpunkte Thematisierung und Abschliessen, können durch die graphische Darstellung der Schüssel in ihrer analogen Funktion dargestellt werden. Die Elaborierung/ Dramatisierung schliesslich ist der Boden der Schüssel, das zentrale Charakteristikum einer narrativen Dis-kurseinheit. 7
Die einzelnen Jobs sollen nun kurz umrissen werden, damit im nächsten Kapitel darauf zurückgreifend eine Analyse der Alltagserzählung Autopanne erfolgen kann. Eine Erzählung kommt nicht aus dem Nichts - folglich muss dafür schon im turn-by-turn-talk der Rahmen geschaffen werden. Dies geschieht durch die Darstellung von Inhalts- und/ oder Formrelevanz. Eine Erzählung muss an das vorausgehende Gespräch kohärent angeschlossen werden können - die als nächster Job folgende Thematisierung nimmt Bezug auf die Darstellung von Inhalts- und/ oder Formrelevanz, also auf den im turn-by-turn-talk etablierten Rah-
5 Vgl.auch Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 130 ff.
6 Vgl. zu diesem Terminus Gülich/ Hausendorf 2000, S. 372 f.
7 Vgl. Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 134 f.
4
men für die Erzählung. Inhaltsrelevanz meint hier den inhaltlichen Bezugsrahmen, wobei Formrelevanz den formalen Bezugsrahmen der Erzählung meint. 8 Dies sind grundsätzlich zwei Möglichkeiten für die Erledigung dieses Jobs, wobei in „der Praxis des Erzählens […] beide Bedingungen miteinander verschränkt [sind].“ (Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 136). Nur wenn eine Erzählung sowohl inhaltlich als auch formal an das vorausgehende Gespräch anschlussfähig ist, kann sie erzählt werden - beide Bedingungen müssen erfüllt sein, auch
wenn dies noch so unauffällig geschieht. 9
Der Job der Thematisierung ist der Umschlagpunkt, ab dem eine Erzählung hochgradig erwartbar ist. Ein Ausbleiben der Erzählung muss ab diesem Punkt begründet werden - bevor der Job der Thematisierung jedoch nicht erledigt ist, besteht kein Zugzwang, eine narrative Diskurseinheit anzuschliessen. Ist der Job Thematisierung erledigt, so folgt der Job der Ela-borierung/ Dramatisierung darauf, innerhalb dessen der vorher etablierte „Zugzwang zum Anschluss einer narrativen Diskurseinheit sukzessive [abgewickelt wird].“ (Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 137). Das Ereignis, das thematisiert wurde, muss nun erzählerisch entfaltet werden, das heisst, „das fragliche Ereignis rekonstruierend darzustellen und wiederzugeben.“ (Gülich/ Hausendorf 2000, S. 379). Dies geschieht durch Elaborierung oder Dramatisierung, wobei ersteres eher dem Muster des Berichts folgt, während letzteres in einer szenischen Erzählung resultiert. Die beiden Jobs sind deshalb zusammen an einer Stelle des Modells verortet, weil sie üblicherweise nicht in einem aufeinander folgenden Verhältnis zueinander stehen, und zudem die Dramatisierung über die Elaborierung hinausgeht, also nicht „zur notwendigen Minimalausstattung narrativer Diskurseinheiten gehört[.]“ (Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 137).
Mit dem Abschliessen wird, analog zum Thematisieren, aber in umgekehrter Richtung, der Austritt aus der narrativen Diskurseinheit hochgradig erwartbar gemacht. Wird nach der Erledigung dieses Jobs wieder elaboriert oder dramatisiert, muss dies begründet werden. Mit Erledigung des Jobs Abschliessen erfolgt also der Zugzwang für den nächsten Job, das Überleiten. Mit diesem wird die Rückkehr in den turn-by-turn-talk vollzogen, analog zum Austritt aus dem turn-by-turn-talk mit der Darstellung von Inhalts- und/ oder Formrelevanz. Ebenso
8 So kann z.B. eine Darstellung von Formrelevanz die Aufforderung sein, ‚etwas zu erzählen’. Durch die Bezugnahme auf die Tätigkeit des Erzählens wird nämlich nicht ein inhaltlicher, sondern formaler Bezugsrahmen geschaffen - es kann irgendetwas erzählt werden, der Inhalt ist nicht bestimmt, solange nur erzählt wird. Hausen-dorf/ Quasthoff nennen den formalen Bezugsrahmen „Interaktionsrahmen“ (Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 136). Etwas Ausführlicher zur Darstellung von Formrelevanz vgl. Gülich/ Hausendorf 2000, S. 376 f.
9 Vgl. Hausendorf/ Quasthoff 1996, S. 135 f.
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Arbeit zitieren:
Allegra Schiesser, 2010, Das ‚Schüsselmodell’ und die Erzählung "Autopanne", München, GRIN Verlag GmbH
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