Allegra Schiesser 05-914-668 Einleitung
Im vorliegenden Essay wird es darum gehen, zu untersuchen, ob der Kunstbegriff und die Aufgabe von Kunst bei Ursula Wolf 1 mit den Kunstbegriffen von Bubner 2 , Eco 3 und Kohler 4 vereinbar ist. Dazu muss zuerst geklärt werden, was die Funktion der Kunst bei Wolf ist, insbesondere in Bezug auf die Frage nach dem guten Leben, und wie die anderen Autoren (Bubner, Eco, Kohler) Kunst definieren. Aufgrund dieser Definitionen werde ich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Texten herausarbeiten.
Wolfs Kunstbegriff und die Frage nach der Vereinbarkeit mit denjenigen Kohlers, Bubners und Ecos
Wolf weist der Kunst die besondere Aufgabe zu, dem individuellen Leben in Bezug auf die philosophische Grundfrage nach dem guten Leben einen Sinn zu zuweisen, indem sie Möglichkeiten des konkreten individuellen guten Lebens aufzeigt. Dies geschieht dadurch, dass in einem Kunstwerk, das ein organisiertes Ganzes ist, Sinnzusammenhänge bestehen, die dem betrachtenden Subjekt die Möglichkeit aufzeigen, dass diese Sinnzusammenhänge auch im konkreten Leben bestehen. 5 Auf diese Weise zeigt das Kunstwerk dem Individuum Möglichkeiten des guten Lebens auf. Wolf definiert das gute Leben dadurch, dass es einen Sinn hat. Es muss aber nicht zwangsläufig nur „gut“ sein - das gute Leben kann oder muss auch negative Erfahrungen beinhalten, da diese naturgemäss zum Leben gehören und diesem ebenso einen Sinn geben können. 6 Daher kann Kunst auch darin bestehen, „Zerrissenheit statt Zusammenhang“ 7 aufzuzeigen.
Kunst steht damit ergänzend zur Philosophie. Die Philosophie befasst sich seit jeher mit der Frage nach dem guten Leben, konnte jedoch bisher keine Antwort liefern, da sie sich auf einer abstrakten, begrifflichen Ebene befindet. Was die Philosophie in Bezug auf die Frage nach dem guten Leben leisten kann, ist Vorklärungen dazu anzustellen (die eben auf einer begrifflichen Ebene stattfinden müssen). Die Kunst dagegen kann Antworten auf die Frage nach dem guten Leben liefern, da sie konkret-sinnlich ist und sich auf einer anschaulichen Ebene präsentiert. Das Subjekt kann dadurch dem Werk „Anweisungen der individuellen Lebensführung entnehmen.“ 8 Aber auch Kunst greift in ihrer Weise zu Begriffsbestimmungen, indem sie Grundbegriffe wie „Liebe“ oder „Gerechtigkeit“ aufnimmt. Dies tut sie aber nicht im typisch philosophischen Sinne, sondern immer in Bezug auf das konkrete individuelle Leben, auf das subjektive Fühlen und Denken. Die Begriffe bekommen in der Kunst also eine subjektive Seite. 9
1 Wolf, Ursula: Kunst, Philosophie und die Frage nach dem guten Leben; Suhrkamp 1991.
2 Bubner, Rüdiger: Zur Analyse ästhetischer Erfahrung; Schöningh 1981.
3 Eco, Umberto: Die ästhetische Botschaft; Suhrkamp 1982.
4 Kohler, Georg: „’Ist das noch Kunst?’ oder: Die Permanenz der ästhetischen Erfahrung als Problem.“; Studia Philosophica 43, 1984.
5 Vgl. Wolf 1991, S. 126f.
6 Vgl. Wolf 1991, S. 127f.
7 Wolf 1991, S. 112.
8 Wolf 1991, S. 118.
9 Vgl. Wolf 1991, S. 122f.
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Allegra Schiesser 05-914-668
Kohler sieht in der Kunst wie Wolf die Aufgabe, dem individuellen Leben Möglichkeiten aufzuzeigen, die über es selbst hinausgehen, und zwar indem die Norm des Gewohnten gebrochen wird. Durch die Beschäftigung mit dem ästhetischen Objekt wird „die individuelle Vielfalt seiner eigenen Existenzmöglichkeiten“ 10 entdeckt. Kohler spricht mit Kant vom „freien Spiel […] [von] Einbildungskraft und Verstand“ 11 , in das die konkret-sinnliche Anschauung und die begriffliche Abstraktionskraft eintreten. Die Existenzmöglichkeiten des Individuums werden nur entdeckt, wenn die anschauende Beschäftigung mit dem Kunstwerk durch immer neue Versuche des begrifflichen Ordnens wieder auf die Welt, das konkrete Leben bezogen wird. Dieses zirkuläre Spiel wird ausgelöst durch das konstitutive Merkmal eines Kunstwerks, dass es „ein in einer Endlichkeit eingeschlossenes Unendliches“ 12 ist.
Auch Bubner spricht von Anschauung und Begriff, hebt jedoch die Bedeutung der sinnlichen und sinnengebundenen Anschauung für die Kunst stärker hervor. Für ihn ist die Anschauung nicht der Gegensatz zum Begriff, sondern die Vollendung desselben. 13 Da Kunst auf der Anschauungsseite steht, können Begriffe auf sie nicht angewandt werden. Wie Kohler spricht auch Bubner von einem „Spiel der Reflexion“ 14 , das zwischen der Sinnengebundenheit und dem Totalitätscharakter des Kunstwerks in Gang kommt, und das die Spannung zwischen „der sinnlichen Bedürftigkeit und der begrifflichen Unbedürftigkeit“ 15 aushaltbar macht. Die Totalität des Kunstwerks besteht auch für Kohler: Ein Kunstwerk ist singulär und totalitär. Es ist einzigartig und ganzheitlich dadurch, dass es seinen ganz eigenen Code (Idiolekt) verwendet, der nie (ganz) auf die bekannten Codes bezogen werden kann, sondern wieder auf sich selber verweist. 16 Das sind laut Eco die beiden Merkmale eines Kunstwerks: Autoreflexivität und Ambiguität. Durch beide wird die Norm des Bekannten gebrochen, und so das Spiel der Reflexionskraft angeregt.
Kohlers Definition von Kunst ist ohne Zweifel vereinbar mit Wolfs, da wie oben schon erwähnt auch bei ihm die Forderung besteht, dass Kunst sich auf das individuelle Leben bezieht. Nicht nur auf der Subjekt- (durch das interpretatorische Spiel, das Existenzmöglichkeiten aufdeckt), 17 sondern auch auf der Objekt-Seite (durch permanenten Normbruch des bekannten Codes, wodurch das in-terpretatorische Spiel erst ermöglicht wird) 18 wird der Bezug zum Individuum hergestellt. Wolf spricht zwar nicht von einem Reflexionsspiel, das immer neue Möglichkeiten des individuellen guten Lebens aufdeckt, aber Kohlers Analyse desselben ist in der obigen Deutung 19 sehr wohl vereinbar mit ihrer Auffassung von Kunstrezeption. Wenn man jedoch die Trennung zwischen Kunst und
10 Kohler 1984, S. 29.
11 Kohler 1984, S. 25.
12 Kohler 1984, S. 27.
13 Vgl. Bubner 1981, S. 253.
14 Bubner 1981, S. 259.
15 Bubner 1981, S. 259f.
16 Vgl. Kohler 1984, S. 28ff.; Eco 1982, S. 404ff.
17 Vgl. Kohler 1984, S. 29.
18 Vgl. Kohler 1984, S. 33.
19 Vgl. Absatz 4 auf Seite 2.
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Allegra Schiesser, 2009, Ist der Kunstbegriff Wolfs vereinbar mit denjenigen von Kohler, Bubner und Eco?, München, GRIN Verlag GmbH
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