Universität Zürich, Philosophisches Seminar Textkritik Kymlicka Migration und Ethik, FS 2010
gang zu genug Essen und Trinken etc. Der Grund, warum die Bindung an Sprache und Kultur so stark ist, ist deren identitätsstiftende Funktion bzw., dass sie die Wahlmöglichkeiten der Individuen, wie oben schon gesagt, vorgeben. Deshalb, so Kymlicka, geht die Liberalisierung - entgegen der Intuition - mit einem gesteigerten Nationalgefühl einher, da eben diese nationale Identität durch die societal culture gestiftet wird. 3
Auf die zweite Frage antwortet Kymlicka mit nein, da Immigranten, ganz im Gegensatz zu Flüchtlingen, die Entscheidung zur Aufgabe ihrer Kultur selbst getroffen haben - sie haben sich also bewusst kulturell entwurzelt, um in einer anderen societal culture Fuss zu fassen. Kymlicka fügt aber an, dass Immigranten, wenn ihnen schon nicht gewährt wird, ihre eigene societal culture wieder aufzubauen, eine gastfreundliche Aufnahme gesichert werden mussdass also sichergestellt werden muss, dass Integration als two-way process und nicht bloss einseitig von Seite der Immigranten her stattfindet. Zudem betont Kymlicka, dass bei der Unterscheidung zwischen Immigranten und Flüchtlingen noch immer Wirtschaftsflüchtlinge, die meist unter die Bezeichnung Immigranten und nicht Flüchtlinge fallen, zu kurz kommen, da viele von ihnen die oben genannte freie Entscheidung, ihre societal culture zu verlassen, gar nicht wirklich frei treffen konnten, wenn Auswanderung das einzige Mittel ist, sich einen minimalen Lebensstandard zu sichern. An dieser Stelle äussert sich Kymlicka auch zur Problematik der globalen Gerechtigkeit. Seine Thesen zu den Rechten von Minderheiten anhand des Begriffs der societal cultures würden nur gelten, so lange die Welt ungerecht sei, denn die eigentliche Ursache für die ganze Einwanderungs- bzw. Flüchtlingsproblematik sei die Ungerechtigkeit. Die ungerechte Verteilung von Ressourcen sei der eigentliche Punkt, an dem angesetzt werden müsse. 4
Auf die dritte Frage entgegnet Kymlicka, dass zuerst einmal nicht einfach in liberal und nicht liberal einteilt werden kann, da es immer Graustufen dazwischen gibt - dass also auch liberalisierte Staaten immer illiberale Teile haben. Das Ziel von Liberalen müsse sein, nicht-liberale Nationen zu liberalisieren, nicht sie zu zerstören. Zudem dürfe nicht vergessen werden, dass alle Staaten illiberale Vergangenheiten haben, dass Liberalisierung Zeit braucht, und (noch) nicht liberalen Nationen diese Zeit zur Liberalisierung evtl. auch zugestanden werden muss. 5 Kymlicka geht noch auf die Problematik von nationalen Minderheiten ein, die societal cultures bilden - im Gegensatz zu Immigranten, die im Aufnahmeland eben keine societal cultures haben. Die societal cultures dieser Minderheiten, Beispiel dafür sind etwa Indianer in Nord-
3 S.84-89.
4 S. 94-100.
5 S.94f.
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Arbeit zitieren:
Allegra Schiesser, 2010, Textkritik zu Kymlickas "freedom and culture", München, GRIN Verlag GmbH
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