Proseminar „Ikonographien filmischer Landschaften“, FS 09
Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich Cindy Hertach, Seraina Rohrer
schülern. 3 Forks ist damit der Ort, an dem sie sich in der Andersartigkeit ausleben kann und sich jemandem öffnet, der selbst in einer anderen Welt lebt. Dies zeigt sich (abgesehen natürlich von der Narration) am meisten in der Landschaft. Die Landschaft von Phoenix ist wüstenartig, kaum bewachsen, trocken, öde und dennoch dicht besiedelt - Phoenix ist eine Grossstadt. Die Stadt, die Zivilisation, befindet sich also in der unmenschlichen Landschaft schlechthin - der Wüste. Die Gegend um Forks hingegen ist grün, feucht, sehr dicht und urwaldartig bewachsen und gering besiedelt. Das Dorf Forks ist klein und abgelegen, mitten in uralten Wäldern. Forks unterliegt anderen Regeln als die Bella bisher bekannte Welt, Phoenix. Die Natur, das Dorf selbst, die Leute und selbst Flora und Fauna sind und verhalten sich anders. Und nur durch die Andersartigkeit wird es Bella möglich, sich zu verwirklichen. Die für die Verbildlichung der Heterotopie relevanten Stellen spielen sich in den Wäldern um Forks ab. An der Stelle, wo Bella Edward eröffnet, dass sie weiss, dass er ein Vampir ist und so der Eintritt in die Heterotopie vollzogen wird, gehen sie tief ins Dunkel des Waldes. Auch die weiteren Gespräche der beiden, die sich um die andere Welt Edwards, die Vampirwelt, drehen, finden im Wald statt, auch das Haus der Vampire befindet sich im Wald. Der Wald ist somit in Twilight die Verbildlichung vom „Ort ausserhalb aller Orte“, die Heterotopie. Aber nicht nur der Ort und dessen Regeln sind in Forks anders, auch die Zeit ist eine andere als im modernen Phoenix, sie ist stehen geblieben. Dies ist nicht nur in den uralten Wäldern ersichtlich, sondern auch im Vampir Edward, der aus einer vergangenen Epoche stammt und nicht altert. Diese Heterochronie spricht auch für die Forks als Heterotopie. Bella findet in der „normalen“ Gesellschaft in Phoenix keine menschlichen Bindungen - sie lebt in einer unmenschlichen Umgebung, was sich in der Wüstenlandschaft zeigt. Erst im regnerischen und grünen Forks, speziell in der anderen Welt der Vampire, die eigentlich unmenschlich sind, findet sie wirklich fruchtbaren sozialen Kontakt - dies wird in der üppigen, fruchtbaren Waldlandschaft ersichtlich. In dieser Lesart ist die Landschaft in Twilight „paysage-expression“.
Die Landschaft kann aber vor allem auch als „paysage-drame“ verstanden werden. In der Gegend um Forks scheint so gut wie nie die Sonne, weshalb sich nur dort Vampire während des Tages herauswagen können und so in Kontakt mit anderen treten können. Und erst das zwielichtige Dunkel des Waldes ermöglicht Edward und Bella den Kontakt miteinander, wo sie
3 Vampire stehen oft für die Kehrseite der Gesellschaft, für Personen, die nicht in die Gesellschaft passen und wegen ihrer Andersartigkeit von ihr verstossen werden. Da sie von der Gesellschaft ausgestossen sind und deren Regeln nicht mehr auf sie zutreffen, müssen sie sich jedoch an keine Regeln halten, und leben somit in absoluter Freiheit (Vgl. Williamson 2005: 29-50; 183-190).
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Proseminar „Ikonographien filmischer Landschaften“, FS 09
Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich Cindy Hertach, Seraina Rohrer
sich nicht vor den anderen verstellen müssen. Die Heterotopie erfüllt also auch eine narrative Funktion - ohne Wolken, Wald und Dämmerlicht könnte es gar keine Begegnung zwischen Edward und Bella und somit keine Erzählung über die beiden geben. Fazit und weitere Perspektiven
Forks unterliegt grundsätzlich anderen Regeln als Bellas bisher bekannte Umwelt in Phoenix. In der endlosen (Stadt-)Wüste Phoenix’ war kein Platz für Bellas Einzigartigkeit, in den dicht verwachsenen Wäldern Forks’ hingegen findet sie einen Platz für sich und fruchtbaren Boden für eine Beziehung. Dadurch, dass Forks sowohl als „paysage-expression“ wie als „paysagedrame“ als Heterotopie fungiert, wird erst eine Narration möglich, in der die Aussenseiterin Bella eine Beziehung aufbauen kann. Und erst durch die Heterotopie überhaupt ist es möglich, dass es sich dabei um einen Vampir handelt. Gleichzeitig sind Vampire inhärent heterotopisch, da sie grundsätzlich anders sind (vgl. Williamson 2005), was die Heterotopie unabdingbar macht. Die Verbildlichung der Heterotopie geschieht durch Landschaftsaufnahmen, die nicht nur eine grundsätzlich andere Landschaft zeigen, sondern meist auch aus einem anderen Blickpunkt. Während in Phoenix die Stadt und die sie umgebende Wüste aus einem „unmenschlichen“ Blickwinkel (Vgl. Zechner 2006: 183-196) gezeigt werden, von einem extrem erhöhten Standpunkt aus, wird Forks und die umliegenden Wälder meist von Augenhöhe aus gezeigt, sodass die Perspektive eine sehr „menschliche“ ist. Durch diese sehr unterschiedlichen Landschaftsaufnahmen wird Forks als Heterotopie inszeniert. Interessant wäre weiterhin zu untersuchen, ob sich in den Landschaftsbildern auch eine Genderthematik verbirgt. Landschaften sind schliesslich meistens symbolisch aufgeladen, weshalb sich hier eine Analyse auf dieser Ebene anbieten würde. Mit Hinblick auf die weitere Entwicklung der Narration in den Büchern Stephenie Meyers, die ja die Basis des Filmes sind, wäre es auch interessant, die Küstenlandschaft bei Forks mit einzubeziehen. Diese birgt nochmals einen anderen Aspekt in sich, da sie das alleinige Territorium der Indianer ist und Bella sich mit einem von ihnen später auf eine ähnlich intensive Beziehung einlässt wie mit Edward, was sich evtl. wieder (symbolisch/ metaphorisch) an der Landschaft ablesen liesse. Des Weiteren würde sich anbieten, die Lichtverhältnisse und -metaphoriken der beiden verschiedenen Landschaften Forks und Phoenix in die Untersuchung mit einzubeziehen, da mir scheint, dass dies auch einen Teil der Heterotopie ausmacht.
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Arbeit zitieren:
Allegra Schiesser, 2009, Die Landschaft Forks’ in Twilight (USA 2008) als Heterotopie, München, GRIN Verlag GmbH
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