Abstract
Das Fernsehen bedient bzw. konfrontiert seine ZuseherInnenschaft zunehmend mit lebensnahen und intimen Themen. Sendungen respektive Formate die sich mit den realen Geschichten des wirklichen Lebens beschäftigen, sind in den großen Bereich des Reality TV´s einzuordnen und verzeichnen aktuell sehr großen Zuspruch. Eine dieser Sendungen ist die „Super Nanny“. Diese Sendung steht im Fokus der vorliegenden Arbeit. Die Auseinandersetzung mit diesem Format passiert hinsichtlich des RezipientInnenverhaltens, der Wirkung der Sendung und inwieweit die Vorgehensweise der Super Nanny Parallelen zur Sozialen Arbeit aufweist.
Die Arbeit ist so aufgebaut, dass im ersten Abschnitt das Thema Medien im Allgemeinen und das Fernsehen als spezifisches Medium im Besonderen behandelt wird. Eine weitere Differenzierung findet dahingehend statt, indem die Super Nanny als besonderes Format des Fernsehens dargestellt wird.
Die Auseinandersetzung mit der Sozialen Arbeit passiert anhand des Handlungsfeldes der Sozialpädagogischen Familienhilfe um anschließend einen Vergleich herstellen zu können. Die angesprochene Gegenüberstellung findet ebenso auf einer Metaebene statt, indem das Fernsehen als Medium und die Soziale Arbeit als Medium einem Vergleich unterzogen werden.
Folgende Forschungsfrage dient als Ausgangssituation:
• Warum/wie werden Fernsehformate wie die Sendung der „Super Nanny“ genutzt?
• Welche Parallelen bestehen hinsichtlich der methodischen Vorgehensweise zu den Methoden der Sozialen Arbeit?
• In welche Richtung wird sich das mediale Beratungsangebot im Fernsehen zukünftig entwickeln?
Die vorliegende Arbeit ist eine Literaturarbeit. Des Weiteren wurde für die Beantwortung der Forschungsfrage sekundäranalytisch vorgegangen.
Den Abschluss der Arbeit, bilden die Ergebnisse und die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen und Ausblicke.
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Abstract
Television attends upon and confronts its audience increasingly with intimate issues drawn from real life. Programs, respectively formats dealing with the stories of real life are to be classified in the vast domain of reality TV and currently denote enormous popularity. One of these programs is "Super Nanny". That program constitutes the focus of this thesis. The format is discussed with regard to the comportment of recipients, the impact of the program, and to what extent there are parallels between the Super Nanny's approach and social work. The first section of this thesis covers the issue of media in general and television as a specific medium in particular. Further differentiation takes place with regard to "Super Nanny" as a special television format.
Dealing with social work is based on the field of action of the socio-pedagogical family sup-port program so as to enable subsequent comparison. That opposition also takes place on a meta level, where television as a medium and social work as a medium are subject to comparison.
The following research questions serve as a starting point:
• What is the reason for the utilisation of television formats such as the program "Su- perNanny" and what is their benefit?
• Are there parallels between the TV format and the methods of social work with regard to the methodological approach?
• In which direction will the advisory services on TV further develop? The present thesis is based on literature research. Furthermore proceedings of secondary analysis were employed to answer the research question.
The last section of this thesis comprises results and subsequent recommendations for ac- tion, and provides prospects for the future.
1. EINLEITUNG 6
2. WAS SIND MEDIEN? 8
2.1 Das Medium Fernsehen 10
2.1.1 Das Fernsehen als Massenmedium 12
2.1.1.1 Exkurs: Theorie der Masse 13
2.2 Medienrezeption und Medienwirkung 15
2.2.1 Affiliation 17
2.2.2 Bedürfnis nach Identitätsbildung und Selbstrepräsentation 18
2.3 Die Logiken des Fernsehens 19
2.3.1 Das Fernsehen als quantitatives Medium 26
2.3.2 Das Fernsehen als zugangsoffenes Medium 27
2.3.3 Das Fernsehen als selektiv - fragmentarisches Medium 27
2.4 Die Zukunft des Fernsehens 29
2.5 Resümee 31
3. DAS FERNSEHFORMAT „REALITY-/DOKU- SOAP“ 32
3.1 Allgemeines/Fernsehformate im Überblick. Definition 32
3.1.1 Infotainment 33
3.1.2 Talk - Shows 34
3.1.3 Reality-TV 36
3.2 Die „Super Nanny“ 37
3.2.1 Das Konzept der Super Nanny 37
3.2.2 Wirkung der Super Nanny 39
3.3 Resümee 43
4. WAS IST BERATUNG? 45
4.1 Beratung in der Sozialen Arbeit 45
4.1.1 Die Familien- und Erziehungsberatung 47
4.2 SPFH (Sozialpädagogische Familienhilfe) 48
4.2.1 Ein kurzer historischer Absriss 48
4.2.2 Rechtliche Grundlagen der SPFH 48
4.2.3 Beschreibung des Handlungsfeldes SPFH 49
4.2.4 Zielgruppe/KlientInnen von SPFH 50
4.3 Resümee 52
4.4 Eine vergleichende Darstellung von Beratung: Zwischen Super Nanny und SPFH 53
4.4.1 Zielgruppe 53 4.4.2 Methoden und Konzepte 55
4.4.2.1 VHT 56 4.4.2.2 Triple-P
4.4.2.3 FAM und FIM 4.4.2.4 Zwischenresümee
4.4.3 Arbeitsphasen 62 4.5 Resümee 65
5. DIE LOGIKEN SOZIALER ARBEIT 66
5.1 Lebenswelt vs. Lebensstil 67
5.2 Strukturbedingungen 69
6. GEGENÜBERSTELLUNG DER LOGIKEN 75
6.1 Das Fernsehen als quantitatives Medium vs. die Soziale Arbeit als qualitatives Medium 76
6.2 Das Fernsehen als zugangsoffenes Medium vs. Die Soziale Arbeit als zugangsbeschränktes Medium 78
6.3 Das Fernsehen als selektiv-fragmentarisches Medium vs. die Soziale Arbeit als ganzheitliches und multidimensionales Medium 80
6.4 Resümee 81
7. AUSWERTUNG DER ERGEBNISSE 82
7.1 Beantwortung der Forschungsfragen 83
7.2 Diskussion der Ergebnisse und Hypothesen 87
8. AUSBLICK UND HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN 92
9. LITERATURVERZEICHNIS 95
10. ABBILDUNGSVERZEICHNIS 104
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1. Einleitung
In den letzten Jahren hat sich in der Medienlandschaft einiges verändert, so scheint das Format des „Reality-TV ́ s“ (Talkshows, Reality Soaps etc.) zu boomen. Diese Sendungen sind dadurch geprägt, dass sie den ZuseherInnen suggerieren, an der sozialen Wirklichkeit der gezeigten Personen, teilhaben zu können (vgl. Studie: Alles Super Nanny?!). 1 Das Stichwort heißt „Socialtainment“, die Auseinandersetzung mit sozialen Problemen, das Preisgeben von Intimitäten, das Eingreifen in die Privatsphäre, stehen hier im Mittelpunkt. Die Nutzung dieser Formate bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der Aneignung spezieller Kompetenzen und der Unterhaltung aufgrund von voyeuristischen Motiven. Ausgehend von diesen Überlegungen und konkret formulierter Hypothesen bzw. Forschungsfragen soll in der vorliegenden Arbeit ein Konnex zwischen der Sendung „Super Nanny“ und der Sozialen Arbeit hergestellt werden.
Die Intention dieser Arbeit ist es herauszuarbeiten, welche Chancen und Risiken das Beratungsangebot im Fernsehen für die RezipientInnen zu bieten hat. In einer ersten allgemeinen Herangehensweise wird das Thema „Medien“ bearbeitet, um anschließend im Speziellen auf das Fernsehen und der damit verbundenen Rezeption bzw. Wirkung einzugehen.
Aufbauend auf die medientheoretischen Überlegungen werden relevante Fernsehformate näher erläutert, die sozusagen die Hinführung für die konkrete Darstellung des eigentlichen Forschungsgegenstandes bilden, nämlich den der „Super Nanny“. Ein wichtiger Teil dieses Blocks ist der Versuch die Logiken des Fernsehens heraus zu filtern und darzulegen. Der nächste große inhaltliche zweite Teil befasst sich im Allgemeinen mit der Beratung in der Sozialen Arbeit und im Besonderen mit dem Handlungsfeld der „Sozialpädagogischen Familienhilfe/-betreuung (SPFH/SPF)“. Den Abschluss dieses Kapitels bildet eine Gegenüberstellung der Fernsehsendung „Super Nanny“ und dem Handlungsfeld SPFH, im Hinblick auf Parallelen bzw. Differenzen in den Bereichen Zielgruppe, Methoden, Konzepte und den Phasen ihrer Arbeit. Dieses Kapitel wird durch die Formulierung spezieller Logiken - die Soziale Arbeit betreffend - und einer abschließenden Gegenüberstellung der Logiken des Fernsehens
1 Studienautorinnen: Christina Dobner, Nicole Mühl (Institut für Entwicklungspsychologie der Uni-versität Wien), Mag.a Gabriele Stampler (Institut für Kinderrechte & Eltern-bildung), Wien, April 2006.
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und jener der Sozialen Arbeit, abgerundet.
Den Abschluss der Arbeit bilden der forschungsmethodische Teil, die Beantwortung der Forschungsfragen und das wichtige Kapitel der Innovationen und Handlungsempfehlungen. Es handelt sich bei der vorliegenden Arbeit um eine Literaturarbeit. Das heißt die Vorgehensweise war eine qualitative Literaturrecherche. Die Grundlage dieser Diplomarbeit bilden die Forschungsfragen, welche sich aus der Auseinandersetzung mit der verfügbaren Literatur zum Thema ergaben. Folgende Fragen waren für diese Arbeit forschungsleitend: Warum/wie werden Fernsehformate wie die Sendung der „Super Nanny“ genutzt, welche Parallelen bestehen hinsichtlich der methodischen Vorgehensweise zu den Methoden der Sozialen Arbeit und in welche Richtung wird sich das mediale Beratungsangebot im Fernsehen zukünftig entwickeln?
In ausdifferenzierter Form sehen die Fragen wie folgt aus:
o Wie wirken Medien auf RezipientInnen, im Speziellen:
o Wie wirkt die Sendung „Super Nanny“ auf die SeherInnen?
o Wie wird die „Hilfe auf Knopfdruck“ genutzt?
o Was haben die medialen Hilfen mit den Methoden in der realen Praxis der Sozialen Arbeit gemeinsam?
o Wird sich das Angebot weiter ausdehnen?
Folgende Annahmen (Hypothesen) liegen der vorliegenden Arbeit zu Grunde:
o Der Nutzung des Fernsehformats der Super-Nanny liegt zu einem überwiegenden Teil das Motiv der Lernbereitschaft bzw. das Motiv sich Ratschläge und Tipps anzueignen, zu Grunde.
o Die „Super-Nanny“ bedient sich in ihrer Arbeit mit den Familien im Fernsehen an Methoden der Sozialen Arbeit.
o Das Sehen der Sendung „Super-Nanny“ kann dazu beitragen, selbst Hilfe für sich und seine Familie in Anspruch zu nehmen.
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o [Die Logiken Sozialer Arbeit divergieren zu den Logiken des Mediums Fernsehen. (Die
Darstellung sozialer Probleme im Fernsehen unterliegt einer Zensur, um die Attraktivität des Produkts für die RezipientInnen zu steigern respektive aufrechtzuerhalten)]
2. Was sind Medien?
Das Wort „Medium“ wurde in den Alltagssprachgebrauch aufgenommen, es begleitet uns tagtäglich und doch scheint es von Bedeutung, den Begriff zu klären, da er ein sehr umfassender ist und selbiger in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedlich verwendet wird.
Schlägt man das Fremdwörterlexikon auf, so wird der Begriff „Medium“ als „vermit-telndes Element“ bezeichnet, das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt „Mitte“ (vgl. Duden 2005, S.644).
Lagaay et al. definieren den Begriff des Mediums als Mitte im Sinne einer räumlichen Vermittlung von Elementen, er präzisiert die räumliche Komponente durch den Begriff des Milieus, als Raum oder Substanz zwischen den Elementen (vgl. Lagaay et al. 2004, S.9). „Medien sind Kommunikationsinstrumente (...)“ (Hoffmann 2000, S.35). Der Medientheoretiker Gerhard Maletzke definiert (Massen-) Medien als technische Instrumente und Apparate, durch die Aussagen öffentlich, indirekt und einseitig an ein disperses Publikum verbreitet werden (vgl. Maletzke 1964, S.35f).
„Das Medium ist die Botschaft.“ Diesen Satz prägte Marshall Mc Luhan. In dieser Aussage steckt die Idee, dass jedes Medium eine Ausweitung spezifischer Organfunktionen des Menschen darstellt.
„Dass soll nur heißen, dass die persönlichen und sozialen Auswirkungen jedes Mediums- das heißt jeder Ausweitung unserer eigenen Person- sich aus dem Maßstab ergeben, der durch jede Ausweitung unserer eigenen Person oder durch jede neue Technik eingeführt wird “ (Mc Luhan 2002, S. 138).
Weiters unterscheidet Mc Luhan zwischen so genannten „heißen“ und „kühlen“ Medien. Bei heißen Medien handelt es sich um Medien, die den/die RezipientIn in das Geschehen bzw. in die Informationsvermittlung und -verarbeitung kaum einbeziehen. Diese Medien sind durch eine dichte Informationsstruktur geprägt, eine Ergänzung oder Aufbereitung ist für das Verständnis der Inhalte nicht erforderlich. Unter den so genannten kühlen Medien werden Me-
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dien zusammengefasst, die in hohem Maße persönliche Beteiligung oder Vervollständigung durch das Publikum erfordern (vgl. ebda 2002, S. 142).
Gemeinsam ist diesen verschiedenen Definitionen, dass ein Medium Inhalte, Botschaften und Codes vermittelt. In diesem Sinne kann man Medium als ein kommunikatives Element bezeichnen, welches SenderIn und EmpfängerIn eines Inhalts inkludiert. Hoffmann definiert den Begriff Medium aus verschiedenen Blickwinkeln wissenschaftlicher Bereiche:
Kulturanthropologischer Medienbegriff: versteht Medium als materiellen Zeichenträger, jedes Zeichen kann als Medium verstanden werden.
Kommunikationswissenschaftlicher Medienbegriff: konzentriert sich auf die so genannten Massenmedien (Buch, Presse, Film...) und umfasst den Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, der Medienerziehung und praktischen Medienarbeit.
Pädagogisch-didaktischer Medienbegriff: fasst alle Objekte, die Lehr- und Lernzwecken dienen, als Medien und setzt diese gezielt und geplant zur Optimierung von Lehr- und Lernprozessen ein (vgl. Hoffmann 2000, S.12).
Ein Teilbereich der Soziologie, nämlich die Medien- und Kommunikationssoziologie, befasst sich ebenfalls mit Medien, jedoch auf gesellschaftsstruktureller Ebene. Die Mediensoziologie stellt sich Fragen wie: Welche Funktionen haben Medien für die Gesellschaft bzw. für die einzelnen Gesellschaftsmitglieder? Welche Auswirkungen haben Medien auf (Gesellschafts-) Systeme?
Medien speichern und übertragen, bewahren und vermitteln Informationen und zwar über räumliche und zeitliche Distanzen hinweg (vgl. Neumann-Braun et al. 2000, S.30). Historisch betrachtet gibt es Medien, seit es die Menschheit gibt. Waren es früher (Vorgeschichte) Geschichtenerzähler oder Priester und Prediger, die Mythen und politische Ereignisse verbreiteten, so wurde später (Frühgeschichte) die Mündlichkeit durch die Schriftlichkeit erweitert. In diesem Übergang von der Sprache zur Schrift finden sich die Wurzeln des o.a. Nutzens von Medien, nämlich die des Speicherns und Bewahrens, über räumliche und zeitliche Distanzen hinweg (vgl. ebda 2000, S.30).
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Zusammenfassend kann man festhalten, dass der Mensch Zeit seiner Existenz bestrebt ist, seine Entwicklungen und Errungenschaften zu „konservieren“ bzw. weiterzuvermitteln. Die Ausprägungen respektive die Vielfalt hat sich im Laufe der Geschichte gewandelt, eins ist den Medien von damals, beispielsweise den Geschichtenerzählern und dem Radio von heute gemein, nämlich dass beide Inhalte und Botschaften vermitteln und in irgendeiner Form mit Kommunikation zu tun haben.
In meiner Arbeit beschränke ich mich auf das Medium Fernsehen (Massenmedien/kommunikation) und untersuche das Fernsehformat der Reality Soap am Beispiel der „Super Nanny“ hinsichtlich ihrer Wirkung auf RezipientInnen, respektive der spezifischen Methoden die im Konzept dieser Fernsehsendung Anwendung finden.
Medien, sind in ihren vielfältigen Ausprägungen Alltagsbegleiter, das nächste Kapitel nähert sich dem Medium Fernsehen, hinsichtlich seiner Definition und Bedeutung.
2.1 Das Medium Fernsehen
Das Fernsehen ist neben vielen anderen zur Verfügung stehenden Medien (Bücher, Printmedien, Radio etc.) das am meisten Genutzte. In Österreich gibt es beispielweise 3,1 Mio. FernsehteilnehmerInnen und die durchschnittliche Nutzung liegt bei 156 Minuten pro Tag (vgl. Statistik Austria, 2007). Fernsehen ist Alltag und begleitet uns viele Stunden unseres Lebens.
Das Bemerkenswerte an diesem Medium ist, dass trotz der geringen Flexibilität hinsichtlich der Portabilität, das Fernsehen an erster Stelle in der Nutzung von Medien rangiert. (die Nutzung beschränkt sich auf einen Raum; wobei dieser Aspekt gegenwärtig und im Besonderen zukünftig, obsolet ist, da die Möglichkeit Fernsehen auch unterwegs zu nutzen, technologisch immer weiter voranschreitet -> Fernsehen am Handy, portable Fernsehgeräte etc.) Der Transport von Inhalten und Botschaften, verglichen zu anderen Medien, beispielsweise Radio oder Printmedien, passiert immer auf zwei Kanälen, das heißt Bezug nehmend auf das Radio, wird beim Fernsehen die auditive Komponente durch die Visuelle erweitert. Diese Audiovisualität ermöglicht „ganzheitlicheres Wahrnehmen“ (vgl. Schramm et al. 2004, S.467).
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„Da das alltägliche Sammeln von Sinneseindrücken, die nicht medial vermittelt werden, auch primär über Augen und Ohren erfolgt, dürfte für die meisten Menschen das Fernsehen ein vertrauter habitualisierter Weg der Wahrnehmung und Aufnahme von Information darstellen” (ebda S.467).
Aus diesen Merkmalen ergeben sich Vorteile für die Nutzung des Fernsehens. Beispielsweise den geringen Aufwand Botschaften und Inhalte aufzunehmen und zu entschlüsseln. „Das Fernsehen hat (...) den Vorteil, dass der Dekodierungsaufwand für die Reziepient/inn/en relativ niedrig gehalten wird” (ebda 2004, S.468).
Dies ergibt sich wie schon angesprochen auch dadurch, dass die Vermittlung von Inhalten über zwei Kanäle passiert, d.h. was auditiv nicht wahrzunehmen ist, kann visuell kompensiert werden.
Der Psychologe und Kommunikationswissenschafter Gerhard Maletzke möchte das Medium Fernsehen als soziologisches und psychologische Phänomen verständlich machen und analysiert die Wesensmerkmale des Fernsehens indem er folgende Einteilung vornimmt und formuliert:
1. Das Fernsehen vermittelt seine Aussagen optisch und akustisch. Die optische Komponente bindet den/die ZuschauerIn sehr stark an das Medium, was dazu führt, dass sich die Person schwer anderen Beschäftigungen widmen kann. Diese Tatsache bedingt den großen Einfluss des Fernsehens auf die Freizeitgestaltung des einzelnen, sowie ganzer Gruppen.
2. Das Fernsehen legt die ZuschauerInnen zeitlich fest. Welches Programm wie bzw. wann läuft bestimmen die ProgrammgestalterInnen. Eine Anpassung an das Nutzer-Innenverhalten, wird durch die RezipientInnenforschung zwar angestrebt, das Gerechtwerden einzelner Bedürfnisse respektive Erwartungen ist jedoch kaum bis nicht möglich.
3. Das Fernsehen besitzt, abgesehen vom Hörfunk, als einziges Medium die Möglichkeit, ein Geschehen live, direkt und gleichzeitig zu übertragen. 2 4. Das Fernsehen ist mitunter deshalb in breiten Bevölkerungskreisen derart beliebt, weil es leicht und bequem zugänglich ist und zahlreichen Bedürfnissen und Wünschen des Menschen von heute entgegenkommt.
2 Anm.: Zu der Zeit als Gerhard Maletzke seine Studien durchführte, war das Internet noch nicht bekannt. In der heutigen Zeit würde das Internet auch diesen Kriterien entsprechen. (live, direkt und gleichzeitig) 11
5. Fernsehen passiert zumeist in der gewohnten häuslichen Umgebung. 6. Das Fernsehpublikum besteht aus vielen Einzelpersonen, sowie aus einer großen Zahl von kleinen Intimgruppen.
7. Beim Fernsehpublikum handelt es sich meistens um eine große Masse, welche weit verstreut und relativ inhomogen ist (vgl. Maletzke 1975, S. 148).
2.1.1 Das Fernsehen als Massenmedium
Ein Nachteil des Fernsehens stellt andererseits die Ausrichtung der Informationen an ein Massenpublikum dar, das bedeutet, dass das vermeintliche Anpassen der Informationsgestaltung an eine Masse einer gewissen Variationsarmut hinsichtlich der individuellen Vorlieben von RezipientInnen gegenüber steht.
Das Dekodierungstempo ist durch die konsekutive Informationsvermittlung vorgegeben, dadurch ist es dem/der ZuschauerIn nicht möglich in das Geschehen einzugreifen oder es zu verändern, lediglich das Wechseln des Programms stellt eine Gestaltung des Inhalts dar (vgl. Schramm et al. 2004, S.468).
Das Fernsehen wird in der Literatur oft und gerne als Massenmedium bezeichnet. Ein Kriterium dafür stellt beispielsweise die Bekanntmachung von Inhalten und Informationen an eine Masse von Menschen dar. Luhmann (1996) beschreibt den Begriff Massenmedien als ein Instrument zur Verbreitung von Kommunikation.
„Mit dem Begriff der Massenmedien sollen (...) alle Einrichtungen erfasst werden, die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen” (Luhmann 1996, S. 10).
Wie schon oben angedeutet spielt in diesem Zusammenhang Kommunikation eine große Rolle, das Medium Fernsehen ist also ein Instrument der Kommunikation und zwar für die Masse.
Der/die KommunikatorIn (Fernsehanstalt) richtet seine Aussagen an eine Masse, die zum Einen eine unüberschaubare Zahl aufweist und sich zum Anderen aus verschiedenen Individuen (heterogen) zusammensetzt, die wiederum anonym sind (vgl. Burkart 1997, S. 18f).
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Im folgenden Abschnitt soll der Begriff „Masse“ näher erläutert werden, da sich beispielsweise sowohl Hoffmann als auch Maletzke, über den Begriff kritisch äußern und die Verbindung mit dem Wort Medium als bedenklich angesehen wird.
2.1.1.1 Exkurs: Theorie der Masse
Gustave Le Bon beschäftigt sich in seinem Werk „Psychologie der Massen“ mit den Eigenschaften und der Zusammensetzung von Massen. Er beschreibt in diesem Buch die spezifischen Kennzeichen von Masse, jedoch in einer Zeit (1895), in der es politisch sehr instabile Systeme gab.
„Der Pöbel herrscht, und die Barbaren dringen vor. Noch kann die Kultur glänzend scheinen, weil sie das äußere Ansehen bewahrt, das von einer langen Vergangenheit geschaffen wurde, tatsächlich aber ist sie ein morscher Bau, der keine Stütze mehr hat und beim ersten Sturm zusammenbrechen wird” (Le Bon 2008, S. 172).
Le Bon bezeichnet die Masse als eine Zusammensetzung von Menschen, deren bewusste Persönlichkeit verloren geht und die sich emotional und gedanklich in dieselbe Richtung bewegt. „Die bewusste Persönlichkeit schwindet, die Gefühle und Gedanken aller einzelnen sind nach derselben Richtung orientiert” (ebda 2008, S. 9).
Dabei ist es nicht von Bedeutung, dass sich die einzelnen Individuen, welche laut Le Bon in der Masse verschwinden, an einem Ort aufhalten (und das hat hinsichtlich der Nutzung des Fernsehens Bedeutung) um eine Masse zu bilden, vielmehr kann eine Masse unter gewissen Umständen über räumliche und zeitliche Distanzen hinweg entstehen. „Tausende von getrennten einzelnen können (...) die Kennzeichen einer psychologischen Masse annehmen” (ebda 2008, S. 10).
Um auf die kritischen Stimmen von Maletzke oder Hoffmann zurück zu kommen, so bezeichnen beide den Begriff der „Masse“ im Zusammenhang mit dem Medium Fernsehen, als unpassend.
„Heutige Erkenntnisse zur Medienwirkung zeigen aber, dass dem Begriff Massenmedien für Mediennutzung und -wirkung unzureichende und falsche Vorannahmen zugrunde liegen” (Hoffmann 2000, S.13).
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Grund dafür ist beispielsweise für Maletzke, dass die so genannten Massenmedien sich nicht an ein „(...) raumzeitlich präsentes, durch Regressionserscheinungen gekennzeichnetes soziales Gebilde“ wenden (Maletzke 1964, S. 32).
Er möchte den Begriff „Massenkommunikation“ durch den Begriff „disperses 3 Publikum“ ersetzt wissen, spricht jedoch davon, dass sich das Wort Massenmedien/-kommunikation eingeprägt und durchgesetzt hat.
Maletzke definiert den Begriff des „dispersen Publikums“ indem er die Wesensmerkmale näher bestimmt.
o „Das disperse Publikum konstituiert sich durch die gemeinsame Zuwendung mehrerer, in der Regel vieler Menschen zu einem gemeinsamen Gegenstand, nämlich zu den Aussagen der Massenkommunikation.
o Die Aussagen denen sich die Glieder des dispersen Publikums zuwenden, werden durch Massenmedien, also nicht in direkter persönlicher Kommunikation vermittelt.
o Die Glieder eines dispersen Publikums stellen in ihrer Gesamtheit ein Aggregat von räumlich voneinander getrennten Individuen oder von relativ kleinen an einem Ort versammelten Gruppen dar (...)“ (ebda 1964, S. 34)
Er bezeichnet diese Merkmale als „konstitutiv“, also als grundlegend und wesentlich bestimmend, weiters konstatiert Maletzke Merkmale die er hingegen als „akzidentiell“ bezeichnet. Diese Charakteristika möchte ich zusammenfassend kurz darstellen.
o Eine Masse besteht im Normalfall aus einer relativ großen Zahl an Menschen, welche jedoch schwer zu fassen ist.
o In der Regel bestehen zwischen den Gliedern eines dispersen Publikums keine direkten zwischenmenschlichen Beziehungen. Die RezipientInnen sind aufgrund der räumlichen Trennung und mangelnder Kommunikationsmotive gegenseitig anonym, lediglich das Wissen darüber, dass im selben Augenblick viele andere Menschen dieselben Aussagen aufnehmen, stellt eine Form von Beziehung her.
o Das disperse Publikum besteht sehr oft aus Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, mit unterschiedlichen Interessen und Meinungen, voneinander abweichenden Lebensstandards und einer differenten Lebens- und Erlebensweise. Kurz gesagt, das
3 dipsers: feinst verteilt, zerstreut, ausgebreitet (vgl. http://services.langenscheidt.de/fremdwb/fremdwb.
disperse Publikum ist eine heterogene Masse, die jedoch unter bestimmten Bedingungen relativ homogen sein kann (vgl. ebda 1964, S. 34f). Maletzke weist daraufhin, dass die Medien der Massenkommunikation zu den am meisten diskutierten Phänomenen unseres Jahrhunderts zählen und das im Jahr 1964, also in einer Zeit in der es zum Beispiel das Internet noch nicht gab. Auch in diesem Jahrhundert scheint diese Aussage Bestand zu haben, denkt man nur an die Vorfälle an diversen Schulen, an denen Jugendliche zu Amokläufern wurden, mit der Unterstellung, die Medien seien für derartige Auswüchse von Gewalt verantwortlich.
Die angesprochenen Diskussionen beinhalten Aussagen wie Fernsehen beispielsweise führe zu passiv-rezeptivem Verhalten, Vorstellungsvermögen und Fantasie würden eingeschränkt, demgegenüber werden Vorteile hinsichtlich der Wissensvermittlung, der politischen Meinungsbildung und der therapeutischen Funktion unterhaltender Aussagen, konstatiert (vgl. ebda 1964, S. 38f).
Ob die „Wirkung“ von Inhalten des Fernsehens nun positiver oder negativer Natur ist, ist nicht zu klären, dazu gibt es in der Wissenschaft zu divergente Positionen, das nächste Kapitel widmet sich jedoch dem großen Bereich der Medienrezeption und Medienwirkung und soll einen Einblick in einen Forschungsgegenstand geben, welcher verschiedene Wissenschaften beschäftigt.
2.2 Medienrezeption und Medienwirkung
Einleitend möchte ich festhalten, dass auch in diesem Abschnitt meiner Arbeit das Medium Fernsehen fokussiert wird, denn wenn es um die Medienrezeption respektive Medienwir-kung geht, ist ebenso die Art des Mediums für selbige ausschlaggebend. Ausgehend von diesen Überlegungen möchte ich auf die Wesensmerkmale des Fernsehens im Kapitel 3.1 hinweisen, selbige bilden die Ausgangssituation der folgenden Ausführungen. Bevor auf die Medienrezeption respektive -wirkung näher eingegangen wird, möchte ich die beiden Begriffe „Rezeption“ und „Wirkung“ im Vorfeld definieren. Unter dem Begriff der Rezeption versteht man einen komplexen Prozess der Auseinander-setzung mit beispielsweise audiovisuellen Medien (Film, Fernsehen, Radio...). 15
Man wählt ein entsprechendes Angebot, wendet sich selbigem zu und hält diese Zuwendung aufrecht, oder unterbricht sie (vgl. Neumann-Braun et al. 2000, S. 188). Der Ursprung dieses Wortes liegt im Lateinischen und bedeutet übersetzt, aufnehmen, sich zu Eigen machen (vgl. Duden. Das Fremdwörterbuch 2005, S. 909).
In der allgemeinen Medienliteratur findet sich immer wieder die Begrifflichkeit der „Medienwirkung“. Maletzke weist allerdings darauf hin, dass dieser Begriff wenig geeignet ist, um den komplexen Vorgang des Rezipierens angemessen zu umschreiben. Seinen Ausführungen zu Folge, beschreibt „Wirkung“ einen linearen Kausalprozess, der weder die individuelle Situation des/der RezipientIn berücksichtigt, noch nach dem „Warum“ von Wirkungen an sich fragt (vgl. Maletzke 1976, S. 181).
Neumann-Braun et al. bezeichnen den Vorgang des Rezipierens als einen komplexen Prozess, welcher in verschiedenen Phasen vor sich geht. Im ersten Schritt wird ein Angebot ausgewählt bzw. genutzt, danach erfolgt eine Aneignungsphase, das heißt man bringt die Inhalte des Angebots mit seiner Alltagswelt in Einklang und ordnet das Gesehene in seinen Lebenszusammenhang ein.
„Die Medienrezeption entsteht aus der Alltagspraxis, sie wird von Alltagspraxis begleitet und sie wirkt auf diese zurück“ (Neumann-Braun et al. 2000, S. 189). Folglich kann Rezeption kein passives Geschehen sein, sondern ist vielmehr als aktive Beschäftigung mit Medienangeboten zu verstehen, welche konstruktiv und sinnerzeugend ist. Thematisiert man den Begriff „Rezeption“ an sich, muss man sich mit den Motiven von RezipientInnen, diverse Medienangebote zu nutzen, ebenso auseinandersetzen. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen untersuchen die Nutzung und Wirkung von Medien, so zum Beispiel die Medienpsychologie. Eine Theorie die dieser wissenschaftlichen Forschungsrichtung entstammt, ist der „Nutzen- und Belohnungsansatz“ (uses-andgratifications).
Die wesentlichen Aussagen dieser Theorie sind, dass die Mediennutzung von RezipientInnen ein aktives und rationales Verhalten darstellt. Weiters geht man bei dieser Theorie davon aus, dass jede/r RezipientIn explizit benennbare Bedürfnisse hat, welchen gewisse Erwartungen hinsichtlich der Befriedigung dieser Bedürfnisse durch den Konsum von Medienangeboten, gegenüberstehen.
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„Jeder Mediennutzer/Jede Mediennutzerin bestimmt also auf Grund seiner/ihrer individuellen Bedürfnisse und Erwartungen, welche Medien(inhalte) er/sie nutzt oder nicht” (Leffelsend et al. 2004, S. 53).
Entscheidend ist hierfür, dass die Auswahl des Inhalts bzw. das Nutzungsmotiv unbewusst stattfindet. Das Programm wird ausgewählt um einen angenehmen Erregungszustand hervor zu rufen, respektive um spezifische Emotionen zu erreichen. „Die Nutzung von Medien geschieht also nicht auf Grundlage durchdachter und bewusst zugänglicher Motive, sondern erfolgt gewohnheitsmäßig oder ist an impliziten, unbewussten Bedürfnissen orientiert, die sich aus der sozialen und psychologischen Situation entwickeln (vgl. Meyen 2001 zit. In. Leffelsend et al. 2004, S. 54).
Maletzke vertritt die Meinung, dass die Wirkung spezieller Angebote des Fernsehens maßgeblich von der Persönlichkeit des/der RezipientIn bestimmt wird (vgl. Maletzke 1964, S. 46). Wie bereits erwähnt dient die Nutzung von Medien der Befriedigung von Bedürfnissen, jedoch in unbewusster Form. In Anlehnung an die Erkenntnisse von Leffelsend et al. soll im Folgenden eine exemplarische Darstellung zeigen, welche spezifischen Bedürfnisse, durch Medien, Befriedigung finden.
2.2.1 Affiliation
Eines dieser Bedürfnisse stellt das Bedürfnis der Affiliation 4 dar. Unter Affiliation versteht man den Wunsch sozialen Kontakt herzustellen, dieses Bedürfnis ist zentral für die Steuerung des menschlichen Verhaltens und somit auch ein entscheidendes Motiv für die Mediennutzung.
Fernsehen verbindet. Der gemeinsame Mediengebrauch dient nicht selten einer gemeinsamen Gesprächsbasis und weiters kann davon die Rede sein, dass Fernsehen ausdrücklich zwischenmenschliche Kontakte über weite räumliche Distanzen vermittelt. „Medien können einerseits zur Herstellung und Aufrechterhaltung sozialen Kontakts dienen, andererseits aber auch als funktionaler Ersatz für direkte zwischenmenschliche Beziehungen genutzt werden” (Leffelsend et al. 2004, S. 54).
4 Affiliation: Angliederung, Annahme, Aufnahme (vgl. http://services.langenscheidt.de/fremdwb/fremdwb.
Abseits von diesen Erkenntnissen erfüllt das Fernsehen nicht nur die Funktion soziale Kontakte herzustellen respektive zu ersetzen, sondern dient weiters dazu, in bestimmten Anforderungssituationen unterstützend zu wirken.
„Besonders für Personen mit wenig sozialer Unterstützung im privaten Umfeld können Medien hier einerseits eine wichtige Informationsfunktion und andererseits eine explizite Beratungsfunktion übernehmen (vgl. ebda 2004, S. 55). 5
2.2.2 Bedürfnis nach Identitätsbildung und Selbstrepräsentation
Medien sind im Stande Identität auszubilden, oder das eigene Selbstbild zu bestätigen bzw. zu verstärken (vgl. Leffelsend et al. 2004, S. 56). Weiters können Medien als Werkzeug sozialer Interaktion bezeichnet werden. „Das Selbst stellt eine Reflektion der sozialen Interaktion des Individuums mit anderen dar. Deshalb sollte sich in dem Maße, wie sich soziale Interaktionen des Individuums durch den Einsatz von Medien verändern, auch die Art und Weise verändern, in der Menschen ihr Selbst konstruieren“ (ebda. 2004, S. 56).
Auch Neumann-Braun expliziert, dass die Mediennutzung nicht nur einem unterhaltenden Motiv unterliegt, sondern vielmehr identitätsstiftend ist bzw. die Identität aufrechterhalten kann. Die Bedeutung eines Gegenstandes, einer Handlung auch hinsichtlich der Identitätsbildung, wird in „(…) prozessual gedachten vis-á-vis Situationen entwickelt und vollzogen” (Neumann-Braun 2000, S. 192).
Theorien dieser Art entstammen dem Symbolischen Interaktionismus, dessen zentraler Vertreter G.H. Mead ist. Identität bildet sich laut Mead über Prozesse der Selbstreflexion, die als Grundlage die wechselseitige Übernahme der Perspektiven anderer hat. Die bewusste Aus-einandersetzung mit sich, der innere Dialog mit der eigenen Person- diese so genannte Intrakommunikation- ist das „(…) Produkt der Verinnerlichung des kommunikativen Redens mit anderen” (ebda 2000, S. 193).
Im Hinblick auf Medien im Allgemeinen und dem Umgang bzw. der speziellen Wirkung im Besonderen, spielen diese Überlegungen eine besondere Rolle. Neumann-Braun verwendet für die speziellen Mechanismen bei der Rezeption des Fernsehens den Begriff des identitätsrelevanten Probehandelns.
„Der Rezipient kann sich in seinem Prozess der Identitätsaushandlung aus der Sicht konkre-
5 DieseErkenntnis hat hinsichtlich des Fernsehformats der „Super-Nanny“ Relevanz und wird später genauer
ter Bildschirmakteure sowie der Haltungen der durch die Medien präsentierten „generalisierten anderen“ (Mead) sehen und erkennen“ (ebda 2000, S. 193). Die Konfrontation mit, vom Alltag abweichenden, Verhaltensweisen seitens des Medieninhaltes, birgt für den/die RezipientIn die Chance, seinen/ihren Horizont zu erweitern. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Prozess des Rezipierens einen komplexen Vorgang darstellt, welcher verschiedene Funktionen verfolgt. Als entscheidend stellt sich hier die individuelle Situation und die damit verbundenen Bedürfnissen des/der jeweiligen RezipientIn heraus.
Ausgehend von diesen Überlegungen möchte ich im folgenden Abschnitt versuchen gewisse Logiken die dem Fernsehen zugrunde liegen, aber auf den ersten Blick verschleiert und undurchsichtig scheinen, formulieren.
2.3 Die Logiken des Fernsehens
Es gestaltet sich als komplexes Unterfangen, in der zur Verfügung stehenden Literatur, Logiken, denen das Fernsehen unterliegt, in expliziter bzw. gebündelter Form zu finden. Und doch, so lautet meine These, präsentiert sich das Fernsehen an sich in einer doppelbödigen Weise, und zwar in vielerlei Hinsicht. Das Fernsehen ist ein Medium, das geht bereits aus den oberen Überlegungen immer wieder hervor. Ein Medium überträgt, vermittelt Botschaften, löst bei RezipientInnen etwas aus. Es informiert, unterhält, ersetzt und schafft Beziehungen. Die Doppelbödigkeit drückt sich nicht zuletzt in der Art und Weise aus, wie Inhalte aufbereitet und präsentiert werden. Diese Aufbereitung und Präsentation unterliegt meistens einer Zensur, einer Realitätsverzerrung, einer vermeintlich authentischen Darstellung von Geschichten oder anders ausgedrückt, einer fiktiven Darstellung von authentischen Inhalten.
Pierre Bourdieu bezeichnet ein Phänomen wie dieses mit der treffenden Aussage „Verstecken durch zeigen“ (vgl. Bourdieu 1998, S. 24).
Wenn man sich Gedanken wie diese macht, so muss man sich zwangsläufig mit den Interes-sen des Fernsehens und den dahinter stehenden Menschen auseinandersetzen. In den nun folgenden Überlegungen ist es meine Aufgabe, die von mir formulierten Thesen zu belegen, bzw. den Versuch anzustellen, Logiken, die dem Fernsehen zu Grunde liegen, aus der vor-handenen Literatur zu filtern und zu explizieren. Hierbei scheint es unabdingbar zu sein, ver- 19
schiedene Perspektiven auf das Fernsehen einzunehmen. Wie oben erwähnt ist das Fernsehen ein Medium, dass sich der Masse bedient. Das heißt, es muss Inhalte und Botschaften vermitteln, die mit einem Massenpublikum kompatibel sind, es muss eine so genannte Massentauglichkeit gegeben sein.
„Fernsehen als Menschen- und Massenmedium braucht den Menschen und die Masse, um seinen Sinn und Zweck, sprich: seine gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen” (Stolte 2004, S. 11).
Hierbei stellt sich die Frage, wie es möglich ist ein Programm zu gestalten, welches ein so breites Publikum anspricht und folglich die Bedürfnisse, Erwartungen und Wünsche unzähliger Individuen zu berücksichtigen vermag? Versucht man Antworten auf diese Frage zu finden, begegnet man immer wieder Begrifflichkeiten wie Selektion, Zensur oder Verzerrung. Pierre Bourdieu spricht von einem Medium, welches „aseptische homogenisierte Omnibusmeldungen“ liefere (vgl. Bourdieu 1998, S. 62).
Schramm et al. (2004, S. 483) sprechen ebenso von Selektion und wenn man so will von Zensur in Bezug auf das, was das Fernsehen seinen ZuseherInnen präsentiert. „In der Medienberichterstattung werden verschiedene Themen unterschiedlich auffällig (salient) präsentiert, was sich an der Häufigkeit, dem Umfang und der Aufmachung der jeweiligen Berichterstattung ablesen lässt“
Das Fernsehen schafft Ereignisse. Ereignisse vielleicht, die es ohne das Fernsehen gar nicht gäbe?
In einer medientheoretischen bzw. -kritischen Herangehensweise kann man verschiedene Modelle unterscheiden die sich der Begrifflichkeit „Ereignis“ annähern und selbige im Kontext zum Fernsehen erläutern. Das Ereignis kann beispielsweise als vormedial bezeichnet werden, das Fernsehen, bzw. die „MacherInnen“, wählen lediglich Ereignisse aus, bereiten sie auf und bilden selbige in einer Ausschnitthaftigkeit ab (vgl. Thiele 2006, S. 123). In einem weiteren Modell wird das Ereignis immer noch als vormedial bezeichnet, es wird aber zwischen „(...) genuinen, mediatisierten und inszenierten Ereignissen unterschieden” (Thiele 2006, S. 123).
Entsprechend dieser Differenzierungen kann dem Fernsehen per se nicht vorgeworfen werden, Ereignisse- oder das was es transportiert- ausschließlich zu inszenieren, denn Ereignisse finden auch ohne Berichterstattung oder dem Beisein des Fernsehens statt. Dennoch stellt
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das Fernsehen seinen NutzerInnen eine gewisse Auswahl zur Verfügung, die darüber hinaus bearbeitet und präpariert ist.
Ereignisse werden laut Wehner (2000, S. 103) typisiert (zeitlich, durch Kriterien der Aufmerksamkeit..) und immer im Hinblick auf ihre medieninterne Verwertbarkeit und Anschließbarkeit an bereits verbreitete Informationen und Themen überprüft und so zu etwas Eigenem der Medien umgeformt.
„Mehr noch, sie (die Typisierungen) sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich überhaupt etwas in der Umwelt als ein Ereignis, das heißt als ein in zeitlicher, sachlicher und sozialer Hinsicht abgrenzbarer Vorgang identifizieren und beschreiben lässt“ (ebda. 2000, S. 103).
„Das Fernsehen verlangt die Dramatisierung, und zwar im doppelten Sinn: Es setzt ein Ereignis in Bilder um, und es übertreibt seine Bedeutung, seinen Stellenwert, seinen dramatischen, tragischen Charakter“ (Bourdieu 1998, S.25).
Das Fernsehen bedient sich in seiner Programmgestaltung zunehmend alltäglicher Geschichten und Normalitäten um das Publikum an sich zu binden.
„Das Fernsehen macht sich zum Medium einer artifiziellen Fortführung der Normalität. Das Fernsehen unterhält seine Zuschauer mit alltäglichen Begebenheiten, denen es einen außeralltäglichen Rahmen verleiht” (Keppler 1994, S. 8).
„Das Format des Real People TV stillt, so wird man sagen können, den Hunger der Menschen auf Privates, auf Intimes, auf Authentisches” (Thiersch 2007, S. 136). Dies soll nur verdeutlichen, dass das Fernsehen scheinbar in der Lage, ist aus allem eine Geschichte, eine so genannte „story“ zu machen, die verkauft bzw. gesehen werden will. Dieses Interesse an Intimität und der Nähe zum Alltag wird nach Streisand (2005, S. 24) nicht nur als Bedrohung empfunden, sondern kann ebenso als Demokratisierung wahrgenommen werden.
In der Literatur wird es immer wieder als Unterhaltungsmedium bezeichnet, der Kultur- und Medienkritiker Neil Postman geht in seinen Ausführungen jedoch so weit, das Medium Fernsehen als ein Medium zu bezeichnen welches abgesehen vom permanenten Unterhaltungswert nichts zu bieten hätte. Es spricht, laut Postman, immer im gleichen Tonfall, nämlich im Tonfall der Unterhaltung (vgl. Postman 1985, S. 102).
Das wäre nüchtern betrachtet kein sonderliches Problem, denn das Leben gestaltet sich in
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Arbeit zitieren:
Mag. (FH) Manfred Feichtenschlager, 2009, "Dein Fernseher ist für dich da!", München, GRIN Verlag GmbH
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