1. Einleitung
Untersucht werden deutsche Schlagerproduktionen aus den Neunzehnhundertsechzigerjahren, die den Orient, hier begrenzt auf Nordafrika und das westliche Asien mit der Türkei, thematisieren, wobei auf eine eingehende Definition des Begriffs Schlager oder eine allgemeine Wertung von Schlagern verzichtet wird. Als Schlager sollen hier populäre deutschsprachige Musikproduktionen gelten. Schlager mit klar erkennbarem Orientbezug möchte ich hier als Orientschlager bezeichnen. Darunter fallen sowohl Produktionen aus Westdeutschland, als auch aus der DDR, denn "der Naturschnulzpark der DDR gleicht dem Westdeutschlands aufs Haar". 1
Die Neunzehnhundertundsechzigerjahre sollen weder als besonders bedeutend in Bezug auf Orientverarbeitungen in Schlagern dargestellt werden, noch als kulturell homogener Zeitabschnitt. Allerdings scheinen die im Titel zur Eingrenzung angegebenen Jahre 1960 bis 1967 eine vergleichsweise vermehrte Anzahl an Veröffentlichungen von Orientschlagern aufzuweisen.
Die Liste der angeführten Produktionen erhebt keinen Anspruch auf Vollzähligkeit, jedoch wurde sich nicht wie in den meisten anderen Publikationen zum Thema Schlager nur auf erfolgreiche Produktionen mit Chartsnotierung beschränkt. 2 Die Aussagekraft der offiziellen Hitparaden war im betrachteten Zeitpunkt ohnehin begrenzt. 3
Für Werner Hahn bedeutet "das Untersuchen von Schlagertexten losgelöst von ihrer musikalischen Verpackung soviel, als nähme man das Studium eines Reiseprospektes für die Reise selbst". 4 In diesem Sinn wurden hier nicht nur Texte analysiert, sondern an Stellen, an denen es unerlässlich schien, auch auf musikalische Merkmale eingegangen. Zitate ohne Quellenangabe beziehen sich auf Textstellen der jeweils in dem betreffenden Abschnitten behandelten Schlager.
Zum Thema des Orients im Schlager konnte außer einem kurzen Zeitschriftenartikel von 1960, 5 aus dem die Begriffe Orientschlager und Orientwelle übernommen wurden, keine Publikation gefunden werden. Jedoch konnte auf eine Arbeit von Sunka Simon zurückgegriffen werden, die kolonialistische Symbolik in Schlagern untersucht hat, 6 sowie auf verschiedene
1 Reginald Rudolf: Schlager in der DDR. In: Schlager in Deutschland. Hrsg. von Siegmund Helms. Wiesbaden 1972. S. 127.
2 Alle Chartsnotierungen in dieser Arbeit aus Günther Ehnert (Hrsg.): Hit Bilanz. Deutsche Chart Singles 1956-1980. Norderstedt 2000.
3 Siehe: Ohne Verfasserangabe: Der K(r)ampf der Hitparaden. Ein Trauerspiel in mehreren Akten. In: Star Club News 6/1965. S. 7 - 9.
4 Werner Hahn: Texte. In: Schlager in Deutschland. Hrsg. von Siegmund Helms. Wiesbaden 1972. S. 25
5 Ohne Verfasserangabe: O Mustapha. Orient-Schlager. In: Der Spiegel 33/1960. S. 60 - 61
6 Sunka Simon: Der vord're Orient - Colonialist Imagery in Popular Postwar German Schlager. In: Journal of Popular Culture Vol. 34.3. Bowling Green 2000. S. 87 - 108.
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Arbeiten zum allgemeinen Thema Schlager vor allem das von Siegmund Helms herausgegebene Buch Schlager in Deutschland. 7
Die Arbeit will einen knappen Abriss zur Geschichte von Orientverarbeitungen im Schlager bieten. Dann wird untersucht, was eine Produktion zu einem Orientschlager macht, aus welcher Perspektive der Orient betrachtet wird und auf welche Weise er dargestellt wird. Es soll untersucht werden, welche Funktion der Orient in den Schlagern einnimmt und was die Lieder ihren Hörern über ihre Orienthematisierungen vermitteln wollen.
2. Aus maurischer Wüste nach Antalya Beach -Geschichte des Orients im Schlager
Orientexotik hat eine lange Tradition in der deutschsprachigen Musik. Schon die erste originär deutschsprachige Oper Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart, uraufgeführt in Wien 1782, bediente sich der Türkei als Handlungsort. Ein späteres Beispiel ist Indigo und die 40 Räuber, uraufgeführt 1871, die erste Operette von Johann Strauss, deren Handlung an Motive aus den Märchen aus tausendundeiner Nacht anknüpft. Im Zusammenhang mit Strauss' Operetten wurde erstmals von Schlagern gesprochen, als Liedern mit prägnanter Melodie, die Resonanz bei einem großen Publikum fanden. Mit den Erfindungen der Wachswalze, der Grammophonplatte, des Tonfilms, des Radios, der Musikbox und schließlich der Vinyl Schallplatte gelang es dem Schlager als Teil der populären Musik, ihre Verbreitung zu potenzieren und in alle Gesellschaftsschichten, selbst in abgelegeneren ländlichen Gebieten vorzudringen.
Das Orientmotiv ist dabei bis heute im Schlager präsent geblieben, auch wenn sich seine Bedeutung und seine Gestalt im Lauf der Zeit geändert haben.
2.1. Skandal im Harem - Orientschlager vor 1960
Exotik und fremde Länder bestimmten, oft in humoristischer Verarbeitung, einen großen Teil der Schlagertexte bis zum zweiten Weltkrieg. Italien, Spanien, Ungarn, Russland, Hawaii und Südamerika waren dabei besonders beliebt, aber auch der Orient wurde thematisiert. Orientthemen wurden zum Beispiel bei Gefangen in maurischer Wüste von Harry Steier 1928, bei In Turkestan von den Kardosch Sängern 1932, bei Saison in Kairo von Renate Müller 1933 und bei Der Schlangenbeschwörer von Rudi Schuricke 1939 aufgegriffen. Mit zunehmender Dauer des Zweiten Weltkriegs ging der Anteil der Exotikschlager vorübergehend rapide zurück, ganz abgesehen von staatlicher Kulturkontrolle sicherlich auch weil
7 Siegmund Helms (Hrsg.): Schlager in Deutschland. Wiesbaden 1972.
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südliche Strände und die sehnsüchtigen Augen exotischer Frauen in Zeiten von blutigen Kämpfen in Griechenland, Ägypten oder Italien zu einer Bedrohung geworden waren und sich somit nicht mehr zur Projektion eskapistischer Wunschträume eines deutschen Publikums eigneten.
Mit Ende des Krieges gewannen Exotikthemen aber schnell wieder an Bedeutung. Der Orient wurde zum Beispiel bei Skandal im Harem vom Comedian Quartett 1947 und bei Allerdings, sprach die Sphinx von Evelyn Künneke 1949 verarbeitet.
Zwischen 1950 und 1959 waren vor allem Schlager mit Italienbezug populär. Zusammen mit Heimatschnulzen und Seemannsschlagern prägten mandolinenangereicherte Produktionen über Capri oder Rom das Bild des Schlagers der Neunzehnhundertundfünfzigerjahre. Orientthemen waren weniger verbreitet, wenngleich exotische Themen verschiedener Ausprägung weiterhin sehr präsent waren. Zu den Ausnahmen gehören zwei Neueinspielungen des Traditionals Gefangen in maurischer Wüste von Friedel Hensch und den Cyprys, sowie dem Rodgers Duo 1954, respektive 1956.
Freddy etablierte zur gleichen Zeit das Thema des heimwehkranken Fremdenlegionärs als Pedant zu den Matrosen seiner Seemannslieder. Er blieb geografisch dabei aber sehr vage. Lediglich in Heimweh war 1956 von "brennend heißem Wüstensand" die Rede, wodurch ein arabisch-nordafrikanischer Schauplatz zumindestens angedeutet wurde. Simon verortet den Schlager "in the hot desert sand of the Western U.S.". 8 Insgesamt zielten Freddys Schlager nicht auf Fernweh und Exotik ab, sondern im Gegenteil auf Heimweh, Heimat und eine ganz allgemeine Fremde, die jeder Kriegsveteran, Flüchtling, Seemann oder Wanderarbeiter nachzuempfinden eingeladen werden konnte, und die deshalb abstrakt bleiben musste ohne eine nähere geografische Benennung. So sang er 1958 in dem Lied Der Legionär: Fremd ist die Erde, fremd der Himmel, fremd sind die Reden, fremd die Lieder, fremd sind die Herzen. Und keines schlägt für ihn.
2.2. Nordafrika ist dran - Die Orientwellen von 1960 und 1967
Mit dem Sommer 1959 versiegte die Italienwelle in der deutschen Hitparade. "Auf dem deutschen Schlagermarkt erfolgt eine Orientierung zum Orient", 9 kommentierte ein Sprecher der Schallplattenfirma Ariola im August 1960 ein neues Phänomen auf dem Schallplattenmarkt. Anlass hierfür waren zwei Veröffentlichungen: Laila von den Regento Stars, das im Juli 1960 auf Platz sieben der deutschen Hitparade geführt wurde und Mustafa von Leo Leandros, das
8 Simon, S. 104.
9 ziziert nach O Mustapha. S. 60. Auch alle anderen Informationen in diesem Abschnitt zu den Titeln Mustafa und Laila, die nicht Chartsnotierungen, Schallplattenfirmen oder Bildhüllen betreffen, wurden diesem Artikel entnommen.
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es im September des gleichen Jahres bis auf Platz zwei brachte. Rudolf Förster vom Musikverlag Ufa-Ton versuchte dieses Phänomen im August 1960 zu erklären: "Das Publikum war jahrelang mit der Rock 'n' Roll-Masche überfüttert. Es wollte endlich etwas anderes hören. Und weil Italien durch war, kam Nordafrika dran." 10 Beide Produktionen - Laila und Mustafa - waren Übernahmen ausländischer Hits. Die Regento Stars waren ein polnisch-holländisches Trio, das das Lied zuerst auf niederländisch veröffentlicht hatte. Die Schallplattenfirma Philips war darauf aufmerksam geworden und hatte eine deutsche Version aufnehmen lassen und veröffentlicht. Laila (auch in der Schreibung Leila auf den Markt gekommen) speiste sich aber aus weit älteren Quellen. Die Originalversion war 1928 von Dol Dauber und Fritz Lohner geschrieben worden. Bruno Majcherek von den Regento Stars hatte den Schlager mit abenteuerlicher Grammatik frei aus dem Gedächtnis rekonstruiert und ihn zusätzlich um Textfragmente von Liedern von Peter Igelhoff und Erich Jaksch angereichert. Insgesamt ließen die Regento Stars Laila bei nicht weniger als sieben Schallplattenfirmen veröffentlichen, Artone, Philips, Tivoli, Moonglow, Linda, Fontana und Telstar, was ein Rekapitulieren der Veröffentlichungsgeschichte schwierig gestaltet. Teilweise war Majcherek als Mitkomponist von Laila angegeben, teilweise nur Dauber und Beda. Weder Igelhoff, noch Jaksch oder Lohner tauchen jedoch auf. Tantiemenstreitigkeiten waren die Folge, so dass die Regento Stars eine zweite Version mit dem Originaltext aufnahmen, bereinigt um die Elemente von Igelhoff und Jaksch.
Die Schallplatte erschien in mindestens vier verschiedenen Bildhüllen, wobei auf einer ein Fremdenlegionär und eine Frau in nordafrikanisch anmutender Tracht zu sehen sind, die sich mit besorgten Gesichtsausdrücken gegenseitig an den Armen festhalten. Eine andere Version zeigt eine Bauchtänzerin, wieder eine andere eine Frau im Bikini und eine vierte zeigt eine blonde Frau, die sich vor einem Tisch mit teilweise umgefallenen Gläsern und Flaschen die Haare rauft. Es scheint, als wollte jede dieser Bildhüllen die Titelheldin anders interpretieren.
Mustafa wurde ursprünglich 1951 durch eine Vermischung von zwei Volksliedern für die ägyptische Band Les Mustafas kreiert. 1960 veröffentlichte der libanesische Sänger Bob Azzam eine Neuaufnahme unter dem Titel Ya Mustafa in Frankreich, die dort sehr erfolgreich wurde und sehr schnell auch in einer deutschen Version von Leo Leandros veröffentlicht wurde. Mustafa war hier so erfolgreich, dass es auf dem deutschen Markt in mindestens sieben verschiedenen Versionen kursierte. Zusätzlich war auch die französische Version von Bob Azzam präsent.
10 ebd.
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Im folgenden Jahr gelangten zwei weitere Orientschlager in die deutsche Hitparade. Im März 1961 schaffte es Café Oriental von Vico Torriani bis auf Platz acht der deutschen Hitparade. Im September und Oktober des gleichen Jahres erreichte Bill Ramsey mit Zuckerpuppe (aus der Bauchtanztruppe) jeweils Platz fünf. Andere Orientschlager aus dieser Zeit wie Der alte Scheich von Istanbul von Gerd Fitz oder Auf dem Weg nach Marrakesch von Bob Azzam, hier deutsch singend, waren weniger erfolgreich.
Festzuhalten bleibt, dass in der Zeit der Orientwelle mit nur vier Schlagern in der Hitparade relativ wenige Hits mit Orientbezug zu verzeichnen sind. Ihnen steht eine weit größere Zahl erfolgreicher Schlager entgegen, die zum Beispiel Hawaii, Mexiko oder den Wilden Westen thematisierten.
In den folgenden Jahren schienen Orientschlager in Westdeutschland wenig präsent zu sein, obwohl ein Bedarf an Orientschlagern weiter vorhanden war, wie die Tatsache belegt, dass die GEMA Zuckerpuppe zu den drei am meisten öffentlich aufgeführten Schlagertiteln des Jahres 1962 rechnete. 11
Tausendundeine Nacht von Mina aus dem Jahr 1963 weist nur dezente Orientbezüge auf. Einen anderen Titel von Mina, Heißer Sand von 1962, verortet Sunka Simon wegen seiner orientalischen Instrumentierung, des Namens Rocco - den sie als Abkürzung für Marocco liest - und dem titelgebenden heißen Sand in Nordafrika. 12 Ich neige jedoch eher dazu, Elmar Kraushaar zuzustimmen, der den heißen Sand in Italien ansiedelt. 13 In der DDR wurden zu dieser Zeit zwei Schlager mit eindeutigem Orientbezug veröffentlicht: Im Basar von Aladin von Mary Halfkath 1962 und Fata Morgana von Lutz Jahoda 1963, vielleicht eine Reaktion auf die vorausgegangene erfolgreiche Lizenzeröffentlichung von Leo Le-andros' Mustafa in der DDR.
Orientschlager tauchten in der BRD dann wieder vermehrt in einer zweiten, kleineren Orientwelle in den Jahren 1966 und 1967 auf, etwa Fatima von Achim Reichel 1967, Ben Sidih braucht Soldaten von Li und Ev 1966 oder Oh Sulima - Nichts zu küssen und nichts zu beißen von Sigi Hoppe 1966. Hoppe war verantwortlich für gleich eine ganze Reihe von Schlagern mit Orientbezug, wie In Abessinien, Der junge Legionär, So heiß ist Marokko und Klara, das Beduinenkind aus der Sahara. Auch Laila wurde von Sigi Hoppe in einer neuen Version aufgenommen.
In die mittleren Neunzehnhundertsechzigerjahre fällt ein schlagartiges Ende der Dominanz des deutschen Schlagers in der Hitparade. Bis dahin hatten deutsche Schlagerproduktionenen
11 Siehe: Norbert Linke: Texter und Komponisten. In: Schlager in Deutschland. Hrsg. von Siegmund Helms. Wiesbaden 1972. S. 17.
12 Siehe: Simon, S. 97f.
13 Siehe: Elmar Kraushaar: Die Frau in der Tragödie. In: Schlager, die wir nie vergessen. Hrsg. von Rainer Max und Rainer Moritz. Leipzig 1997. S. 137.
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Arbeit zitieren:
Dirk Kranz, 2010, Orientbilder in Texten deutscher Schlagerproduktionen zwischen 1960 und 1967, München, GRIN Verlag GmbH
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