1. Einleitung
„Caught between competing agendas only time will tell how Hamas will deal with its
ultimate goal of establishing an Islamic Palestinian State within the land of Israel and
the more practical solution of an independent Palestinian State in the lands that were
captured by Israel in 1967” (Arena/Arrigo 2004: 138).
„Möglicherweise wird die HAMAS durch die Übernahme von Regierungsverantwortung
auch ihre Ziele und Positionen gegenüber Israel relativieren“ (Bundesamt für
Verfassungsschutz 2006: 29).
Diese beiden Zitate aus den Jahren 2004 und 2006 antizipieren gewissermaßen den Wandel, den die „Islamische Widerstandsbewegung“ oder „Harakat al-Muqawama al-Islamiyya (Hamas)“ in den seither vergangenen Jahren durchlaufen hat. Wenn in westlichen Medien jedoch von der Hamas die Rede ist, entsteht dabei häufig der Eindruck, es handle sich um eine transnationale Terrororganisation mit engen Verbindungen zu al-Qaida. Geschuldet ist dies primär ihrer islamistischen Agenda, wie sie in Form der Gründungscharta der Organisation 1988 ihren Ausdruck fand. Kompromisslos wird darin zum Kampf gegen den „Zionistischen Feind“ und zur Vernichtung des Staates Israel aufgerufen, um ein islamisches Reich vom Mittelmeer bis zum Fluss Jordan zu errichten. Wiederholt werden in der Charta Koranverse zitiert, um die genannten Forderungen religiös zu legitimieren. All dies steht in der Tradition der ägyptischen Muslimbruderschaft aus der die Hamas hervorgegangen ist. Scheich Ahmad Jassin hatte Ende der 1960er Jahre mit der Etablierung der Bruderschaft im Gaza-Streifen begonnen und wurde später zum ideologischen Führer der Hamas.
Heute, mehr als 20 Jahre nach ihrer Veröffentlichung, ist die Charta offiziell noch immer gültig. Auffällig ist jedoch, dass in neueren Dokumenten und Aussagen führender Politiker der Hamas keinerlei Bezug auf das einst wichtigste Dokument der Organisation genommen wird (vgl. Asseburg 2008: 87). Stattdessen formulierte das Wahl- und Regierungsprogramm der Hamas von 2006, die bei den Parlamentswahlen unter dem Namen „Wandel und Reform“ angetreten ist, das Ziel der Verwirklichung eines Palästinenserstaates in den Grenzen von 1967. Ferner signalisierte der heutige Premierminister im
Gaza-Streifen, Ismail Haniyeh, in jüngster Vergangenheit vermehrt die Bereitschaft der Hamas, eine Zweistaatenlösung zu akzeptieren. Vor diesem Hintergrund soll in der vorliegenden Seminararbeit folgende Frage behandelt werden: Wie lässt sich der gegenwärtige Strategiewechsel der Hamas, der sich im Widerspruch zu ihrer rigiden Ideologie befindet, erklären? Ausgegangen wird hier von der Hypothese, dass ein relevanter Teil der Hamas-Elite durch gezielte Tötungen des israelischen Militärs in den Jahren 2002 bis 2004 eliminiert worden ist. Die (primäre) Sozialisation der neuen Generation der Hamas-Führung hat im Gegensatz zur ersten in einer Welt stattgefunden, in der die Existenz des Staates Israel eine konstante - wenn auch verhasste -Tatsache darstellt. Darüber hinaus haben der (überraschende) Wahlerfolg 2006 und die (gewaltsame) Übernahme der Regierungsverantwortung in Gaza die Hamas zu einer pragmatischeren Agenda gezwungen. Die Abhängigkeit der Hamas von der palästinensischen öffentlichen Meinung bringt sie dabei in ein Dilemma: Ein zu „weiches“ Vorgehen gegenüber Israel würde als Schwäche gewertet werden und der Organisation ihre Basis entziehen, eine zu „harte“ Linie hätte ihre weitere Isolation zur Folge und würde ebenso zu Popularitätseinbußen sowie zur Radikalisierung der Basis führen. Die Vorgehensweise in dieser Arbeit gestaltet sich wie folgt: Zunächst wird der theoretische Rahmen zur Untersuchung des Gegenstands beleuchtet. Der Konstruktivismus, der davon ausgeht, dass Staaten und ihre Interessen sozial konstruiert und historisch kontingent sind, verspricht hier den größten Erkenntnisgewinn. Anschließend werden die ideologischen Ursprünge der „Islamischen Widerstandsbewegung“ nachgezeichnet. Hier wird im Wesentlichen auf Sekundärliteratur zurückgegriffen. Im vierten Abschnitt der Arbeit wird anhand von konkreten Entwicklungen - und öffentlichen Erklärungen prominenter Hamas-Politiker - der letzten Jahre nachgewiesen, dass tatsächlich ein signifikanter Wandel in den außenpolitischen Positionen der Hamas stattgefunden hat, der weit weniger dogmatisch erscheint und den es zu erklären gilt. Einen wichtigen Einflussfaktor dabei bildet neben dem Elitenwechsel die palästinensische öffentliche Meinung. Das Fazit ergänzt die gewonnenen Erkenntnisse um einen Erklärungsversuch hinsichtlich der
weitgehenden Abkehr der politischen Führung der Hamas von ihrer ursprünglichen Ideologie.
2. Theoretischer Rahmen - Konstruktivismus
Als theoretischer Rahmen zur Bearbeitung der genannten Fragestellung wurde in dieser Arbeit der Konstruktivismus nach Alexander Wendt gewählt. Seine Grundprämissen sollen im Folgenden dargestellt werden. Zunächst wird dabei davon ausgegangen, dass Staaten nicht strukturell sondern endogen determiniert und ihre Interessen nicht persistent sondern veränderbar sind. „[…] States are not structurally or exogenously given but constructed by historically contingent interactions“ (Wendt 1994: 385). Die einzigartige Qualität eines Staates, seine “corporate identity”, generiert vier Grundinteressen (corporate interests):
1. Das physische Überleben der Gemeinschaft (nicht zwingend aller Individuen),
2. Autonomie im Sinne von Kontrolle über die Ressourcenverteilung und freier Wahl der Regierung,
3. Wirtschaftlicher Wohlstand sowie Entwicklung und Verbesserung des Lebensstandards soweit dies in der Verantwortung des Staates liegt, 4. Kollektive Selbstachtung und Anerkennung als Akteur durch Andere (vgl. Wendt 1994: 385, Krell 2009: 371).
Wie eine staatlich verfasste Gesellschaft indessen ihre kollektiven Interessen befriedigt, ist davon abhängig, wie der Staat sich selbst in Beziehung zu anderen definiert. Die Identität und die Interessen eines Staates befinden sich während der Interaktion (mit anderen Staaten) in einem ständigen Wandlungsprozess (Wendt 1994: 386). Je nachdem um welche Art der Beziehung es sich handelt, werden die Interessen zuweilen ohne Rücksicht auf Andere definiert: „In the absence of positive identification, interests will be
defined without regard to the other - who will instead be viewed as an object to be manipulated for the gratification of the self“ (Wendt ebd.). Eine Form gesellschaftlicher kollektiver Identität ist der Nationalismus. Dieser beruht auf kulturellen, sprachlichen oder ethnischen Verbindungen. Er ist in Teilen „prämordial“ und somit gesellschaftlichen Selbstkonzeptionen als spezifischen Gruppen inhärent. Die Abhängigkeit eines Staates von seiner Bevölkerung kann zur Kultivierung nationalistischer Tendenzen führen, um die corporate identity untereinander zu stärken (vgl. Wendt 1994: 387). Krieg ist nach Wendt eine „sich selbst erfüllende Prophezeiung“, beruhend auf (sozialer) Handlung und sozialer Struktur. Auf der Handlungsebene beeinflusst das Verhalten von Staaten untereinander die soziale Struktur in die sie eingebettet sind und folgt dabei einer Logik der Reziprozität: „If they militarize, others will be threatened and arm themselves, creating security
dilemmas in terms of which they will define egoistic indentities and interests. […]
However, on the structural side, the ability of revisionist states to create a war of all
against all depends on the structure of shared knowledge into which they enter. If past
interactions have created a structure in which status quo states are divided or naïve,
revisionists will prosper and the system will tend toward a Hobbesian world in which
power and self-interest rule” (Wendt 1995: 77).
Staatliche Offizielle (Eliten) formulieren dabei wer “wir” sind und wer “unsere Feinde” sind, wie “wir” durch diese bedroht werden und wie “wir” am besten mit diesen Bedrohungen umgehen (vgl. Krell 2009: 372). Im Konstruktivismus sind „politische Eliten, die durch ihr regel- und normgeleitetes Verhalten die Politik prägen, […] für die theoretische Untersuchung besonders wichtig“ (Lemke 2000: 43). Längerfristige Überzeugungen von der Rolle eines verfeindeten Staates können defensive Motive (wie etwa Abschreckung) bei der Interpretation einer Aktion ausschließen. Damit es zu Konzessionen kommen kann, müssen beide Konfliktparteien im Rahmen eines Lernprozesses davon ausgehen können, dass die andere Seite dies nicht als Schwäche interpretiert und ausnutzt. „Lernen oder ,kognitive Evolution‘ meint in der Sprache des Konstruktivismus die Aneignung einer neuen Interpretation der Wirklichkeit“ (Krell 2009: 373). Dazu ist allerdings Kreativität nötig, um Alternativen zu
vorherrschenden Interpretationen zu entwickeln und somit Präferenzen und Interessen umzudefinieren. Möglich wird dies insbesondere im Falle existentieller Krisen, sie „sind immer auch eine Chance, überlieferte Interpretationsmuster und das Verhältnis zwischen Selbst und Umwelt neu zu definieren“ (ebd.).
3. Ideologische Ursprünge der Hamas
Der bereits erwähnte erste geistige Führer der Hamas, Scheich Ahmad Jassin, wurde 1936 - als Israel noch nicht existierte - in Madschal (heutiges Aschkelon) geboren (Szyszkowitz 2008: 119). Im Zuge der Gründung Israels flüchtete er 1948 in den Gaza-Streifen, wo er ab 1968 mit der Koordination der Aktivitäten der Muslimbruderschaft begann (ebd.). Bis zu diesem Zeitpunkt „spielten islamistische Kräfte im Palästina-Konflikt praktisch keine Rolle“ (Holz/Kiefer 2010: 112). Die Bruderschaft selbst hat ihre Ursprünge in Ägypten um 1925 (vgl. Arena/Arrigo 2004: 136). Scheich Jassin orientierte sich beim Aufbau der Organisation in Gaza „an seinem Vorbild Hassan al-Banna“ (Croitoru 2007: 43) und legte als Hauptziel die Verbreitung des Islam in allen palästinensischen Gesellschaftsschichten fest. Er und seine Mitstreiter hielten sich mit nationalistischen Parolen deutlich zurück, nachdem Jassin von der israelischen Militärbehörde wegen Hetzreden vorgeladen worden war. Er pflegte „das Image eines Gelehrten mit langem Bart [und] führte den Vorsitz in dem 14-köpfigen Exekutivrat des Islamischen Zentrums. Dessen Hauptziel lautete, der Moschee wieder ihre traditionelle Rolle als Zentrum des islamischen Lebens zurückzugeben“ (Croitoru 2007: 45). In den 1970er und 1980er Jahren übernahmen die Muslimbrüder sukzessive die Waqf-Einrichtungen (Waqf: arabisch „Fromme Stiftung“), inklusive der Islamischen Universität Gaza und der Moscheen. Die Organisation bekam damit unter Jassins Führung eine institutionelle und finanzielle Basis.
Als die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) unter Jassir Arrafat ebenfalls in den 1980er Jahren damit begann, an der Schaffung eines Palästinenserstaates zu arbeiten, zeigten sich die Anhänger der Bruderschaft
Arbeit zitieren:
Bachelor Patrick Rohmann, 2011, Strategiewechsel der Hamas - Eine konstruktivistische Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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