Im Folgenden sollen die Theorien und Vorstellungen zweier Autoren und Religionswissenschaftler zum Thema der Entstehung der Häresien in der christlichen Religion im späten Mittelalter vorgestellt und sowohl auf Unterschiede als auch auf Gemeinsamkeiten hin untersucht werden. Dazu sollen zunächst die Vorstellungen von Christoph Auffarth zusammenfassend erläutert und anschließend mit denen von Daniel Boyarin verglichen werden.
In seinem, in der Festschrift für Hans G. Kippenberg zu dessen 65. Geburtstag erschienenen, Aufsatz mit dem Titel „Das Ende der Katharer im Konzept einer Europäischen Religionsgeschichte“ wirft Christoph Auffarth die Frage auf, ob die katholische Kirche bewusst Häresien als Gegenbeispiele zum von ihr proklamierten und vertretenen richtigen und wahren Glauben konstruiert hat, um sich damit selbst überhaupt erst als eine Einheit wahrnehmen zu können und eine gemeinsame Identität in Abgrenzung zu einer differenzierten Ausübung des Glaubens und von Religion zu erhalten. Diesbezüglich hebt er auch das besondere Anspruchsdenken der Kirche als Institution des Glaubens hervor, also den Zwang zur Glaubensmonopolisierung, da nur eine religiöse Institution den wahren Glauben für sich beanspruchen kann und anderen religiösen Institutionen dementsprechend die Legitimität ihres jeweiligen Glaubens absprechen muss. Als Beispiel bzw. Antwort auf seine Frage dienen ihm dabei die Katharer, eine Glaubensbewegung innerhalb des Christentums des 12., 13. und 14. Jh. n. Chr., die von der christlichen Kirche gezielt verfolgt und ausgerottet wurde.
Auffarth stellt zwei Thesen bezüglich der Gründe für das Verschwinden der Katharer vor. Die Erste von Arno Borst und die Zweite von Herbert Grundmann.
Die Erste sieht den Grund für das Ende der Katharer in ihrer dualistischen und Welt ablehnenden Definition und Ausführung von Religion, welche im Gegensatz zu der Welt bejahenden und aktiven christlichen stand. Des Weiteren geht die These davon aus, dass der katharische Dualismus, aufgrund der zuvor genannten Argumente, eher
eine orientalische Religion als eine europäische darstellt und somit in Europa keine Chance auf eine Etablierung hatte. Die Zweite These bedient sich eines soziologischen Ansatzes. Sie mutmaßt, dass sowohl Lehre als auch Lebensform der Katharer durch christliche Bettelorden überflüssig gemacht wurden, da diese das Ideal apostolischer Lebensweise auch für den religiösen Laien repräsentierten und möglich machten und somit keine weiteren Religionen neben der christlichen, wie z.B. die der Katharer, mehr von Nöten waren.
Beide Theorien weisen nach Auffarth erhebliche Mängel auf. Da beide Theorien das Verschwinden der Katharer auf das Ergebnis ihres eigenen Wirkens zurückführen - die Erste auf ihre Andersartigkeit gegenüber dem Verständnis von europäischer Religion und die Zweite aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu christlichen Bewegungen - stellt Auffarth die Tatsache des hohen Maßes der Gewaltanwendung von Seiten der Kirche gegen die Katharer dagegen, die nicht notwendig gewesen wäre, wenn sie sich selbst egalisiert hätten. Daraus zieht er den Schluss, dass die Kirche aus den Katharern, deren Mönche und Wanderasketen beispielsweise sich ja eigentlich nur dadurch von ihren kirchlichen Pendants unterschieden indem sie nicht von einem Bischof in ihr Amt eingesetzt und in diesem bestätigt wurden, vorsätzlich ein Feindbild konstruiert hat, um sich als Institution Kirche auf der einen Seite von diesem abzugrenzen und einen künstlichen Unterschied, welcher reell betrachtet gar nicht so groß war, zwischen beiden zu schaffen. Auf der anderen Seite lag dieser Schritt, nach Auffarths Auffassung, aber auch in dem Versuch der Kirche begründet, ein Monopol auf das Seelenheil, dass sie durch das spenden von Sakramenten an religiöse Laien zu schenken vermochten, zu erlangen. Dabei waren ihnen die Katharer ein Dorn im Auge, da diese mittels Heilsvirtuosen den Laien die Möglichkeit eröffneten auch ohne die Sakramente der Kirche Heil zu erwerben. Als einige weitere Ergebnisse der Stigmatisierung der Katharer nennt Auffarth die Integration von laikalen Bewegungen in die Kirche mit der Absicht dem religiösen Laien keine Möglichkeit für den Erwerb von Seelenheil
außerhalb der kirchlichen Sakramentsspendung zu geben. Häresien, wie die Katharer, fallen komplett aus einem solchen System heraus, bleiben aber dennoch ein gefährlicher Konkurrent für die Kirche. Auch die Professionalisierung des Priesterstandes wird von Auffarth als ein solches Ergebnis genannt. Diese war die Antwort auf die Kritik an der Durchführung der Sakramentsspendung durch Personen, die selbst kaum anders als die religiösen Laien lebten. Die Priester wurden durch diese Professionalisierung zu Angestellten der Kirche und zu ihren Vertretern. Sowohl durch diese Tatsache als auch durch die, dass die durch die Priester vertretenen und verbreiteten Lehren als Folge der Professionalisierung dogmatisiert und verschriftlicht wurden, hoben sich die Priester qualitativ von den Laien ab. Diesen religiösen Profis wurde dann eine wichtige Aufgabe zuteil. Sie waren es, die dafür Sorge trugen die Gegner der katholischen Kirche, also auch die Häretiker, aufzuspüren und zu vernichten.
Daniel Boyarin, der Autor des Textes „Hybridity and Heresy: Apartheid Comparative Religion in Late Antiquity“, offenbart in diesem sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zu Auffarths Theorie. Gemeinsam ist ihnen die Feststellung, dass Häresien künstlich geformte Gedankengebilde sind, welche der Gruppe, Schicht, Institution usw. die sie erfunden hat Vorteile verschiedenster Art bringen sollen und das sie darüber hinaus immer ein Feindbild (bei Auffarth die Katharer, bei Boyarin die Juden) konstruieren auf welches die Häresievorstellungen übertragen werden und aus deren Existenz sie ursprünglich entstanden sind.
Die Unterscheide zwischen den Meinungen der beiden Autoren sind da schon etwas breiter gefächert. Um diese herauszustellen muss aber mehr ins Detail gegangen werden. Zunächst nimmt Boyarin nicht eine Ausgrenzung einer häretischen Gruppe innerhalb des Christentums als Grundlage und Beispiel für seine These sondern die Grenzziehung zwischen Christentum und anderen Glaubensrichtungen, wobei das Judentum im Fokus seiner Beobachtungen steht. Seiner Meinung nach stellt die Häresiologie als christliche Wissenschaft klare Grenzen zwischen den einzelnen Religionen auf. Dabei bedeutet eine
Arbeit zitieren:
Philipp-Michael Hebel, 2009, Vergleichende Analyse der Entstehungstheorien von Häresie in der christlichen Religion im späten Mittelalter von Christoph Auffarth und Daniel Boyarin, München, GRIN Verlag GmbH
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