1 Einleitung
Die europäischen Nationalliteraturen des 19. Jahrhunderts sind durch die Beschreibung von Gesellschaft und Zeit charakterisiert. Soziale Diskriminierung, moralische Wertvorstellungen und psychologische Aspekte werden beleuchtet. Eine prägnante Ausprägung stellt in dieser Epoche die literarische Thematik Ehebruch dar, bei dem sowohl soziale und konventionelle Hindernisse als auch soziopsychologische von prägender Gestalt sind. Zur Etablierung dieses Genres trägt auch Clarins La Regenta bei.
Die vorliegende Arbeit bietet zunächst einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung bezüglich der Frage nach der Verführbarkeit und Willfährigkeit der Frau im Ehebruchroman und möglichen literaturwissenschaftlichen Gründen, bevor in einem nächsten Schritt theoretische Aspekte des Mythos Don Juan beleuchtet werden.
Die Darstellung der Verarbeitung der Don-Juan-Thematik bei verschiedenen Autoren; seit Tirso de Molina (17.Jahrhundert) bis in das 20. Jahrhundert, dient als Wegbereitung für die Vorstellung der etablierten Definitionsversuche des typischen Don Juans, bevor im Hauptteil unter Rückbezug auf Clarins Charakter Don Álvaro in La Regenta mögliche Demontagefaktoren dieses Mythos thematisiert werden. In einem letzten Teil wird der Bogen zum Topos der verführten Frau geschlagen und deren Position im Lichte ihrer gesellschaftlichen Zwänge erläutert.
2 Inhalt
Der Roman spielt um 1880 in der fiktiven nordspanischen Stadt Vetusta. Die Protagonistin Ana Ozores, eine temperamentvolle sinnliche junge Frau ist mit dem wesentlich älteren Don Víctor Quintanar, dem Gerichtspräsidenten von Vetusta verheiratet. Dieser ist reich, impotent und begeistert sich für die Jagd und die Calderón-Lektüre, zeigt jedoch kein Interesse an den erotischen Sehnsüchten seiner Ehefrau. Ana flüchtet sich zunächst in mystische Religiosität, wobei sie von ihrem neuen Beichtvater, dem Magistral Don Fermín angeleitet wird. Gleichzeitig wird sie von Don Álvaro Mesía, dem örtlichen Liberalen-Chef, Casino-
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Präsidenten und Don Juan umschwärmt, der sie als besonders schwer zu erringende Trophäe sieht. Don Fermín fühlt sich ebenfalls zu Ana hingezogen und wird seiner Leidenschaft nicht mehr Herr, woraufhin Ana sich von ihm ab und Don Álvaro zuwendet. Mit ihm begeht sie den Ehebruch. Im Interesse der öffentlichen Ehre kommt es zum Duell zwischen dem Liebhaber und dem Ehemann bei dem Quintanar tödlich verwundet wird, während Álvaro unverletzt nach Madrid flieht. Von der Gesellschaft verachtet, will Ana zur Beichte gehen doch in der Schlussszene verweigert sich ihr Don Fermín.
3 Theorie des Ehebruchromans
Schlickers 1 postuliert, dass im Ehebruchroman des 19. Jahrhunderts immer die Frau den Ehebruch begeht. In der bisherigen Forschung wird die Theorie vertreten, dass der Grund dafür in der Konsolidierung der bürgerlichen Ordnung liegt. Diese These wird hinterfragt und eine andere, aktuellere Fragestellung aufgeworfen: Die nach der Verführbar- und Willfährigkeit dieser Frauen. Schlickers untersucht die Eroberungen in verschiedenen Ehebruchromanen - darunter La Regenta- um herauszustellen was die Frauen zum wiederholten Ehebruch motiviert. Sie thematisiert auch den oft rasch nach der Eroberung eintretenden Interesseverlust auf Seiten der männlichen Verführer. Dies scheint auch bei Don Álvaro zuzutreffen, wenn auch teils aus mangelnder Potenz. Es wird zudem angemerkt, dass die meisten in dieser Zeit geschriebenen Ehebruchromane von männlichen Autoren stammen und daraus auf eine "Projektion und damit einhergehende Konstruktion von Realität" (Schlickers 2001, 111) geschlossen; beispielhaft werden nie sich daraus resultierende Schwangerschaften genannt. Neben einer Infragestellung der bisherigen Thesen "Grenzüberschreitung patriarchalischer Strukturen in der bürgerlichen Gesellschaft“ und der „Annahme
1 Die folgenden Ausführungen bezüglich des aktuellen Forschungsstands folgen im Wesentlichen der Darstellung Schlickers’ 2001, 111 - 122)
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der Hysterie“ (ebd., 112) werden neue Denkansätze eingebracht. Schlickers postuliert, dass das Schema des literarischen Motivs der Verführung, demzufolge „…eine Figur A eine andere B mittels einer affektiv ausgerichteten Strategie dazu bringt, etwas zu tun, was sie ursprünglich nicht wollte" (ebd., 115) nicht auf die untersuchten Ehebruchromane anwendbar sei. Stattdessen stellt sich den Verführern, folgt man den Ausführungen Schlickers’, diese Schwierigkeit des Überredens nicht; denn sie haben lediglich die geeigneten Situationen herbeizuführen: Ihre Aufgabe besteht in der „simple[n] Überrumpelung oder aber [im] Ergreifen einer Gelegenheit auf vorbereitetem Terrain […]“ (ebd., 120). Eine grobe Differenzierung möglicher Ursachen von Bereitschaft zur Verführung lässt - wie Schlickers sie ausführt - die Zuteilung in folgende auf La Regenta mehr oder weniger zutreffende fünf Themenkomplexe zu: Hysterie, Unverstandenheit, Sehnsucht nach Liebe und Leidenschaft, L'amour de vanité, sowie sexuelle Lust. Die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts entwirft das überstülpende Konstrukt der Krankheit Hysterie; Showalter grenzt sich mit der Argumentation es handele sich um ein „kulturell determiniertes Streß- und Angstsymptom“ (Showalter 1997, 12 zitiert nach Schlickers, 2001, 116) und nicht um moralische Schwäche ab. Bezogen auf den Ehebruchroman bewertet Schlickers Hysterie - sei es eine fingierte Krankheit oder nicht- als Ausdrucksform unbefriedigter sexueller Bedürfnisse. Sie begründet dies mit ihrer Beobachtung, dass mit stetig vollzogenem Geschlechtsverkehr mit dem Liebhaber die Nervenkrisen beispielsweise bei Ana Ozores vergehen.
Die von den Ehebrecherinnen verspürte Sehnsucht nach Liebe und Leidenschaft, gründet im Fall der Ana Ozores zum Einen auf einer Kompensation der fehlenden Mutterliebe, wie in Kapitel 5 beleuchtet wird.
Zum Anderen geht Ana aus der Lektüre von romantischen Schriften in ihrer Jugend mit utopischen Vorstellungen genährt hervor (vgl. Wolfzettel 1999, 307).
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Als ein weiteres Motiv nennt Schlickers l´amour de vanité; so befriedigt es die Eitelkeit der Protagonistin Ana von einem sozial angesehenen und als begehrenswert geltenden Mann hofiert zu werden.
Es wird zusammengefasst, dass sowohl Autoren als auch Forschungsliteratur das Motiv der weiblichen sexuellen Lust eher vernachlässigen, oder mit Konventionen belegen (siehe Overton 1996, 8), so dass ein Milieu-Determinismus entsteht. Dem stellt Schlickers als neues Konzept die Möglichkeit eines rein körperlichen Verlangens der Protagonistin Ana Ozores entgegen.
In Anlehnung an Sinclair gibt Mieszkowski zu bedenken, La Regenta ungeachtet der weiteren wichtigen Themen als reinen Ehebruchroman einzuordnen. Sinclair erwähnt den Topos der Verführung, der sich nicht auf die sexuelle Verführung beschränkt. Mieszkowski untersucht den Roman daher vordergründig als Verführungsgeschichte.
4 Mythos Don Juan; theoretische Aspekte
Brunel äußert, dass sich in der Literatur eine Vielzahl von Don Juans finden lässt: alte, junge, schöne, hässliche, Zyniker wie der Don Juan Tirso de Molinas (Molina: Burlador de Sevilla y Convidado de Piedra) und poetische Verführer wie bei Lenau (Lenau: Don Juan. Dramatische Szenen.) (vgl. Brunel 1999, 8). Diese können als Egomanen, die ihrer Verführungsobsession nicht Herr werden auftreten. Anderen eröffnet sich wiederum die Möglichkeit der Läuterung durch Liebe. Beispielhaft sei hier Zorillas Don Juan (Zorrilla, José: Don Juan Tenorio) genannt. Bezüglich des literarischen Typus orientiert sich Brunel an Jeunes Definition: "C'est […] un héros précis, réel ou légendaire (parfois création purement littéraire d'un auteur), qui, doué d'une personnalité particulièrement forte ou impliqué dans une situation exemplaire ou déchirante a frappé l'imagination des écrivains qui en ont fait le type d'une certaine destinée." (Jeune 1968, 63 zitiert nach Brunel 1999, 22). Gnüg formuliert diesbezüglich die These, dass der
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literarische Typus des Don Juan Autoren über drei Jahrhunderte lang fasziniert hat. (vgl. Gnüg 1993, 7) Die Figur hat, Gnüg zufolge ihren Einzug ins populäre Verständnis gefunden als "der männliche Mann mit ausgeprägtem Sexualtrieb, als Frauenheld, Schürzenjäger und Verführer, der von den Reizen der verschiedensten Frauen immer wieder entflammt und dem Treue ein Fremdwort ist." (ebd.). Beispiel aus dem 18. Jahrhundert ist die historische Gestalt des Casanova, der in seinen Memoiren seine amourösen Abenteuer wieder erlebt.
Gnüg gibt zu bedenken, dass die beiden Typen Casanova und Don Juan in der Literaturwissenschaft nicht gleichzusetzen sind, da sie sich grundsätzlich in ihrer Art des Verführertums unterscheiden.
Gnüg zufolge wurde die Figur des Don Juan im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu entworfen und interpretiert. So deutete ihn E.T.A. Hoffmann (Hoffmann, E.T.A.: Don Juan. Eine fabelhafte Begebenheit, die sich mit einem reisenden Enthusiasten zugetragen hat.) als sich auf der unendlichen Suche nach dem weiblichen Ideal befindenden Verführer, während er für Camus die Absurdität der menschlichen Kondition überwindet, indem er seine sinnliche Existenz auslebt. Kierkegaard (Kierkegaard, Sören: Entweder - Oder) weist ihm in Bezug auf seine Verführungskünste Genialität zu. Desweiteren unterstreicht Gnüg, dass seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Demontagen des klassischen Frauenverführers in Erscheinung treten, sei es in der Form eines alternden Don Juans, der sich wie etwa bei Bataille seine sexuelle Befriedigung erkaufen muss oder die von Shaw (Shaw, George Bernard: Man and Superman.) inszenierte Umkehrung von Opfer und Täterrolle. Gnüg zählt diese unterschiedlichen Konzeptionen des einen literarischen Typus auf, um zu schlussfolgern, dass "im Grunde nur ein naiver Laie noch vom Don Juan-Typ sprechen könnte" (ebd., 8). Die Demontage wird auch im 20. Jahrhundert noch weitergeführt, indem Don Juan aus psychoanalytischer Sicht etwa von Rank (Rank, Otto: Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung) mit einem Oedipuskomplex belegt und als
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Arbeit zitieren:
Moritz Jan Schütze, 2011, Der literarische Ehebruch, München, GRIN Verlag GmbH
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