Einleitung
Im Zuge der Untersuchung des menschlichen Gehirns, seiner Struktur und Funktionsweise kommt es zu Begehrlichkeiten: Wie können die Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft nutzbar gemacht werden für Anwendungen, die es Menschen erlauben, besser die Leistungsmöglichkeiten ihres Gehirns auszureizen? Konkret geht es dabei um die Entwicklung von sogenannten Neurotechnologien - eine Teildisziplin der Biotechnologien, die technische und pharmakologische Mittel umfassen, die auf die Erkenntnis oder die Beeinflussung des zentralen Nervensystems ausgerichtet sind. Diese Definition sei aber laut Talbot und Wolf unpräzise und hinterfragbar, da sie etwa nicht zwischen „natürlichen“ und „künstlichen“ Neurotechnologien unterscheide. 1 Werden sie ohne medizinische Notwendigkeit benutzt, zur Verbesserung menschlicher Eigenschaften und Fähigkeiten beizutragen, dann wird dies als „Enhancement“ bezeichnet. Ein „Neuro-Enhancement“ liegt vor, wenn neurotechnische und neuropharmakologische Eingriffe in das Zentrale Nervensystem mit dem Ziel einer Funktionsbeeinflussung bzw. -verbesserung vorgenommen werden. 2
Techniken und Methoden zur Steigerung der Leistung des Gehirns hat es mit den Mnemotechniken bereits in der Antike gegeben; sie besaßen den Status einer Kunst. 3 Das Erlernen und Trainieren dieser Technik galt eine Tugend 4 - die Nutzung von Neurotechniken entspricht dagegen dem Konsum einer Fähigkeit, für die höchstens finanzielle Ressourcen bemüht werden müssen. Es dürfte von Bedeutung sein, dass die Nutzung von heutigen Neuro-Enhancern in beruflichen Kontexten und in Prüfungssituationen aufzufinden ist. Situationen, in denen Leistung abverlangt wird und denen Wettbewerbsdruck herrscht.
Folgende Hypothese soll daher aufgestellt sein: Die Optimierung des Gehirns der Individuen in den marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften dient vor allem ökonomischen Interessen, durch die die Arbeitskräfte in den globalen Wettkampf von Unternehmen und Staaten eingebunden werden. Das Ziel ist die größtmögliche Effizienz der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und dadurch der gesamten Einrichtung. Dabei werden das Geschlechterverhältnis sowie die Geschlechterbilder verfestigt. Oder in den Worten von Hennen et al.: „Grundsätzlich geht es um den Umgang mit leistungssteigernden Techniken unter den Wettbewerbsbedingungen einer hochkompetitiven Gesellschaft und den resultierenden Auswirkungen auf gesellschaftliche Normen und das vorherrschende Menschenbild.“ 5
1 Vgl. Talbot / Wolf, S.253 u.
2 Talbot / Wolf, S.254.
3 Vgl. Crone, S.234.
4 Vgl. Talbot / Wolf, S.267.
5 Hennen et al., S.178.
2
Diese Arbeit will sich dieser These in mehreren Schritten nähern: Zunächst soll die Neurowissenschaft beleuchtet werden, welche Erkenntnisse sie liefert und wer daran beteiligt ist. Danach werden einige Grundlagen zu Neuro-Enhancern geklärt. Dabei wird es in der gesamten Arbeit um Psychopharmaka gehen, da diese bereits verwendet werden und einfach in der Anwendung und Beschaffung sind. Anschließend wird es ihre konkreten Wirkungen auf Mensch und Gesellschaft angesprochen und es werden die damit zusammenhängenden sozialen und ökonomischen Aspekte ausgeführt. Zum Schluss werden einige Zukunftsaussichten zusammen getragen, die mit der Nutzung der Neuro-Enhancer verbunden sind.
Dabei bleibt es stets ein Charakter dieser Arbeit, spekulativ zu arbeiten. Die Auswirkungen der pharmakologischen Neuro-Enhancer sind nicht in dem Maße zu spüren, wie sie hier teilweise dargestellt werden, um mögliche Entwicklungen aufzuzeigen. Nichtsdestotrotz orientieren sich die Ausführungen an bisherigen Beobachtungen, die zumindest eine Abschätzung und Einordnung der Möglichkeiten zulassen.
Die Forschung
In der aktuellen Neurowissenschaft wird ein Wahrheitsanspruch vertreten, wie ihn etwa Paul Churchland zum Ausdruck bringt: Die neuen Methoden wie fMRT und MEG könnten besonders in Verbindung mit pharmakologischen Verfahren ein besseres Verständnis dafür liefern, wie das gesunde Gehirn funktioniere - dieses Vorgehen „wird zwangsläufig zu besseren und sicheren Methoden führen, Fehler in der normalen Funktion zu entdecken, zu beheben - und ihnen vielleicht sogar eines Tages vorzubeugen.“ 6 Sabine Heel und Claudia Wendel kritisieren diesen Ansatz, so würden das Gehirn in oftmals erstaunlicher Vereinfachung als natürlicher und neutraler, empirischer Gegen-stand und die eigenen Instrumente als objektive Varianten des Erkenntnisgewinns dargestellt. Explizierte Vorannahmen, Ausschlüsse, Hierarchisierungen und Implikationen der Forschungsvorhaben würden nicht reflektiert. 7
Petra Gehring kritisiert, dass in der Hirnwissenschaft der Einzelne „zum Gewebestück des Kollektivs [wird]: Er ist eine individuelle Ausprägung zirkulationsfähiger, lebendig-kommunizierender Global-Materie.“ 8 Bei ihr kommen damit zwei Aspekte zum Ausdruck: Zum einen wird die Individualität eines einzelnen Gehirns untergeordnet unter allgemeingültige Vorstellungen, die für alle Gehirne postuliert werden. Zum anderen klingt eine Analogie zum Wirtschaftskreislauf einer globalisierten Welt an. Wie diese beiden Vorstellungen mithilfe von Psychopharmaka von einer theoreti-
6Churchland, 356
7 Vgl. Heel / Wendel, S.45. 8 Gehring, S.200.
3
schen Beschreibung zu einer praktischen Umsetzung gemacht werden, wird den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden.
Stand der Forschung
Trotz ihres Anspruchs sei die Neurowissenschaft „heute noch weit von einer präzisen, umfassende Zusammenhänge durchdringenden Erkenntnis komplexer geistiger Prozesse entfernt“, so Talbot und Wolf. Unklar sei beispielsweise, was in biopsychologischer Hinsicht unter einer Stimmung zu verstehen sei. 9 Auch Hennen et al. befinden, dass die neurobiologischen Grundlagen der Wechselwirkung zwischen Emotionen und Kognitionen zunehmend klarer würden, doch sie böten „bisher keine neuen Erkenntnisse zur Optimierung von Lernprozessen, die über bekannte Erkenntnisse hinausgehen.“ 10 Petra Gehring bestreitet, dass die Neuroforschung ihre eigenen Modelle oder ihr Wissen vom Menschen revolutioniert habe - verändert habe sie nur, wie sie ihren Forschungsgegenstand betrachte. 11 Metzinger befindet, dass die Aktivierung von Gefühlen und Bewusstseinsinhalten eher zufällig vonstatten gehe und befindet, dass metaphysische und politische Weltanschauungen, Moden, Fernsehen und Werbung wirksamer und gefährlicher seien. 12 Medikamente zur Veränderung von Gehirnaktivitäten seien angesichts des Forschungsstandes noch nicht reif für den klinischen Einsatz oder nur zur Verwendung bei wirklich Kranken vorgesehen. 13
Das Gehirn in der Sprache der Wirtschaft
Der Blick auf die Arbeitsweise des Gehirns war von unterschiedlichen Analogien bestimmt. Zunächst fungierte der Computer als Leitmetapher, seit Ende der 1980er Jahre steht die Metaphorik des Netzwerks im Mittelpunkt. Nach Lettow hat die informationstechnologische Sprache in der Neurobiologie Einzug gehalten und damit wurden Vorstellungen von Gestalt- und Veränderbarkeit vorgebracht. Zum Ausdruck kämen diese durch das Konzept der Hirnplastizität. 14 Ergänzen ließe sich, dass damit ebenfalls die Möglichkeiten gezielter Eingriffe vorstellbar werden: Der Mensch müsse über das Gehirn wie über tatsächliche Informationstechniken verfügen können und seinen Bedürfnissen anpassen.
„Effizienz“ ist in den betrachteten neurowissenschaftlichen Veröffentlichungen ein wichtiges Schlagwort zur Beschreibung von Vorgängen im Gehirn. So sprechen Hennen et al. von „effizienter
9 Talbot / Wolf, S.263.
10 Hennen et al., S.85. Zu bemerken ist, dass es im entsprechenden Kontext um das Verhältnis von Emotionen und Lernprozessen ging und an dieser Stelle unvermutet die Optimierung angesprochen wird.
11 Gehring, S.202, Hervorhebung im Original. 12 Chisten, Interview Metzinger, S.6. 13 Schöne-Seifert, S.280. 14 Lettow, S.80f.
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Gehirnaktivierung“ und führen dies zur „Hypothese der neuralen Effizienz“ 15 . Nach welchen Gesichtspunkten der Begriff der Effizienz gefasst ist, wird in der vorliegenden Literatur nicht explizit genannt. Es ist zu vermuten, dass sich entsprechende Formulierungen nahe einer neoliberalen und damit wirtschaftlich geprägten Vorstellungswelt bewegen, wie dies Lettow bei Paul M. Churchland festgestellt hat. Er bezeichne etwa „hohe Geschwindigkeit“ und „Zuverlässigkeit“ als zentrale Eigenschaft von Geist und Gehirn. „Flexibilität“ und „Effizienz“ würden so Charakterisierungen für das ideale Subjekt. 16 Zu Merkmalen eines funktionierenden Gehirns werden somit Kriterien, die auch im Wirtschafts- und Berufsleben angelegt werden.
Wer forscht?
Bei der Erforschung von Psychopharmaka, die auf die Verbesserung von Gehirnleistungen abzielen, findet die Forschung vor allem durch zwei Institutionen statt: In Pharmaunternehmen und im militärischen Bereich. Beide arbeiten aus unterschiedlichen Motivationen daran, leistungsfähige Neuro-Enhancer zu entwickeln.
Pharmaunternehmen wie Cortex, Helicon oder Memory im us-amerikanischen Raum würden Substanzen in klinischen Studien testen und seien für weitere Anwendungsgebiete auf der Suche nach finanzstarken Partnern. Gruppen mit kognitiven Schwächen wie beispielsweise Senioren mit leichten Merkschwächen, geistig Behinderte, Schlaganfall-Patienten oder solchen, die an der Alzheimer-oder Parkinson-Krankheit leiden, bilden eine Zielgruppe bei der wirtschaftlich gestützten Entwicklung von Medikamenten. In diesem Bereich werden Einnahmen in Milliardenhöhe angesprochen. 17 Daneben gebe es „bislang ungenutzte Entwicklungspotenziale“ 18 : Pharmaunternehmen suchen neue Zielgruppen und finden diese neuen Absatzmärkte durch die Herstellung von Krankheitsbildern, gegen die die Psychopharmaka der Unternehmen Hilfe versprechen. 19
Das Militär ist ebenfalls an der Entwicklung von pharmakologischen Neuro-Enhancern interessiert. Beabsichtigt sind sind längere Wachzeiten und bessere Aufmerksamkeit, was zum Beispiel bei PilotInnen getestet worden ist. 20 Neben dem Militär nennt Metzinger die Geheimdienste und privaten Rüstungsfirmen, die die Erforschung und Entwicklung von Technologien zur Veränderung der Gehirnleistungen durch Finanzierung kontrollieren würden. 21 Sollten Forschungsvorhaben in dieser
15 Hennen et al., S.102.
16 Lettow, S.82f. 17 Vgl. Landolt, S.114. 18 Crone, S.235. 19 Landolt, S.118. 20 Vgl. Talbot / Wolf, S.258. 21 Vgl. Chisten, Interview Metzinger, S.6.
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Form unterstützt sein, ließen sich die Motivationen dahinter von außen nur schwer rekonstruieren und wahrscheinlich noch schwerer durch Druck aus der Gesellschaft zu verändern.
Anwendungsgebiete neuronal wirkender Medikamente
Wenn es um den Gebrauch pharmakologischer Neuro-Enhancer geht, dann werden Medikamente genutzt, die in erster Linie im medizinischen Bereich entwickelt werden. Dort werden Demenzerkrankungen behandelt, psychische Funktionsstörungen und das Posttraumatische Syndrom. 22 Interessant für eine Nutzung zur Verbesserung kognitiven Leistung werden sie zum einen durch ihre zielgerichtete Wirkung - neuere Arzneimittel sollen neuronale Aktivitäten im Gehirn selektiv beeinflussen. 23 Zum anderen versprechen sie auch Wirkung bei gesunden Menschen: Selektive Serotonin-Rückaufnahme-Inhibitoren (SSRI) werden beispielsweise bei Depressionen sowie Angst- und Zwangsstörungen eingesetzt, ihre verändernde Wirkung auf Stimmungen wird aber auch ohne diese Krankheitsindikationen genutzt. 24
Neuronal wirkende Medikamente als Mittel an Grenzen
Pharmakologische Neuro-Enhancer bewegen sich entlang zweier Grenzlinien, wobei sich eine genaue Zuordnung zu einem der jeweils getrennten Bereiche als schwierig erweist. Im Folgenden sollen die Problematiken einer Grenzziehung zwischen Behandlung und Enhancement ebenso angesprochen werden wie der Unterschied zwischen bisherigen Methoden zur Leistungssteigerung des Gehirns und pharmakologischen Mitteln.
Krank und gesund
Schaper-Rinkel weist darauf hin, dass die Grenzen zwischen therapeutischen Mitteln und Optimierungsstrategien unscharf seien, „da sich die Standards dessen, was als behandlungsbedürftig gilt, durch neue Anwendungen beständig verschieben.“ 25 Hennen et al. führen diesen Gedanken weiter: „Körper und Fähigkeiten, die bislang als „speziesnormal“ galten, könnten als verbesserungswürdig eingestuft werden und dies „tendenziell [...] bei allen Menschen“ 26 Diese Pathologisierung „aller“ würde allerdings wohl nur diejenigen betreffen, die keine „Verbesserungen“ an sich durchführen lassen wollen oder können. 27
22 Vgl. Crone, S.234.
23 Vgl. Crone, S.237. 24 Vgl. Talbot / Wolf, S.259. 25 Schaper-Rinkel, S. 100. 26 Hennen et al., S.140.
27 Dieser Punkt wird weiter unten noch weiter erörtert werden.
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Arbeit zitieren:
Silvio Schwartz, 2009, Pharmakologisches Neuro-Enhancement, München, GRIN Verlag GmbH
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