Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Die Bedeutung des „Vorwurfs“ in Interaktionen 2
1.1. Sprache als Möglichkeit der Gewaltausübung 2
1.2. Die Einordnung des „Vorwurfs“ in die Sprechakttheorie 4
1.2.1. Die Grundbegriffe der Sprechakttheorie in der Pragmatik 4
1.2.2. Der Vorwurf als Sprechakt 6
1.3. Sprechakte als sprachliche Gewalt 8
1.3.1. Imageverletzung und Höflichkeit 8
1.3.2. der Sprechakt „Vorwurf“ als sprachliche Gewalt 9
1.3.2.1. Bedingungen bzw. Voraussetzungen und Sprecherwartungen 10
1.3.2.2. Formen vorwurfsvoller Sprache und mögliche Reaktionen 12
1.3.2.3. Auswirkungen sprachlicher Gewalt in Form einer „Vorwurf“-
Eskalation 14
1.4. Der Freundeskreis als besonderes psychologisches Umfeld 15
2. Die pragmalinguistische Analyse der „Vorwürfe“ in Roland Schimmel-
pfennigs Drama „Peggy Pickit“ 16
2.1 Vorbereitungen zur pragmalinguistischen Analyse 16
2.1.1. Zweck und Aufgabe der Dramen-Analyse 16
2.1.2. Inhaltliche Vorbemerkung zum Drama 17
2.2. Thematischer und inhaltlicher Zusammenhang der Vorwürfe 18
2.2.1. Stufe 1: Überspielen der Unsicherheit 19
2.2.2. Stufe 2: Unterdrückung der emotionalen Wahrheit 20
2.2.3. Stufe 3: Entwicklung der inneren Aggression 22
2.2.4. Stufe 4: Ekstatischer Ausbruch 23
Fazit 25
Literaturverzeichnis
Anhang: Auswahlsequenzen 1-4
Einleitung
Sprachliche Gewalt im freundschaftlichen Umkreis ist in ein Beziehungs- und Handlungssystem eingebettet, das dem der familialen Interaktion 1 sehr ähnlich ist. Besonders die konfliktären Situationen erreichen eine innerspezifische Problematik, die auf Grund der engen Bindung der einzelnen Personen in diesem Beziehungskonstrukt nur schwer bzw. langsam wieder geklärt und aufgelöst werden können. Da die freundschaftlichen Verbindungen meist über einen längeren Zeitraum gestaltet und entwickelt wurden, sind die Auswirkungen der konfliktreichen Momente von großer Bedeutung und graben sich tief in das Gedächtnis der beteiligten Personen ein. Denn durch den intensiven Kontakt und den damit offenbarten bzw. gebildeten Gefühlen wird die freundschaftliche Stabilität verstärkt, weshalb sie mit Worten und auch nonverbalen Elementen erheblich verletzt und umso schlimmer zu Fall gebracht werden kann. Mit dem Sprechakt des „Vorwurfs“ ist ein Phänomen angesprochen, das häufig in dieser engen freundschaftlichen Konstellation eine Eskalation bewirkt, was auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches zeigt. Doch aufgrund der tiefen Gefühlsbindung ist ein vorwurfsvoller Ausbruch noch gewaltiger und ´verletzender´ als es andere Sprechakte aufweisen.
Meine Fragestellung lautet: Kann der Sprechakt „Vorwurf“ als sprachliche Gewalt definiert werden und wenn ja, inwiefern zeigt sich diese Gewalt bzw. welche Auswirkungen hat der Sprechakt auf den Vorwurf-Empfänger? Und mit welchen Mitteln kann man schließlich diese Form der Gewalt analysieren?
Mein Interesse liegt hierbei besonders in der sprachlichen Entwicklung des vorwurfsvollen Ausbruchs innerhalb einer engen Freundschaft. Ich möchte zeigen, welche Auswirkungen das Gesagte bzw. die sprachliche Gewalt in solch einer intimen bzw. freundschaftlichen Konstellation hat. Als Analyse-Beispiel habe ich das Theaterstück „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ 2 von Roland Schimmelpfennig ausgewählt, weil hieran, meiner Meinung nach, diese Entwicklung besonders gut veranschaulicht werden kann, dessen Anliegen mein Schwerpunkt in der vorliegenden Arbeit sein soll.
1 Zur familialen Interaktion siehe Frankenberg, Hartwig: Vorwerfen und Rechtfertigen als verbale Teilstrategien
der innerfamilialen Interaktion. Dissertation Universität Düsseldorf. Düsseldorf: Rudolf Stehle GmbH & Co KG
1976. Hier besonders Kapitel 2, S. 38-47. „Nähe schafft häufig Gelegenheit zum Konflikt“. Zitat S. 43.
2 Der vollständige Stückabdruck in der Wiener Fassung liegt vor in Theater heute. Zeitschrift für Theater und
Politik. Jahrgang 53, Heft Nr. 2, Februar 2011.
1
Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, möchte ich folgendermaßen vorgehen. Im ersten Teil der Arbeit werde ich auf die theoretischen Ansätze in Bezug auf den Sprechakt „Vorwurf“ eingehen und die einzelnen Überlegungen darlegen, die den Sprechakt „Vorwurf“ als sprachliche Gewalt klassifizieren können. Im zweiten Teil werde ich das Theaterstück von Roland Schimmelpfennig dahingehend analysieren, wie die einzelnen Abschnitte des vorwurfsvollen Ausbruchs gezeigt werden und möchte die theoretischen Ansätze explizit auf die Erkenntnisse innerhalb der sprachlichen Analyse anwenden. In meinen Ausführungen möchte ich mich weniger auf die syntaktischen und grammatischen Besonderheiten beziehen, - denn diese wurden bereits ausführlich von den sprachwissenschaftlichen Forschern wie FRANKENBERG, GÜNTHNER oder HENRIKSSON beschrieben - sondern mich explizit auf die semantischen und pragmatischen Auffälligkeiten innerhalb der Sprechhandlung „Vorwurf“ beschränken bzw. die soziologisch-psychologischen Auswirkungen des „Vorwurfs“ als sprachliche Gewalt berücksichtigen.
1 Die Bedeutung des „Vorwurfs“ in Interaktionen 1.1 Sprache als Möglichkeit der Gewaltausübung
Emotionen sind ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Daseins, denn sie leiten und verleiten den Menschen dazu, Veränderungen im Handeln und Denken zu vollziehen. Emotionen sind wichtig für die „Auseinandersetzung des Menschen mit einer ganzen Reihe von fundamentalen Problemen, die sich im gesellschaftlichen Leben stellen und für das evolutive Überleben“ 3 notwendig sind. Bereits Charles DARWIN beschäftigte sich mit den Mechanismen von Emotionen und entlarvte sie als „Notfallreaktionen“ auf „drohende Gefahr“ zur Erhöhung der Überlebenschance. Interessant ist hierbei der Aspekt des Notfalls. Emotionen entstehen oft aus Affekten und dienen der Vorbeugung anstehender Gefahr. Sie realisieren mehrere Faktoren, die im Zusammenspiel unterschiedliche Ergebnisse erzielen. Ängstlichkeit bzw. Mut, aktuelle Stimmung, vorausgehende Provokation bzw. Frustration und die Erwartungshaltung sind die vier Faktoren, die das folgende Verhalten bestimmen und bestimmte Reaktionen offenlegen. 4
3 Zitiert nach Wahl, Klaus. Aggression Und Gewalt. Springer, 2009. S. 72. Konsultiert über den folgenden Link:
4 Teilzitiert und gemäß den Ausführungen bei Klaus Wahl: Aggression und Gewalt, S. 72 ff.
2
Um seinen Ärger bzw. die Gefühle zu offenbaren, muss man kommunizieren. Dies gelingt in der Regel verbal bzw. durch Sprache. Kommunikation ist allerdings ein interpretatorisches Mittel. Es funktioniert durch das subjektive und assoziative Deuten von Zeichen 5 . Eine Fehlinterpretation kann zu Missverständnissen führen, welche häufig die Ursache für den entstandenen Ärger ist. Die sprachliche Realisierung von Ärger erfolgt durch verschiedene Sprechakte: durch die direkte Ansprache der beteiligten Person(en) oder durch die indirekte Mitteilung derjenigen. 6 Die Sprechakte in Zusammenhang mit der Kundgabe von Missständen sind u.a. Behaupten, Vorschlagen, Kritisieren, Beleidigen, Insistieren und Vorwerfen.
Wenn solche Sprechakte eingeleitet werden, fühlen sich die Betroffenen in der Regel gekränkt und angegriffen. Die Reaktionen darauf sind selten positiv und entwickeln sich schnell zu einem heftigen Streit. Es stellt sich nun die Frage, warum solche Gefühle bei den „Opfern“ entstehen und worin somit die Verletzung bzw. sprachliche Gewalt besteht. Eine Möglichkeit der Klärung dieser Frage bietet Erving GOFFMAN in seiner Abhandlung über die Technik der „Imagepflege“ 7 . Er schreibt:
„Der Terminus Image kann als der positive soziale Wert definiert werden, den man für sich durch die Verhaltensstrategie erwirbt, von der die anderen annehmen, man verfolge sie in einer bestimmten Interaktion […] Die doppelte Wirkung der Regeln von Selbstachtung und Rücksichtnahme besteht darin, daß jemand sich bei einer Begegnung tendenziell so verhält, daß er beides wahrt: sein eigenes Image und das der anderen Interaktionspartner. D.h., daß die von jedem Teilnehmer eingeschlagene Strategie sich meist durchzusetzen und jeder Interaktionsteilnehmer die Rolle übernehmen darf, die er für sich selbst gewählt zu haben scheint.“
Mit dieser Bemerkung zur Imagebildung und -erhaltung wird deutlich, weshalb sich bei der Äußerung einer Kritik die beteiligte Person angegriffen oder verletzt fühlt. Dadurch, dass jeder Mensch versucht, ein Image bzw. „Selbstbild“ aufzubauen und zu bewahren, besteht immer auch das Risiko, dass es angegriffen und ins Wanken gebracht werden kann. Das bedeutet, dass nicht die Person selbst kritisiert wird, sondern das Bild, welches sie zu übermitteln versucht. Das „Selbstbild“, welches wohlmöglich mühsam entwickelt und
5 Der linguistische Forschungsbereich der Semiotik beschäftigt sich eingehend mit diesem Phänomen.
6 Auf die Indirektheit von Sprechakten werde ich in Kapitel 1.2.2 noch näher eingehen.
7 Siehe dazu Goffman, Erving: Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt am
Main: Suhrkamp, 1994³.
3
bewahrt wurde, ist eine Projektion des Selbst in einer stärkeren bzw. mächtigeren Position. So wird die eigentliche Person nicht beschädigt. 8
Das Problem liegt jedoch darin, dass die Anstrengung, die man für die Imagebewahrung opfert, in den Mittelpunkt rückt, sobald das Image nicht mehr haltbar ist. In diesem Fall richtet sich der Angriff auch gegen den dahinter stehenden Menschen, dessen Ansehen und Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft dadurch in Frage gestellt wird. Dieser Aspekt der Glaubwürdigkeit ist ein verletzender, sodass die Kritik hierin als sprachliche Gewalt angesehen werden kann. Das Image, die Schutzhülle des Menschen wird mit Hilfe der Sprache gewaltsam durchbrochen. Dieser Durchbruch wird als Verletzung der eigenen Persönlichkeit, der persönlichen Handlungsweisen und der individuellen Weltanschauung gesehen, weshalb die Sprechakte wie Beleidigen, Verurteilen, Kritisieren und Vorwerfen als gewaltausübendes Sprechen gelten können.
Im Folgenden möchte ich den „Vorwurf“ isoliert als sprachliche Gewalt näher untersuchen, doch zunächst nur auf seine sprechakttheoretischen Bedingungen eingehen. 1.2 Die Einordnung des „Vorwurfs“ in die Sprechakttheorie 1.2.1 Die Grundbegriffe der Sprechakttheorie in der Pragmatik Seit der „pragmatischen Wende“ zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts wird die Pragmatik als Teildisziplin der Linguistik immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit gelegt. Was zu Beginn noch sehr stark in der Philosophie und Logik verortet war, hat sich als „Sprechakttheorie“ in den linguistischen Ansätzen von John L. AUSTIN entwickelt, wurde später von seinem Schüler John R. SEARLE weitergedacht und schließlich von Dieter WUNDERLICH noch intensiver etabliert. 9
Grundgedanke bei der Ausführung der Sprechakttheorie ist, dass durch eine Äußerung auch eine Handlung vollzogen wird, dass also etwas Gesagtes eine Proposition, einen Wahrheitswert der Sätze, enthält und einen Zweck verfolgt. Der Sprecher möchte mit seiner Äußerung - neben der Proposition - eine Illokution, die Intention des Gesagten, vermitteln und dabei eine Perlokution, den Zweck bzw. die „intendierte Reaktion des Hörers“, hervorrufen. Das bedeutet, dass eine Äußerung nach SEARLE fast immer in diese
8 Goffman nennt dies „Spaltung zwischen Ich-Ideal und Ich“. Gemäß den Ausführungen in Goffman, Erving:
Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996¹². S. 16 f.
9 Gemäß den Ausführungen bei Linke, Angelika/Nussbaumer, Markus/ Portmann, Paul R.: Studienbuch
Linguistik. Reihe Germanistische Linguistik. 5., erweiterte Auflage. Tübingen: Niemeyer 2004. Kapitel 5.
Pragmatik. S. 193-234. Hier S. 206.
4
vier Teilakte untergliedert werden kann. Das Gesagte offenbart demnach als Äußerungsakt auch einen Propositionalen, einen Illokutionären und einen Perlokutionären Akt. Die Verbindung dieser Teilakte stellt allerdings nicht alle notwendigen Bedingungen für Sprechhandlungen dar, da hierdurch der Sprechakt isoliert betrachtet wird, obwohl die Reaktion bzw. Äußerung des „Hörers“ im dialogischen Prinzip, auch Sprechaktsequenzen genannt, von Interesse ist. 10
Deshalb hat H. P. GRICE Konversationsmaximen aufgestellt, nach denen „die Art und Weise, wie Kommunizierende ihre Kenntnisse der Sprache, der Sprechaktregeln und eventueller weiterer konkreter Sprachgebrauchsregeln zum Tragen bringen.“ 11 Die vier Maximen nach GRICE sind die Maxime der Quantität, der Qualität, der Relation und der Modalität. Konversationen sollen demnach „ausreichend informativ, angemessen klar formuliert, relevant und wahr sein“, was allerdings nur dann als Maximen angewendet werden, wenn die beteiligten Personen kooperativ und zur eigenen Interessenserfüllung bereit sind. WUNDERLICH greift diese Voraussetzungen für die verbale Kommunikation auf, wenn er schreibt:
„Ausgangspunkt von Konventionen allgemeiner Art ist die Notwendigkeit für Menschen, gewisse Probleme in Koordination oder sogar in Kooperation mit anderen zu lösen. Die Erfüllung der eigenen Interessen hängt nicht nur von den eigenen Verhaltensweisen und Handlungen ab, sondern auch von den Verhaltensweisen und Handlungen der anderen. […] Da diese aber ihrerseits von ihren Erwartungen der Handlungen anderer ausgehen, muß man bereits auch die Erwartungen der anderen antizipieren können.“ 12 WUNDERLICH bezieht sich hier auf die Konventionalität in Interaktionen. Sie ist notwendig, um grundsätzlich von Sprechakten sprechen zu können, denn ohne die Kooperationsbereitschaft und der eigenen Interessensvertretung kann keine gemeinsame Basis der Kommunikation entstehen und gelingen. WUNDERLICH unterscheidet hierbei zwei Ebenen von Konventionen: die grammatische und die Sprechhandlungskonvention. Letzteres ist von Bedeutung, da darin der symbolische Charakter der Sprechhandlungen angesprochen wird. Dieser hat zur Folge, dass eine intersubjektive Akzeptabilität 13 und
10 Gemäß dem Schema und den Bemerkungen bei Linke/Nussbaumer/Portmann: Studienbuch Linguistik, S. 210
ff.
11 Zitiert nach Ebd., S. 220.
12 Zitiert nach Wunderlich, Dieter: Zur Konventionalität von Sprechhandlungen. In: Schwerpunkte Linguistik
und Kommunikationswissenschaft. Bd. 12. Linguistische Pragmatik. Hrsg. von Dieter Wunderlich. Athenäum
1972. S. 12.
13 Dazu schreibt Dieter Wunderlich: „Eine Sprechhandlung zielt im Kern auf ein Akzeptieren ihres Inhalts durch
den Hörer“. (S. 22)Er bezieht sich hierbei auf die „Gelingensbedingungen“ des Sprechaktes, die ich zu einem
späteren Zeitpunkt meiner Untersuchung noch berücksichtigen werde.
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Arbeit zitieren:
Nicole Hilbig, 2011, Der Sprechakt "Vorwurf" als sprachliche Gewalt, München, GRIN Verlag GmbH
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