Inhalt
1. Einleitung 2
2. Das flüchtige Wesen der Autobiographie 4
3. Offene Netzwerkgemeinschaften 10
3.1 Facebook Co. - Soziale Netzwerkgemeinschaften 13
3.2 Blogger - ein Beispiel für ein Weblog 14
4. Autobiographie und das Internet 17
4.1 Facebook als Autobiographie - eine Fallstudie 17
4.2 Exkurs - Das Mass Observation Archive 26
4.3 Blogger als Autobiographie - eine Fallstudie 27
5. Fazit. 34
6. Bibliographie. 36
1. Einleitung
Selbstreflexion und Sinngebung sind zwei elementare Bestandteile, die vor allem im späteren
Verlauf des Lebens immer mehr an Bedeutung gewinnen. Je weiter die eigene Existenz
voranschreitet und je näher damit die unausweichliche Finalität menschlichen Daseins
bewusst wird, desto wichtiger wird die Frage, was schließlich die Quintessenz des eigenen
Seins war, welche Stationen man durchlaufen hat und welche Ziele erreicht wurden. Damit
einhergehend ist oft auf der Wunsch zu beobachten die "Lehren" die man aus dem eigenen
Leben gezogen hat der Nachwelt zu hinterlassen. Schon sehr früh in der Geschichte der
Menschheit finden sich dementsprechend Zeugnisse über das Leben und Wirken von
Personen der Zeitgeschichte. Diese "autobiographischen Selbstreflexionen" finden sich
bereits bei den Kulturen der Pharaonen und durchziehen die Menschheitsgeschichte wie ein
roter Faden. (Misch 1949: 23ff) Dabei ist die Form der Autobiographie und ihre Abgrenzung
zu anderen Genres und Gattungen in den letzten Jahrzehnten wieder verstärkt in den
Mittelpunkt wissenschaftlichen Interesses gerückt. (Niggl 1998: 1)
Versteht man Autobiographie (vereinfacht) als Mittel zur Selbstreflexion oder als Darstellung
des eigenen Seins, so stellt sich nicht nur die Frage nach dem genauen Wesen dieser Form
von Text sondern auch nach dessen möglichen Ausdrucksformen. Mit dem zunehmenden
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Aufkommen von sozialen Netzwerken, die zum Großteil auf schriftlichen Zeugnissen beruhen, stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob und wenn ja inwieweit man hierbei von autobiographischen Zeugnissen sprechen kann. Mit der (Weiter-)Entwicklung von Technologien und Programmiersprachen hat gerade in den letzten zehn Jahren ein Umorientierungsprozess innerhalb des World Wide Web stattgefunden. Statische Inhalte die über lange Zeiträume erhalten geblieben sind, meist von Experten generiert, wurden durch dynamische Strukturen substituiert. Der Fokus verschob sich zum Nutzer selbst als kreativem Individuum. Technik und Optik passten sich dieser Entwicklung an. Die Folge ist nicht nur ein deutlicher Anstieg an Seitenzahlen deren Anzahl schon lange nicht mehr messbar ist, sondern auch ein vermehrtes Interesse seitens der Nutzer. In Europa wurde bereits im Jahr 2007 in der Gruppe der 16 bis 24-Jährigen erstmals mehr Zeit im Internet verbracht als vor dem Fernsehgerät. (Alpar und Blaschke 2008: 3)
Diese Arbeit geht der Frage nach, ob es sich bei nutzerspezifischen Inhalten innerhalb von Open Network Communities (OSNs) wie beispielsweise Facebook um autobiographische Texte handelt, beziehungsweise wie diese Texte in einem solchen Kontext einzuordnen sind. Um diese Frage angemessen beantworten zu können gliedert sich die Struktur der folgenden Ausführungen wie folgt: In einem ersten Teil wird die wissenschaftliche Debatte um das Wesen der Autobiographie nachvollzogen und kommentiert. Hier geht es um die Frage, was die Essenz von "Autobiographie" darstellt und inwieweit sie sich überhaupt von anderen Genres oder Gattungen abgrenzen lässt. Da die Diskussion um den Gattungsbegriff sehr weitschweifend ist und zahlreiche Positionen und Nuancen innerhalb der Gattungsdiskussion bereits hinreichend beleuchtet wurden, wird sich dieser Teil auf die Hauptpositionen undschwierigkeiten beziehen.
Anschließend werden die Besonderheiten von OSNs genauer dargestellt sowie einige Fakten und Zahlen präsentiert die die Grundlage für die Kategorisierung verschiedener Formen von OSNs bilden. Exemplarisch werden innerhalb dieser Arbeit Facebook als größte OSN und Blogger als ein weiteres OSN vorgestellt und gegeneinander abgegrenzt. Zur weiteren Argumentation wird gegebenenfalls auf weitere OSNs zurückgegriffen werden, wie beispielsweise StudiVZ. Eine qualitative Fallstudie die auf der Auswertung von Nutzerprofilen von Facebook und der Untersuchung zweier Weblogs basiert wird Aufschluss darüber geben, ob die These einer Form von Autobiographie in Bezug auf OSNs belegt werden kann.
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Den dritten Teil bildet schließlich die Vorstellung der Ergebnisse der Studie und die Diskussion und Untersuchung der Texte auf deren autobiographischen Gehalt. Obwohl hier hauptsächlich auf eigene Daten zurückgegriffen wird, werden wo nötig, weitere Studien zu Vergleichszwecken herangezogen, deren Implikationen diskutiert und ihre Fragestellungen gegebenenfalls auf die vorliegenden Untersuchungen angewendet.
2. Das flüchtige Wesen der Autobiographie
Eine schlüssige Definition von Autobiographie scheint gerade in der aktuellen wissenschaftlichen Debatte nicht greifbar zu sein. Autobiographie findet sich an der Schnittstelle verschiedenster Konzepte, die von Erinnerung, Realität, Fiktion, Authentizität und der Bedeutung des eigenen Lebens reichen. So schreibt auch Georg Misch, dass "Selbstbiographie [...] keine Literaturgattung wie die anderen [sei]." (Misch 1998: 36) Autobiographie bedient sich verschiedenster sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten und ist in ihrem Gebrauchsspektrum nicht auf Gattungsbegriffe wie Lyrik, Dramatik und Epik beschränkt. Selbst Wilhelm Dilthey bleibt in einer ersten Annährung an diese Begrifflichkeit vage und definiert Selbstbiographie als "eine Deutung des Lebens in seiner geheimnisvollen Verbindung von Zufall, Schicksal und Charakter." (Dilthey 1998: 24) Die unterschiedlichen Auffassungen von Autobiographie lassen sich am Besten verdeutlichen, wenn einige Definitionen aufgeführt werden. So nennt Northrop Frye die Autobiographie eine Unterform des Romans, Paul de Man bezeichnet sie nicht als Genre oder Modus sondern als Lesefigur und Georges May behauptet, dass Autobiographie weder ein Genre noch eine Textform noch ein Stil, ja nicht einmal eine Sprache sei. (Abbott 1988: 598)
Die Ausführungen des Lexikon Literatur- und Kulturtheorie zum Thema "Autobiographie" beschränken sich auf eine Zusammenfassung des autobiographischen Paktes nach Philippe Lejeune. Dieser beschäftigt sich ausführlicher mit der Fragestellung der Definition der Autobiographie (Lejeune 1973) und sieht als gattungskonstituierendes Hauptmerkmal die Übereinkunft des Lesers sowie des Autors, dass Erzähler und Protagonist in einem nichtfiktionalen Zusammenhang identisch mit dem Verfasser sind. (Löschnigg 2001: 33) Diese Annahme wird auch durch die Verdeutlichung der Begrifflichkeit gestützt, die aus dem
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(schreiben, malen, ritzen). (Wagner-Egelhaaf 2005: 8) Diese Schwierigkeiten der Ab- und Eingrenzung des Begriffes der Autobiographie sind neuerer Natur. Sie basieren auf dem Bemühen Autobiographie als Gattung fassbar zu machen und dem Interesse, formtypologische mit gattungsgeschichtlichen Eigenschaften zu verbinden.
Unter den ersten Werken, die das Etikett der Autobiographie verdient haben finden sich Augustinus "Confessiones" (ca. 400 n. Chr.). Gattungskonstituierend waren zu dieser Zeit die kontinuierliche Darstellung des eigenen Lebens und die Selbstreflexion des Schreibenden (verbunden mit dem in diesem Fall stets implizit moralisch erhobenen Zeigefinger), die den Beginn der abendländischen autobiographischen Schaffensperiode markieren. (Pascal 1960: 34) Obwohl sich auch Augustinus - explizit und implizit - der Schwierigkeiten dieser Form von Text bewusst ist (Abbott 1988: 598) spezialisierte sich vor allem im 19. Jahrhundert mit der Erneuerung der Geisteswissenschaften das wissenschaftliche Interesse an der Selbstbiographie. (Misch 1998: 35)
Autobiographie wird auch heutzutage noch primär eng verbunden mit dem retrospektiven Gedenken des eigenen Lebens gesehen. Sie soll generell ein "rückblickender Bericht in Prosa [sein], den eine wirkliche Person über ihr eigenes Dasein erstellt, wenn sie das Hauptgewicht auf ihr individuelles Leben, besonders auf die Geschichte ihrer Persönlichkeit legt." (Lejeune 1973: 215) Die Schwierigkeiten der Wissenschaft den Begriff der Autobiographie zu erfassen liegt vor allem in der poststrukturalistischen Annahme einer inhärent fiktiven Realität begründet. Dementsprechend ist auch das der Sprache unterworfene Subjekt ein literarisches. (Berressem 2001: 524) Hier verschwindet die einst so klare Grenze zwischen Realität und
Fiktion, die bis dato ein Hauptcharakteristikum zur Unterscheidung der Autobiographie 1 von anderen Formen der Literatur 2 war. Die essentielle Frage die sich schließlich stellt lautet: Kann davon ausgegangen werden, dass das was berichtet wird wirklich real ist bzw. war, oder muss hier kritisch hinterfragt werden? Ist eine kritische Hinterfragung ebenso wie eine
Im Übrigen gilt ähnliches für die Biographie, die allerdings nicht mit den typischen Schwierigkeiten der Autobiographie zu kämpfen hat, da durch die Berichterstattung aus Sicht eines Dritten davon ausgegangen wird, dass es sich um eine objektive, auf Fakten und belegbaren Hinweisen basierende Berichterstattung handelt. Inwieweit diese Annahme im vorliegenden Kontext haltbar ist muss an anderer Stelle erörtert werden.
2 Literatur ist hier abzugrenzen von anderen Formen von Text, wie Gebrauchstexten zum Beispiel als Bedienungsanleitung. 5
wahrheitsgetreue Berichterstattung überhaupt möglich? Es ist äußerst bemerkenswert, dass diese und ähnliche Fragestellungen schon in den Anfängen des Internets mit seinen anonymen Chatrooms aufgekommen sind. Die damals so drängende Frage nach dem Kern des Wesens das sich hinter geschriebenem Text verbirgt hat sich bis in die heutige Zeit gehalten, wenn auch in veränderter Form. Von Anonymität im Internet kann längst nicht mehr die Rede sein. Im Einklang mit der Entstehung sozialer Netzwerke im WWW veränderte sich das Verhalten der (meisten) Nutzer hin zu einem teilweise besorgniserregend offenen Umgang mit persönlichen Daten. (Utz 2008: 239) Doch auch hier stellt sich die Frage ob sich hinter den Einsen und Nullen des binären Systems noch Wahrhaftigkeit verbirgt und wenn ja, wieviel?
Um autobiographisches (Er-)Schaffen als solches erkennen zu können hebt Lejeune in seinem vielbeachteten Werk auf den "autobiographischen Pakt" ab. Sein Hauptkriterium zur Unterscheidung von Autobiographie von anderen ähnlich gelagerten Texten ist die formulierte Dichotomie der Einheit von Autor, Erzähler und Hauptfigur gegenüber zu Abweichungen von dieser Konstellation. (Lejeune 1973: 216) Er definiert ein Bündel von Elementen, die er abgesehen von der absoluten Regel der Dreieinheit formtypologisch der Autobiographie zuordnet. Wir wollen uns daran als erster Arbeitsthese halten. Die Elemente der Autobiographie nach Lejeune lauten entsprechend:
Tab. Autobiographie nach Lejeune 1973: 215f
Der Vorteil der Ausführungen von Lejeune liegt klar in der Tatsache begründet, dass er das Problem der Unterscheidung von Realität vs. Fiktion geschickt über das Dreieinheitspostulat
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auflöst. Die Frage danach, ob sich der Schreiber einer Autobiographie überhaupt richtig erinnern vermag, ob er möglicherweise elementare Inhalte unbewusst elidiert oder perspektivisch anders gebrochen präsentiert als sie tatsächlich waren werden ausgeklammert. Lejeune verweist lediglich auf die Tatsache einer bewussten Täuschung, wenn zuvor ein autobiographischer Pakt geschlossen wurde: "Auch wenn der Bericht historisch gesehen völlig falsch ist, wird er in die Kategorie der Lüge [...] und nicht in die der Fiktion gehören." (Lejeune 1973: 236) Die Lüge jedoch gehört laut seiner Ausführung nach dennoch zur Autobiographie, da es sich um eine autobiographische Kategorie handelt. Er stellt sich hier dem Wahrheitspostulat Pascals entgegen, der behauptet: "Die Wahrheit über sich selbst zu berichten, war immer das Ziel der Autobiographie [...]" (Pascal 1960: 78) In sich ist seine Argumentation stringent und überzeugend, abgesehen von dem Defizit der unbewussten Verzerrung der Wahrheit, die eine wesentliche Rolle bei der Frage nach Realität bzw. Wahrheit und damit nach dem Gehalt der Autobiographie darstellt. Lejeune verweist darauf, dass letztlich nur der autobiographische Pakt ausschließlich über die Zugehörigkeit eines Textes zur Gattung der Autobiographie entscheidet, seine anderen aufgeführten Punkte sollten zwar in "erster Linie" verbindlich sein, sind aber nicht absolut gültig. (Lejeune 1973: 216)
H. Porter Abbott widmet sich in seinem Werk "Autobiography, Autography, Fiction: Groundwork for a Taxonomy of Textual Categories" (Abbott 1988) einer neuen Taxonomie von Textkategorien. Im Mittelpunkt stehen dabei die Schwierigkeit, Autobiographie formtypologisch fassbar zu machen. Er geht dabei davon aus, dass "in autobiography the discourse is narrative action." (Abbott 1988: 598) und unterscheidet damit die Finalität einer fiktiven Erzählung, die mit "the last event in the story" (Abbott 1988: 598) endet vom offenen Ende der Autobiographie - Fiktion besitzt also keine Zukünftigkeit. Das weite Feld der Möglichkeiten das sich aus ihr (und dem letzten erzählten Ereignis das ihr Ende bildet) ergibt ist für die Geschichte selbst irrelevant. Innerhalb der Autobiographie jedoch ist das Ende der Geschichte, also der Moment des Verfassens überall bereits während des Schreibprozesses immanent. Abbott spricht sich in seinem Ansatz zur Definition von Autobiographie für ein von formtypologischen Erwägungen losgelöstes Prinzip aus und bezeichnet sie den Vorüberlegungen Elizabeth Bruss (Bruss 1974) die auf der Sprechakttheorie basieren folgend als "Akt". Dabei sieht er die Verschriftlichung des eigenen Selbst im Einklang mit der Rekonstruktion der eigenen Vergangenheit quasi als "the construction of personal history, not as an exercise in historical accuracy but as a therapeutic event in the present". (Abbott 1988:
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600) Die der Sprechakttheorie innewohnende Performanz wird von ihm höher gewichtet als die formalen Eigenschaften und kommt einer "dynamischen" Definitionsweise von Autobiographie zugute, die es möglich macht die verschiedenen Formen derer sich die Autobiographie bedient (bzw. bedienen kann) zu inkludieren. Abbott führt dazu aus: "Autobiography, then, is the most turbulent of narrative modes because of its instrumentality in the particular historical moment of its composition." (Abbott 1988: 606) Er sieht den Hauptunterschied zwischen einem autobiographischen und einem fiktiven Werk in der Lesererwartung, die durch den Text evoziert wird und die entsprechende "readers response" hervorruft. (Abbott 1988: 601) Die Frage, die sich aber dann stellt ist, ob nicht auch die Lesererwartung und die Formenvielfalt als fiktive Modi betrachtet werden müssten? Abbott stellt dar, dass es sich bei der Abgrenzung zu fiktiven Werken hauptsächlich um die Andersartigkeit der fiktiven (erzählten) Welt handelt (Abbott 1988: 606) die wohlgeformt eine Geschichte präsentiert während innerhalb autobiographischer Texte das erzählende Ich stets "verwischt" bleibt und in nie gänzlich fassbar wird. Autobiographie wird durch "Fehler" markiert, wohingegen das fiktive Erzählen wohlgeformt und kohärent bleibt. (Abbott 1988: 609) Zur besseren Unterscheidung führt er den Begriff des "fictional act" (Abbott 1988: 609), der in Anlehnung an den von Lejeune geprägten Begriff des autobiographischen Paktes hier als fiktionaler Pakt bezeichnet wird. Abbott argumentiert, dass primär seitens des Lesers von einem fiktionalen Pakt ausgegangen wird, der durch explizite und implizite Indizien auf eine Loslösung von Kategorien wie Zeit, Geschichte und Leben des Autors hinweist. Erst wenn (und hier greift Abbott auf die Gedanken Lejeunes zurück) eine offensichtliche Identität von Autor und Subjekt vorliegt wird der fiktionale Pakt zugunsten des autobiographischen Paktes aufgehoben. (Abbott 1988: 609) Der Vorteil dieser Sichtweise liegt klar darin, dass Abbott eine Form der Minimaldefinition vorschlägt und dabei den kritischen Leser quasi als Richter
einsetzt. 3 Dabei fallen zusätzliche Kategorien, die sich primär auf formelle Merkmale eines Textes beziehen, weg. Der Formenvielfalt der Autobiographie wird Rechnung getragen. Die Autobiographie nimmt nach Abbott eine Mittelrolle zwischen Fiktion und Realität ein. (Abbott 1988: 611)
3 Abbott verweist darauf, dass es in mancher Hinsicht auch bei fiktiven Texten schwer ist, sie nicht-autobiographisch zu lesen. Er führt als Beispiel dazu Werke von Hemingway an. 8
Die Taxonomie die Abbott entwickelt lässt sich am besten über folgendes Schema verdeutlichen:
Auch diese Einteilung kann nicht alle Formen von Literatur umfassen und bedarf der Erweiterung, sie gibt aber einen guten Eindruck über die Anordnung einzelner Textformen. In Anlehnung an den autobiographischen und den fiktionalen Pakt wurde hier zusätzlich der informative Pakt eingeführt, der auf der Übereinkunft von Leser und Autor beruht ausschließlich nachprüfbare und belegbare Informationen zu vermitteln.
Den Überlegungen von Lejeune und Abbott folgend kann schließlich von autobiographischen Texten gesprochen werden, wenn ein autobiographischer Pakt vorliegt also der Text dem Leser signalisiert, dass es sich um eine Einheit von Autor, Erzähler und Hauptfigur handelt. Dabei kann es von Fall zu Fall unterschiedlich sein, wie diese Dreieinheit vermittelt wird. Da Autobiographien das eigene Leben zum Gegenstand haben, muss die Perspektive retrospektiv ausgerichtet sein, Ausführungen über Zeitpunkte die in der Zukunft liegen entsprechen nicht dieser Anforderung und würden einen Transfer vom autobiographischen zum informativen Pakt zur Folge haben. Wie bereits ausgeführt wurde, sind nicht alle Informationen innerhalb einer Autobiographie faktisch nachprüfbar, dies spielt aber für die Einordnung als autobiographischen Text aber keine größere Rolle. Sekundär sind Autobiographien durch fehlende Finalität gekennzeichnet. An dieser Stelle sollen eigene Gedanken die bisherigen Ausführungen zur Definition von Autobiographie angefügt werden.
Der autobiographische Pakt beruht in erster Linie auf der von Lejeune postulierten Dreieinheit von Autor, Erzähler und Hauptfigur. Bei den meisten Autobiographien handelt es sich um Darstellungen des eigenen Lebens von Personen des öffentlichen Lebens, die stets dem kritischen Blick des Lesers unterworfen sind und Gefahr laufen bei Unstimmigkeiten
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bzw. Divergenzen zu nachprüfbaren Fakten als Fiktion eingeordnet zu werden. Da aber eine Rekonstruktion der eigenen Vergangenheit nur allzu leicht verfälschte Perspektiven bietet und Erinnerung meist nicht mehr als eine Rekonstruktion der Vergangenheit darstellt, ist ein weiteres Kriterium notwendig das in allen Autobiographien anzutreffen ist: das der Authentizität. Dabei darf Authentizität nicht mit Realität oder Wahrheit synonym gesetzt werden, es bezieht sich vielmehr auf die Art der Darstellung seitens des Autors. Gelingt es ihm glaubwürdig bestimmte Inhalte zu vermitteln und mit Fakten zu unterlegen, wie es bei einer Autobiographie üblich ist und ist er davon überzeugt, dass es sich bei der Darstellung um ein wahrheitsgetreues Abbild vergangener Ereignisse handelt, so ist das Kriterium der Authentizität erfüllt, da die Darstellung schließlich zu seiner persönlichen Wirklichkeit wird und damit faktisch richtig ist. Ausschließlich nachprüfbare Fakten könnten schließlich eine Korrektur verlangen und selbst in diesen Fällen ist eine mögliche Korrektur zweifelhaft, sie ist wiederrum an die Authentizität der Information geknüpft, da es sich bei Quellen prinzipiell auch um Fälschungen oder verfälschte Informationen handeln könnte.
Gemessen an den bisherigen Überlegungen über die Autobiographie als Erzählen des eigenen Selbst ist es gleichgültig, welche Textform vorliegt. Solange die ausgeführten Anforderungen erfüllt werden können auch Briefe, Tagebücher oder Memoiren unterschiedslos in die Reihe der autobiographischen Texte eingegliedert werden. In Bezug auf das vorliegende Thema ist schließlich zu überprüfen, inwieweit auch Äußerungen und Texte in sozialen Netzwerken als autobiographisch zu bezeichnen sind. Dies soll im Anschluss an einen Überblick über Entstehung und Eigenheiten verschiedener sozialer Netzwerke im World Wide Web geschehen.
3. Offene Netzwerkgemeinschaften
Mit der Weiterentwicklung von Infrastruktur und Internettechnologien zu nutzerzentrierten Plattformen im Verbund mit dynamischen Inhalten wurde auch ein neuer Terminus geprägt: das Web 2.0. Dabei ist "der Begriff Web 2.0 selbst [...] meist nur eine Überschrift, die eine Reihe unterschiedlicher Anwendungen und Dienste vereint" (Alpar und Blaschke 2008: 3) wie zum Beispiel Phänomene wie Netzwerkeffekte und kollektive Intelligenz. Diese soziale Entwicklungsformen des Internets reicht von sozialen Netzwerken wie Facebook, MySpace,
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StudiVZ über Weblogdienste wie Blogger bis hin zu Wikis als kollektive Enzyklopädien und Videoinhalten wie Youtube und MyVideo. (Bughin 2008: 261) Mit der Anwendung "Second Life" ist es sprichwörtlich sogar möglich ein komplett virtuelles Leben zu führen, ein Dienst den seit dem Start am 23. Juni 2003 bereits mehr als sieben Millionen User nutzen. (Stillich 2007: 6) Allen diesen Diensten ist gemein, dass es sich um kostenfreie Angebote handelt, zu denen jede Person, vorausgesetzt sie verfügt über einen Internetanschluss, Zugang hat. Diese Tatsache im Verbund mit den relativ unbeschränkten Möglichkeiten mit anderen Personen auf der Erde ungeachtet der räumlichen Distanz in Kontakt zu treten sorgt für einen rasanten Nutzeranstieg. So stiegen allein die Nutzerzahlen von Facebook von Januar 2010 bis Juli 2010 von 5,75 Millionen auf knapp 10 Millionen Nutzer - nur in Deutschland. (Wiese 2010) Das deutsche Pendant StudiVZ und seine Ableger SchülerVZ und MeinVZ liegen sogar bei 14,4 Mio. Nutzern obwohl die Nutzerzahlen insgesamt rückläufig sind. (Radomski 2010)
Zu den Grundeigenschaften von offenen Netzwerkgemeinschaften (OSNs 4 ) gehören neben dem zwingend notwendigen Internetzugang weitere Merkmale, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:
Account
Jeder Nutzer kann über einen Account verfügen, der eine Identifikation seitens Dritter
ermöglicht. Der Account bildet den Schnittpunkt zwischen Nutzer und Plattform 5 und ermöglicht so nicht nur eine Selbstidentifikation zwischen Nutzer und Avatar sondern auch die Zuordnung des Avatars zu einer realen Person seitens Dritter. Als Avatar wird hier die Gesamtmenge der vom Nutzer eingegebenen Daten bezeichnet, die einem Account zuzuordnen ist. Dazu können Texte, Links, Bilder und Videos zählen, wobei die Auflistung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Accounts dienen primär dazu, eigene individuelle Daten über einen längeren Zeitraum zu speichern und anderen Nutzern zugänglich zu machen.
4 Der gängigen Bezeichnung folgend werden offene, soziale Netzwerkgemeinschaften mit OSN abgekürzt das für "Online Social Networking Sites" steht.
5 Als Plattform wird hier eine Software bezeichnet, wenn sie über ein einheitliches Erscheinungsbild verfügt und über eine Internetadresse erreichbar ist. 11
Texte und weitere Medien
Es existieren verschiedene Möglichkeiten der Texteingabe und Textverbreitung innerhalb sozialer Netzwerke. Sie reichen von einer simplen Statusmeldung (bei Facebook die Frage: "Was machst du gerade?") bis hin zu Möglichkeiten komplexere und längere Texte zu erstellen (wie beispielsweise bei Blogger). Meist existieren, forciert durch schneller werdende Internetverbindungsgeschwindigkeiten, Möglichkeiten neben Texten auch Fotos oder Videos hochzuladen. Eingabemasken, die für alle Nutzer gleich vorgebeben sind, ermöglichen die Eingabe personenbezogener Daten wie zum Beispiel Portraitfoto, Bildungsweg, Arbeitsplatz, Hobbies, Ranglisten für Musik oder Politik und Interessen. Die Möglichkeiten in diesen Bereichen sind weitreichend und sollen es anderen Nutzern ermöglichen sich ein besseres Bild über die Person zu machen bzw. die vorhandenen Informationen, wenn seitens des Avatarinhabers zugelassen, zu ergänzen.
Verknüpfungen
Unter Verknüpfungen bzw. Links versteht man die Verbindung zweier oder mehrerer Internetseiten. Sie sind gerade bei OSNs besonders von Bedeutung, da hiermit die eigentliche Vernetzung des eigenen Avatars mit anderen innerhalb der Plattform ermöglicht wird. Das folgende Schaubild ist eine Darstellung der Verknüpfung (in diesem Fall von Freundesbeziehungen bekannter Personen) und wird beispielsweise mit der Facebook-Anwendung "Friend Wheel" generiert. Es verdeutlicht sehr schön den Sinn eines Netzwerkes.
Die einzelnen Punkte des Kreises stellen Personen dar, die mit dem Avatar verbunden sind und gleichzeitig über Linien die Beziehungen zwischen diesen Personen. Links dienen aber
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nicht nur der (dauerhaften) Vernetzung einzelner Avatare sondern auch der Verknüpfung von anderen Inhalten aus dem gesamten Spektrum des Internets mit dem eigenen Avatar. So können die eigene Internetpräsenz mit verschiedensten Videos, Artikeln, Fotoalben und Kleinprogrammen (sog. Applications bzw. Apps) verbunden werden. Über diese Funktion entsteht aus einem einzelnen isolierten Avatar ein im Internet vernetzter Avatar und weitere Rückschlüsse wie zum Beispiel Vorlieben oder Abneigungen können gezogen werden.
Simultanität
Ein Faktor, der sicherlich für den Erfolg von OSNs ausschlaggebend ist, ist die fehlende Simultanität. Inhalte können unabhängig vom intendierten Rezipienten kreiert werden und erst später gelesen oder kommentiert werden. Insgesamt wird so zwar die Kommunikation verlangsamt, diese Eigenschaft ermöglicht es aber Informationen auch dann zu erhalten, wenn dies zum Zeitpunkt der Entstehung nicht möglich ist (z. B. wegen fehlendem Internetzugang am Arbeitsplatz, etc.) Um eine zeitgleiche Konversation aber nicht völlig auszuschließen implementieren OSNs häufig zusätzliche Chatmodule, die anzeigen können, wer der Freunde sich im Moment ebenfalls auf der Plattform aufhält und so gleich erreichbar ist.
Da es verschiedene Ausprägungen von OSNs innerhalb des Internets gibt, die den Schwerpunkt jeweils unterschiedlich legen, wird in den folgenden Unterkapiteln jeweils eine Plattform stellvertretend für ähnlich gelagerte Internetseiten dargestellt werden und auf die Besonderheiten eingegangen werden. Die vorgestellten Plattformen bieten schließlich die Basis der eingehenderen Untersuchung.
3.1 Facebook & Co. - Soziale Netzwerkgemeinschaften
Spätestens mit der Gründung von StudiVZ als erstem deutschen Programm das auf der Idee von Facebook beruht, entstand auch vermehrt in Deutschland ein gesteigertes Interesse an OSNs. In beiden Fällen ist der Verknüpfungsgedanke grundlegend und führte dazu, dass Facebook von mittlerweile mehr als 400 Mio. aktiven Nutzern gebraucht wird. Gegründet wurde das Unternehmen im Februar 2004 von Mark Zuckerberg, Dustin Moskovitz, Chris Hughes und Eduardo Saverin ursprünglich als Anwendung für Studierende der Harvard Universität. (Nosko, Wood und Molema 2010: 406) Mit der Verbreitung an anderen
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Arbeit zitieren:
Florian Schirmer, 2011, Facebook and Similar Networks as Autobiography, München, GRIN Verlag GmbH
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