GLIEDERUNG 2
Gliederung
Einleitung. 3
1 Narrative Analyse des Romans Mitgift 4
2 Heteronormativität und Intersexualität im queeren Kontext. 5
2.1 Heteronormativität im queer-feministischen Diskurs 5
2.2 Intersexualität und queer theory: Ein integrativer Bestandteil? 7
3 Darstellung des vorherrschenden heteronormativen Geschlechtersystems. 9
3.1 Vernichtung von Intersexualität als Normabweichung 9
3.2 Tabuisierung von Intersexualität als Symbol für gesellschaftliche Heteronormativität 11
4 Dekonstruktion von Heteronormativität durch Darstellung verqueerter Verhältnisse. 13
Zusammenfassung 15
Literaturverzeichnis 16
EINLEITUNG 3
Einleitung
Intersexualität rückt nach jahrelanger Unsichtbarkeit zunehmend ins Licht der Öffentlichkeit. Wie Ulrike Draesners Roman Mitgift zeigt, wird das Leben als Intersexuelle(r) auch in der Gegenwartsliteratur aufgegriffen. Im Gegensatz zu anderen literarischen Werken wie Jeffrey Eugenides Middlesex beispielsweise erfolgt die Darstellung von Intersexualität in Mitgift nicht aus der Perspektive eines Betroffenen, sondern auf der Ebene der Fremdwahrnehmung durch die Schwester und Eltern einer Intersexuellen. Ulrike Draesners Roman zeigt am Beispiel der Familie Böhm, wie unsere heteronormative Gesellschaft Intersexualität ausgrenzt, obwohl es in Mitgift nach Michael Braun nicht vorrangig um die tabuisierte heterosexuelle Normabweichung, sondern „um den Umgang mit einem zu extremer Medialität gesteigerten Menschen im biotechnischen Zeitalter“ 1 geht.
Im Sinne eines queer reading ist die Aufdeckung der, im Roman dargestellten, Dominanz des hetero-normativen Geschlechtersystems und das Aufspüren von Identitäten, die der Heteronormativität entgegenwirken, Gegenstand der vorliegenden Seminararbeit. Hauptaugenmerk der Analyse liegt dabei in der Untersuchung, inwieweit der Roman verqueerte Gesellschaftsverhältnisse darstellt. Bezüglich der Gliederung beginnt diese Seminararbeit mit einer narrativen Analyse des Romans Mitgift. Im Anschluss daran erfolgt die Einordnung von Heteronormativität und Intersexualität im queer- feministischenKontext.
Während sich der dritte Abschnitt mit der Darstellung des vorherrschenden heteronormativen Geschlechtersystems beschäftigt, zielt der letzte Teil der Arbeit auf das Aufdecken der Dekonstruktion und Entnaturalisierung von Heteronormativität innerhalb des Romans. Dabei stehen die eingangs benannten verqueerten Gesellschaftsverhältnisse im Mittelpunkt.
1 Zitiert nach MICHAEL BRAUN, Ulrike Draesner.
NARRATIVE ANALYSE DES ROMANS MITGIFT 4
1 Narrative Analyse des Romans Mitgift
Ulrike Draesners 2 zweiter Roman Mitgift, der im Jahr 2002 erschien, thematisiert die Normalisierung und gleichzeitige Vernichtung des Andersseins in unserer heutigen Gesellschaft. Die Erzählung des Romans erfolgt vorwiegend aus der Perspektive der Protagonistin Aloe Böhm, die in einem jahrelangen Prozess der emotionalen und intellektuellen Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer sozialen Umgebung zu der Erkenntnis gelangt, dass ihr gesamtes Leben von ihrer jüngeren Schwester Anita, einer Hermaphroditin, beeinflusst wurde. Während Anita, die durch zahlreiche Operationen und eine Hormontherapie zu einer eindeutigen und scheinbar perfekten Frau gemacht wurde, immer Familienmittelpunkt war, stand Aloe stets im Schatten ihrer wunderschönen und erfolgreichen Schwester und verfiel aufgrund dessen seelischen und körperlichen Krisen wie Magersucht, eine Fehlgeburt und der Trennung von ihren Freund Lukas. Anita erscheint während des gesamten Romans als selbstbewusste Frau, die mit ihrem Sohn Stefan und ihrem Ehemann Walter eine glückliche Familie bildet. Ihre wahren Empfindungen werden dagegen erst am Ende des Romans sichtbar, als sie sich dazu entschließt, ihre Intersexualität zurückzuerobern. Zu einer Rückkehr in ihren natürlichen Körper kommt es allerdings nicht, da Walter mit dieser Entscheidung nicht zurechtkommt und sich und Anita letztlich umbringt.
Die Handlung, die sich in die fünf Kapitel Fliegen, Essen, Zündeln, Zögern und Lieben gliedert, beginnt mit der Darstellung der dreißigjährigen Hauptfigur Aloe, die als Fotografin arbeitet. Zusammen mit ihrem Sohn Stefan feiert sie dessen siebten Geburtstag. In welcher Beziehung die beiden stehen, wird durch den auktorialen Erzähler nicht geklärt, allerdings wird darauf hingedeutet, dass Stefan nicht Aloes leibliches Kind ist „Meist sagt er „Aloe“ zu ihr, und es wird Zeit, ihm die Geschichte zu erzählen.“ 3 Die chronologische Reihenfolge der Handlung entspricht in diesem Roman nicht dem sprachlichen Ablauf. Durch zahlreiche Einschübe und Rückblenden werden zwei Handlungsstränge dargestellt: zum einen die Beziehung Aloes zu ihrer Familie und ihrer gegensätzlichen Schwester Aloe, zum anderen die Liebesgeschichte zwischen Aloe und ihrem Exfreund Lukas.
Der Roman endet damit, dass Aloe und Stefan am Flughafen auf Lukas warten, der nach einem achtjährigen Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückkehrt. Das offene Ende lässt für den Leser Raum zur Spekulation über ein mögliches Happy End zwischen Aloe und Lukas.
Der von der Autorin gewählte Titel Mitgift bezieht sich auf das antagonistische Verhältnis von Aloe und Anita, deren intersexuelle Vergangenheit von der eigenen Familie stets verheimlicht und tabuisiert wurde, und lässt sich auf eine Diskussion über Erbe und Mitgift zwischen Aloe, ihrem Freund Lukas und ihrer Freundin Patrizia zurückführen. Patrizia sagt zu Aloe und Lukas „Wir sind doch alle Erben! Total, umfassend, ausweglos. Das ist unsere Mitgift.“ 4 Daraufhin wiederholt Lukas das Wort Mitgift und meint,
2 Ulrike Draesner wurde 1962 in München geboren und arbeitet heute als freie Schriftstellerin in Berlin. [ULRIKE DRAESNER, Ulrike Draesner]
3 Zitiert nach ULRIKE DRAESNER, Mitgift, S.9.
4 Ebd., S.46.
HETERONORMATIVITÄT UND INTERSEXUALITÄT IM QUEEREN KONTEXT 5
dies sei, in Anlehnung an das englische Wort gift, etwas Positives. Aloe ergänzt anschließend etwas zynisch: „…und ein bisschen Gift.“ 5 Diese Szene macht deutlich, dass Aloe mit diesem Familiengeheimnis nur sehr schlecht umgehen kann und das Verhältnis zur eigenen Schwester nicht unbedingt das Beste ist. Lukas’ Reaktion zeigt, dass auch er noch nichts von der Intersexualität Anitas weiß; Aloe berichtet ihm erst viel später davon.
Der gesamte Roman spielt auf zwei verschiedenen Zeitebenen. Jedes Kapitel beginnt mit der Erzählung im Präsens. Dabei geht es immer um die Beschreibung des gegenwärtigen Zusammenlebens Aloes mit Stefan und ihrem Freund Frank. Nach einigen Seiten wechselt der Erzählmodus dann ins Präteritum, ausgelöst durch die Darstellung der Beziehung von Aloes Familie; insbesondere das Verhältnis von Aloe zu Anita in ihrer Kindheit und Jugend, und durch die Beschreibung der komplizierten Liebesgeschichte zwischen Aloe und ihrem Exfreund Lukas, der als Astrophysiker arbeitet. Die Vergangenheit stellt für Aloe eine Art Erinnerungsarbeit dar und beginnt im ersten Kapitel Fliegen mit dem Flug nach England zu ihrem damaligen Freund Lukas. Eingeleitet wird diese Rückblende durch das Spielen Stefans in einem Raketenkopf im Wohnzimmer.
Die Darstellung Aloes Vergangenheit, die hinsichtlich der Frequenz singulativ erzählt wird, erfolgt durch Zeitraffung. Während die erzählte Zeit ungefähr zwei Jahrzehnte umfasst und von Aloes Kindheit bis ins Erwachsenenalter reicht, spielt die Erzählzeit vom 13.April, dem Geburtstag Stefans, bis zum Skilager von Stefans Schule kurz nach Ostern lediglich im Zeitraum einiger Tage.
2 Heteronormativität und Intersexualität im queeren Kontext
2.1 Heteronormativität im queer-feministischen Diskurs
Heteronormativität beschreibt ein binäres Geschlechtssystem und stellt ein Schlagwort innerhalb des queer-feministischen Diskurses dar. Als hierarchisch strukturierendes Prinzip betrifft Heteronormativität zum einen Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung und zum anderen den Bereich außerhalb von Sexualität und Begehren: 6 Frauen zeichnen sich durch weibliche Geschlechtsmerkmale aus, besitzen somit eine weibliche Geschlechtsidentität und entwickeln dadurch ein weibliches Verhalten. Ihre sexuelle Orientierung beinhaltet ausschließlich das Begehren männlicher Partner.
Das System, das lediglich die beiden Geschlechter Mann und Frau akzeptiert, grenzt neben nicht heterosexuellen Lebensformen auch Transgender und Intersexuelle aus der gesellschaftlichen Norm aus.
5 Ebd.
6 Vgl. PETER WAGENKNECHT, Was ist Heteronormativität? Zu Geschichte und Gehalt des Begriffs, S.18.
Arbeit zitieren:
Ulrike Weiher, 2011, Dekonstruktion von Heteronormativität, München, GRIN Verlag GmbH
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