Georg Büchner : „Lenz“
Text und Kommentar
Suhrkamp Basisbibliothek 4, 1998
Inhalt
A. Einleitung 3
B. „So lebte er hin.“ - Der religiöse Weg 3
C. Was bleibt. - Resümee 9
D. Literaturhinweise 10
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A. Einleitung
Bei der Auseinandersetzung mit Georg Büchners „Lenz“, wird bei genauer Betrachtung ein gewisser theologischer Aspekt innerhalb der Geschichte sichtbar, welcher in diese eingeflochten ist. Er dokumentiert in z.T. dramatischer Art und Weise die religiöse Entwicklung und den Wandel Lenz´ von einem sich mit dem christlichen Glauben befassenden , über einen fanatischen, sich mit der Figur des Jesus Christus gleichsetzenden Mann, zu einem selbsternannten Atheisten und sogar der Gleichstellung mit Satan und der Verachtung der eigenen Existenz. Dadurch verschafft er der Erzählung einen Sichtpunkt, von dem man eine analoge Perspektive zum geistigen bzw. emotionalen Wandel (bezogen auf den gesundheitlichen Zustand) erhält und zwar in einem religiösen Rahmen. Parallel zu seinem sich verschlechternden Geisteszustand, fällt er ab vom christlichen Glauben. Es wird im folgenden der Verlauf dieses religiösen Wandels anhand markanter Textstellen dokumentiert und, soweit angemessen, mit biblischen Auszügen, auf dessen Inhalt sich diese beziehen mögen, verglichen. Dabei wird in einzelnen Fällen eine Beziehung zum gesamten Kontext (evtl. parallel zum Krankheitsverlauf) hergestellt.
Zusammenfassend wird der Versuch unternommen, eine mögliche Bedeutung für dieses Werk und den Autor zu formulieren. Es sollen an diese Stelle innerhalb eines Resümees weitere mögliche, diesen theologischen Blickwinkel betreffende, Thesen formuliert werden.
B. „So lebte er hin.“ - Der religiöse Weg
„[...] und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie fern verhallende Donner, und dann gewaltig heran brausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen, und die Wolken wie wilde wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein [...] und sein blitzendes Schwert [...] der Wind [...] wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte [...] und kleine Wölkchen auf silbernen Flügel“ (S.7/8, Z.23-32/ Z.1-4). Sogleich zu Beginn der Erzählung, läßt sich eine Textpassage zitieren, die die auditive Wahrnehmung der Natur des Lenz beschreibt. Hierbei wird der verwirrte
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Geisteszustand, welcher Teil des Krankheitsbildes des Lenz und Leitfaden dieser Erzählung ist, durch die metaphorische Beschreibung der Naturereignisse deutlich. Die Beschreibung der „Stimmen an den Felsen“, die zunächst wie „fern verhallende Donner“ dann wie „gewaltig“ heranbrausende „Töne“, die „in ihrem wilden Jubel die Erde besingen“, formuliert wird, deutet, in theologischer Sicht, auf die Präsenz einer göttlichen Figur hin, die sich durch derartige Naturschauspiele (Gewitter à Donner) ankündigen kann (Vergl. z.B. Offenbarung 4,5: „Von dem Thron gingen Blitz, Stimmen und Donner aus. 1 “ - gemeint ist der Thron Gottes). Nicht selten werden Naturphänomene in den biblischen Texten mit göttlichen Handlungen und Offenbarungen in Verbindung gebracht. Daran anknüpfend ist die Verwendung der Begriffe (zusätzlich zu den o.g.) „wiehernde Rosse“, „blitzendes Schwert“, „Glockengeläut“ und „silberne Flügel“ (à Engel) äußerst interessant, da sich hier eine Verbindung zur Offenbarung des Neuen Testaments ziehen läßt, welche als einzige biblische Quelle, alle Begriffe in ihrem Inhalt erfaßt. 2 Durch die Verwendung dieser biblischen/metaphorischen Begriffe, enthüllt Georg Büchner zunächst das existierende christliche Fundament Lenz´ und schildert dessen Wahrnehmung der Natur mit dieser Grundlage und seiner geistigen Verwirrung, läßt aber zusätzlich, unter Berufung auf den psychischen Zustand Lenz´, die Vermutung aufkommen, die Vision halluzinativen Sinneseindrücken zu zuschreiben.
Auf theologischer Ebene liefert Büchner bereits den Hinweis, auf die bevorstehende Auseinandersetzung Lenz´ mit seiner religiösen Weltanschauung und leitet den Denkprozeß seitens des Lesers ein, sich in einem theologischen Ansatz mit dieser Lektüre zu befassen. Er knüpft weiterhin an eine im weiteren Text folgende Situation an, in der sich Lenz mit der Bibel befaßt (S.12; Z. 8-10) und ihm die heilige Schrift verständlich wird und er sie zu begreifen scheint : „jetzt erst ging ihm die heilige Schrift auf. Wie den Leuten die Natur so nah trat, alles in himmlischen Mysterien; aber nicht gewaltsam majestätisch, sondern noch vertraut!“ (S.12; Z. 19-21). Lenz nahm die Natur in Form dieser „himmlischen Mysterien“ wahr, wie es zu Beginn der Erzählung beschrieben wird; er identifiziert sich selbst innerhalb der Rezipienten der Bibel („den Leuten“), denen sich die Natur, in Zusammenhang mit Gott, auf diese Art und Weise präsentierte, er scheint in der Natur die göttliche Präsenz zu erkennen
1 s. Offb 4,5 / 6,4 / 6,8 / 9,7-9 in: Die Bibel, Einheitsübersetzung, Altes und Neues Testament; Verlag Herder,
1980
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Arbeit zitieren:
Matthias Andrzejewski, 2000, „...und Gott sprach zu Lenz“ oder Lenz´ religiöse Dekadenz im psychischen Kollaps, München, GRIN Verlag GmbH
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