Dabei spielen die Fragen- und Hypothesenstellung ebenso eine Rolle wie der vorhandene Quellenkorpus. Anstatt nach Makro- und Mikroebene und nach Struktur und Praxis zu differenzieren, können Fiktion und Realitat, Denken und Handeln, Kultur und Politik als 4 Ziel nach Sarasin sei es, die formellen Bedingungen zu miteinander verwoben betrachtet werden. 5 untersuchen, die die Produktion von Sinn steuern.
Geschichte_n - Wissenschaften
Bruns bezieht sich auf eine Geschichtswissenschaft, die sich mit sich mit den Begriffen 6 Sarasin spricht von Ideengeschichte, Ideologiekritik und Historische Sozialwissenschaft verbindet. „internationaler mainstream-Geschichtsschreibung“ und „hermeneutischer Kulturgeschichte“ in 7 Abgrenzung zur diskursanalytischen Kulturgeschichte.
In der Geschichtswissenschaft wird nach dem „Sinn“ gesucht. Nach Max Weber ist damit der die historischen Subjekte integrierende „Sinnzusammenhang“ gemeint und die Frage danach, wie man diesen erforscht und darstellt. Dafür wurden in der Entwicklung der Geschichtswissenschaft verschiedene Methoden gewählt: Die klassische Strategie des Historismus geht von der Intention bedeutender historischer Subjekte aus, während die historischen Sozialwissenschaft von Individuen 8 und Einzelfällen absieht und generalisierend und strukturanalytisch vorgeht.
In der mainstream-Geschichte herrscht nach Sarasin die mehrheitliche Auffassung, dass empirische, objektivierbare „Fakten“ aus dem Bereich des politischen Handelns sowie staatlicher und wirtschaftlicher Verhältnisse das Gerüst der Wirklichkeit ausmachen; die Aufgabe der Historiker_innen sei es, diese zu rekonstruieren. Es herrscht somit eine Vorstellung, nach der es relativ sprachunabhängig Bereiche gesellschaftlicher Wirklichkeit und damit „normfreie“ ökonomische und institutionelle Basisstrukturen gäbe (z.B. Markt, staatliche Institutionen). Die Sprache der Historiker_innen wird als ein genügend kontrollierbares Medium angesehen, um als hinreichend klarer Spiegel vergangener Wirklichkeit zu gelten. Auch innerhalb der Geschichtswissenschaft wurde mehrmals in Frage gestellt, u.a. durch Georg G. Iggers (1993), nach 9 dem sich Geschichtsschreibung durch nichts von Dichtung unterscheide.
Nach Sarasin liegt die Trennstelle zwischen einer hermeneutischen Kulturgeschichte und einer diskurstheoretisch fundierten Kulturgeschichte bei der Frage nach der Stellung des Subjekts und damit des subjektiven Meinens und Glaubens in dem zu erforschenden historischen Zusammenhang: Die Kulturgeschichte laufe Gefahr, Bewusstseinszentriertheit und Intentionalismus zu betonen. Diskursanalystische Geschichtswissenschaft dagegen fragt danach, was jenseits des 10 Glaubens und Meinens als realitäts- und damit geschichtsmächtig ausgemacht werden kann.
historische Diskursanalyse / Diskursgeschichte
Peter Haslinger beschreibt Diskursgeschichte als Methode zur Analyse von Machtverhältnissen, Gesetzmäßigkeiten und Abhängigkeiten, die in personenübergreifenden Rede- und Textsystemen zum Ausdruck kommen. Sie könne verdeutlichen, wie Kommunikation zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, in einem bestimmten sozialen System strukturiert war und welche Denk-und Handlungdispositionen für Einzelne und Gruppen damit verknüpft waren. Mit ihr könnten argumentative Zwänge und Gestaltungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, die sich für Individuen
4 Bruns, S.189; Eder, S.13; Sarasin, S.8.
5 Sarasin, S.33. 6 Bruns, S.189. 7 Sarasin, S.23, S.28. 8 Sarasin, S.13ff. 9 Sarasin, S.23ff. 10 Sarasin, S.28
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aus der Teilhabe an Diskursen ergeben. Außerdem könne verdeutlicht werden, wie Aussagen und Deutungen im Laufe des Kommunikationsprozesses autorisiert, hierarchisiert oder marginalisiert und dadurch Machtverhältnisse generiert, stabilisiert oder bekämpft werden.
Nach Bruns kann es in einer (historischen) Diskursanalyse nicht um die Aufhebung handelnder Subjekte gehen, sondern um deren radikale Historisierung. Als wichtig erachtet sie dabei Butlers „Pardoxien der Subjektivierung“ (1997): Ein sich den Normen widersetzendes Subjekt ist demnach von diesen Normen befähigt und hervorgebracht und dementsprechend müsse das in Zeugnissen artikulierte „Gefühl“ subjektiver „Authentizität“ und „Originalität“ als von allen Seiten bedingt anzusehen sein. Es ist somit als Produkt von spezifischen historischen Wissens-, Macht- und Subjektformationen zu begreifen. Eine solche historisierenden Sicht auf die Bedingungen des modernen bürgerlich-autonomen Subjekts könne politische Sprengkraft besitzen, wenn es gelingt, 11 die Ebene subjektiven Erlebens in historische Diskursanalysen zu integrieren
„Der Anspruch auf Wahrheit ist für eine diskursanalytische Geschichtsschreibung genauso selbstverständlich und genauso unverzichtbar wie für jede „realistische“ Historiografie, aber sie kann sich nicht mehr in de Gewissheit wiegen, dass ihre Aussagen zu einem zwingenden und daher einzig wahren Korrespondenzverhältnis zu den „Fakten“ stehen. Denn auch die „Fakten“ haben schon immer Masken getragen, auf falsche Namen gehört und in erborgten Sprachen neue 12 Geschichten erzählt.“
Verhältnis historische Diskursanalyse und deutsche
Geschichtswissenschaft
Die Rezeption der Diskurstheorie und -analyse setzte nach Eder in der deutschsprachigen Historiographie verspätet ein und wurde v.a. von den Rändern des geschichtswissenschaftlichen 13 Feldes getragen.
Ein Schlüsselbegriff ist Sarasin zufolge der des „linguistic turn“. Dieser wurde 1967 Richard Rorty in die sozial- und geisteswissenschaftlicher Diskussion gebracht und betont die konstitutive Rolle von Sprache und Symbolsystemen für die Wirklichkeit selbst und nicht nur für deren Erkenntnis. Der linguistic turn steht bei Historiker_innen im Verdacht, ihnen den Sinn für die Wirklichkeit zu rauben. Sarasin betont hingegen, dass über den linguistic turn und und seine diskursanalytischen und dekonstruktivistischen Methoden nachzudenken auch heiße, das Selbstverständnis der 14 Geschichtsschreibung als Wissenschaft zu reflektieren.
Eder stellt aktuell eine „lebendige, die Fragestellungen, Theorien und Methoden befruchtende Debatte“ zu Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse festgestellt. Er macht dies an der großen Zahl diskursanalytischer Untersuchungen und der voranschreitenden institutionelle Verankerung 15 Sarasin hingegen sieht eine ausgesprochene Zurückhaltung der geschichtswissenschaftlichen fest.
Disziplinen gegenüber der Diskurstheorie, da sie in Sammelbänden zur Geschichtswissenschaft nur 16 Einen großen Einfluss macht er für die USA aus, wo marginal oder gar nicht angesprochen würde. 17 sich die „realistischen“ Historiker_innen von der American Historical Society abgespalten hätten.
Nicht befriedigend gelöst sei bislang die Frage nach diskursanalytischen Methoden, die den spezifischen Gegenständen und empirischen Besonderheiten historischer Forschung genügen und auch praktikabel sind. Auch gebe es in den Kultur- und Sozialwissenschaften bislang keine
11 Bruns, S.190.
12 Sarasin, S.8f. 13 Eder, S.9. 14 Sarasin, S.11. 15 Eder, S.9 16 Sarasin, S.28, S.26f. 17 Sarasin, S.26.
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Arbeit zitieren:
Silvio Schwartz, 2009, Eine Annäherung an historische Diskursanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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