Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis. 2
Abk ürzungsverzeichnis 3
1. Einleitung 4
2. Die Frau im Sozialismus 8
2.1 Programmatik der SED zur Stellung der Frau in der DDR 8
2.2 Frauen- und Familienpolitik 12
3. Das Frauenleitbild der SED im Drei-Phasen-Modell
„Weiblichkeitsbilder in der DDR“ von Susanne Diemer 28
4. Darstellung von Frauenbildern im DEFA-Film 41
4.1 Das Filmwesen in der DDR. 41
4.1.1 Deutsche Film AG (DEFA) 41
4.1.2 Geschichte der DEFA: Von der Gründung
(1946) bis zu ihrem Ende (1992) 43
4.2 Filmerbe 51
4.3 Zum Quellenwert von DEFA-Filmen 53
4.4 Forschungsstand 55
4.5 Filmanalysen. 58
4.5.1 „Bürgermeister Anna“ 58
4.5.1.1 Sozialistische Rezeption. 59
4.5.1.2 Filmanalyse. 59
4.5.2 „Karla“ 64
4.5.2.1 Postsozialistische Rezeption 65
4.5.2.2 Filmanalyse. 66
4.5.3 „Bis daß der Tod euch scheidet“ 72
4.5.3.1 Sozialistische Rezeption. 72
4.5.3.2 Postsozialistische Rezeption 74
4.5.3.3 Diskussion 75
4.5.3.4 Filmanalyse. 75
4.5.4 „Bürgschaft für ein Jahr“ 81
4.5.4.1 Sozialistische Rezeption. 81
4.5.4.2 Postsozialistische Rezeption 82
4.5.4.3 Diskussion 84
4.5.4.4 Filmanalyse. 84
5. Vergleich der Frauenleitbilder im Modell von Susanne Diemer
und der Darstellung im DEFA-Film 88
6. Zusammenfassung. 96
Literaturverzeichnis 99
Zeitschriftenverzeichnis 105
1
Abkürzungsverzeichnis
BRD Bundesrepublik Deutschland
DDR Deutsche Demokratische Republik
DEFA Deutsche Film AG
DFD Demokratischer Frauenbund Deutschlands
FGB Familiengesetzbuch
GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung
KAG Künstlerische Arbeitsgruppen
KPD Kommunistische Partei Deutschlands
KPdSU Kommunistische Partei der Sowjetunion
SAG Sowjetische Aktiengesellschaft
SBZ Sowjetische Besatzungszone
SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
SMAD Sowjetische Militäradministration in Deutschland
SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Ufa Universum Film AG
ZK Zentralkomitee
3
1. Einleitung
„Das Frauenbild im DEFA-Film“ 1 ist das Thema der vorliegenden Arbeit. Ich habe es gewählt, da es mich persönlich sehr interessiert - nicht nur, weil ich in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) geboren und bis zu meinem siebten Lebensjahr dort aufgewachsen bin, sondern auch, weil ich vor allem durch Erzählungen, vereinzelt aber auch durch eigene Erfahrungen in der Kindheit viel über das Leben von Frauen und Müttern in der DDR erfahren habe. Neben dem persönlichen Erkenntnisinteresse ist die Beschäftigung mit der historischen Quelle der DEFA-Filme ein weiterer Grund für mein gesteigertes Interesse, da die Filme zu einem Großteil der Wirklichkeit in der DDR entsprechen und somit reale Lebens- und Gesellschaftsverhältnisse der DDR widerspiegeln können. Zu der Frage, ob sich die Beschäftigung mit dem Filmerbe eines untergegangenen Staates lohnt, schreibt Dagmar Schittly eine sehr gelungene Antwort, die ich an dieser Stelle zitieren möchte: „Das tut es zweifellos. Denn kaum ein anderes Medium als der Film spiegelt gesellschaftliche Realitäten unmittelbarer und zeitnaher wider, nirgendwo sonst lässt sich kollektives Erleben besser nachempfinden, und kaum eine andere Kunstform gibt mehr Sichten auf den Alltag der Menschen frei.“ 2
Die DEFA-Arbeitsstelle der Universität Oldenburg unterstützt diese Aussage und schreibt:
„Die realsozialistische Lebenswelt ist unmittelbar nicht zugänglich. Es existieren allerdings vielfältige Spuren dieser untergegangenen Welt, die medien- und sozialwissenschaftlich analysiert werden können. Das visuelle Repräsentationsmedium Film kann dabei als Fenster zur "fremden Welt" der DDR gelten. Im sozialen Gedächtnis einer Gesellschaft, das als vertikale Ordnungsstruktur materielle und mentale Repräsentationsformen umfaßt, sind diese Spuren gespeichert. Das visuelle Repräsentationsmedium Film ermöglicht durch eine hermeneutische Interpretation seiner Gehalte, Sinnstrukturen der DDR-Lebenswelt zu erschließen. 3
1 Die Abkürzung „DEFA“ steht für Deutsche Film AG.
2 Schittly, Dagmar: DDR-Alltag im Film Verbotene und zensierte Spielfilme der
DEFA, in: Politik und Zeitgeschichte, Bonn, B17/2002, S. 23.
3 http://www.uni-oldenburg.de/defa/675.html vom 12.06.2007.
4
Der Film als soziales Gedächtnis 4 hat eine indikatorische Funktion 5 und kann so einen Zugang zum gelebten Leben in der DDR ermöglichen. Daher kann er zur Analyse des tatsächlichen Frauenbildes der DDR herangezogen werden.
Der Vergleich des Frauenbildes im DEFA-Film wie er in dieser Arbeit durchgeführt wird, war bislang ein relativ unerforschtes Feld und macht das Thema und die Methode umso interessanter.
Außerdem ist die Diskussion um die gesellschaftliche Stellung der Frau nach wie vor in Deutschland aktuell.
Gegenstand der Arbeit ist das Frauenbild der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in seiner programmatischen und historischen Ausformung. Die Formulierung des „Ideals“ und seines Wandels wird nicht in den empirischen Formen der gesellschaftlichen Praxis der DDR untersucht, sondern in den medialen Vermittlungsformen der DEFA-Filme; es handelt sich also um eine sekundäre analytische Studie. Dieser Untersuchung liegt das Modell von Susanne Diemer 6 zu Grunde, in dem sie drei Hauptformen des Frauenleitbildes der SED heraus arbeitet. Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit richtet sich darauf zu prüfen, ob die Ergebnisse des Modells von Diemer sich in den Filmen bestätigen lassen oder ob es signifikante Differenzen gibt. Die Fragestellung ist also darauf gerichtet anhand exemplarischer Filmanalysen zu eruieren, welches Bild die Filme entwerfen. Methodisch werde ich hierzu einen Vergleich des Modells von Diemer mit dem im DEFA-Film vermittelten Frauenbild anwenden. Das Modell von Diemer fungiert als heuristischer Leitfaden meiner Arbeit.
Das Problem werde ich in folgenden Schritten bearbeiten:
Im ersten Teil des zweiten Kapitels werde ich unter Berücksichtigung der Aussagen August Bebels die Programmatik der SED zur Stellung der Frau in der DDR ausführen.
4 Vgl. http://www.uni-oldenburg.de/defa/676.html vom 12.06.2007.
5 Vgl. Blunk, Harry. Die DDR in ihren Spielfilmen: Reproduktion und Konzeption der
DDR-Gesellschaft im neueren Gegenwartsspielfilm, Profil-Verlag, München 1984,
S. 8.
6 siehe dazu: Diemer, Susanne: Patriarchialismus in der DDR, Leske u. Budrich,
Opladen 1994.
5
Der Sozialismus ist die Vorstufe zum Kommunismus, da der Kommunismus nicht unmittelbar zu erreichen ist. Ziel des Sozialismus ist im Idealfall die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft. Dazu gehören die Überwindung des Kapitalismus und die Befreiung der Menschen von der Ausbeutung durch den Menschen. Das Privateigentum an
Produktionsmitteln soll aufgehoben werden. Die sozialistische Theorie bezieht sich sowohl auf die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz sowie auf die materielle Gleichheit, das heißt die gleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Freiheit wird als Möglichkeit zur Emanzipation verstanden, die sich nur durch eine soziale Integration aller Menschen in die Gesellschaft erreichen lasse. Im Sozialismus gilt die Befreiung der Arbeiterklasse als Lösung der sozialen Frage. Damit verbunden ist die Emanzipation der Frau, die völlige Gleichstellung der Geschlechter.
Im zweiten Teil des Kapitels „Die Frau im Sozialismus“ folgt die Darstellung der Frauen- und Familienpolitik in der DDR.
Das dritte Kapitel stellt den Ansatz „Weiblichkeitsbilder in der DDR“ von Susanne Diemer dar. In ihrer Studie „Patriarchialismus in der DDR. Strukturelle, kulturelle und subjektive Dimensionen der Geschlechterpolarisierung“ arbeitet sie die Merkmale der
Geschlechterpolitik der DDR heraus. Dabei konzentriert sie sich auf die Analyse der Weiblichkeitsbilder und arbeitet drei Phasen der Frauenleitbilder der SED heraus:
1) vierziger und fünfziger Jahre: „’Verdopplung’ der Weiblichkeit“ 2) sechziger Jahre: „Typus der ‚anderen’ Frau“ 3) siebziger und achtziger Jahre: „Wandel zur neuen Mütterlichkeit“ 7
Das vierte Kapitel beinhaltet die Darstellung von Frauenbildern im DEFA-Film. Hier werden das Filmwesen in der DDR, das Filmerbe der DEFA, der Quellenwert von DEFA-Filmen sowie der Forschungsstand thematisiert. Den Abschluss dieses Kapitels bilden die Filmanalysen der vier folgenden DEFA-Spielfilme: „Bürgermeister Anna“ (1950), „Karla“ (1965/66), „Bis daß der Tod euch scheidet“ (1979) und „Bürgschaft für ein Jahr“ (1981).
7 Vgl. Diemer, Susanne: Patriarchialismus in der DDR, Leske u. Budrich, Opladen
1994, S. 46.
6
Im darauf folgenden Kapitel werde ich die Frauenleitbilder der SED im Drei-Phasen-Modell „Weiblichkeitsbilder in der DDR“ von Susanne Diemer mit der Darstellung im DEFA-Film vergleichen.
Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung, in der ich die wesentlichen Aspekte der vorliegenden Arbeit aufgreifen und diskutieren werde.
Nachdem ich in die Thematik eingeleitet habe, werde ich nun im zweiten Kapitel „Die Frau im Sozialismus“ auf die Programmatik der SED zur Stellung der Frau in der DDR und die Frauen- und Familienpolitik der DDR eingehen.
7
2. Die Frau im Sozialismus
2.1 Programmatik der SED zur Stellung der Frau in der DDR
Im folgenden Abschnitt werde ich die programmatischen Vorstellungen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zur Stellung der Frau in der DDR ausführen. Dazu ist es notwendig, die theoretischen Ansichten der Vertreter des Marxismus-Leninismus mit einzubeziehen. Ich beschränke mich hier auf die Aussagen zum Frauenbild von August Bebel in seinem Werk „Die Frau und der Sozialismus“.
Der sozialistische Politiker und Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) August Bebel (1840 - 1913) war Mitglied und Führer der deutschen Arbeiterbewegung. Er war von der Richtigkeit des Marxismus überzeugt und verstand die „Frauenfrage“ als „eine Seite der allgemeinen sozialen Frage“. 8
In „Die Frau und der Sozialismus“ (1883), einem seiner beiden Hauptwerke, vergleicht er das Streben der Frauen nach „selbständigem Erwerb und persönlicher Unabhängigkeit“ mit der Befreiung der Arbeiterklasse. Beides werde von der bürgerlichen Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade als berechtigt anerkannt, denn um die Produktion weiter auszubauen, benötige man dringend die Arbeitskraft der Frau. 9 Für ihre vollständigen Rechte müsse die Frau aber allein kämpfen, da die Männer aller Klassen ein Interesse an der Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse haben.
Die „Lösung der Frauenfrage“ 10 sieht Bebel vor allem in der Erwerbstätigkeit der Frau und ihrer daraus resultierenden wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Um dies zu realisieren sollten häusliche Arbeiten der Frauen wie nähen, stricken und Wäsche waschen, nun durch öffentliche Einrichtungen übernommen werden. Dadurch hätten die Frauen die Möglichkeit am gesellschaftlich organisierten Arbeitsprozess teilzunehmen. 11
Der Kampf der Frauen um Gleichberechtigung sei ähnlich dem der Arbeiterklasse: „Es ist derselbe Gedanke, der auch die Arbeiterklasse leitete, auf die Eroberung politischer Macht ihre Agitation zu richten. Was
8 Vgl. Bebel, August: Die Frau und der Sozialismus, 5. Aufl., Verlag Marxistische
Blätter, Frankfurt/Main 1985, S. 25.
9 Vgl. ders., S. 243.
10 Schroeder, Klaus: Der SED-Staat, Carl Hanser Verlag, München 1998, S. 527.
11 Vgl. Bebel, August: Die Frau und der Sozialismus, S. 269f.
8
für die Arbeiterklasse recht ist, kann für die Frauen nicht unrecht sein. Unterdrückt, rechtlos, vielfach hintangesetzt, haben sie nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, sich zu wehren und jedes ihnen gut scheinende Mittel zu ergreifen, um sich eine unabhängige Stellung zu erobern.“ 12 Dementsprechend sei mit der Befreiung und Emanzipation der Arbeiterklasse die Emanzipation der Frau verbunden. Sie werde nach Ansicht Bebels anfangs auf harten Widerspruch treffen, dann aber immer größere Zustimmung finden und sich erfolgreich durchsetzen können. 13
Ziel des Sozialismus sei die Überwindung des Kapitalismus. Daraus resultiere die Befreiung der Arbeiterklasse von Ausbeutung und Unterdrückung. Idealerweise sollte, durch die soziale Integration aller Menschen in die Gesellschaft, eine klassenlose Gesellschaft errichtet und der Aufbau des Sozialismus und Kommunismus vollzogen werden. 14 Dabei vollziehe sich die Annäherung der Klassen und Schichten unter der Führung der Partei auf dem Boden der marxistisch-leninistischen Weltanschauung und der Ideale der Arbeiterklasse. 15 Im Programm der SED vom 22. Mai 1976 heißt es: „Die sozialistische Einheitspartei Deutschlands ist der bewusste und organisierte Vortrupp der Arbeiterklasse und des werktätigen Volkes der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik.“ 16 Und weiter: „Im Sozialismus wird die politische Macht von der Arbeiterklasse ausgeübt.“ 17
Mit der Befreiung der Arbeiterklasse ist auch die Befreiung, das heißt die Gleichberechtigung der Frauen und damit die völlige Gleichstellung der Geschlechter verbunden.
Als Grundlage des Sozialismus und des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaftsordnung gelte die marxistisch-leninistische
Gesellschaftstheorie mit ihrem emanzipatorischen und humanistischen Grundgedanken. 18
12 ders., S. 318.
13 Vgl. ders., S. 268f.
14 Vgl. Böhme, Waltraud (Hrsg.): Kleines politisches Wörterbuch, 3. Aufl., Dietz
Verlag, Berlin 1978, S. 583.
15 Vgl. Fricke, Karl Wilhelm: Programm & Statut der SED, Verlag Wissenschaft und
Politik, Köln 1976, S. 73.
16 Fricke, Karl Wilhelm: Programm & Statut der SED, S. 45.
17 ders., S. 47.
18 Vgl. Wolle, Stefan: DDR, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt./Main 2004, S.
99.
9
Die von Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir I. Lenin begründeten Aufgaben und Ziele der revolutionären Arbeiterbewegung sollten verwirklicht werden. 19
In der DDR war der gleichberechtigte Zugang von Mann und Frau zur beruflichen Arbeit und damit die Gleichstellung der Frau von Anfang an programmatischer Bestandteil des Aufbaus des Sozialismus. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie der Schutz der Ehe und Familie hatte Verfassungsrang. Sie wurde in der ersten Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949 ausformuliert. Alle der Gleichberechtigung von Mann und Frau entgegenstehenden Gesetze verloren mit Inkrafttreten der Verfassung von 1949 ihre Gültigkeit. 20
In der Fassung vom 6. April 1968 heißt es im Artikel 24, Absatz 1: „Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Arbeit. […] Mann und Frau […] haben das Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeitsleistung.“ 21
Frauen sollten das Recht auf Arbeit und auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeit sowie das gleiche Recht auf Bildung haben. Jedoch genossen sie einen besonderen Schutz im Arbeitsprozess sowie den staatlichen Schutz von Mutterschaft.
„Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands wird alles tun, um überall solche Bedingungen zu schaffen, damit die Frauen ihrer gleichberechtigten Stellung in der Gesellschaft immer besser gerecht werden können.“ 22 Die Einbeziehung der Frauen in die „gesellschaftliche Produktion“ (Erwerbstätigkeit) galt als der wichtigste und fundamentalste Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung. 23 Basierend auf der Denktradition von Marx, Engels, Bebel und Lenin sei die ökonomische Unabhängigkeit der Frau der Garant für ihre Befreiung von der „Sklaverei“ der Hausarbeit. 24 „Ideologische und ökonomische Zielsetzungen trafen dabei zusammen: Die von den Klassikern des Marxismus-Leninismus geforderte Befreiung des weiblichen Geschlechts durch seine Eingliederung in den
19 Vgl. Fricke, Karl Wilhelm: Programm & Statut der SED, S. 45.
20 Vgl. Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit,
Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 1996, S. 384.
21 Vgl. Müller-Römer, Dietrich: Ulbrichts Grundgesetz, Verlag Wissenschaft und
Politik, Köln 1968, S. 81.
22 Fricke, Karl Wilhelm: Programm & Statut der SED, S. 74.
23 Vgl. Helwig, Gisela/Nickel, Maria (Hrsg.): Frauen in Deutschland 1945-1992,
Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 1993, S. 233.
24 Vgl. ebd.
10
Produktionsprozeß entsprach angesichts des Mangels an Arbeitskräften den Intentionen von Partei und Staat.“ 25
Als Hauptursache für ihre Unterdrückung galt die Nichterwerbstätigkeit der Frau. Diese wurde ebenfalls als Begründung für die Einbeziehung der Frauen in die Erwerbsarbeit herangezogen. 26
Seit 1950 hatten die Frauen das Recht einen Beruf auszuüben. Ziel war es, möglichst viele Frauen in die Arbeitswelt zu integrieren. „Die werktätigen Frauen leisten in allen Bereichen der Gesellschaft einen entscheidenden Beitrag zum politischen, ökonomischen, wissenschaftlich-technischen, sozialen und geistig-kulturellen Fortschritt.“ 27 Um diesen weiter auszubauen, propagierte die SED das Leitbild der berufstätigen Frau. Durch die Medien, die „die positiven Auswirkungen […] (der) Erwerbsarbeit auf die Familienbeziehungen sowie auf das Verhältnis zwischen Familie und Gesellschaft propagiert(en)“ 28 , wurde dieses Bild gefestigt. Hausarbeit galt dabei als unproduktive Arbeit. Um der Frau den Einstieg in das Arbeitsleben zu ermöglichen wollte die SED „zielstrebig daran […] arbeiten, daß die Frauen ihre berufliche Tätigkeit noch erfolgreicher mit ihren Aufgaben als Mütter und in der Familie vereinbaren können.“ 29 Dazu gehörte neben der Arbeitsteilung im Haushalt auch, dass Mann und Frau die gemeinsame Verantwortung für die Erziehung der Kinder übernahmen.
Öffentliche und betriebliche Einrichtungen für die Kinderbetreuung und der Ausbau des Dienstleistungsnetzes sollten zur weiteren Entlastung der Frau von häuslichen Pflichten beitragen.
Zusammenfassung
Die Arbeiterklasse war laut Programm der SED „die politische und soziale Hauptkraft des gesellschaftlichen Fortschritts“ und „Träger der politischen Macht“. 30 Mit ihrer Befreiung war auch der Kampf um die Gleichstellung von Mann und Frau verbunden.
25 Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit, S. 383.
26 Vgl. Nave-Herz, Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, S. 63.
27 Fricke, Karl Wilhelm: Programm & Statut der SED, S. 74.
28 Vgl. Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit, S. 384.
29 Vgl. Fricke, Karl Wilhelm: Programm & Statut der SED, S. 74.
30 Vgl. Fricke, Karl Wilhelm: Programm & Statut der SED, S. 47.
11
In der DDR hatte das Thema Gleichberechtigung der Frau eine besondere Gewichtung. Durch starke politische, ideologische sowie ökonomische Schubkräfte wurde das Gleichstellungsziel verfolgt. Die Ehe und Familie als Grundlage des Staates 31 sollten mit der Erwerbstätigkeit verknüpft werden. Die Erreichung der Gleichstellung wurde von der SED-Führung vor allem an der Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt festgemacht.
2.2 Frauen- und Familienpolitik
In der auf ein sozialistisches Gesellschaftssystem abzielenden Entwicklung spielte die Frauen- und Familienpolitik eine wesentliche Rolle. 32 Daher werde ich sie im folgenden Kapitel ausführlich behandeln.
Einen differenzierten Einblick in die Frauen- und Familienpolitik der DDR liefert Heike Trappe in ihrem Buch „Emanzipation oder Zwang?. Frauen in der DDR zwischen Beruf, Familie und Sozialpolitik“. Die Autorin nimmt dabei eine Unterteilung in sechs Zeitabschnitte vor, die ich nun kurz zusammenfasse.
1) 1945-1949: Es wurden Ansätze einer „Frauenarbeitspolitik“ entwickelt. Zudem wurde der Versuch unternommen, Frauen durch die Integration in gesellschaftliche Vereinigungen in das öffentliche Leben einzubeziehen und politisch zu beeinflussen. 2) 1949-1957: Die erste Verfassung der DDR wurde 1949 verabschiedet. In ihr wurde die Gleichberechtigung der Geschlechter zum Verfassungsgrundsatz erhoben. Es erfolgte die verstärkte Einbeziehung der Frauen in den gesellschaftlichen Arbeitsprozess, mit ökonomischen und ideologischen Mitteln sowie auf organisatorischer Ebene.
3) 1958-1964: Diese Phase war durch die Verallgemeinerung der Berufstätigkeit der Frauen gekennzeichnet. Es fand eine
31 Vgl. Bebel, August: Die Frau im Sozialismus, S. 134.
32 Vgl. Helwig, Gisela: Hinter den Kulissen, in: Deutschland Archiv, 35. Jahrgang,
2002, S. 955.
12
Schwerpunktverlagerung von der Gewinnung weiterer weiblicher Arbeitskräfte auf die berufliche Qualifizierung und Weiterbildung statt. Ab Ende der fünfziger Jahre rückte der Zusammenhang zwischen der Berufstätigkeit der Frauen und ihrer vorrangigen Zuständigkeit für die Familienarbeit und die daraus resultierenden Belastungen langsam in das Blickfeld der Frauenarbeitspolitik der SED.
4) 1965-1971: Die Verabschiedung des Familiengesetzbuches (FGB) 1965 bildete die Basis für eine eigenständige Familienpolitik der SED. In dieser Zeit wurden die Bemühungen um die berufliche Qualifizierung der Frauen weiter intensiviert. Zudem wurde die Sozialisationsfunktion der Familie stärker hervorgehoben. Die SED unternahm den Versuch, das im FGB formulierte Leitbild in die Realität der DDR-Gesellschaft umzusetzen. 5) 1972-1975: Bevölkerungspolitische Intentionen wurden zunehmend wichtiger. Die Beeinflussung der Reproduktionsfunktion der Familie wurde zum Mittelpunkt der Bemühungen. Außerdem wirkte die Qualifizierungsoffensive der sechziger Jahre weiter fort. Bis Mitte der siebziger Jahre wurde staatlicherseits ein Modell der Verbindung von Berufstätigkeit und Mutterschaft favorisiert, das auf die tendenzielle Angleichung der Berufsverläufe der Frauen an die der Männer orientierte. Für die Betreuung der Kinder in den ersten Lebensjahren waren zu dieser Zeit vorrangig öffentliche Kindereinrichtungen zuständig.
6) 1976-1989/90: Im Jahr 1976 wurde die so genannte „Babyjahr“-Regelung getroffen. Von nun an erhielten Frauen eine zeitlich begrenzte Freistellung vom Beruf nach der Geburt. Die einseitig auf Frauen ausgerichteten familien- und bevölkerungspolitischen Schwerpunkte wurden im Wesentlichen bis zum Jahre 1989/90 beibehalten. 33
Für jede der Phasen arbeitet Trappe die ökonomische und demographische Situation, die ideologischen Zielsetzungen
beziehungsweise Leitbilder, die beruflich-qualifikatorischen Defizite in
33 Vgl. Trappe, Heike: Emanzipation oder Zwang?. Frauen in der DDR zwischen
Beruf, Familie und Sozialpolitik. Akademie Verlag, Berlin 1995, S. 37ff.
13
Relation zu den veränderten Anforderungen sowie die Unvereinbarkeiten zwischen den Lebensbereichen heraus. 34
Angelehnt an das Modell von Susanne Diemer gliedert sich meine Darstellung der Frauen- und Familienpolitik in drei Phasen, um so eine Vergleichsbasis mit Diemers Ausführungen zu ermöglichen.
Nachkriegszeit
Die Situation der Nachkriegszeit in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zeichnete sich durch schwere ökonomische und demographische Verwerfungen aus. Viele Männer sind im Krieg gefallen, aus der Kriegsgefangenschaft noch nicht zurückgekehrt oder wegen Verletzungen oder Behinderungen als Arbeitskräfte nicht mehr voll einsetzbar. Durch diesen Mangel an Männern waren Familienneugründungen kaum möglich. Außerdem waren auf Grund langer Trennung während des Krieges viele Ehen zerrüttet und zerbrachen. 35
Deutschland in den ersten Nachkriegsjahren war ein Frauenland. So war die Beteiligung der Frauen am Wiederaufbau aus demographischen Gründen unerlässlich. Die Frauenarbeit wurde zur wirtschaftlichen Überlebensfrage. 36
Auf dem III. Bundeskongress wurde 1950 das Hauptziel des Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) verkündet: Alle Frauen müssten Erwerbsarbeit als „Lebensaufgabe“ begreifen. 37
Die „Trümmerfrauen“ schafften einen neuen Anfang - sie verrichteten etwa zwei Drittel der in der DDR anfallenden Arbeiten. Sie erbrachten die ihnen abverlangten Leistungen in vielfach bewundernswerter Weise. 38 Trotzdem war die Arbeitslosigkeit hoch, da Frauen die benötigten Qualifikationen für die Tätigkeiten oft nicht besaßen. An diesem Punkt
34 Vgl. Dölling, Irene: Emanzipation oder Zwang?, in: Berliner Debatte INITIAL,
3/1996, S. 111
35 Vgl. Trappe, Heike: Emanzipation oder Zwang?. Frauen in der DDR zwischen
Beruf, Familie und Sozialpolitik. Akademie Verlag, Berlin 1995, S. 49.
36 Vgl. dies., S. 46.
37 Vgl. Helwig, Gisela: Hinter den Kulissen, S. 956.
38 Vgl. Helwig, Gisela: Zwischen Familie und Beruf: die Stellung der Frau in beiden
deutschen Staaten, Verl. Wiss. und Politik, Köln 1974, S. 12.
14
knüpfte die Gleichstellungskonzeption der SED an, die sich an sozialdemokratische und kommunistische Vorstellungen der
Arbeiterbewegung anlehnte. Besonders wichtig war es, Vorurteile und traditionelle Vorstellungen gegenüber Frauen zu verringern und die Frauen entsprechend zu qualifizieren. 39
Vierziger und Fünfziger Jahre
In den vierziger Jahren begann, was sich bis zum Ende der DDR fortsetzte: Frauen sollten ihre Lebensplanung grundsätzlich auf die Vereinbarkeit von Berufsarbeit und Mutterschaft ausrichten. 40
In den fünfziger Jahren stand die Integration der Frauen in die Arbeitswelt im Vordergrund. Diese Eingliederung in die Betriebe wurde durch Kampagnen verstärkt. Zudem bot der Arbeitsplatz eine Multifunktionalität, das heißt es standen eine medizinische Versorgung,
Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder, usw. zur Verfügung. 41 Außerdem unternahm die Brigade zusammen Ausflüge, feierte oder besuchte Freizeitaktivitäten wie Kulturveranstaltungen. 42 Das berufliche und private Leben waren dicht miteinander verwoben.
Zuerst wurde versucht die alleinstehenden Frauen (Ledige, Verwitwete und Geschiedene) zur Aufnahme einer Berufstätigkeit zu drängen. Aus dem Recht wurde die Pflicht zur Arbeit. 43 Später wurden verstärkt Hausfrauen zu Arbeitseinsätzen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft verpflichtet und es wurden so genannte Hausfrauenbrigaden gebildet. 44 In den Betrieben wurden die Frauen durch Anlernverfahren in die Arbeitswelt eingeführt.
Die auf Grund des Arbeitskräftemangels schwierige ökonomische Situation und die Auffassung der Partei- und Staatsführung über die Gleichstellung
39 Vgl. Trappe, Heike: Emanzipation oder Zwang?. Frauen in der DDR zwischen
Beruf, Familie und Sozialpolitik, S. 49.
40 Vgl. Helwig, Gisela: Hinter den Kulissen, S. 955.
41 Vgl. Budde, Gunilla-Friederike (Hrsg.): Frauen arbeiten, Vandenhoeck und
Ruprecht, Göttingen 1997, S. 11.
42 Vgl. ebd.
43 Vgl. Steiner, Helmut: Frauen in der politischen Leitung der DDR, in: Das
Argument, 43. Jahrgang, 2001, S. 56.
44 Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: Die Geschichte der Frauenbewegung in
Deutschland. 5. Aufl., Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung,
Hannover 1997, S. 63.
15
der Geschlechter vermischten sich. „In Anlehnung an das Verständnis der ‚modernen Frauenfrage’ bei Theoretikern der sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegung (insbesondere Bebel, Engels, Zetkin, Lenin) und an das Vorbild der Sowjetunion wurde davon ausgegangen, daß die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln, die gleichberechtigte Teilnahme der Frauen am Prozeß der gesellschaftlichen Produktion und eine weitreichende Übernahme von Reproduktionsarbeiten durch die Gesellschaft die wichtigsten Voraussetzungen für die Umsetzung des Gleichstellungsanspruchs seien (Belwe, 1990).“ 45 „Nach marxistisch-leninistischer Lehre (galt) die materielle Produktion als entscheidende Sphäre der Persönlichkeitsentwicklung, die Arbeitsmoral als wichtigste Quelle der Familienmoral.“ 46
Es herrschte die Annahme, dass es zwischen der Berufstätigkeit der Frauen und ihrer damit einhergehenden relativen ökonomischen Eigenständigkeit sowie ihrer realen Gleichstellung in allen Bereichen der Gesellschaft einen notwendigen Zusammenhang gibt. Die Emanzipation sollte durch Teilnahme am Produktionsprozess und nicht vorrangig durch Selbstverwirklichung in der Arbeit erreicht werden. „Sowohl die bürgerlichen als auch die proletarischen Frauenbewegungen sahen in der Berufstätigkeit der Frauen den Schlüssel zu ihrer ökonomischen Unabhängigkeit von den Männern und damit den entscheidenden Schritt zu ihrer gesellschaftlichen Emanzipation.“ 47 Die sozialistisch orientierte Gesellschaftspolitik versuchte die
Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frauen in erster Linie beziehungsweise fast ausschließlich über ihre gleichberechtigte Berufstätigkeit zu verwirklichen. 48 „Auf der ideellen Ebene wurde an das Pflicht-und
Verantwortungsbewußtsein der Frauen (insbesondere der Hausfrauen) appelliert und gleichzeitig gegen die bei Frauen und Männern noch vorhandenen Vorurteile über die Berufstätigkeit von Frauen argumentiert.
45 Trappe, Heike: Emanzipation oder Zwang?. Frauen in der DDR zwischen Beruf,
Familie und Sozialpolitik, S. 53f.
46 Helwig, Gisela: Frau und Familie in beiden deutschen Staaten. Verl.
Wissenschaft und Politik, Köln 1982, S. 8.
47 Steiner, Helmut: Frauen in der politischen Leitung der DDR, S. 87.
48 Vgl. ebd.
16
Berufstätigkeit wurde […] als inneres Bedürfnis aller Menschen und als immanenter Bestandteil der Persönlichkeitsentfaltung dargestellt.“ 49 Die berufstätigen Frauen erfuhren gegenüber den Hausfrauen eine deutliche Aufwertung.
In den fünfziger Jahren war der Prototyp des „neuen sozialistischen Menschen“ analog der „Tradition der maskulin-heroisierenden Ideen“ der Arbeiterbewegung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, der körperlich arbeitende Mensch, der seine Maschine, sein Werkzeug, seine Körperkräfte beherrschte, gleichsam, ‚von Kopf bis Fuß’ auf Arbeit eingestellt war.“ 50 „Diesem ‚Held der Arbeit’, der seit 1950 durch eine gleichnamige, zur Förderung des Leistungsgedankens erfundene Auszeichnung regelmäßig öffentlich belobigt und zur Schau gestellt wurde, galt es ein weibliches Pendant an die Seite zu stellen.“ 51 „Offensichtlich war im Arbeitsleben der Mann in der Frau gefragt.“ 52 Die „neue Frau“ sollte in der DDR auch in männlich dominierte Bereiche integriert werden. 53 Um dies zu erreichen mussten hinsichtlich der Geschlechterkonstruktion die Grenzen der „Weiblichkeit“ in Richtung der Männlichkeit verschoben werden. 54
Die Grundlage dieser Gedanken bildeten zum Einen die Aussagen im Programm der SED zur Gleichberechtigung der Frau und zum Anderen der hohe Bedarf an Arbeitskräften.
Vielfältige sozialpolitische Maßnahmen aus den Anfangsjahren der SBZ/DDR dienten zur Verwirklichung der sozialökonomischen
Gleichberechtigung der Frauen im Arbeitsprozess und in der Gesellschaft: „der Befehl Nr. 253 der SMAD ‚Gleicher Lohn für gleiche Arbeit’ (17. August 1946); ‚Die Verwirklichung der politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Gleichstellung der Frau’ in den ‚Grundsätzen der SED zur Erneuerung der Justiz’ (2. März 1947); die ‚Gesundheitspolitischen Grundsätze der SED’ (31. März 1947) mit Festlegungen für den Schwangeren-, Mütter- und Säuglingsschutz (Einrichtung von genügend Entbindungs- und Säuglingskliniken und Wochenstuben, ärztliche Betreuung in
49 Trappe, Heike: Emanzipation oder Zwang?. Frauen in der DDR zwischen Beruf,
Familie und Sozialpolitik, S. 55.
50 Vgl. Budde, Gunilla-Friederike: Der Körper der „sozialistischen
Frauenpersönlichkeit“, in: Geschichte und Gesellschaft. 2000, S. 602-828, hier: S.
608.
51 ebd.
52 dies., S. 602.
53 Vgl. dies., S. 608.
54 Vgl. dies., S. 609.
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Schwangeren- und Säuglingsfürsorgestellen, Zusatzernährung für Schwangere, Befreiung der arbeitenden schwangeren und stillenden Mütter von schwerer Arbeit und Vergütung des Lohnausfalls sowie Sicherung der Versorgung und der Pflege der Kinder alleinstehender arbeitender Mütter) […] 55 .
Diese Maßnahmen sollten die Vereinbarkeit von Elternschaft und Erwerbstätigkeit erleichtern. Jedoch hatte diese Gleichberechtigungspolitik einen starken „paternalistisch-patriarchialischen Zug“ und ambivalente Folgen für die Frauen. So wurde nicht auf die Vereinbarkeit von Elternschaft und Erwerbstätigkeit gesetzt. Die Familienpolitik der DDR war stets Frauenpolitik, was in der Folge neue Diskriminierungen und Belastungen schuf. Frauen konzentrierten sich auf bestimmte Wirtschaftsbereiche, waren weniger in leitenden Funktionen tätig und sie trugen weiterhin den Hauptteil der Haus- und Familienarbeit. 56 Laut der Frauenpolitik benötigten Frauen einen höheren Schutz in der Arbeitswelt, denn sie würden körperliche Belastungen nicht so gut wie Männer verkraften. Ihre „[…] vermeintlich schwächere Konstitution und auffälligere Gesundheit sowie ihre Gebärfähigkeit wurden zum Anlaß genommen, ihre Lage auf dem Arbeitsmarkt männlichen Eingriffen zu unterstellen.“ 57
Dieser Schutz der weiblichen Arbeitskräfte war aber je nach Arbeitskräfteknappheit auch flexibel. 58 Budde schreibt dazu: „Auch wenn die Öffnung des Arbeitsmarktes zunächst zögernd und immer mit Bedingungen wie ‚unter Berücksichtigung der physischen Eignung und des weiblichen Organismus’ geschah, wurde die Ausnahme schrittweise zur Regel.“ 59
55 Vgl. Steiner, Helmut: Frauen in der politischen Leitung der DDR, S. 87f.
56 Vgl. Helwig, Gisela u. Nickel, Maria: Frauen in Deutschland 1945-1992,
Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 1993, S. 234.
57 Wecker, R.: „Weiber sollen unter keinen Umständen in der Nachtarbeit
eingesetzt werden…“. Zur Konstituierung von Weiblichkeit im Arbeitsprozeß, in:
Budde, Gunilla-Friederike: Der Körper der „sozialistischen Frauenpersönlichkeit“.
Weiblichkeits-Vorstellungen in der SBZ und der frühen DDR, in: Geschichte und
Gesellschaft. 2000, S. 609.
58 Vgl. Budde, Gunilla-Friederike: Der Körper der „sozialistischen
Frauenpersönlichkeit“, S. 602-828, hier: S. 610.
59 ebd.
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In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre rückte nun auch die Körperpflege der sozialistischen Frauen ins Interesse der SED-Politik. 60 Gesundheit wurde in Verbindung mit Kosmetik gebracht und dadurch konnte der Staat seinen Zugriff auf den weiblichen Körper „als Akt fürsorglicher Behandlung“ begründen. 61 Auf Grund von Angst vor möglichen Gesundheitsschäden stand gegen Ende der fünfziger Jahre der „Schutz des weiblichen Organismus“ im Vordergrund. Deshalb wurden in den Betrieben leichtere, aber dennoch produktive „Schonarbeitsplätze“ eingerichtet. 62 Die Erwerbsarbeit war aber für die Frauen dieser Zeit immer noch nicht so erstrebenswert, wie von Seiten der Politik gewünscht. Um mehr Frauen für das Arbeitsleben gewinnen zu können, musste daher ein günstigeres Klima für weibliche Berufstätigkeit geschaffen werden. 63
Gegen Ende der fünfziger Jahre sank die Geburtenrate ab, da immer mehr Frauen die doppelte Belastung von Berufsarbeit und Mutterschaft nicht akzeptieren wollten. 64 Meist entschieden sie sich zwangsläufig für die Arbeit und gegen die Geburt von Kindern. Die Erwerbsbeteiligung der Frauen fungierte in dieser Zeit als alleiniger Maßstab für die Gleichstellung der Geschlechter. Die Verbindung von Berufstätigkeit und Familie blieb weiterhin dem individuellen Geschick der Frauen selbst überlassen.
Sechziger Jahre
In den sechziger Jahren wurden die Anstrengungen zur Erhöhung des Anteils berufsfähiger Frauen fortgesetzt, aber die Zielgruppe wurde verändert.
Denn aller Agitation und Propaganda zum Trotz blieben verheiratete Frauen, insbesondere Mütter vielfach stärker familien- als berufsorientiert. 65 Aus diesem Grund wurde eine Frauenoffensive gestartet. Von nun an wurde die Erwerbstätigkeit auch für Mütter mehrerer Kinder zu einem festen Bestandteil ihrer Biographie.
60 Vgl. dies., S. 615.
61 Vgl. dies., S. 616.
62 Vgl. dies., S. 617.
63 Vgl. ebd.
64 Vgl. dies., S. 620.
65 Vgl. Helwig, Gisela: Hinter den Kulissen, S. 960.
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Die „Vereinbarkeit von qualifizierter Arbeit und Mutterschaft hieß die von ostdeutschen Zeitgenossen als ‚Muttipolitik’ belächelte Devise der sechziger Jahre“. „Je nach dem ökonomischen Bedarf wurden die Frauen als zupackende Kameradinnen oder schutzbedürftige Mütter stilisiert.“ 66 Es gab nur wenige Frauen, die in die „Männerdomänen eindrangen“. Meist taten sie dies nur kurzzeitig. Dennoch gab es auch Frauen, die gerne in so genannten „Männerarbeiten“ tätig waren. 67 Frauen, die in Männerbereichen arbeiteten hatten oft mit Vorurteilen zu kämpfen und die Verteidigung neu errungener Arbeitsbereiche kostete Kraft. 68
Dieser Kraftaufwand der körperlichen Verausgabung ließ Frauen oft an die Grenzen ihrer Belastbarkeit treten und „diejenigen, die nicht bereit waren, diesen Kraftakt zu leisten, schienen schließlich die ihnen zugeschriebene körperliche Schwäche in eine ‚List der Ohnmacht’ umzumünzen und Rücksichten einzufordern. Einige nutzten diese Tatsache aus, um Privilegien durchzusetzen oder staatlichen Lenkungen zu entgehen. 69 Sie erkannten, „daß das Drehbuch, das vorgab, wie die Performanz ihrer Weiblichkeit auszusehen habe, ständig umgeschrieben wurde, ohne daß ihre körperlichen Bedürfnisse dabei wirklich mitbedacht wurden“. 70
Die angespannte Arbeitskräftesituation verschärfte sich durch die bis 1961 anhaltende Fluchtbewegung nach Westdeutschland und Westberlin sowie durch die Überalterung der Bevölkerung. 71 Ab dem Jahr 1961 verhinderte die Mauer die weitere Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte. Daher war sie eine wesentliche Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung und die Steigerung des Lebensstandards, die nun ebenfalls in der DDR einsetzten. 72
Während sich die frauenpolitischen Bemühungen in den Jahren 1958 bis 1960 vor allem auf die Gewinnung zusätzlicher weiblicher Arbeitskräfte
66 Vgl. Budde, Gunilla-Friederike: Der Körper der „sozialistischen
Frauenpersönlichkeit“, S. 602-828, hier: S. 620.
67 Vgl. dies., S. 621f.
68 Vgl. dies., S. 624.
69 Vgl. dies., S. 625.
70 Vgl. dies., S. 627.
71 Vgl. Trappe, Heike: Emanzipation oder Zwang?. Frauen in der DDR zwischen
Beruf, Familie und Sozialpolitik, S. 58.
72 Borowsky, Peter: Die DDR in den sechziger Jahren, in: Zeiten des Wandels.
Deutschland 1961-1974. Informationen zur politischen Bildung, 258/1998, S. 22.
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konzentrierten, verlagerte sich ihr Schwerpunkt etwa ab 1960 auf deren Qualifizierung. 73
Weibliche Berufstätigkeit entwickelte sich von der angelernten Erwerbsarbeit zur qualifizierten Berufsarbeit. Durch diese Qualifikation veränderte sich zwar nicht immer das Aufgabenfeld der arbeitenden Frauen, aber sie erhielten nun mehr Lohn für diese Arbeit. 74 Die sozialen Unterschiede zwischen Mann und Frau blieben weiterhin bestehen. Männer hatten eine höhere Qualifikation als Frauen. Sie wurden auch unter ihrem Ausbildungsniveau eingesetzt. Oft entschieden Frauen sich aus Rücksicht auf die Familie auch freiwillig dazu. „Die ‚soziale Differenz’ zwischen den Geschlechtern zählte zu den Befunden, die das Institut für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR durch groß angelegte Untersuchungen in den achtziger Jahren bestätigt sah.“ 75 Diese Daten und Berichte unterlagen in der DDR einem hohen Vertraulichkeitsgrad. 76
„Das Familiengesetzbuch der DDR (FGB) von 1965 besagte, dass Ehegatten ihre Beziehungen zueinander so gestalten sollten, „daß die Frau ihre berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit mit der Mutterschaft vereinbaren kann“. 77 Beide Bereiche, Beruf und Familie, sollten für die Frau gleichermaßen offen sein. Sie sollte nicht zugunsten des einen Bereichs den anderen (durch Teilzeitbeschäftigung, Ablehnung
verantwortungsvollerer Funktionen, durch den Verzicht auf mehrere Kinder oder auch auf die Ehe) vernachlässigen müssen. 78 Doch wenige Jahre nach Inkrafttreten des FGB mussten Experten einräumen, „daß der Abstand zwischen dem dort skizzierten Leitbild und der Wirklichkeit eher größer als kleiner geworden war.“ Die häusliche Arbeitsteilung blieb bis zum Ende der DDR relativ unverändert. 79
73 Vgl. Trappe, Heike: Emanzipation oder Zwang?. Frauen in der DDR zwischen
Beruf, Familie und Sozialpolitik, S. 59.
74 Vgl. Merkel, Ina: Leitbilder und Lebensweisen von Frauen in der DDR, in:
Kaelble, Hartmut/Kocka, Jürgen/ Zwahr, Hartmut (Hrsg.): Sozialgeschichte der
DDR, Stuttgart 1994, S. 368ff.
75 Vgl. Helwig, Gisela: Hinter den Kulissen, S. 966.
76 Vgl. ebd.
77 Helwig, Gisela: Frauen, in: Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Handbuch zur deutschen
Einheit, Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 1996, S.383-392, hier: S. 384.
78 Vgl. dies., S. 385.
79 Vgl. dies., S. 384.
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Dipl. Sozialwiss. Kathrin Puhl, 2007, Das Frauenbild im DEFA-Film, München, GRIN Verlag GmbH
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